Ausgabe 
17.9.1903 Erstes Blatt
 
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gründlichste Reinhaltung und b-nrch. hygienischen Ausbau der Schule in all ihren Teilen bekärnpft werden, Medizinal- rat Professor Dr. Leubuscher-Meiningen ernpfrehlt die all­gemeine Einführung der Schularzteinrichtung als ein wirk­sames Mittel zur Bekämpfung ansteckender Krankheiten unter den Schulkindern. In der Diskussion wurden die Ausführungen der Referenten in den leitenden Gesichts­punkten zustimmend beurteilt. Zum Schluß machten Prof. Dr. Straßmann-Berlin und Dr. Art. Schulz, Assistent am Institut für Staatsarzneikunde in Berlin, an der Handl von Demonstrationen Mitteilungen über dre Photogra- phie im Dienste d er gerichtlich en Medizin. Im allgemeinen ist zu sagen, daß dre Photographie in der gerichtlichen Medizin ausgedehnterer Anwendung fähig ist, als dies bisher der Fall war. Sie empfiehlt sich namentlich zur Wiedergabe wichtiger vorübergehender Erscheinungen, beziehungsweise nicht dauernd zu erhaltender Befunde, von denen sie ein klareres und objektiveres Bild zu geben vermag, als die Beschreibung oder Zeichnung. Die Auf­nahme einer Leiche zum Zwecke der Rekognition hat die Herstellung eines schürfen Profil- unt> eines vollen en taee- Bildes im Änne der Bertillonschen Methode anzustreben. Bei der Wiedergabe von Verlegungen und sonstigen mar­kanten Befunden an Toten und Lebeirden ist die Hervor­hebung des abnormen Zustandes im Bilde ausschlaggebend.

Aus Stadt und Land.

Gießen, 17. Sept. 1903.

Nachrichten über bemerkenswerte Vorkommnisse in Stadt und Land werden stets gern entgegengenommm und angemessen honoriert!

** Personalien. Se. Kgl. Hoh. der Großherzog haben den evangelischen Pfarrer Geh. 'Kirchenrat Wilhelm liebel zu Groß-Gerau auf sein Nachsuchen unter Anerkenn­ung seiner langjährigen treuen und ersprießlichen Dienste mit Wirkung vom 1. November L Js. an in den Ruhestand versetzt.

** Verspäteter Frühlingsbote. Gestern zeigte ein kleiner junger Herr auf unserer Redaktion einen lustig zappelnden Maikäfer vor. In Vilbel sei er eingefangen worden, erklärte uns stolz der kleine Jäger.

k. Lich, 16. Sept. Ein schwerer Unfall ereignete hch auf dem nahen Gut Mühlsachsen. Der 29jährige ver­heiratete Johannes Schröder aus Nieder-Bessingen war reim Maschinendreschen in der Scheune damit beschäftigt, das Stroh aus das Gerüste zu legen, wobei er ausglitt und in iie Tenne stürzte. Er blieb bewußtlos liegen und mußte per Wagen nach Hause gebracht werden.

Butzbach, 16. Sept. Wir lesen in derButzb. Ztg.": Durch die Ausführungsarbeiten der ButzbachLicher Bahn ist den Bewohnern von Butzbach für die Zukunst eine be- .ondere Annehmlichkeit in Aussicht gestellt durch die er- ieichterte Möglichkeit der Anlage einer Promenade um ne Stadt, von der jetzt nur ein kleiner Teil besteht. Es darf als ein Verdienst um das Wohl der Stadt und deren Weiterentwickelung gepriesen werden, daß der Stadtvorstand dem Angebot der Butzbach-Licher Eisenbahnaktiengesellschaft zustimmte, nach welchem dieselbe sich bereit erklärt, das er­höhte Gelände längs der Main-Weserbahn bis zur Gießener­straße, in der Breite wie der schon bestehende kleine Teil der Promenade, abzutragen. Ein großer Äil der Bevölkerung verlangt heute, daß ihm die Stadt eine Promenade schafft, auf der man auch bei schlechter Witterung, bei welcher Feld­wege nicht passierbar sind, den notwendigen Spaziergang ausführen kann. Mau spricht in Butzbach so gerne von der Entwickelung der Stadt Gießen, in der eine große Anzahl Rentner und Pensionäre wohnte; betrachte man sich aber auch, was die Stadt Gießen in den letzten 30 Jahren für Herstellung von Promenadewegen getan und wie die ehe­mals sog. Schur, jetzt Süd-, Ostanlage usw. eine Zierde der Stadt geworden ist. Die Mittel, die Gießen für diese An­lagen aufgewendet, gehen über das, was man in Butzbach seither aufwandte, um das vielfache des Verhältnisses von Einwohnerzahl und Steuerkapital hinaus. Seit über ein Jahrzehnt besteht auch Mangel, an Wohnungen in Butzbach und die innerlichsten Interessen der Gemeinde stehen m Ge­fahr, wenn diesem Mangel nicht bald abgeholfen wird. Man denke nur, wie leicht es Vorkommen kann, daß der Komman­deur unseres Bataillons keine seiner Stellung entsprechende Wohnung zu erhalten vermöchte, man bemerke sich, daß seit­her schon Rücksicht genommen wurde auf Nichthierherversetzung vermögender verheirateter Offiziere, man rechne mit der Zu­kunft im Falle der Bildung weiterer Bataillone und Be­mühung um ein zweites Bataillon seitens des Stadtvorstandes und anderer bei solchen Vorlagen tätiger Personen der Stadt I Möge die Eröffnung der ButzbachLicher Bahn dazu bei­tragen, daß, wie voraussichtlich in den interessierten Ort­schaften, sich auch die Baulust in Butzbach endlich mehr regt.

Bad-Nauheim, 16. Sept. Die Abschiedsvor - stellung im Theater gestaltete sich recht glanzvoll. Nach neunjähriger Tätigkeit verläßt jetzt Direktor Carl v. M a i x d o r f f unsere Badestadt; Liebe unü> Anhänglichkeit zu beweisen, waren hiesige und fremde Theaterbesucher zuv letzten Vorstellung in das Theater geeilt. Als der Vorhang zum Schlüsse des letzten Aktes fiel, wurde Direktor von Maixdorff durch wiederholte Bravorufe vor die Rampe der Bühne gerufen und ihm ein Eichenlaubkranz, sowie Blumen­sträuße überreicht. Auch die Mitglieder wurden mit Blumen- Arrangements fast überschüttet und erhielten ihren Dank durch starken Applaus. Dieser letzte Wend brachte neben ein paar alteren Einaktern noch eine Premie re, das Lust­spielHeiratsvermittlung" von Myna Geers (Agnes Meyer aus Wiesbaden). Das Stück ist, wie hiesige Blätter sich ausdrücken, von verschiedenen heiteren Epi­soden durchwebt und fand beim Publikum eine gute 'Auf­nahme. In der kommenden Saison wird das ueugegrün- dete Städtebundtheater hier spielen.

-i-. Grünberg, 16. Sept. Em Mahlbursche des Müllereibesitzers Zimmer wollte einen Sack Frucht die Treppe hinauftragen. Er fiel rückwärts herunter und trug außer inneren Verletzungen einen Bruch des rechten Arms davon.

-h- Schotten, 16. Sept. Heute wurde unter zahl­reicher Beteiligung der in weckeren Kreisen bekannte Mit-- inhaber des Tuch- und Manufakturwarengeschäfts Gebrüder Donecker, Karl Donecker, zu Grabe getragen. Der Verstorbene war schon längere Zeit leidend.

g. Rüsselsheim, 14. Sept. Auf Veranlassung einer Anzahl Jntereffenten aus Arbeiterlreijen fand heute abend

hier behufs Gründung einer gemeinnützigen Bau­genossenschaft eine Versammlung statt, die von Arbeitern, Arbeitgebern und sonstigen Bürgern stark besucht war; ebenso waren fast sämtliche Mitglieder des Gemeinderats mit Bürger­meister Sittmann an der Spitze erschienen. Der aus Darm­stadt erschienene Landeswohnungsinspektor Gretzschel erläuterte in eingehendem Vortrage die hessische Wohnungsgesetzgebung, sowie Zweck und Wesen der Baugenossenschaften. Er be­zeichnete die Mitarbeit aller Bevölkerungskreise und der Ge- meindeverwaltungeu an der vom Gesetzgeber beabsichtigten Hebung der Wohnungsverhältnisse der minderbemittelten Klassen als wünschenswert und notwendig, und wies gleichzeitig darauf hin, daß der hessische Zentralverein für Errichtung billiger Wohnungen stets gern bereit sei, mit seinem reich­haltigen Material an Bauplänen, Statuten, sonstigen Druck­sachen, sowie mit seinen weitreichenden Erfahrungen derartige Bestrebungen thackräftig zu unterstützen. In der anschließenden Diskussion wurde von verschiedenen Seiten die Gründung einer Baugenossenschaft befürwortet. Eine große Anzahl der An­wesenden erklärte ihren sofortigen Beitritt, weshalb beschlossen wurde, die Konstituierung der Genossenschaft bereits in den nächsten Tagen vorzunehmen.

Frankfurt a. M., 16. Sept. Bekanntlich hatten sich einige Logenabonnenten im neuen Schauspielhaus ge­weigert, ihr Abonnement zu zahlen, weil sie nach ihrer Behauptung von den ihnen zugewiesenen Plätzen aus die Vorgänge auf der Bühne gar nicht oder nur schlecht sehen konnten. Es kam deshalb zu einem Zivilprozeß, der bei der sechsten Zivilkammer des hiesigen Landgerichts anhängig war und es hatte sogar eine richterliche Besichtigung desTat­orts" stattgefunden. Nun sind während der Ferien bau­liche Veränderungen im Schauspielhaus vorgenommen worben, die bewirkt haben, daß von den fraglichen Plätzen aus die Aussicht auf die Bühne hergesteklt ist. Der Prozeß ist damck gegenstandslos geworden und die Abonnenten haben sich heute im Vergleichsweg bereit erklärt, einen Teil des Abonnements zu zahlen.

Vermischtes.

* Göttingen, 16. Sept. In dem Städtchen Dassel brannten 18 Gebäude nieder. 10 Familien sind obdach­los; man vermutet Brandstiftung.

* Lindau im Eichsfeld, 16. Sept. Ein Großfeuer zerstörte in der letzten Nacht drei Wohnhäuser und fünf Nebengebäude. Der Schaden ist sehr bedeutend.

. * Paris, 16. Sept. Oberstleutnant Trouch et, Di­

rektor des Infanterie-Departements im Kriegsministerium, stürzte gestern mit seinem Pferde und ist in der letzten Nacht seinen Verwundungen erlegen. Die Ex­königin Ranavalo von Madagaskar ist gestern in Begleitung chrer Tante und mehrerer Gesellschaftsdamen in Vichy eingetroffen und im Grand Hotel ab gestiegen. In der Pariser Vorstadt Pantin erschoß aus Eifersucht ein 24jähriger Mechaniker seine 30jährige Geliebte. Ein 19jähriger junger Mann, der auf den Schuß herbeieilte, wurde ebenfalls erschossen. Hieraus beging der Täter Selb st mord.

* Budapest, 16. Sept. In der Ortschaft Macedouika entstand dadurch, daß ein im Kirchturm befindliches zu Böllerschüssen bestimmtes Quantum Pulver böswillig zur Explosion gebracht wurde, eine furchtbare Feuers­brunst. Der Kirchturm stürzte ein. Zahlreiche Häuser brannten ab. Ein Kind fiel den Flammen zum Opfer.

* Ein sHweres Unwetter hat auf der Ostsee gewütet. Wie aus Lübeck telegraphiert wird, sind viele Schiffe infolge des Sturmes gesunken. Der Schoner Harme, der von Lübeck nach Gödeborg unterwegs war, ist im Sund gesunken. Zahlreiche Menschenleben sind ver­loren. Infolge der letzten Regengüsse ist ferner der Masserstand der Mur, Drau und Enns ungewöhnlich hoch. In vielen Gegenden Steiermarks fanden Ueber- schwemmungen statt. Im oberen Mur- und Ennstal ist der Zugverkehr unterbrochen. Bei Marenberg-Wuchern wurde die neuerbaute hölzerne Draub rücke zum Teil fort­gerissen. Ihre Trümmer zerstörten den T r a u st e g bei Marburg, bei dessen Einsturz zwei städtische Wachleute getötet wurden. Ferner sollen drei Er­wachsene und drei oder vier Kinder, die zurzeit des Ein­sturzes die Brücks passierten, getötet sein. Auch in der Gegend von Salzburg richtet das Hochwasser fort­gesetzt großen Schaden an. Der Ort Mittersill steht völlig unter Wasser, ebenso der Gemeindewald im Oberpinzgau. Dort ist ferner ein Haus eingestürzt, bei mehreren anderen droht der Einsturz^ Im ganzen G a st e i n e r t a l ist die Ache ausgetreten. Sie zerstörte die meisten Brücken. Die Hochwassertalastrophe nahm in Kärn- then einen unerreichten llmsang an. Fast alle Täler sind überschwemmt. Die Er n t e ist v e r u i ch te t und die Felder sind auf Jahre hinaus verwüstet. Auch in den Wäldern ist großer Schaden angerichtet. Im Liejertale wurden zwei Leichen gefunden; auf der Lieser treibt ein hölzernes Bauernhaus mit Bewohnern. Militär sowie Beamte und Ingenieure der Landesregierung leisten Hilfe. Wegen Regens und Schneefalls könnte die Furrapost nur von Göschenen bis Hospental gelangen, die G r i m s e l p o st nur von Guttannen bis Handeck. Auf dem Oberalppaß mußte die Post wegen Schneemassen nach Andermatt zu­rückkehren. Die Lukmanierstraße ist zwischen Dissentis und Curaglia durch Lawinenstürze unterbrochen. Aus dem französischen Bade Vichy wird Schnee ge­meldet.

* Zu der sensationellen Entdeckung der französischen Giftmischerin liegt folgende nähere Nachricht vor: Jetzt ist auch, schon die Ausgrabung und die Autopsie der Leiche einer Großmutter derGiftmischerin" Gallio in Cassenuil (Lot-et-Garonne) angeordnet. Es wer­den immer mehr Einzelheiten über den jähen Tod ihres Gatten, der im November v. I., und den ihres Bruders, der Ende August jm Hause der Frau Gallio eintrat, veröffent­licht, und wenn es immer noch für möglich gehalten wird, daß der an einer Herzkrankheit leidende Mann an einer Verdauungsstörung nach einer reichlichen Mahlzeit starb, so sind alle Anzeichen dafür vorhanden, daß der Bruder Gaston Dupont mit Arsenik vergistet worden ist. Die junge Frau hatte sich mehrere Dosen dieses Giftes durch einen Tierarzt verschreiben lassen, dem sie erzählte, die Ratten ließen ihr keine Ruhe, verhinderten sie am Schlafen und zernagten ihre Kleider und Wäsche. Von diesen Ratten haben andere Bewohner des Hauses nichts gesehen und nichts gehört, und e:> fiel auch einem mit ihrer Familie besreunoeren Apotheker aus, daß Frau Galtie, als ihr Bruder sich unter elllsetzlichen Schmerzen wand und schrie.

zu rym Mette und, wen er ihrer DienpmagD rein wcyenn verabreichen wollte, selbst kam, um noch eine Dosis zu verlangen, damit ihr Bruder von den Ratten in der Nacht­ruhe, der er sehr bedürfe, nicht gestört werde. Sie drang so sehr in ihn als Freund und guten Bekannten ihres Bruders, daß er ihren Bitten nachgab und ihr eine lleine Dosis Arsenik verabreichte. Äe ging mit der Versicherung, sie werde dieselbe den Bestien streuen, und noch vor der Nacht war Dupont seinen Qualen erlegen.

Universttüts Nachrichten.

Musikwissenschaft an den deutschen Um v erst täten. Als ein akademisches Stiefkind kann man unter den Disziplinen, die an den deutschen Universitäten gelehrt werden, die Musikwissenschaft bezeichnen. Nur an wenigen Universitäten wird sie von besonders beauftragten Dozenten gepflegt, tue dem akademischen Lehrkörper angehören. In der Regel sind die Vor­lesungen über Musikgeschichte, Harmonielehre u. a. in den Händen der akademischen Musikdirektoren, die oft unter einer Rubrik mit den Zeichen-, Turn- und Fechtlehrern im Personalverzeichnis zu­sammengefaßt sind. Sie galten mit diesen alsLehrer der Künste und Fertigkeiten", wogegen inan nichts eiirzuweiiden hätte, wenn ihre Tätigkeit nur in der praktischen Ausbildung der Studierenden bestände. Da aber in ihrer Hand z. B. auch die Vorlesungen über Musikgeschichte liegen, so haben sie em Recht darauf, nicht von den anderen akademischen Dozenten getrennt zu werden. Im aka­demischen Lehrkörper erscheinen die Dozenten der 'Musikwissenschaft nur an den Universitäten B e r l i n (außerordentlicher Professor Fleischer, Privatdozent Dr. Friedländer und Privatdozent Dr. Wolf), Leipzig (außerordentlicher Professor Dr. phil et mus. Riemann, außerordentlicher Professor Dr. phil. Kretzschinar, außerordentlicher Professor Dr. jur. et. phil. Prüfer), München (außerordentlicher Professor Dr. Adolf Sandberger, Prwatdozent Dr. Kroyer, der ins­besondere für Musikwissenschaft habilitiert ist, und Privatdozent Dr. Frhr. v. d. Pfordten, dessen Lehrfach die klassische Philologie ist) und Straßburg (ordentlicher Professor seit 1898 Dr. Iaeobstshal). In Gießen ist bekanntlich unser Universitäts- Musikdirektor T r a u k m a n n mit Lehrauftrag für Mujikwissen- schast versehen. Vorlesungen aus dem Gebiete der Musikgeschichte finden ailßerdem noch statt in Bonn, Breslau, Greifswald, Halle, Heidelberg, Königsberg, Marburg, Rostock, Tübingen. In Erlangen, Jena und Würzburg siud überhaupt keine Vorlesungen angekündigt. sondern dort erteilen die akademischen 'Musikdirektoren, bezw. Musik- lehrer nur Musikunterricht, bezw. leiten die Gesangsübungen der akademischen Gesangvereine. Die Plazierung der akademischen Dozenten für Aiusikwissenschaft unter eine besondere Rubrik, hinter den Privatdozenten und Lektoren (zu denen sie übrigens in Halle gerechnet werden) ist ein alter Zopf, der von den Unwersüäten möglichst schnell beseitigt werden sollte.

Gerichtssaal.

Berlin, 16. Sept. Das Landgericht Berlin verhandelte heute gegen den Schriftsteller Paul Koch und den Rechtsanwalt Eduard Jüngst wegen Beschimpfung der jüdischen Religion. Unter Anklage stand die Broschüre Koch's:Der R i t u a l m o r d, eine neue Forderung des alten Testaments , die nachweisen will, daß auch die heutigen Juden den Ritualmord noch als Gebot ihrer Religion anerkennen müssen. Der Gerichtshof s p r a ch I ü n g st frei, da es sowohl für die Verbreitung der Druckschrift durch ihn, als auch für die Mittäterschaft ander nötigen Unterlage fehlte, erklärte dre in der Broschüre auf­gestellte Behauptung Kochs für unwahr und be­schimpfend und veriirteilte Koch einer Gefängnis­strafe von drei Monaten, welche Strafe, da Koch noch sechs Monate zu verbüßen habe, in eine Zusatzstrcrfe von 14 Tagen Ge­fängnis umgewaridelt wurde.

Zwickau, 16.Sept. Das Ehepaar Frenzel aus Meran hatte sich heute vor der hiesigen Strafkammer wegen Betrügereien, be­gangen durch spiritistischen Unfug nach Art der Amia Rothe, zu verantworten. Frau Frenzel wurde zu 6 M o n a t e r Gefängnis verurteilt, der Ehennrnn freigesprochen.

Gisrntlahn-Zeitung.

Der Verein deutsch erLokomotivführer und Heizer, welcher seinen Sitz zu Worms hat, und dessen zirka 14 500 Mitglieder sich über ganz Deutschland, namentlich Süd­deutschland, verbreiten, hält vom 15. bis 19. September in Berlin seine 24. Generalversammlung ab.

Landwirtschaft.

k. Alsfeld , 15. Sept. Eine Geflüg el- und Vogel* Ausstellung findet hier am 17. und 18. Oktober statt.

+ Kinzenbach, 16. Sept. Auch in diesen Tagen macht sich wieder ein reger Zwetschenhandel am hiesigen Orte bemerkbar. Es mochten wohl 50 Wagen am gestrigen Nachmittag am hiesigen Bahnhofe halten, welche alle mehr oder weniger mit Zwetschen beladen waren. Trotz der anhaltenden Näffe sieht man von ftüh morgens bis zum späten Abend viele fleißige Hände beim Zwetschenpslücken beschäftigt. Da für den Zentner Zwetschen 4 Mk. gezahlt wird, so schlagen die Leute los, was sie nur abernten können. Man befürchtet, daß die Zwetschen bei der nassen Witterung sich nicht lange halten, zumal sie der Sturm am vorigen Freitag schon sehr gelichtet hatte. Zur allgemeinen Erheiterung fand sich am gestrigen Nachmittage rwch ein zweiter Händler hier ein, wllcher sogar 4,30 Mk. für den Zentner Zwetschen zahlte. Bei dem massen­haften Angebot konnten beide Händler befriedigt werden, und erst die hereinbrechende Nacht machte dem regen Zwetschengeschäft ein Ende. Am heuttgen Tage wurde die Versendung fortgesetzt. Tie Zwetschen gehen alle nach den großen Städten am Niederrhein.

Meteorologische Beobachtungen

der Station Gießen.

September

Barometer auf 0° reduziert

Temperatur der Luft

Absolute Feuchtigkeit

Relative Feuchtigkeit

Windrichtung

Windstärke

Weller

1903.

16.

226

750,2

11,2

8,7

88

8.

2

Regen

16.

926

752,8

9,9

8,6

95

SW.

1

Bed. Himmev

17.

1^15

754,7

9,4

8,3

95

N.

2

Bed. Himmel

Höchste Temperatur am 15.16. Sept. 11,5° C.

Niedrigste 15. 16. 8,0° C.

Schisssnachrichten.

Hamburg-Amerika Linie.

Vertreter in Gießen S. Elsoffer, Marktstraße.

Hamburg, 14. Septbr. Der Hamburger Schnell-Poft^ DampferBlücher", Kapitän Krech, ist am 12. September, 6 Uhr nachm., wohlbehalten von Hamburg via Soulhampton und Plyrnouth in New York angekommen.

Mefkasten der Redaktion.

(Auouymc Anfragen bleiben nnbcrückfichtigt.)

B. Frage: Darf ein Landwirt, der nur einen Knecht um ein Dienstmädchen beschäftigt, ansangen, für sich selbp Fnvaliden- mcrrten zu kleben? Antwort: Ja, aber nur dann, lucnn er vai- vierzigste Lebensjahr noch nicht vollendet Hal.