Samstag, 17. Januar 1903
153. Jahrg«
erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
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Gießener Anzeiger
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Deutscher Reichstag.
239. Sitzung vom 16. Januar.
1 Uhr. Das Haus ist schwach besetzt.
Am Bundesrathstisch: Graf Posadowsky u. A.
Die Berathung der zum Zolltarif eingebrachten Resolutionen Frhr. v. Hehl (nat.-lib.) Kündigung der Meistbegünstigungsverträge ohne Reziprozität) und Speck (Ctt.) (ftünbigung solcher Meistbegünstigungsverträge, die Deutschland nachrheilig gewesen sind) wird fortgesetzt.
Abg. Frhr. Heyl zu Herrnsheim (nat.-lib.): Unsere Resolution hat den Vorzug größerer Klarheit vor der des Abg. Speck. Sollte sic aber abgelehnt werden, so würden wir für die Resolution Speck stimmen. Deutschland hat sich bei den Meistbegünstigungsverträgen, die es mit anderen Staaten abgeschlossen hat, gebunden, während das die Vertragsstaaten nicht gethan haben. Der Abg. Semler ha: meine Rede entweder nicht vom Anfang an gehört, oder er hat sie mißverstanden. Ich habe mich nur gegen die reine Meistbegünstigung gewandt, aber nicht gegen die Meistbegünstigungs- klausel. Das Saratoga-Abkommen ist für Deutschland eine Wirth- schaftliche Niederlage allerschlimmster Art, die Herren, die es ver- theidigt haben, scheinen seinen Inhalt nicht zu kennen. Der Abg. Bernstein steht im Gegensatz zu Herrn Calwer auf dem Boden des Parteiheiligen Marx; in der Kommission haben die Sozialdemokraten das Prinzip des unbedingten Freihandels vertreten, während sich Herr Calwer in den „Soz. Monatsheften" nur bedingt dafür ausspricht. Wäre Herr Calwer hier, so müßte er, seinen Ausführungen in dem betreffenden Artikel entsprechend, für die Resolution Kardorff stimmen, welche die Regierungen auffordert, beim Abschluß von Handelsverträgen nicht unter die in zweiter Lesung i schlossen gewesenen Minimalzölle für Vieh und Fleisch herab- zitg»hen. Herr Kollege Bernstein wirft mir vor, ich hätte die „Sr-ialistischcn Monatshefte" mit Unrecht gegen ihn zitirt. Das ist mu t der Fall. Ich lese die „Sozialistischen Monatshefte", die einen freieren Spielraum lassen als die offiziellen Blätter der Partei. Cs heißt ja immer, in der Sozialdemokratie herrsche volle Freiheit out Wissenschaft. Nun, ich bin gewohnt, die sozialistische Presse genau zu studiren, sowohl die offizielle als die inoffizielle, die offiziellen Berichte sind leider nicht immer genau. Ich habe z. B. verqcblick in dem Protokoll des letzten Parteitags die kräftigen Ausführungen des Kollegen Ulrich gesucht, mit denen er sich gegen die Parte: iresse wandte. (Heiterkeit.) Mit der Freiheit im Zukunftsßaat 'cheint es auch nicht weit her zu sein. Sagte doch Herr Heine auf dem letzten Parteitag: «Die Geistesfreiheit, die wir in der Zu „st haben wollen, sollten wir auch in der Gegenwart beanspruö Die „Soz. Monatshefte" sind seiner Zeit begründet worden G-VchtZDUnkte heraus, lediglich für freie
Diskussion auf ■ 6*'0**1 oes toodiuiix-ums ein Organ zu schaffen, das durch offizielle tü-V <(f)ten nicht eingeschränkt wird. fHört, hört!) Auf solche ''sführungen eines sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten IjtV war ich doch wohl zu meinen Ausführungen berechtigt, und ich glaube, Herrn Bernstein sagen zu dür.m, daß ich sein Zeugniß als ein äußerst unzuverlässiges betrachte. Herr Pachnicke sprach gestern davon, daß ich mit Kürassierstiefeln die Handelsverträge zertrete. Nun, seitdem Fürst Bismarck die Kürassieruniform getragen hat, gilt diese als ein Zeichen der Kraft. Mir sind die Kürassierstiefel immer noch lieber, als die goldenen Ketten, die dem Handelsvertragsverein von der haute finance umgehängt sind. (Sehr gut! rechts.) Ich komme zum Schluß. Ich habe schon einmal auf die kleine Schweiz verwiesen, die ihre Jrtteressen gegenüber den Vereinigten Staaten in der erfolgreichsten Weise vertreten hat, indem sie den Meistbegünstigungsvertrag kündigte. Das große deutsche Reich hat das nicht gethan. Die Sozialdemokraten haben keinen Grund, von einem Wuchertarif zu sprechen. Sie haben doch auch die Caprivischen Handelsverträge angenommen; und ich sage: Wer überhaupt wuchert, der wuchert auch mit 3,50 Mk. (Heiterkeit.) Herr Moeller hat sich als Abgeordneter durchaus in unserem Sinne geäußert. Hoffentlich wird er diese Grundsätze auch als Minister beibehalten. Möge nun die eine ober bie anbere Resolution angenommen werben, jebenfalls glaube ich nicht, baß ber Reichstag jemals wieder solche Hanbelsverträge genehmigen wird, wie sie unter Graf Caprivi abgeschlossen wurden.
Abg. Lucke (Bund der Landwirthe) erklärt, daß seine Freunde für die Resolution Hehl stimmen werden. Deutschland wird in dem Konventionaltarif um etwa 25 Prozent gegenüber Amerika benach- theiligt. Deutschland ist der beste Käufer der Welt, alsp sind wir voll und ganz (sehr gut! rechts) in ber Lage, bie Verträge in unferm Interesse zu gestalten. Wir dürfen nicht die Interessen des Auslandes wahrnehmen.
Abg. Gothcin (freif. Vgg.): Wir müssen jede Verdächtigung, als ob dem Handelsvertragsverein goldene Ketten um den Hals gelegt seien, auf das Entschiedenste zurückweisen. Ich fordere Herrn von Heyl auf, den Wahrheitsbeweis für diese Verdächtigung — ich finde keinen anderen Ausdruck dafür — anzutreten. Wir sind jederzeit in der Lage, den vollen Gegenbeweis zu erbringen. Es ist jetzt Mode und auch stüher schon Mode gewesen, alle unbequemen Gegner als Agenten des Auslandes zu bezeichnen. Indessen, das kann uns nicht irritiren. Wir wissen, daß unser Vorgehen mir im nationalen Interesse liegt. Ich gebe zu, daß wir von Amerika nicht sehr schön behandelt werden. Aber so etwas beruht stets auf Gegenseitigkeit. Amerika hat den Vertrag von 1828 illoyal ausgelegt. Aber bis 1861 kannten wir überhaupt gar keine volle Meistbegünstigung, es war lediglich davon die Rede, daß die allgemein gewährten Vergünstigungen dem Vertragslande zu Gute kommen sollten, dagegen nicht die einem einzelnen anderen Staate gewährten. Erst durch den stanzösisch-englischen Handelsvertrag von 1860 erhielt die Meistbegünstigungsklausel ihren modernen Sinn. Die Stellung der Konservativen zur Vertragspolitik war nicht immer bie, bie sie heute einnehmen. Denken Sie an den Jubel, mit dem der preußisch- französische Vertrag von 1862 aufgenommen wurde. Was soll nun jetzt bie zum Ueberdruß gehörte Weisheit, bie angeblich von Bismarck stammen soll, baß man wirthschaftliche Fragen nicht mit politischen verquicken solle? Gcrabe Bismarck war ein Meister in ber Kunst dieser Verquickung, das hat er noch im Frankfurter Friebensvertrag 1871 bewiesen, wo bie Meistbegünstigung als unkünbbar mit auf genommen würbe. Heute soll diese Meistbegünstigung ein Unsinn fein! Was ist das überhaupt für eine Argumentation, die von den Gegnern der Meistbegünstigung beliebt wird? Die Herren reiten immer noch das unbrauchbare Steckenpferd von der passiven Handelsbilanz vor, das doch längst zum alten Eisen geworfen sein sollte. Jeder, der etwas von der Sache versteht, weiß doch, daß die Wissenschaft längst nachg.'wiesen hat, daß es nicht auf die Handelsbilanz, sondern auf die Zahlungsbilanz ankommt. Auch kommt noch in Betracht, dap uns noch Millionen von Frachten anzurechnen sind, da Amerika
noch keine interozeanische Flotte hat. Es hat keinen Zweck, hier mit Kürassierstiefeln die amerikanisch-deutschen Handelsbeziehungen entzweitrampeln zu wollen, so sehr ich den Kürassier stiefel für eine achtungswerthe Erscheinung halte, an einem Kürassier nämlich, weniger steilich an einem Diplomaten. Auch wir sind der Meinung, daß langfristige Tarifverträge weit besser sind, als Meistbegünsti- gungsverrräge. Aber wo wir erstere nicht erlangen können, da ist es noch immer besser, wie haben Meistbegünstigungsverträge, als einen vertragslosen Zustand. Jedenfalls, glaube ich, haben wir vollständig Zeit, mit der Kündigung der Meistbegünstigung zu warten, bis wir die Handelsverträge mit den übrigen Staaten unter Dach gebracht haben.
Abg. Fürst Bismarck (6. k. Fr): Herr Graf Posadowsky hat gestern erklärt, es würde ihm zur großen Freude gereichen, wenn es zum Abschluß eines Tarifvertrags mit den Vereinigten Staaten von Amerika kommen würde. Diese Worte sind mir ein Beweis dafür, daß die Regierung sich bemühen wird, einen solchen Vertrag zu Stande zu bringen, und bei ber Tüchtigkeit unserer leitenden Staatsmänner haben wir alle Aussicht, daß sie ihre Absicht auch durchsetzen. Das ist auch der Zweck der Resolution. Es ist ein nationaler Wunsch, daß dem jetzt bestehenden für uns nachtheiligen Zustand ein Ende bereitet werde. Wie das zu machen ist, ist Sache der Regierung, die, wie ich glaube, für bie vielen ihr hier von sachkundigen Männern gegebenen Anregungen dankbar sein wird. Graf Posadowsky hat zugegeben, daß reine Meistbegiinstigungsver- träge schwere Lasten mit sich bringen. Dies Anerkenntniß vom Regierungstisch ist mit Freuden zu begrüßen als Zeichen der Absicht, uns von dem unbequemen nachtheiligen Meistbegünstigungsvertrag mit Nordamerika zu befreien. Ich habe mit Genugthuung konsta- tirt, daß der Abg. Gothein am Schluß seiner Rede in viel milderem Sinne gesprochen hat als es in den Organen und Versammlungen seiner Partei noch bis vor einigen Wochen und Monaten geschah (Sehr richtig! rechts.) Der Wortführer der Handelsvertragsvartei par excellence giebt die Möglichkeit zu, daß mit Amerika günstigere Handelsverträge abgeschlossen werden könnten. Hoffentlich wird in nicht zu langer Zeit diese Möglichkeit zur Gewißheit werden. Das Abkommen von 1900 sollte unsere Unterhändler, welche es mich sein mögen, möglichst vorsichtig machen und ihnen das Gewissen schärfen, damit sie nicht wieder ein so nachtheiliges Abkommen schließen wie das Saratoga-Abkommen. Es erscheint auch fraglich, ob das Sara- toga-Abkommen nicht dem Reichstag hätte vorgelegt werden müssen; Graf Posadowsky verneint das. Ich will dem nicht widersprechen, sondern mich mit dem Hinweis begnügen, daß thatsäch- lich Zweifel darüber bestehen. Es handelt sich da nicht einmal um die volle Meistbegünstigung, denn wir sind im Schaumwein differenzirt. Wir haben volle Reziprozität den Amerikanern gegenüber bewiesen, aber diese haben in Bezug auf den Schaumwein einen Vorbehalt gemacht und differenzirt. Auch der Zucker in den westindischen und englischen Kolonien und Puerto Rico ist von Amerika trotz des Abkommens bevorzugt. Weiter besteht doch die Gefahr des Abschlusses des Vertrags zwischen Amerika und Kuba. Ich halte es für richtig, bie Aufmerksamkeit ber Regierung auch hierauf zu lenken. Enblich genießt auch ber Bitterschnaps in Frankreich eine bessere Verzollung als bei uns. Dies sehr kümmerliche Abkommen von 1900, bas nicht einmal bie volle Reziprozität gewährt, ist von vielen maßgebenben Seiten als eine Nieberlage, als »in Zukurzkommen unsererseits bezeichnet worben. Wenn man sich bin Zustände vergegenwärtigt, bie von 1891 bis 1900 hier herrschten, wo das peinliche Gefühl hatten, daß wir als selbstständige Großmacht schlechter behandelt wurden, als andere Mächte und als wir die andern behandeln, so wird man es vorn nationalen Standpunkt aus lebhaft begrüßen können, daß dieser Zustand wenigstens prinzipiell aus ber Welt geschafft ist. Erinnern Sie sich boch ber Debatte vor vier Jahren, als ber bamaHge Staatssekretär bes Auswärtigen, Graf Bülow, noch bevor bie Besprechung begann, ein Schriftstück verlas, wonach bie Beschwerben gegen Amerika sich auf vier Punkte foncentrirten, in denen nach unserer Ueberzeugung die Regierung der Union uns gegenüber den Rechtsboden verlassen hatte. Auf Wunsch der Regierung wurde damals hier mit möglichster Milde debattirt, weil die Verhandlungen noch schwebten. Das Er- gebniß war das etwa fünf Vierteljahre darauf abgeschlossene Abkommen vom Sommer 1900. Ich kann darin dem Abgeordneten Gothein nicht folgen ,daß wir durch eine zu frühe Kündigung des Meistbegünstigungsverhältnisses benachtheiligt würden. Ich will ja nicht sagen, daß die Kündigung heute oder morgen geschehen solle; wann sie eintritt, muß den Herren von der Regierung überlassen bleiben; aber das Verhältniß noct) über Jahr und Tag bestehen zu lassen, das halte ich nicht für richtig. Bei ber kolossalen Einfuhr von Amerika nach Deutschland werden sich bie Amerikaner bann schneller bereit finben lassen, unsere Wünsche zu erfüllen. Jebenfalls werben wir bann nicht schlechter fahren als jetzt. Erst ber Dingley-Tarif hat bie Herren von ber Regierung auf gerüttelt. Ich halte es für richtig, bas zu betonen, weil je mehr hier in ber breiten Öffentlichkeit bebattirt wirb, befto mehr ber Regierung ber Rücken gestärkt wirb und bei ihr bie Ueberzeugung hervortreten muß, baß eine rabilate Aenberung in unseren Vertragsbeziehungen nothwenbig ist. Gmiz im Gegensatz zu bem Grafen Posabowsky kann i<£ nicht zugeben, baß bie Bemerkungen des Grafen Kanitz bie Positron ber Regierung erschweren würden. Im Gegentheil, je mehr bie Trommel gerührt unb gesagt wirb, wir wollen uns nicht länger über ben Löffel barbiren lassen, unb unsere Lammsgebulb wirb enblich in Ungebulb verwandelt, desto mehr wird die Regierung bestärkt werden. Nach meiner Meinung schwächen gerade einzelne Aeußerungen ber Herren von der Linken bie Position ber Regierung. Ich halte es nicht gcrabe für richtig, bie auswärtigen Staaten bar auf hinzuweisen, inwieweit sie Maßnahmen gegen uns ergreifen können. Das Hauptmoment ber Rebe des Herrn Abgeordneten Speck bestand darin, daß er hervorhob, daß diese Meistbegünstigungsbeziehung zu den Vereinigten Staaten der größte Nachtheil für unsere Vertragsstaaten sei. Und daß wir Oesterreich, Rußland und unsere übrigen nächsten Nachbarn mehr berücksichtigen müssen, als Amerika, das halten wir doch für selbstverständlich. Eine Aeußerung des Abg. Bernstein, man könne den amerikanischen Weizen schlechter behandeln, hat mich sehr interessirt; sie wird ber Regierung als schätzbares Material zu unterbreiten sein. Dem Abg. Bernstein sinb, ebenso wie bem Abg. Semler, zahlreiche Jrrthümer unterlaufen; sie übersehen, baß ber Import aus Amerika auch für bie Jnbuitrie eine große Gefahr bebeutet. Herr Gold- berger ist in Amerika in einen wahren Taumel über bie dortige Industrie gerathen; trotz ber großen Entfernung erwächst baraus Deutscklanb eine große Konkurrenz, unb wenn wir bie Amerikaner noef) mehr stärken, so wirb bie Gefahr für bie Industrie noch größer. Vor Allem gilt es bie Eiseninbustrie zu schützen, bie in allen Länbern als Rückgrat ber Jnbustric anzusehen ist. Hüten wir uns, daß wir mit unserer Handelspolitik auf den Nullpunkt oder noch darunter sinken! Einen Zollkrieg brmichen wir nicht zu fürchten, ich hoffe, daß wir bald zu annehmbaren Verträgen kommen. (Beifall rechts.)
Abg. Bernstein (Soz.): Alle intereHirten Kreise sind sich darüber klar^ von welcher großen Gefahr ein Zollkrieg mit Amerika für
unsere gefammte Volkswirthschaft ist. Unter solchen Umständen kann man die Ausführungen des Abg. Fürst Bismarck nur als leere Drohungen ansehen, von denen er doch selbst sagte, man dürfe sie nicht ausstoßen.
Abg. Frhr. Heyl zu Herrnsheim bemerkt, er habe keineswegs eine Verdächtigung gegen die freisinnige Vereinigung ausgesprochen, sondern nur sich gegen den Handelsvertragsverein gewandt; es lasse sich doch nicht leugnen, daß die haute finance große Summen dem Handelsvertragsverein zur Verfügung gestellt hätte. Eine Verdächtigung sei es jedoch, wenn man ihm (Redner) den Vorwurf mache, daß er bie Ketten bes Bunbes ber Lanbwirthe trage, er habe^ mit dem Bund der Landwirthe nicht das Mindeste zu thun. Herrn Pachnicke empfehle er, seine Kürassiersticfel in Zukunft in der Mappe zu behalten. (Große Heiterkeit^ Redner zieht hierauf seine Resolution zu Gunsten ber Resolution Speck zurück.
Nach weiteren kurzen Bemerkungen ber Abgg. Dr. Pachmcke und Semler (nat.-lib.) schließt die Diskussion.
Das Haus hat sich inzwischen ziemlich gefüllt.
Die A b st i m m u n g über die Resolution Speck ist emc namentliche. Die Resolution toiio mit 141 gegen 67 Stimmen angenommen, bei 2 Stimmenthaltungen.
Der Wortlaut der Resolution Speck ist folgender:
Der Reichstag wolle beschließen, ben Reichskanzler zu er» suchen, thunlichst bald, wenn möglich noch vor Erneuerung von Tarifverträgen, das vertragsmäßig oder herkömmlich bestehende Mcistbegünstigungsverhältniß zu allen denjenigen Ländern zu lösen, bei welchen bie Erfahrung gezeigt hat, baß ein solches Verhältniß ben beutschcn Interessen nachtheilig gewesen ist, unb bar» auf hinzuwirken, daß mit solchen Ländern reine Meistbegünstt- gungSbcrträge nicht mehr abgeschlossen werden.
Es folgt die Berathung der Resolution der Sozialdemokraten: v ,
Der Reichstag wolle beschließen, den Reichskanzler zu er« suchen, einen Gesetzentwurf baldigst vorzulegen, durch den untersagt wird, in Straf-, Versorgungs- und Beschäftig u n g s a n st a l t e n , welche aus öffentlichen Mitteln unter# halten ober unterstützt werden, andere gewerbliche Arbeiten als solche für den eigenen Bedarf, für ben Vebarf des Reichs, eines deutschen Staats ober Gemeinbeverbanbes auszuführen unb ben Verkauf gewerblicher Erzeugnisse für eigene Rechnung, für Rechnung des Reichs, eines beutschen Staats ober eines Gemeinbe- verbandcs zu niebrigeren als ben marktmäßigen Preisen statt- finben zu lasten. . ,,
Abg. Säubert (Soz.) begründet bie Resolutton. Gerade letzt bei ber andauernden wirthschastlichen Depression müssen wir unbedingt eine Einschränkung ber Zuchthaus- unb Gefängnißarbesi ferbern. Wie schwere Konkurrenz biese Arbeit bem freien Arbeiter wacht, zeigen bie zahlreichen Petitionen, bie hierüber wiederhol* bem Reichstage zugegangen sinb. Der Reichstag ist geradezu verpflichtet, in einem Augenblick, wo man ein solches Gesetz, wie ben Zolltarif, angenommen hat, wenigstens in diesem Punkte ben Handwerkern unb Arbeitern zu helfen.
Abg. Schlumberger (nat.4ibj: In ber Kommission wurde diese Resolution abgelehnt, weil diese Angelegenheit nicht zur Kompetenz des Reiches, sondern zu der der Einzelstaaten gehört. Prinzipiell aber erklärten sich die meisten Abgeordneten mit dem Sinne der Resolution einverstanden. Sonderbar ist es, daß die Sozialdemokraten hier die Konkurrenz der Gefängnißanstalten beseitigen wollen, während sic in der Kommission überall für Zollfreiheit eingetreten sind und den deutschen Arbeiter dadurch der Konkurrenz des Auslandes ausliefern wollten. Redner verbreitet sich hieraus ausführlich über die Lage des Textilmarktes.
Präsident Gras v. Ballcstrem: Herr Abgeordneter, Sie können boch unmöglich bei bieser Resolution sich über bie gefammte Arbeiterfrage äußern.
Abg. Schlumberger (fortfahrenbj bittet darauf die Resolution abzulehnen.
Geheimrath Dr. Kröhne: Seit langer Zeit sind schon Verfügungen erlassen, die ein Unterbieten ber freien Arbeit burdj die Gefängnißarbeit verbieten. Letztere hat auch immer mehr abgenommen, unb es ist Aussicht vorhanben, daß sie in absehbarer Zeit so gut wie ganz verschwinden wird. Natürlich kann so etwas nicht innerhalb weniger Jahre geschehen. Es herrscht immer mehr das Bestreben, bie Gefangenen nur noch zu lanbwirthschaftlichen Arbeiten, bie ber allgemeinen Lanbeskultur bienen, heranzuziehen und bamit der Ansiedelung von kleinen bäuerlichen Grundbesitzern Vorschub zu leisten.
Abg. Gamp (Np.) spricht dem Regierungsvertreter Dank auS für seine Mittheilungen, die allerdings für einen Kenner der Verhältnisse nichts Neues enthielten. Für Sträflinge giebt es gar keine angemessenere Beschäftigung, als die Hebung der Landeskultur. Dem sozialdemokratischen Eintrag kann man nicht zustimmen, weil er das unbedingte Verbot jeder gewerblichen Arbeit für Gefängniß- arbeiter verlangt. Das geht natürlich viel zu weit, daß man die Gefängnißarbeiker besser stellt, als bie freien Arbeiter, inbem man sie auf Staatskosten ernährt unb sie von jeder Arbeit befreit.
Abg. Schrader (freif. Vgg.): Es ist kein Zweifel, daß ein großer Theil unserer Arbeiter durch Gefängnißarbeit fchtoer geschädigt wird. Da, wo die Gefängnißarbeit eingreift, werden bie inbuftrieUen Arbeiter von ben Zöllen besonbers schwer getroffen. Das zeigt sich z. B. bei ber Papierindustrie. Trotzdem die Resolution nicht glücklich gefaßt ist unb einige Inkorrektheiten enthält, werben meine Freunbe dafür stimmen, denn wir halten eine weserüliche Einschränkung ber Gefängnißarbeit für bringend nöthig.
Abg. Dr. Schädler (Ctr.j: Den Forderungen der Resolutton wird schon jetzt stelleniveise Rechnung getragen. Die Folge davon ist ein wesentlicher Rückgang der Gefängnißarbeit; ein solcher ist u. A. auch in Baiern zu verzeichnen. Im preußischen Abgeordnetenhaufe hak besonders mein Freund Euler wiederholt auf bie Konkurrenz, die die Gefängnißarbeit dem Handwerk macht, hingewiesen. Wir erkennen an, daß die Resolution einen berechtigten Kern enthält, aber die Regelung der Materie, die sie behandelt, ist der Landesgesetzgebung Vorbehalten, und deshalb werden wir dagegen stimmen, so sehr wir auch mit dem Prinzip derselben einverstanden sind.
Abg. Bauden (Soz.) oolemisirt gegen den Abg. Schlumberger und versucht, sich über die Verhältnisse in der Textilindustrie zu verbreiten, wirb aber vom Präsidenten daran gehindert.
Hiermit s ch l i e ß t die D e b a 11 e.
Die Resolution wird gegen die Stimmen der Freisinnigen und Sozialdemokraten abgelehnt.
Das Hans vertagt sich.
Nächste Sitzung: Sonnabend 1 Uhr. (Interpellation Roesicke betr. Malzgerste, Berathung der Resolution zum Zolltarif bett, die Viehzölle, Petitionen).
Schluß 5% Uhr.


