LS8. Jahrgang
Zweites Blatt«
Amt;- und Anzeigeblatt für den Mreis Gießen
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Ende gegen 11 Uhr. AfcdeilbO, 3^0,2.50 Mkl tod an der Abente
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7. November ierPück in Wta agthla
Kmyert-DFreiN.
Gießen, 15. Rvv.
GietzenerAnzeiger
** General-Anzeiger w
Nr. 2ß»
Erscheint täglich außer Sonntags.
Dem (Siebener Anzeiger werden im Wechsel mit den, Vekstlchen Landwirt btt Siegener Familien« Hättet viermal in der Woche deigeiegi,
Rotationsdruck a. Verlag de, Brühl 'schen llntverl.'Buch' u. Stein- druckerei (Pietsch Erdens Redaktion, txveDitton and Druckerei:
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NdreNe füx Depeichent Anzeiger «tetzea.
FerniprrchcinichillßNr 61.
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Montag 16. November 1903
VezngspesiO» monatlich 7b Pi^ oterteU jährlich DU. 120; durch Avhole- u. Zweigstellen monatlich 6o Pi., durch die Pott DU. 2.— ütertel* jährt. auölcfjL Bettellg.
Tas gestrige zweite Kvnzsrt, mit dem der Borst-md dem zahlreich erschienener: Publikum einen großen Germß bereitete, war insofern sehr interessant, als es von Anfcnrg bis Ende mir Solostücke für Klavier in schöner Wwechsel- img mit Sololiedern mit Begleitung brachte. Für den gesanglichen Teil des Konzerts war die weit und breri durch ihre glänzenden Leistungen bekannte Kannner- iängerin Frau Erika Wedekind von der Dresdener Hofop«r gewonnen, und den picmistischen Teil hatte der von früher der bestens bekannte Herr Professor Kwast aus Frankfurt am Main übernommen. Um zunächst mit den Bortragen der Sängerin zu beginnen, fa> bemerken wir gleich- daß der große künstlerische Ruf, der ihr voraufgmg, durchaus berechtigt war. r' ~ cn—
verdient. Die Mn war z. B. in dein vergeblichen Ständchen von Brahms die musikalische Zeichnung der beiden auftretenden Personen. Der Knab wurde mit forte, und das Mädchen mit zartem piano bedacht. Alle weiteren Sachen, die mir schon oben erwähnten, waren in gleick-er Meise geeignet, die große Kunst unseres Dresdener Gastes im günstigsten Lichte erscheinen zu lassen. Wir nennen außer dem wohlgelungenen Vortrag der Arie von Verdi noch die Forelle imb die Nachtigall, die unseres Erachtens zu den besten Leistungen der Frau Kammersängerin gehörte.
Ms einen Pianisten, der große Vorzüge sein eigen nennt, möchten wir Herrn Professor Kwast aus Frankfurt am Main bezeichnen, der vor einigen Jahren mit Herri: Konservatoriumsdirektor Scholz, ein Klavierkonzert d:eses Komponisten zur Aufführung brachte. Der gestrige Abend zeigte uns den Künstler nur als Solisten und als vorzüglichen Begleiter der vorgetragenen Sologesänge. Mit dem geschmackvollen Spiel eines Präludiums und Fuge von Back) eröffnete er die Reihe seiner Borträge, eines großen Klaviermeisters würdig. Es folgten im weitern Verlaufe ein Intermezzo (Es dur) und eine Rhapsodie (G moll) von Brahms, mit deren Wiedergabe der geehrte Künstler gleichfalls vielen herzlichen Beifall erntete. Als geschrnackvoller und feinsinniger Komponist zeigte er sich am Schluß mit drei gut erftmdenen Klavierstudien in C dur, Des dur und A dur. Mit diesen drei Piöcen erweckte er in dar Zuhörerschaft so lebhaften Beifall, daß er noch eine Zugabe, Etüde von Rameau, spendete. Pr.
Die „Neue Musik-Zeitung" (Verlag von Carl Grüninger, Stuttgart) bringt in Nr. 2 ihres neu ausgestatteten und vergrößerten 25. Jahrgangs einen interessanten Aussatz über das Thema der modernen Thea t erbau frage von Dr. Paul Marsvp, der in Gießen besonderes Interesse erwecken dürste
Heute vormittag um Uhr erhielten wir die erschütternde telegraphische Meldung von dem plötzlichen Tode des einzigen Töchterchens unseres Landesherrn. Prinzesstn Elisabeth ist heute, Montag, um 9% Uhr in Skiernewice in Polen, gestorben.
DaS Großherzogtum Hessen steht in tiefstem Leide unter dem Eindrücke dieser ganz unerwarteten Todcsbotschast. Das liebreizende Prinzeßchen Elisabeth wurde von dem unerbittlichen Tode dahingerafft, fern von der Heimat, im zartesten Kindesalter, im Älter von 8!/9 Jahren. Die näheren Umstände sind uns z. ZI. noch unbekannt, nichts anderes wißen wir zur Stunde, als daß sie der Tod auf dem polnischen Lustschloffe ihres kaiserlichen Oheims, des Zaren, ereilt hat. Ihr bedauernswerter Vater, der Großherzog, hatte, wie uns wenige Stunden vor dem Eintreffen dieser Trauerkunde auS Darmstadt gedrahtet wurde, die Absicht, morgen, Dienstag, abend mit der nun dahingeschiedenen kleinen Prinzessin nach Beendigung der polnischen Jagden nach seiner hessischen Residenz zurückzukehren. Run ist wohl anzunehmen, daß sich der Aufenthalt dort noch verzögern wird, und Darmstadt wird den heimkehrenden Fürsten statt mit der alten Freude, in tiefster herzlichster Trauer empfangen.
Tas hessische Prinzeßchen, der Stolz und die Freude Und die Hoffnung des ganzen Landes, ist dahin gegangen, ehe es müde getoorden war, ehe es die Bitternisse dieses Lebens hatte erkennen und erfassen lernen. Es hat die Sonne geschaut und die kleinen lieblichen Freuden eines wohl behüteten Kinderlebens gekostet, und in den Armen des besten Vaters, unseres edeln und gerechten Fürsten, der jeden ihrer Schritte bewachte mit größter rührender Fürsorge, hat es seine unschuldsvolle Seele ausgehaucht. Wer hat mehr gehabt und müßte nicht sagen, dieses Mehr ist vom Nebel!
Was alles aber erhoffte der beklagenswerte Vater, unser Landesfürst. von seinem einzigen geliebten Kinde!
Die Reihe ihrer Vorträge eröffnete die geschätzte Künstlerin mit einer in italienischem Texte vor- zügllch gesungenen Arie aus „Ernenn" von Verdi. Iw weiteren Verlauf sang sie mit gesteigertem Erfolge ^zunächst nieder von Schubert (Forelle), Schumann (^uftrAlE) und Brahms (Vergebliches Ständchen), die sv großen Verfall sanden, daß sie sich schon nach dem Brahmo'schen med tu einer Zugabe von Mozart (ein Veilchen auf der Wiese stand), verstand. Mit gleichem Erfolge trug sie d:e werteren -Gesangskompositionen von Cornelius (Untreue), E>r:eg lquteu Morgen), und am Schlüsse „Tie Pachtigall" von Älabiess vor, deren letzte Strophe sie als Zugabe noch em- •tnal wiederholte.
Worin bestehen nun die Vorzüge dreser ausgezeichneten Künstlerin? Zunächst verfügt sie über emen in allen maen völlig ausgeglichenen herrlichen Sopran, der überall gleichviel ob 'hoch oder tief, mit staunenswerter Lerch- ligkert anspricht, und in Bezug aus seme dlllanrrerungen in der Tonbildung und in den ver,ch:edenen Umsätzen, dre jie jedem Lied entsprechend anders sang, das höchste -ob
einen viel schlimmeren Eindruck gemacht haben würde, als die Diskussion selbst. Der Zar selbist habe sich lange gegen die Vertagung seiner Reise gesträubt, -sich jedoch schließlich in die aus der diplomatischen Zwangslage hervorgegangenen Situation gefügt.
Tie römische „Tribuns veröffentlicht eine Unterredung ihres Pariser Korrespondenten mit dem Fürsten Nrussow. Urilssow erllärte, der Zar habe nicht aus Furcht vor einem Anschläge gezögert, sondern weil er irgendwelche feindselige Kundgebung fürchtet und die Kaiserin, die ihn habe begleiten sollen, einer solchen nicht habe aussetzen wollen. Tie Vertagung der Reise habe in keiner Weise die Beziehungen zwischen Italien und Rußlandändern können, während irgend ein Zwischenfall entgegen den Wünschen des Kaisers allen Russen
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RoMische Tagesschau.
Die vertagte Romreise des Zaren.
Fürst Urussow, welcher Ende d. I. den Dosten des russischen Botschafters in Rom übernehmen wird, äußerte sich gegenüber dem Pariser Korrespondenten des römischen „Eiornale d'Jtalia" über die Ursache der Vertagung der Romreise des Zaren. Tiefe Verschiebung sei darauf zurückzuführen, daß die italienische Regierung die in der Kammer von den Sozialisten hervorgerufene Debatte über die Reise des Zaren nicht verhindert hatte. Schon am Tage nach dieser Diskussion habe der Botschafter Netidow deshalb bei dein italienischen Minister des Aeußeren Beschwerde geführt. Tiefer habe jedoch geltend gemacht, daß die Unterdrückung einer solchen Debatte auf das italienische Volk
großes Mißbehagen geschaffen hätte. Das Reiseprojekt, fuhr Nrussow fort, sei nicht aufgegeben. Der Besuch Nege in den Wünsckwn des Kaisers und ganz Rußlands. Er werde mit allen Kräften für den Abschluß eines russisch-ita- tienischen Handelsvertrages eintreten.
Eine neue Verschwörung am Balkan.
Aus Sofia wird geschrieben: Seit Monaten werden zwischen den Belgrader Verschwörern und bulgarischen Offizieren geheime Verhandlungen! geführt, die eine, toerm nöt:g, gegen den Willen beider Regierungen zu unternehmende Kriegsaktion gegen die Pforte zum Zwecke haben, und wurden sogar zu diesem B>ehufe zwei Komitees: in Belgrad und Sofia, gebildet, welche eine unter der Form einer Der- sonalunion herzustellende Verschmelzung beider Staaten anzustreben haben. Tie Agitation soll tief in bulgarische Heerkreise gedrimgen sein, und es ist auch festgestellt worden, welche bulgarischen Regimenter für den Flibustrierkrieg gewönne:: wurden. Die fürstl. Regierung sah jichi auch gezwimgen, eine ganze Mnge von Offizieren in den Äarnisonen von Küstendil, Philippopel, Kasanlik, und Brednik durch Entfernung, Versetzung und sogar durch In h a s t i e ru n a soviel als möglich unschädlich zu machen. Tie Zahl der Gernaßregelten beläuft sich auf etwa 140 Offiziere. In Bulgarien soll erst der Thronwechsel durchgeführt werden. Das Kabinett Detrow weiß sich keinen anderen Rat zu schaffen, als — durch fortgesetzte glatte Dementis. Wenig Anmut und viel Unverfrorenheit! Das heißt den Vogel Strauß in der unverantwortlichsten Weise spielen! In der Tat ist die Lage am Balkan, namentlich in Bulgarien, ernster als je geworden. Mit Sicherheit läßt sich voraussehen, daß, wenn es den Mächten nicht gelingen sollte, die Wintermonate zur Herbeifilhrung einer gründlichen Vazifikation in Mazedonien auszunutzen, im nächsten Friihjahre der gan^e slawische Balkan iu Flanrmen 'tehen dürfte. F ü r st Ferdinand dürfte bis dahin gekürzt und in Bulgarien die Herrschaft der V e r - chwörer ebenso errichtet worden sein, wie sie es in Serbien ist.
Tie S o b r a n j e zu Sofia wurde am 15. d. Mts. durch den Fürsten eröffnet. Tie Thronrede stellt fest, daß das Volk, in Würdigung des Ernstes der gegenwärtigen Zeit, den jetzigen Inhabern der Mandate eine schwierige Aufgabe anvertraut hat, an der Wohlfahrt des Landes, dem Erfolge der nationalen Bestrebungen und der Größe des Vaterlandes mitzua^beiten. Tie Thronrede weist dann darauf hin, daß die Ereignisse dieses Sommers die Regierung zu außerordentlichen Ausgaben genötigt haben, die aber unumgänglich' notwendig gewesen seien, um die Arme^ in den S and zu setzen, den sie als Wächterin über die Unverletzlichkeit des Landes und d-e Unabhängig- teit des Vaterlandes haben müsse. Tie Regierruig werde
Und was alles erhoffte das ganze Land von seinem ^rrn- zeßchen! Die lieblichste und lauterste Quelle wohltätiger Anregungen und segensreicher Mrkungen hoffte man in ihr sich entwickeln zu sehen!
Mas sind Hoffnungen, was sind Entwürfe!
Unser Fürstenhaus ist reich geworden an harten Schicksalsschlägen. Was unser Landesherr als Menscb erlitten hat, was er an Enttäuschungen erfahren hat, bas trägt dazu bei, die Liebe und Verehrung fiir ihn im ganzen Volke aufs höchste zu steigern.
Wenn einem von solcher Volksliebe wie von einem rrndurchdringlichen Malle umgebenen Monarchen ein solches Leid, wie der Verlust des einzigen Kindes widerfährt, dann macht sich die allgemeine Zuneigung in elementarer Weise Luft. Und wenn es etwas gibt, was den schweren Herzenskummer des erlauchten Hessenherzoas ob dieses bejammernswerten Ereignisses um ein Kleines zu lindern vermag, dann ist es das Bewußtsein, daß das unerbittliche Schicksal, das ihm soeben sein Teuerstes genommen hat, ihm liebende Geschwister und das Her^ seines nun im tiefsten Schmerze doppelt mit ihm verbundenen, treuen Hessenvolkes gelassen hat, das ihm nun entgegenschlagt mit ganzer Kraft in wärmstem Mitempfinden.
Aus Darmstadt geht uns noch folgendes Telegramm zu: _
R. B. Darmstadt, 16. Nov. Dre Trauernachrrcht, daß Prinzessin Elisabeth heute morgen sanft entschlafen ist, ruft hier überall große Bestürzung und Trauer hervor. Auf dem 5^ofmarfchallamt ist niemand zu sprechen. Das erste Telegramm von heute früh 10 Uhr sprach zuerst von einer fchweren Erkrankung der Prinzessin, kurz danach kam die Todesnachricht. ,
sd. D a r m st a d t, 16. Niov. (Eigener Drahtberrcht.) Eine ofsizielle Nachricht über die Todesursache der Prinzessin Elisabeth liegt hier auf dem Hofmarschallamt noch nicht vor. Man spricht hier von Lungenentzündung. —i Tie Theater und andere Vergnügungsveranstaltungen sind fiirS nächste abgesagt.
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