Ausgabe 
17.2.1903 Erstes Blatt
 
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gegeben am 31. Januar d. I., enthält- 1. AuSschreiben des Großh. Oberkonsistoriums an die evangelishen Dekanate und die Kirchenvorstände (Nr. 1) vom 23. Januar 1903, die kirchlichen Wahlen im Jahre 1903 betreffend. 2 Ausschreiben Nr. 2 vom 24. Januar 1903, die Aus­führung oes Denkrnalsckutzgesetzes vom 16. Juli 1902 betreffend. 3. Verzeichnis der im 4. Vierteljahr 1902 genehmigten Sche nkungen und Vermächtnisse für evangelisch-kirchliche Zwecke. 4. Tienstnachrichten. 5. Zur Wiederbesetzung wird ausgeschrieben: die evang. Pfarrstelle zu Wallernhausen, Dekanat Nidda. (Be­ginn der Bewerbungsfrist: 9. Februar).

6,6° C.I So lasen wir heute morgen zu un­serem Erstaunen am Thermometer. Und doch sollte es uns nicht allzu sehr überraschen. Wir haben in diesem Winter die unglaublichsten Witterungsveränderungen erlebt, und wieder­holt ist ein Temperatursturz von 16 und mehr Grad zu ver­zeichnen gewesen. Zu den angenehmen Dingen gehören solche starken Wechsel in der Witterung ja nicht, besonders nicht in gesundheitlicher Hinsicht; aber eL mag uns zum Tröste ge­reichen, daß der Temperatursturz der letzten Tage allem An­schein nach sich in diesem Winter nicht mehr wiederholen wird. Allem Anschein nach" sagen wir; denn den meteorologischen Beobachtungen, oder vielmehr den sich daraus ergebenden Schlüssen ist diesmal nicht besonders zu trauen, wie wir bis­her gesehen haben.

(!) Ettingshausen, 16. Febr. Bei der letzten Holzversteigerung kosteten zwei Raummeter Kiefern- ttrüppel 78 Mk., 100 Wellen 56 ME., 1 Fm. Eichenbau­holz 18 Mk., Fichteuderbstangen 10,50 Mk. Bei der Holz­submission betrugen die Höchstgebote für den Festmeter: Fichtenschnittholz 23,75 Mk., Fichtenbauholz 21,35 Mk., Krefernbauholz 16,10 Mk., Kiefern-Grubenholz 11,35 Mk., Eichengrubenholz 13 Mk., Fichtenderbstangen 11 Mk.

- t- Ortenberg, 16. Febr. lieber die bei dem benach­barten Selters vor kurzem erbohrte Solquelle liegt jetzt die von Professor Dr. Sonne, Vorstand der Großh. chemischen Prüfungs- und Auskunftsstation, angefertigte Analyse vor, welche in 1000 ccm (---- 1 Liter) ergeben hat: Salze (Ge­samtrückstand) 24,9200 gr, davon Kochsalz ----- 20,3700 gr, Chlor ---- 12,3540 gr, Kohlensäure 0,7581 gr. In drei verschiedenen Proben schwankte das spezifische Gewicht von 1,01531,0172; danach den Kochsalzgehalt berechnet, er­geben sich 2,12,4 o/o Kochsalz. Kalk, Magnesia, Schwefel­säure und etwas Kalium fand sich in allen Proben. Somit steht die neue Quelle, wenn man von der niedrigeren Tem­peratur absieht und berücksichtigt, daß vermutlich der Schwefel- säuregehall höher ist, etwa zwischen Kurbrunnen und dem großen Sprudel VII zu Bad-Nauheim, welche im Durch­schnitt 1,52,2 % Kochsalz und in 1000 ccm 1826 gr Salze (Gesamtrückstand) und 0,50,7 gr halbgebundene Kohlensäure und 1014 gr Chlor enthalten. Die gesamte Kohlensäure konnte bei der Quelle zu Selters noch nicht be­stimmt werden; die Menge der halbgebundenen Kohlensäure ist jedoch als sehr beträchtlich zu bezeichnen. Kalk, Magnesia, Kalium und Schwefelsäure wurden in der Sole von Selters nur qualitativ nachgewiesen. Nach dem Vorkommen von Gyps in den durchbohrten Schichten ist zu vermuten, daß bie neue Sole reicher an Sulfaten ist als die Quelle von Bao-Nau- heim, bei denen die Chloride vorwiegen. Die neue Bohrung hat eine erheblich stärkere Sole zu Tag gefördert als die alte Quelle daselbst führte. Diese frühere Quelle enthielt nach fachmännischer Untersuchung einer bei Wippenbach, Kreis Büdingen, entspringenden Mineralwasserquelle (abgedr. im Gewbl. von 1898 Nr. 13/14 S. 125) in 1000 gr Wasser nur: Kochsalz ±= 8,4 gr, Chlor 5,6, Gesamtkohlensäure 2,04, Schwefelsäure 0,5101 gr, daneben Lithium, Borsäure, Brom, Strontium und anderes, spez. Gewicht 1,00915. Der Kochsalzgehalt ist mithin jetzt um mehr als das doppelte gestiegen, und es ist unter Berücksichtigung der jetzt erzielten günstigen Resultate sehr wahrscheinlich, daß sich mit der Zeit in diesem Teile des südlichen Vogelsberges, der heute schon vielfach zur Luftkur benutzt wird, ein Badeort entwickeln wird, wozu durch die reizende Lage unseres Ortes und die landschaftlichen Schönheiten der Umgebung mit ihren großen Waldungen die Vorbedingungen gegeben sind. Es wäre deshalb sehr zu bedauern, wenn das Projekt der Er­bauung einer Sammelwaserei bei Stockheim, gar nicht weit davon, zur Ausführung käme und es sind auch bereits, wie wir hören, seitens her in Betracht kommenden Gemeinden Schritte getan, um die Verlegung dieser Anstalt nach einem anderen abgelegneren Ort zu erreichen; man darf auch an­nehmen, daß die Regierung unter Berücksichtigung der ge­gebenen Verhältnisse dem Stockheimer Projekt ihre Zustim­mung versagen wird, zumal kein ersichtlicher Grund vorliegt, diese Anstalt gerade bei Stockheim, welches demnächst als Eisenbahnknotenpunkt an und für sich einen lebhafteren Ver­kehr erhalten wird, zu erbauen.

Groß-Umstadt, 16. Febr. Der Endtermin für die Anmeldung zur ersten Allgemeinen Bogel-und Ge - flügel->Ausstellung hier, der 20. Februar, ist nahe herangerückt. Die Anmeldungen laufen zahlreich ein. Aus­stellungsberechtigt ist jedermann. Das bis zum 5. März abends cintreffenbe Geflügel wird von dem in nächster Nähe gelegenen Bahnhof sofort in die Zuckerfabrik befördert, so daß auch bei schlechter Witterung für das Geflügel nichts zu befürchten ist. Für sachgemäße Wartung und Pflege des Geflügels während der Ausstellung durch besonders zuver- läsiige und geschulte Leute ist bestens gesorgt. Zahlreiche Geld- und wertvolle Ehrenpreise (jetzt schon über 40) stehen ^"^Preisrichtern zur Verfügung. Men Geflügelzüchtern stt die Beschickung anzuempfehlen, da sich hier die beste Gelegenheit zum An- und Verkauf, wie zur Blutaus­frischung bietet Anmeldebogen werden auf Verlangen durch Gerbereibesitzer Ludwig Gauß franko zugesandt

Worms, 16. Febr. Im Festhause kamen gestern nach­mittag die Vertrauensmänner der nationalliberalen Partei des Reichstagswahlkreises Worms-Heppenheim- Wimpfen zusammen, um den Wahlausschuß neu zu wählen unb die Reichstagswahl zu besprechen. Folgendes Telegramm wurde nach derWorms. Ztg." zur Absendung beschlossen:

^Neichstagsabgeordneter Freiherr v. H eyl, Berlin.

beule in Worms vollzählig versammelten Vertrauens­männer der natwnallieralen Partei aus dem Wahlkreise danken Ihnen surJhre seitherige aufopferungsvolle und segensreiche Tätig­keit im Reichstag und sprechen die Erwartung ans, daß Sie das Ihnen hiermit vertrauensvoll angebotene Mandat für öie ^vorstehende R er chsi ags w a h l anzunehmen sich entschließen.

* Frankfurt a. M., 16. Febr. Ter Vorstand des Sozialdemokrat Verein? beschloß, beit beteiligen

Frankfurter Reichstagsaba. W. Schmidt für die diesjährige R eichstagsw ahl wieder als Kandidat in Vorschlag zu bringen.

Kleine Mitteilungen aus Hessen und den Nachbar st aaten. Der Gräflich Äiubacher Hof bei Utphe wurde von Jakobb-Rvdheim gepachtet Auf dem neuerrichteten Haltepunkt Kirch-Göns beträgt die Zahl der Passagiere pro Tag durchschnittlich 250260 Personen. Es halten jetzt täglich 15 Züge. In Rödches starb ein junger Mann von 22 Jahren plötzlich am Hirnschlag. In Ruppertsburg stürzte Landwirt Becker in der Scheuer vom Gerüst und zog sich einen schweren Bein­bruch zu.

Vermischtes.

* Berlin, 15. Febr. Einen frechen Raub­mordversuch verübte gestern nachmittag ein Einbrecher. Als der Rentier B. Alt mann, der im zweiten Stock des Hauses Alex and erstraße 14 c mit seinen beiden Töchtern wohnt, gestern nachmittag nach Hause kam und die Entree­tür aufschloß, hörte er ein Geräusch aus der Wohnung. Als er in den düsteren Korridor trat, sprang aus der Tür des Wohnzimmers ein Mann, der ein großes Messer in der Faust hielt und ihm zuschrie:Geld her, Geld her!" Mttnann, ein älterer Herr, rannte eilig nach der Entreetür und schrie laut um Hilfe. Dieses verscheuchte den Einbrecher, der das Messer fallen ließ und die Treppe hinabeilte. Leider nahmen Nachbarn die Verfolgung zu spät auf, sodaß der Mairn entkam. Als Altmann dann seine Wohnung betrat, merkte er, daß der Einbrecher von dem hinteren Eingänge eingedrungen war. Der Einbrecher hatte mit unglaublicher Frechheit am helllichten Tage die Füllung der hinteren Eingangstür herausgeschnitten und sich so Zutritt zu der Wohnung verschafft. Gestohlen hat der Mann nichts. Der Tat dringend verdächtig ist ber, Arbeiter" Gustav Reinhardt, der an demselben Tage in einem Nachbarhause gebettelt hatte, und dessen.Verhaftung wegen frechen, zudringlichen Benehmens von einem der Bewohner des .Hauses veranlaßt worden war. Auf dem Polizeirevier mußte der Mann, weil er in Berlin wohnhaft ist, wieder freigelassen werden. Ec ist später jedoch wieder verhaftet worden.

* Berlin, 16. Febr. In der Annenstraße brachte ein Gärtnergehilfe aus Rummelsburg seinem Bruder bei einem Streite einen M ess erstich in die Brust bei. Der Verletzte starb bei Ueberfühnrng ins Krankenhaus. Der Täter wurde verhaftet.

* Berlin, 16. Febr. Der vor kurzem hier verstorbene Kommerzienrat Albert Pfaff, Inhaber der be­kannten großen Möbelsirma, hat in seinem Testament fol­gende Vermächtnisse bestimmt: 200000 Mk. für die Beamten und Arbeiter seiner Firma, 200000 Mk. für eine Albert Pfaff-Stiftung für arme Handwerker, die das Kunst­gewerbe erlernen wollen, 200000 Mk. für das Augusta- Hospital, 200 000 Mk. für das Krankenhaus Bethanien, 200000 Mk. für die Lungenheilstätte in Belzig, 100000 Mk. für die Friedrich Wilhelm-Vikcoria-Stiftung der Aeltesten der Kaufmannschaft, 100 000 Mk. für das Asyl für Obdach­lose, 100 000 Mk. für die Pensionskasse der Feuerwehr, 100 000 Mk. für die Rettungsgesellschast, 100 000 Mk. für den Letteverein, 100 000 Mk. für die Pensionskasse der Schutz­mannschaft, 100 000 Mk. für die Ferienkolonien und 100 000 Mark für den Krippenverein.

* Breslau, 16. Febr. Das 17jährige Dienstmädchen Else Pilzer hat einen schrecklichen Selbstmord begangen. Das Mädchen übergoß seine Kleider mit Petroleum und steckte sie in Brand. Ehe Hilfe kam, war sie den Wunden erlegen, und wurde verkohlt auf­gefunden. Das Motiv der Tat ijst unbekannt.

Bremen, 16. Febr. Nach einem hier aus Leith ein- aetroffenen Telegramm ist der vermißte Herings­dampferFriedrich Albert" an der Südküste Islands gestrandet und total wrack geworden. Der Steuer­mann, der erste Maschinist und ein Besatzungsmann un­bekannten Namens sind umgekommen, die übrigen neun Mann der Besatzung wurden gerettet.

* London, 16. Febr. Zur selben Zeit, als der König und die Königin heute nachmittag das Itoyal Herbert Hospital in Woolwich besuchten, erfolgte in dem zwei eng­lische Meilen davon entfernten Teile des Arsenals, in dem Patronen mit Schießbaumwolle gefüllt werden, eine Explosion. Drei Mann wurden getötet und ver­schiedene schwer verletzt. Die Explosion erfolgte in einem den Vorschriften gemäß isolierten Schuppen, in dem sich sieben Leute befanden. Der Schuppen wurde völlig zerstört und die Trümmer fingen Feuer. Die Feuerwehr des Arsenals war sofort zur Stelle. Einem war der Kopf ganz abgerissen. Die anderen mehr ober minber schwer Verletzten würben sofort aus beit Trümmern herausgezogen unb es scheint wunderbar, baß überhaupt noch jemand lebend ent­kam. Ein Mann hatte sogar nur leichte Branbwunben an ben Hänben.

* Paris, 16. Febr. DasPetit Journal" will er­fahren haben, daß Romain b'Aurignae im Auftrage ber Frau H u mbert eine Anzahl Brillanten im Werte von 900 000 Francs verkauft habe, um ben gesunkenen Kredit zu heben und der Familie Badereisen zu ermöglichen. In L i l l e ist ein g r o h e r S ch w i n d e l entdeckt worden. Bei verschiedenen Agenten sind Aktien einer englischen Ge­sellschaft, die sich mit dem Vertrieb von Briefmarken-Auto- maten beschäftigte, gefunden worden. Wie sich nunmehr herausgestellt hat, sind sämtliche Aktien gefälsch t. Der Direktor der Gesellschaft ist in London verhaftet worden.

* Sern, 16. Febr. Dr. Martin, Direktor der Me­ta i r i e, hat strenge Maßnahmen gegen die öffentliche Neu­gierde ergriffen. Der Zutritt zur Anstalt ist jedermann verboten, der sich nicht auf dem Bureau präsentiert hat. Alle Zeitungskorrespondenten wurden fortgewiesen.

* Salzburg, 16. Febr. Wie verlautet, hat Kaiser Franz Josef der Großherzogin von Toskana die Reisebewilligung zur Prinzessin Luise erteilt. Aus wohlunterrichteten Kreisen wird mitgeteilt, daß der Kaiser Franz Joses auf Intervention des Papstes ferner ge­stattet habe, daß die frühere sächsische Kronprinzessin nun­mehr nach erfolgter Ehescheidung den NamenLuisevon Toskana führen darf. Ebenso wurde derselben, unter gewissen Modalitäten die Rückkehr nach Oesterreich gestattet, weshalb sie das Sanatorium in kurzer Zeit verlassen und in Begleitung einer Vertrauensperson nach Oesterreich zurückkehren wird. Bezüglich des Aufenthalts ist bisher noch keine Entscheidung getroffen, aber es dürfte in der Nähe von Salzburg sein. Auch nach der Aussöhnung zwischen der Prinzessin unb ihren Eltern bleibt ihr der Verkehr mit den anderen Mitglie­dern bey kaiserlichen Dauses auch ferner benommen.

* Pilsen, 16. Febr. Hier wurden Stüde n t cn, weil sic Koule unnützen trugen, von Tschechen Über­

fällen und durchgeprügelt. Die Polizei schritt ein und verhinderte weitere Zwischenfälle.

Lemberg, 16. Febr. Der ^Ijährige polnische Dich­ter und Schriftsteller Wrotinsii hat sich in einem Anfalle von Geistesstörung erschossen.

Kunst und Wissenschaft.

Eine Ehrung für Gorki, den Dichter desNachtasyl", wird in Berliner Schausplelerkreisen vorbereitet. Es wurde der Gedanke angeregt und nach Kunstlerarl auch sofort in Angriff ge­nommen, dein russischen Dichter in Form einer Adresse die Be-- wunderung der Berliner Schauspieler für jein Schassen zum Aus­druck zu bringen.

Gerichtssaal.

W. Gießen, 13. Febr. G e w e r b e g e r i ch t. Den Vorsitz fuhrt Oberbürgermeister 'Mecum. Als Beisitzer sind tätig Hoftraileur Jean Kirch und Brauer Gustav Holtberg. Der Kutscher Karl Pf. verlangt von dem Lohnkutscher Wilhelm H. hier rückständigen Lohn. Nach längeren Vorhandlungen tarnen die Parteien dahin übecetn, daß Beklagter dem Kläger auf die Forderung von 25 Mk. 82 Psg. im ganzen 12 Mk. zahlt. Ter Monteur Otto D. hier klagt gegen den Ingenieur M. hier a,ls Zahlung rückständigen Lohnes. Es kam ein Vergleich 511 stände. In der Sache des Monteurs Wilhelm L. aus Weimar und Ingenieur M. hat Beklagter einen Teil der Forderung anerkannt und hat das Gericht auf Klägers Antrag Anerkenntnisurteil erlassen. Bezüglich, des nicht anerkannten Be träges zog Kläger die Klage zurück.

Berlin, 15. Febr. Die Folgen einer verkehrten E r- ziehung zeigten sich in einer Verhandlung, welche geftern vor der zweiten Straflammer des Landgerichts II stattfand. Der 16 jährige Schretberlehrling Johann Brüning war der schweren Körperverletzung und der E r p r e s s u n g, begangen gegen seine eigene Mutter, beschuldigt. Es fehlte die väterliche Strenge, dagegen wurde dem Angeklagten feilens der Willens­schwächen Mutier jeder Wurich bewilligt. Die böfeit Folgen dieser mangelhaften Erziehung treuen bald zu Tage. Er verlangte von feiner Mutter fortwährend Geld, welches ihm im Anfänge auch bereitwilligst zilgestellt wurde. Als aber seine Geldforderungen höher und immer höher wurden, weigerte sich seine Miilter, mehr herzugeben. 9hm wurde die Frau v 0 n ihrem Sohne in der barbarischsten Weise ni i ß h a n d e l t. Ohrfeigen, Faustschlägc und Fußtritte waren an der Tagesordnung. Ernes Tages im Sommer vorigen Jahres verlangte der Bursche wieder Geld von seiner Mutter. Diese erklärte ihm, daß sie augenblicklich selbst keins habe.Ich will Geld haben, Du altes A. ., oder ich schlage Dich tot!" erividerte der Angeklagte. Tie geängstigte Frau lief in der Nachbarschaft herum, borgte sich den verlangten Betrag zusammen und händigte ihil dem Angeklagten ein. An einem anderen Abend verlangte er von der Mutter 6 Mark. Als diese ihm das Geld uicht geben konnte, warf er sie und seinen jüngeren Bruder zur Wohnung hinaus. Beide gingen in der kühlen Herbstnacht vor der Wohnung auf und ab. Ter Angeklagte sah oben zum Fenster hinaus und rief seiner Mutter zu:Warte, wenn Du ohne Geld heralifkommst, schlage ich dich tot!" In einem dritten Falle verlangte der hoffnungsvolle Sprößlmg von feiltet Mutter 90 Mark, um sich ein Fahrrad zu kaufen. Als jein Wunsch nicht erfüllt werden fomuc, bearbeitete er feilte 'Mutter in dör rohesten Weise mit einem Stiefelknecht. Ter Staatsanwalt betonte, daß sich ein tteftraurigeS Bild vor dem Gerichtshöfe aufgerollt habe Anstatt daß die Mutter den Knüppel aenommen, so lange es noch Zeis war, habe sie den üertommenen Jungen noch mehr verzärtelt. Deii größten Teil der schuld trage die Di u t t e r selbst, welche in unverständlicher Schwäche selbst noch vor Gericht danach getrachtet habe, sein Tun zu beschönigen. Nicht die Mutter habe die Anzeige erstattet, sondern die empörten Nachbarn. Der Gerichtshof erkannte aus ein Jahr- Gefängnis bei sofortiger Verhaftung. Unter Tränen und Umarmungen nahm die Mutter von dem Verurteilten Abschied, wobei sie ausrief:Mein lieber, guter Sohii, das hast Tu wirklich nicht verdient!" (Der Schluß dieser traurigen Familiengeschichte erinnert an eine bretonische Ballade. Eine Mutter, die von ihrem Sohn ermordet wird und Blutstropfen an seinen Kleidern sieht, fragt sterbend ihren Mörder in zärtlichster Tonart: Hast du dir weh getan, mein Sohn??)

Leipzig, 16. Febr. Unter großem Andrange des Publikums wurde heute die durch Reichsgerichtsbeschluß vom 4. Oktober 1902 angeordnete nochmalige Verhandlung gegen den früheren Direktor der Leipziger Bank Exner vor dem hiesigen Schwurgericht durch den Vorsitzenden Landgerichtsdirektor Müller eröffnet. Der Verteidiger Justizrat Dr. v. Gordon-Berlin erklärt, der Angeklagte lehne den Vorsitzenden als befangen ab. Direktor Müller fei der Vorsitzende und Berichterstatter der Eröffnungs­kammer gewesen und habe als Vorsitzender der vorigen Hauptoer­handlung durch verschiedene Zwischenbemerkungen, sowie bei der Rechtsbelehrung zu erkennen gegeben, daß er voreingenommen sei. Direktor Müller erklärt hierauf, daß er den Vorsitz vorläufig niederleae und das älteste Mitglied des Gerichtshofes, Landgerichts- rath Schmidt, ersuche, den Vorsitz zu übernehmen. StaatSanwalt Tr. Weber hält die Ablehnung nicht für begründet, stellt jedoch zwecks Entscheidung über den Ablehnungsantrag die Vertagung der Verhandlung anheim. Landgerichtsrath Schmidt bemerkt, daß er die Verhandlung auf morgen vertage, alsdann werde der Gerichts­beschluß über den gestellten Ablehnungsantrag verkündet werden.

ZeituugSmarder. Man kann vielfach darüber Klagen hören, daß Z e i t u n g s n u m m e r n von derTürweg, wo sie bie Botenfrau Eingelegt hat, gestohlen werden, und viele Reklamationen von Abonnenten' sind auf solchenDieb stahl geistigen Eigentums" zurückzuführen ; daß ein solches Vergehen sehr hart gestraft wird, geht aus einem in Dresden gefällten Urteil hervor. Die Aufwärterin Franziska Bitterlich Hane einem Feuer mann fünf Zeitungsnummern gestohlen. Sie erhielt künf Mo­nate Gefängnis und drei Jahre Ehrver l u n.

Handel und Nerirehr. Valkswirlschast.

Bereinigung in der Tabak-Industrie. Aus Rotterdam, 12. d. M., wird geschrieben:9lach Meldungen aus Havana von Ende Januar haben sich die beiden großen Trust-Verbände, die Henry Clay und Bock Eo. Lim. und die Havana Commerzial Co., miteinander vereinigt. Ter Präsident der ersteren Gesellschaft, Gustav Bock, fungirt als Generaldirektor; das neue Unternehmen hat 75 pCt. der für die Ausfuhr geeigneten Cigarrensorten in der Hand. Während sich bisher das (Geschäft in der Weise vollzog, daß die ausländischen Jmporteiire durch ihre Komtssionäre gegen 2 bis 4 pCt. Provision emfaufen ließen, beab­sichtigt der neugebilbete Trust, das Ausfuhrgeschäft selbst zu betreiben."

Tabakverbrauch in den Bereinigten Staaten. Nach einem offiziellen Berichte sind im letzten Fiskaljahre in den Vereinigten Staaten 6 905 749 968 Zigarren verbraucht worden. Tazu kommen nahezu 2700 Millionen Zigaretten und fast 316 Millionen Pfund Tabak, der teils in Pfeifen verraucht, teils als Schnupftabak oder als Kautabak verbraucht wurde. Tie Regierung hat für diesen Tabaksverbrauch letztes Jahr an Zöllen und Steuern 7O/2 Millionen Dollars eingenommen. Vergleiche mit früheren Jahren ergeben, daß der Verbrauch von Tabak jetzt viel größer ist als früher. Während die Bevölkerungszunahme zwischen 1890 und 1900 nicht Sans 25 Prozent betrug, stieg der Zigarrenoerbrauch in den ähren 1892 bis 1901 um 50 Prozent.

Magdeburger LebeuS-BersicherungS-Gesellschaft. In der Abteilung für LebenS-Versicherung waren im Jahre 1902 zu erle­digen 6327 Anträge über 25 793 915 'Mark Kapital und 41 250 Mark Rente. Ausgefertigt wurden 5149 Policen über 20 578 415 Mark Kapital und 40 200 Mark Rente. Ter reine Zuwachs des Versi­cherungs-Bestandes betrug 1169 Policen über 8 259 144 Mark Kapital und 20 952 Mark Rente, so daß letzterer sich Ende 1902 auf 73 699 Polieen über 210 005 820 Mart Kapital und 387 529 Mark Rente belief. In der Abteilung für Unfallversicherung erhöhte sich der Versicherungsbestand auf rund 105 'Millionen Mark auf den Todes­fall, 266 M-tllionen Mark auf den Jnvaliditäts^all und 84 Toufeud