alle ryre Bemühungen darauf richten, die guten Beziehungen zu erhalten und weiter zu entwickeln, mit Rußland und den anderen ^Großmächten, ganz besonders aber midi mit den Nachb -rstaoten. Trotz der verhältnismäßig kurzen Zeit, welche der Regierung geblieben ist, kündigt die Thronrede doch eine Anzahl Gesetzentwürfe an, deren erheblichste diejenigen über die Errichtung landwirtschaftlicher M u st e r s ch u l c n, über die Wanderungen in der Organisation der Armee und über die Beamten sind.
Deutsches Deich.
Berlin, 5. Nov. Gestern Härte der Kaiser die Boi> kräge des Staatssekretärs des Reichsmarineamtes und des Chefs des Marinekabinetts. Das heutige Bulletin lautet: Tie Wunde ist beinahe zugeheilt. Der Kaiser kann seit g estern die FIüsterspra ch e gebrauchen. Das nächste Bulletin wird übermorgen ausgegeben.
— Ter D-andelsmrnister Mö l l e r hat in Stettin noch, eine Rede gehalten, die nachstehende Sätze brachte: „Deutschland sei seit den siebziger Jahren von . einem Agrar st aat in einen Industrie st aat h i n^e i n gewachsen. Ohne die Entwicklung Von Handel, Industrie und Schiffahrt würden wir nicht tu der Lage sein, die sich -stetig steigernde Bevölkerung zu ernähren. Wäre Deutsch^- land ein Land geblieben, wie es Ende der sechziger Jahre war, ein lediglich landwirtschaftlicher Staat, so würde unsere Landwirtschaft sich in ganz ariderer Lage befinden, als es gegenwärtig der Fall ist; sie würde mit Preisen rechnen'müssen, wie die Russen. Ich weiß sehr wohl, daß das mir ein teilweiser Ausgleich ist gegen Zustände, die früher herrschten, es sind das aber solche, cm denen nicht der Staat und die Regierung, die Gewerbe und der Kaufmannschaft schuld sind, sondern es liegt dies in der Entwickelung der ganzen Welt."
— Tie Veröffentlichung des Termins des Reichs- ^tagsbeginns steht unmittelbar bevor; die Tagung vor Weihnachten wird nur kurz sein. Wie halboffiziös mitgeteilt wird, wird alsbald der Etat, das Handelsver- tragsprovisorium mit England, die Novelle jum Militärpension s- und zum Börsengesetz dem Reichstage zugehen.
— Tas Ergebnis der Landtagswahl liegt noch immer nicht vollständig vor. Als gewählt sind bis jetzt 'bekannt. 130 Konservative, 49 Freikonservative, 90Zentrum, 77 Nationalliberale, 23 Freisinnige Volkspartei, 9 Freisinnige Vereinigung, 13 Polen, 2 Dänen und 5 Wilde: 19 Mandate sind unentschieden. Wie aus Danzig gemeldet wird, ist nach den Resultaten aus den Landkreisen nunmehr eine liberale Mehrheit gesichert
Königsberg, 15. Nov. Die Haftentlassung der Sozialdemokraten Braun und Nowagrvtzki wurde abgelehnt. Die Anklage lautet jetzt auf Beihilfe zum Hochverrat gegen das russische Reich und auf Beihilfe zur Beleidigung des Zaren.
Ausland.
Paris, 15. Nov. In Cherbourg verhaftete man den Anarchisten Lambiten, der ein eifriger Anhänger der Propaganda der Tat ist, obgleich er erst 20 Jahre alt ist. Im Dezember 1901 hatte er eine Bombe an der Kirche zu Troyes niedergelegt, während in derselben an Kinder Unterricht erteilt wurde. Turch einen glücklichen Zufall wurde damals niemand verletzt, der durch die Explosion ungerichtete Schaden war aber groß. Ter Anarchist erklärte im gestrigen Verhör, niemand könne besser wie er Bomben unfertigen. Er kenne alle Explosivstoffe und deren Handhabung, weil er mehrere Fahre in einem chemischen Laboratorium tätig gewesen sei. Wegen des Attentates von 1901 wurde er zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt. Ter Anarchist ist gestern abend in Be- gleittmg mehrerer Polizisten nach Paris gebracht worden.
P i s a, 15. Nov. Der König und die K ö n i g i n traten heute früh die Reise nach England an. Der Minister des Aeußern Tittoni begleitet das Königspaar. Auf der Reise nach London sandte der König von Italien heute nachmittag beim Betreten ftanzösischen Gebiets ein Sympathietelegramm an den Präsidenten Lou- Det. Das Königspaar berührte nachmittags Nizza und Marseille, doch unterblieb jeder Empfang, da die Reise im strengsten Inkognito vor sich geht. Der Zug des Königspaares wird deshalb morgen ftüh direkt von der Südbahn nach Versailles auf her Westbahn übergeführt, ohne Paris zu berühren.
Wien, 15. Nov. Boris Sarafow, der am'Freitag mit 65 Hauptmitgliedern des mazedonischen Komitees in Küstendil eintraf, war Gegenstand großer Ovationen seitens der Bevölkeruna. Sofianer Depeschen wollen sogar wissen, daß Fürst Ferdinand Sarafow einen Ehrensäbel hat überreichen lassen. Bon mehreren bulgarischen Millionären erhielt Sarafow bedeutende Geldgeschenke.
Sza tm ar (Ungarn), 15. Nov. Der Handelsminister Hieronymi hielt in einer Wählerversammlung eine Rede. Er bekannte sich als Gegner der Schutzzo llpolitik, weil eine solche in Ungarn, wo 8 5 Pro z. derBevölker- ung Landwirtschaft treiben, unheilvolle Folgen haben müsse. Sodann wies der Minister darauf hin, daß die gegenwärtigen innerpolitischien Verhältnisse der Aufnahme von Vertragsverhandlungen mit den ftemden Staaten im Wege seien. „Wir verdanken es nur dem politischen Bündnisse mit Deutschland, sagte der Minister, daß der Handelsvertrag mit Deutschland noch nicht gekündigt ist. Es wäre für Ungarn von großem Nachteil, wenn infolge unserer inneren Streitigkeiten Deutschland zuerst einen Vertrag mit Rußland abschließe und die hierbei erzielten Zoll- tarifvereinbarungen auf uns anwendete."
Konstantinopel, 13. Nov. Die türkischen Matter veröffentlichen die offiziöse Mitteilung wonach laut amtlichen Erhebungen im Wilajet Monasnr im Kreise Ochrida 1421, im Kreise Kastoria 1322, im Bezirk Binletschte, Sand- schak Korytza, 384 Häuser ni edergebrannt wurden, welche jetzt mit einem Kostenaufwand von 515 436 Piaster wieder aufgebaut werden. Auch Geldunterstützungen werden verteilt. In , den übrigen Kreisen dauern die Erhebungen über die gleichen Maßnahmen noch fort._______________
Aus Stadt und Kund.
Gießen, 16. November 1903.
** Bazar. Tank der fteundwilligen Unterstützung aller Kreise unserer Bürgerschaft verspricht der Bazar, der am Mittwoch den 18. Nov. nachmittags 4 Uhr in den Räumen des neuen SaalbaueS (Steins Garten) beginnen, und Freitag Abend enden wird, wahrhaft glanzvoll zu werden. Unsere Stadt hat in ihren Mauern schon manche Veranstaltung gesehen, die jeden nach seinem Belieben in die Lage versetzt, ein gutes Werk zu tun, aber sicherlich noch kein Wohltätig-
kcitsfest, das lange vorbereitet und vorbedacht, so viele Ueber- raschungen bieten wird wie der bevorstehende Bazar. Seit Wochen sind unsere liebenswürdigen Damen am Werk, ein farbenprächtiges, lebensvolles Bild in Szene zu setzen und tausend schöne Gaben spendend werden sie aller Augen entzücken. Und die zwiefache Gelegenheit, ein paar frohe Stunden zu verbringen und einem guten Zweck zu dienen, wird hoffentlich gar viele veranlassen, den Bazar zu besuchen. Wir wünschen von Herzen, daß dem verdienstvollen Unternehmen ein klingender Erfolg beschieden sein möge.
** Provinzialausschuß. Wie wir schon berichteten, hatte sich der Provinzialausschuß der Provinz Obcr- hessen in seiner heutigen um 9 Uhr beginnenden Sitzung mit dem Antrag auf Konzessionsentziehung gegen die Wirte W alp er und Schmidt zu Romrod, Kreis Alsfeld, wegen Uebertretung der Gewerbeordnung zu beschäftigen. Die Wirte Walpcr und Schmidt zu Romrod haben gegen das unter Androhung der Konzessionseutziehung erteilte Vevbot, dem Georg Diemer in Romrod geistige Getränke zu verabreichen, oder diesen auch nur in der Wirtschaft zu dulden, verstoßen, weshalb das Großh.,Kreisamt Alsfeld unterm 10. Juli d. I. in Gemäßheit der §§ 33 und 53 der Gewerbeordnung und § 67 der Vollzugsordnung hierzu beantragte, das Verfahren zur Entziehung der Wirtschafislonzession gegen die Genannten einzuleiten. In der heutigen Verhandlung bestreitet Walpcr, daß weder er noch eines seiner Angehörigen dem Diemer geistige Getränke verabreicht hätte. Schmidt dagegen gibt zu, dies getan zu haben, da D. bei ihm gearbeitet habe und er diesen mit Essen und Trinken versorgen müsse, bestreitet jedoch, sich einer strafbaren Handlung schuldig gemacht zu haben. Zeuge A. Mohr von Romrod bestätigt, daß Diemer in den Wirtschaften schon Branntwein vor sich stehen gehabt habe, von wem er ihn jedoch erhalten habe, könne er nicht sagen. Der Provinzialausschuß nimmt auf Grund der Beweisaufnahme als erwiesen an, daß Diemer in der Wirtschaft geduldet wurde und auch geistige Getränke erhalten hat, wodurch das Verbot übertreten sei. Eine Verfehlung liege vor, auch wenn D. in dem Lokal geduldet werde und von anderen Gästen geistige Getränke erhalte. Es liege also ein Grund zur Konzessionsentziehung vor, da aber nur einzelne Fälle nachgewiesen seien, wird von einer KonzessiouSentziehung abgesehen, Walper und Schmidt jedoch in die Kosten des Verfahrens verurteilt. — Das Gesuch des Wilhelm Rinn VIII. zu Heuchelheim um Erlaubnis zum Betrieb einer Schankwirtschaft wird mangels Nachweises eines vorhandenen Bedürfnisses abgclehnt, die Kosten des Verfahrens werden dem Rekurrenten auferlegt und dieser zur Zahlung einer Verhatidlungsgebühr von 10 Mark an die Provinzialkasse herangezogen. — Tas Gesuch des Philipp Möller zu Mainzlar um Erlaubnis zum Betrieb einerGastwirtschaft wird auf Antrag des Vertreters des Rekurrenten, Rechtsanwalt Leun zu Gießen, zwecks Ladung weiterer Zeugen vertagt, da die heute erschienene Zeugin nicht ausreicke, den Nachweis des vorhandenen Bedürfnisses zur Errtchtung einer Gastwirtschaft zu begründen. — Auch wurde das Urteil des Kreisausschusses des Kreises Friedberg vom 3. Juni 1903 bestätigt, welches das Gesuch des Heinrich Heyer zu Melbach um Erlaubnis zum Betrieb einer Gastwirtschaft mangels Nachweises eines vorhandenen Bedürfnisses cck- gelehnt hat. Rekurrent hat eine Verhandlungsgebühr von 5 Mark an die Pvovinzialkasse zu entrichten und die Kosten des Verfahrens zu tragen. Hierauf wurde die Sitzung um 123/4 Uhr geschlossen.
*♦ Oberhessischer Geschichtsverein. In der am 12. ds. stattgehabten ordentlichen Mitgliederversammlung hielt nach Erledigung der Geschäfte — die vom Ausschuß beantragte Satzungsänderung wurde einfHmnvg und debattelos genehmigt und auf Grund derselben nach Wreder- wahl der verbliebenen Vorstandsmitglieder die Herren Uni- versitätsbuchidrucker Kindt, Lehramtsassessor Klein und Kreisamtnrann Dr. Kranzbühler neu in den Vorstand gewählt — Herr Prof. Dr agendorff aus Frankfurt a. M. den angekündigten Vortrag. Er führte in demselben u. a. etwa aus: Was heutzutage bei Ausgrabungen in unseren Gegenden zu tage gefördert wird, erregt bei vielen eine gewisse Enttäuschung; die Ausbeute ist manchmal sehr gering, läßt sich vielleicht in einem Zigarrenkistchen nach Hause tragen und erregt meist keinen ästhetischen Genüße da es vielfach nur Scherben sind. In früheren Zeiten war das ja anders und ist auch heutzutage im Orient hier und da noch anders. Scherben im eigentlichen Sinne hat man bei Beginn der Ausgrabungen, etwa am Anfänge des 18. Jahrhunderts in Italien gar nicht beachtet; was dort aus den etruskischen Grabern zu tage kam, waren meist ganze Gefäße. Zwar leitete Winckelmann um die Mitte des Jahrhunderts die Forschung in richtige Bahnen, aber auch dann legte man auf die Umstände, unter denen die Funde gemacht wurden, noch kein Gewicht, sondern betrachtete nur die einzelne Vase. Das wurde anders erst durch Eduard Gerhardt, am Beginn des 19. Jahrhunderts, besonders als man auch in Griechenland ausmgraben begann und es sich dabei ergab, daß man dort die Gefäße als Gegen- ftände des täglichen Gebrauches in großen Mengen fand. Man lernte daher allmählich, sogar die Fabriken unterscheiden, aus denen die Ware stammte, und aus denen sie auf dem Handelswege nach Italien gekommen war. Man hat dann ferner auf römischem Boden und in der Provinz gelernt, die Ware sogar zum teil bis auf das Vierteljahrhundert in ihrem Alter zu bestimmen, auch ist man durchaus in der Lage, etwa nach Gallien oder Germanien importierte Ware von im Lande selbst verfertigten Nachahmungen zu unterscheiden. Diese Beschäftigungen mögen ja manchmal ein Lächeln Hervorrufen, sind aber wissenschaftlich notwendig. Cs ist ein Unterschied zwischen Metall und Tonware, abgesehen davon, daß jene schon ihrer leichteren Zersetzungsfähigkeit wegen weit seltener ist, ist sie auch viel kostbarer, viel teurer gewesen als diese, deren Material sich viel öfter und viel leichter gewinnt und findet; einfache Töpfe kann man fast überall darstellen; daher sind sie auch erst später zu einer den Transport lohnenden Ware geworden: Griechische Ware ist erst dann nach Italien gekommen, als es dort schon griechische Kolonien gab und ebenso kommt italienische Ware erst nach der Festsetzung der Römer nach Deutschland, aber auch nicht weit über die Grenze. Während aber im allgemeinen die Formen der Metallware dieselben bleiben, wandeln sich die Formen der Tongefäße. Aus Metallgegenständen, auch Münzen, läßt sich die Zeit nicht genau feststellen, sie geben nur einen Anhalt für die frühest mögliche Zeit, sie können ja viel länger gebraucht werden. Eine Münze aus der Zeit des Augustus z. B. besagte doch nur, daß das betreffende Grab oder die Ansiedlung nicht alles sein kann, wohl aber kann sie jünger sein, viel jünger sogar. Anders ist es bei Tongefäßen; sie geben einen genaueren Anhalt für die Datierung.
Vor einigen Jahren glaubte man die vielgesuchte Stell« von Cäsars Rheinübergang gefunden zu haben. Es stellte sich aber bei Betrachtung der Gefäßfunde heraus, daß die betreffende Ansiedlung um Hunderte von Jahren älter war. Andererseits hat man bei Haltern in Westfalen vor kurzem eine sichere römische Niederlassung entdeckt, eben durch Scherben, die aus augusteischer Zeit stammen; und zwar ist es teils Geschirr, aus Italien stammend, teils solches aus Gallien. Aber auch kulturhistorisch interessant sind die Scherben. Sehr bekannt sind die aus Terra sigillata.^ Diese Ware stammt zunächst aus Italien, wird aber in alle römische Provinzen, meist auf dem billigeren Wasserwege, verhandelt. Tann aber begann etwa zurzeit des Augustus in Gallien die Nachahmung; man kennt ganze Töpfereien, deren Produkte später die italienische Ware ganz verdrängte; aber in Deutschland verschwindet am Elide des ersten nachchristlichen Jahrhunderts auch die gallische Ware, indem unter dem Schutze der römischen Besatzungen auch, in anderen Gegenden Töpfereien entstanden, deren Dekorationen freilich viel roher waren. Das ist also römischer Kultureinftuß, der sich z. B. auch in Trier, Bonn, Andernach konstatieren läßt. — An den Vortrag schloß sich eine kurze Besprechung und es machte hierauf der Museums-Konservator Herr Hauptmann a. D. Kramer ausführliche Mitteilungen über die von itym und Herrn Major v. Schlemmer auf dem Trieb ausgefi'chrten Ausgrabungen,, -deren Funde, zi:m teil von der geschickten tziand des Herrn Ratsdieners Ochs schon wieder zusammengesetzt. ausgeü--llt waren.
** Besitzwechsel. Das Bäckermeister Ludwig Kämmerer'sche Besitztum, Seltersweg 28, Ecke Teufelslustgärtchen, ging für 52 000 Mk. durch Kauf in den Besitz des Kaufmanns Fritz Nowack über.
* * Der Wohltätigkeits-Verein „Fechtverband Gießen—Lahr" hielt vorige Woche seine Generalversammlung im „Deutschen Hof" ab, wobei sich bei der Nechnungs- ablage ein Ueberschuß von 555 Mk. ergab. Der Vorsitzende brachte zum Vortrag, daß außer diesen Geldern im verstossenen Vereinsjahr auch über 100 Mk. zu wohltätigen Zwecken verwandt worden seien, und daß das Gesamtvermögen bei der hiesigen Spar- und Leihkasse angelegt sei. Es wurde der Beschluß gefaßt, einen Teil des Vermögens an hiesige bedürftige Armen zu verteilen, und zwar soll er in Kohlen und Brot verausgabt werden. Wie aus dem Llnnoncenteil ersichtlich ist, sind schriftliche Meldungen bis zum 22. d. Mts. bei dem 1. Vorsitzenden, Herrn I. Weisel, Sonnenstr. 6, einzureichen. Außerdem soll nach dem Reichs- ivaisenhaus in Lahr an sämtliche sich dort befindlichen Pfleglinge ein Weihnachtsgeschenk, wie auch im vorigen Jahre, sowie an die Verwaltung ein Geldbetrag zu Weihnachten gesandt werden. Weiter wurde beschloßen, dem sich dort befindlichen Pflegling Wilhelm Rink von Gießen in das bereits voriges Jahr vom Verein angelegte Sparkassenbuch einen weiteren Betrag von 10 Mark beizufugen. Für das neue VereinSjahr sind ein Familienabend, eins Weihnachtsfeier und zwei Maskenbälle mit Ausflügen festgelegt worden. Trotz des schlechten Llblaufs des letzten Sommerfestes, welches durch die schlechte Witterung sehr geschädigt war, kann der Verein auf ein gut verlaufenes Geschäftsjahr zurückblicken.
• * Das Wintervergnügen desWohltätigkeits- vereins „Contentia" erfreute sich am Samstag abend eines sehr großen Zuspruchs in dem mit Tannen- und Jichtenbäumchen geschmückten Neuen Saalbau, dessen Wände in hübschen, malerischen Dekorationen sich präsentierten. Herr Wagner, der Vorsitzende des Vereins, begrüßte die Gäste und wies u. a. kurz darauf hin, daß aus den mittleren und höheren Kreisen die edle Sache des Vereins noch nicht die verdiente Unterstützung fände. Die Musik unserer Regimentskapelle unterhielt in einem längeren, ausgesuchten Programm die Festgäste, und nach einigen lustigen Szenen auf der Bühne wurde die Stimmung besonders gehoben. Zwei humoristische Szenen „Backfisch und Gouvernante^ und „Babette und Nanette", welche beiden Dienstmädchen im Laufe ihres Schwatzes auf der Straße inne werden, daß sie beide mit demselben Herrn Unteroffizier ein gütliches Verhältnis haben, wurden von jungen Damen sehr lebendig gesprochen und dargestellt. Eine außerordentliche Heiterkeit erregte dann noch der Schwank „Trudchens Schatz", wobei „Pieperchen", der Vater, in komischen Ausbrüchen seines hitzigen Temperamentes der Lachlust viel Stoff bot. Gegen 12 Uhr nachts wurden die Tanzkarten ausgegeben, und der Ball begann, der bis zum frühen Morgen in gelungenster, ungestörter Weise verlief.
* * D er hiesige Zweigverein vom Roten Kreuz veranstaltete gestern nachmittag im Caf^ Ebel eine Versammlung zur Gründung einer Sanitätskolonne. Sie war nicht so zahlreich besucht, wie man hätte erwarten können; u. a. waren Provinzialdirektor Dr. Breidert und 15 Herren vom Evangelischen Arbeiterverein erschienen. Amtsgerichtsrat Wiener eröffnete die Verhandlungen, indem er Stabsarzt Dr. Ehrlich das Wort erteilte zu einem Vortrag, in dem dieser die Anwesenden mit Zwecken und Zielen einer Sanitätskolonne, welche fast schon in allen größeren Städten existiere, bekannt machte. Nachdem eine Liste zirkuliert war, hatten sich 19 Herren eingezeichnet; die Zahl wird sich indessen vermehren. Vom Gardeverein haben sich schon eine Anzahl von Herren gemeldet. Nach dem Vortrag entspann sich eine rege Debatte, wobei verschiedene Meinungen laut wurden über die äußerliche Kenntlichmachung der Mitglieder der Sanitätskolonne. Eine endgiltige Bestimmung darüber wird noch getroffen werden. Nächsten Sonntag nachmittag 4 Uhr soll der erste Vortrag mit praktischen Hebungen in der zur Verfügung stehenden Turnhalle der Stadt- Mädchenschule stattfinden. An den folgenden Sonntagen sollen von 3—4 Uhr und an einem noch zu bestimmenden Wochentage abends weitere Vorträge mit Hebungen erfolgen. Den Kursus wird eine Prüfung abschließen, und für die Organisation und Leitung der Kolonne werden geeignete Leute' als Führer und Ordner bestimmt werden.
*• DieBüchersammlnngdes Alldeutschen Verbandes hat den Zweck der Begründung von Volksbüchereien in national bedrohten Gebieten in- und außerhalb des Reiches. Auf den ersten Aufruf, den seiner Zeit die hiesige Ortsgruppe des Alldeutschen Verbandes im Anzeigenteil unseres Blattes veröffentlicht hat, sind derselben von verschiedenen Seiten Spenden zugegangen, die in zwei Sendungen bet Berliner Hauptleitung überwiesen werben konnten. Mit dem Dank, den die Ortsgruppe den Spendern und Spen- berinen ausspricht, verbindet sie die dringende Bitte um weitere-


