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Nr. 39 Zwettes Blatt.
153. Jahrgang
Montag 16.3:ebvimr 1903
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Die heutige Kummer umfaßt 12 Seiten.
Macedonien.
Die bulgarische Regierung hat auf Drängen Rußlands und Oesterreichs sämtliche Kreispräfetten telegraphisch angewiesen, die Zweigvereine des maccdonischen Komitees aufzulösen und die ehemaligen Bandenführer Jankow und Nicolow zu verhaften. Gegen Die bisher verhafteten Führer wurde seitens des Gerichts die Anllage wegen Bandenbildung erhoben. Die der Verhaftung entgangenen Führer Soratow, Davidow und Zankow sollen sich bereits in M-acedonien befinden. In der gestrigen Sobranje fragte der oppositionelle Abg. Takew den Ministerpräsidenten Danew, warum Zontschew und Michailewstt bereits verhaftet und die Komitees geschlossen seien. Danew erwiderte, der Ministerrat habe 6c- schlossen, die Komitees zu vernichten. Lakew erklärte sich mit der Antwort nicht zufrieden und kündigte eine Interpellation an.
Tas Wiener „Fremdenblatt" bezeichnet als erfreulich, daß die Gerüchte von einer Mobilisierung der bulgarischen Armee sich nicht bestätigen. Durch diese Maßregel wären die neuesten aufrichtigen Bemühungen Oesterreich-Ungarns und Rußlands zur Verbesserung der macedonischen Verhältnisse durchkreuzt worden. Tie bulgarische Regierung hätte damit eine schwere Verantwortlichkeit übernommen. Durch die Auflösung der macedoni- schen Komitees und Verhaftung der Komiteemitglieder habe die bulgarische Regierung gezeigt, daß sie die auf die Beruhigung ?Racedoniens gerichtete Tätigkeit der beiden Mächte nicht stören wolle. Diese Haltung, heißt es weiter, ist korrekt und vernünftig. Die bulgarische Regierung tut damit für die Stammesgenossen in Macedonien mehr, als wenn sie dem Drängen derjenigen nachgiebt, die sensationelle Taten verlangen. In den nächsten Tagen schon dürfte die Pforte in Kenntnis der von den Kabinetten Oesterreichs, Ungarns und Rußlands ausgearbeiteten ^Vorschläge sein, welche darauf gerichtet sind, die Lage der Bewohner Macedoniens durch Beseitigung gewisser drückender Uebelstände in der Verwaltung zu verbessern, sich aber sorgfältig innerhalb der Grenzen halten, die durch die Achtung vor dem Hoheitsrechte des Sultans gegeben sind. Die Vorschläge beider Mächte werden, eben weil sie [n verhältnismäßig bescheidenen Rahmen bleiben und den Charakter des Landes berücksichtigen, der Bevölkerung Besseres bieten, als wenn sie unter anspruchsvollem Titel auftreten würden. Die vorgeschlagenen Reformen können aber nur dann ihren Zweck erreichen, wenn Macedonien nicht neuerdings zum Schauplätze eines Guerillakrieges gemacht wird. Das richtige Mittel, um das Treiben der Jnsurgentenführer unschädlich zu machen, ist der feste Wille Bulgariens, ihnen energisch entgegenzutreten. Die letzten Nachrichten aus Sofia verdienen daher Anerkennung.
Nach einer Meldung aus Wien ist Bulgarien wegen der türkischen Kriegsrüstungen in Petersburg vorstellig geworden, hat aber dort eine unzweideutige, ja sogar ziemlich scharfeZurückweisung erfahren. In Petersburg hat man Bulgarien erklärt, daß dieses keinen Grund zur Beschwerde habe. Die militärischen Maßnahmen der Türkei seien mit Rücksicht auf die Tätigkeit des mazedonischen Komitees erklärlich und gerechtfertigt.
Mehr als bulgarische Zusicherungen beruhigten die Pforte verschiedene dirette und indirekte Verwahrungen und Erklärungen der rumänischen, griechischen und serbischen Regierung bezüglich einer Bevorzugung des bulgarischen Clements auf Kosten der Angehörigen dieser Na
tionen in Macedonien sowie bezüglich jeder Verschiebung des Gleichgewichts auf der Balkanhalbinsel. Die Pforte hält die Erhaltung der Rude für dieses Jahr für gefiajert, weshalb sie auch die Durchführung chrer finanziellen Pläne eifrig verfolgt.
In Paris fand am Samstag eine große Kundgebung zu Gunsten der Armenier und Macedonier statt.
Volitilche Tagrsschau.
Zar Beilegung der Streitigkeiten in Venezuela berichtet die „diordd. Allg. Ztg.": In dem deutschen Protokoll verpflichtet sich die venezolanische Regierung, die Forderungen von 1 718 COO Bolivares sofort in vollem Umfange teils in bar, teils in Wechseln, für die hinreichende Sicherheit geboten ist, zu begleichen. Ferner wird in dem Protokoll auch die Berechtigung sämtlicher übrigen deutschen Forderungen grundsätzlich anerkannt; sie im einzelnen scstzustellen, wird die Aufgabe einer gemischten Kommission sein, die aus einem deutschen und einem venezolanischen Mitgliede, und so weit diese beiden sich nicht einigen können, einem vom Präsidenten der Vereinigten Staaten zu ernennenden Obmann bestehen soll. Als Sicherheit dienen 30 Prozent der Zolleinkünfte von La Guayra und Puerto Cabello, ein Betrag, der auf jährlich rund 51/2 Millionen Bolivares geschätzt wird. Weiter soll die Frage, inwieweit diese Sicherheiten den drei Blockademächten ober auch den anderen Mächten für ihre Ansprüche gegen Venezuela zu gute kommen sollen, von dem ständigen Schiedshof im Haag entschieden werden, wenn nicht darüber eine anderweitige Einigung erfolgt. Endlich verpflichtet sich Venezuela, seine öprozentige Anleihe, die sich zum größten Teil in deutschen Händen befindet, zugleich mit seiner gesamten auswärtigen Schuld neu zu regeln, wodurch auch die Ansprüche der deutschen großen Venezuela-Eisenbahn-Gesell- schast berücksichtigt werden.
Dem ,^Lokalanz." wird aus Newyork telegraphiert: Ein am 14. d. M. gezeichneter Nachtrag zum Friedens- Protokoll besagt, die Einziehung des Drittels der Zolleinkünfte Venezuelas beginnt am 1. März und die erste Zahlung davon am 1. April d. I.
Die kochende bayerische Volksseele wird in einer Zuschrift der „Augsb. Abendztg." aus Niederbayern recht anschaulich geschildert:
Gehe ich da am letzten Feiertag (Lichtmeß, 2. Febr.) nachmittags auf ein benachbartes Torf spazieren. In dem großen stattlichen Wirtshause sitzen die Bauern, trinken, karten, rauchen und schnupfen — „Schmalzler" dazu, sonst sind sie aber xund! Den „Kreenbauern" kenne ich schon von früher her: er ist der wohlhabendste Bauer im Ort und dabei — ganz gegen die Regel — auch der — gescheiteste. Mit dem fange ich einen „Diskursch" an. ,Han — Kreenbauer — habt Ihr (hier werden die Leute noch „geihrzt") schon einmal etwas von Crailsheim gehört?" — „Jawohl" — sagt er — „von dem hab' ich scho' was g'hört — das ist a richtiger Mann!" — „So" — jage ich — und es freut sich mein „nationalmiserabliges" Herz (so schrieb ,,El)ren"-Sigl), „so, also der Crailsheim ist ein richtiger Mann?" — jawohl, da feit sich nix". — „Nun, wollt Ihr denn haben, daß er entlassen wird? daß er von seinem Posten kommt?" — „Warum soll er denn entlassen wer'n? Von mir aus kann er dableiben — mir is er gut g'nug!" — „Kennt Ihr denn den Crailsheim wirttich?" — „Ja, freilich, den kenn' ich gut, düs is ja unser — Bezirksamts-Assessor, dös is a richtiger Mann;
ich hab' g'hört, daß er lutherisch is, aber dös sieht man ihm gar net an, schaut auch nct anders aus, wie mir —" — „Ach, ich mein' doch den Minister Crailsheim, der gestürzt werden mug —" — „So, giebt's an Minister auch, der CrailSheitn heißt? Von feilem wah ich nix". „Großbauer, hau' a Pris' her", wendete et sich an seinen Nachbarn. „Aber Du hast an guten Schmalzer- £abat". „Hau' a Pris' her!" singt er halblaut, — und damit führte er sich eine ordentliche Prise zu Gemüte und beruhigte hiermit die „kochende nieder bayerische Volksseele."
Deutsches gleich.
Berlin, 15. pxbr. Der Jl a 1 | e r hatte gestern wieder, eine Besprechung mit dem Reichskanzler und hörte später im königlichen Schloß die Borträge des Staatssettetärs des Reichsmarineamts und des Chefs des Mariuekabinetts; im Anschluß hieran nahm er militärische Meldungen entgegen.
— Wie man aus Newyork meldet, wird der deutsche Kaiser und Prinz Heinrich in zwei Generalversammlungen des Newyorker Nacht-Klubs einstimmig zu Mitgliedern gewählt werden.
— Die „Nordd. Allg. Ztg.' dementiert die Meldung des Londoner „Daily Expreß" aus Toronto, daß der deutsche Kaiser sich an Unternehmungen einer großen Schlacht- f i r m a in Toronto-J unktion zum Zweck der Fleischversorgung des deutschen Heeres beteiligt habe.
— Größeren Einfluß im Parlament zu gewinnen hat Minister Müller am Freitag in Bremen den Vertretern von Handel und Industrie geraten. Minister Möller hat am Freitag auf der Schappermahlzeit in Bremen im Haus Seefahrt einen Trinkspruch auf die Gäste beantwortet mit einem Hoch auf die Stadt Bremen, ihren Handel und ihre Schiffahrt.
— Einen warmherzigen Ausruf zur Begründung einer Rickert-Stiftung, deren Zweck die Begründung von Volksbibliotheken sein soll, verössentlicht das „Berl. Tageblatt".
— Die Verzögerung der Verabschiedung des Gesetzent- wurss Über dieKausmannsgerichte durch den Bundesrat ist darauf zurückzusühren, daß in dieser Körperschaft (wie bekanntlich auch im Reichstage und in den kaufmännischen Kreisen selbst) eine starke Strömung zu Gunsten der Angliederung dieser neuen Sondergerichte an die Amtsgerichte vorhanden ist. Der dem Bundesrat vorliegende Entwurf schlägt bekanntlich deren Angliederung an die Gewerbegerichte vor.
— Zur Verteidigung gegen die immer heftiger werdenden Angriffe auf die größeren Waren- und Kaufhäuser und zur Verfechtung der gemeinsamen Interessen gegenüber den Behörden und der Gesetzgebung hat sich ein Verband deutscher Waren- und Kaufhäuser gebildet, dem beizutreten die Gründer, eine Anzahl der ersten Warenhaus- firmen Deutschlands, alle Interessenten durch ein Rundschreiben dringend aussordern. Tie endgiltige Konstituierung des Verbandes soll demnächst in Berlin vor sich gehen.
— Es hat hier eine Sitzung desVereinsderDeut- schen Zuckerindustrie stattgefundcn, in der beide Abteilungen, sowohl das Rohzucker-Syndikat wie das Raffinerie-Syndikat, sich dahin geeinigt haben, mit allen Kräften bei der Regierung und im Reichstage auf die Doppelkontingentierung nach österreichischem Muster hin- znwirken. Man giebt sich sogar, anscheinend unterstützt von einigen interessierten Parlamentariern, der Hoffnung hin, die betreffende Aenderung des Zuckersteuergesetzes noch
Kammermusik.
Gießen, 16. Februar.
Der gestrige dritte Kammermusikabend, mit dem sich unser hochgeschätztes Trio, Trautmann, Redner, Hcgar, für diese Saison verabschiedete, brachte zwei Kompositionen größeren Stils, Quintette von Brahms und Dvorak, welche die Besetzung einer zweiten Violine und einer Bratsche durch die Herren Natterer und Le im er, beide aus Frankfurt a. M., nötig machten. Außerdem enthielt das Programm Variationen für Klavier, Violine und Cello über das Lied „Ich bin "ber Schneider Kakadu" au5 W. Müllers Oper, „Die Schwestern von Prag", komponiert von L. van Beethoven. Die Tonschöpfung des unvergeßlichen Johannes Brahms, den Herr Musikdirektor Trautmann in dieser Saison besonders bevorzugt, erfuhr durch die/ Vortragenden Künstler eine vollendete Wiedergabe, sodaß pie Zuhörer die Schönheiten des formvollendeten Werkes in vollen Zügen genießen konnten. In allen vier Sätzen, Allegro non troppo — Andante un poco Adagio — Scherzo: Allegro — Finale: Poco sostenuto; Allegro non troppo, zeigte sich die große Sicherheit des Zusammenspiels bei rillen fünf Herren im glänzenden Lichte, und wir berichten gerne, daß auch die Herren Leimer und Natterer, von denen bisher nur Herr Leimer von früher her als tüchtiger Bratscher vorteilhaft bekannt war, durch ver- ständnißvolles Eingehen auf jbie Schönheiten der herrlichen Tondichtung wesentlich zum Gelangen des Ganzen beitrugen. Was wir über den Vortrag de§Prahms-Quintetts berichtet haben, gilt auch von dem A-durtC-uintett von Dvorak, in dem die Eigenheiten dieses böhmischen Nationaltondichters befonders itarf zum Ausdruck kamen. Aluch hier bezeichnen^ wir das Zusammenspiel als mufiertraft und nennen den Vortrag der vier Sätze Allegro ma noil santo — Dumka, Andante con
moto — Scherzo, molto vivace — Finale Allegro vollendet. Die Variationen L. van Beethovens über das oben erwähnte Lied, die der Altmeister vier Jahre vor seinem Tode komponierte, erfreuten sich durch die Herren Trautmann, Red- ner und Hegar gleichfalls einer vorzüglichen Wiedergabe, um so mehr, als in den einzelnen Variationen jedem der Mit- wirkenden Gelegenheit, seine solistischen Fertigkeiten zu zeigen, geboten war. Wir bemerken zum Schluß, daß das gestrige Konzert einen würdigen Abschluß der Kammermusikabende bildete und daß sich das zahlreich erschienene Publikum für alle Darbietungen sehr dankbar zeigte. Pr.
Gegenwärtig spielen die Nachrichten ans Venezuela und Marokko die Hauptrolle. Damit dringt das Bedürfnis, genauer über die fremden Erdteile und Bewohner unterrichtet zu werden, in immer weitere Kreise. Man will willen, wie es in jenen Ländern aussieht und was für Menschen dort wohnen, um sich ein richtiges Urteil über die Wirren und kriegerischen Vorgänge, von denen man lieft bilden zu können. Diesem Bedürfnis nach Erweiterung der geographischen und ethnographischen Kenntnisse entspricht in hervorragender Weise das bei der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart erscheinende Werk „TieVölker der Erde" Eine Schilderung der Lebensweise, der Sitten, Gebräuche, Feste und Zeremonien aller lebenden Völker von Oberstudienrat Dr. Kurt Lampert. Er hat in glücklichster We.se darin die Ausgabe gelost, streng wissenschast- liche Auffassung mit anziehender und allgemein verständlicher Darstellung zu verbinden und läßt seine Leser einen tiefen Einblick gewinnen in dos Leben, Tun und Treiben der bei allen Verschiedenheiten doch eng zusammengehörigen großen Wenscyheitsfamilie Ergänz: werden Die text- lidien Schilderungen durch <80 Abbildungen nacy dem Leben (zum Teil in prächtigem Farbendrua-, also bildliche Dokumente von urkundlicher Treue. Es wird dadurch
eine Anschaulichkeit erzielt, die gerade für eine solche populäre Völkerkunde Hauptbedingung ist. In diesem umfassenden Merke findet der Leser alles Wissenswerte über das Völkergemisch im Sultanat Marokko wie über die Bewohner der südamerikanischen Föderativrevublik Venezuela, von der die Welser im 16. Jahrhundert einen Teil als kaiserliches Lehen besaßen. Tas vornehm und gediegen ausgcstattete Werk erscheint in 35 Lieferungen zu je 60 Pfennig und kann durch jede Buchhandlung bezogen werden.
Das Frauenstimmrecht, eine der obersten Forderungen der modernen Frauenbewegung, behandelt in grundlegender Weise Dr. jur. Anita Augspurg m dem soeben erschienenen dritten Heft der illustrierten Halbmonatsschrift „F r a u e n - R u n o s ch a u" Auch einige andere der fortschrittlichen Frauenbewegung gewidmete Artikel deS reichhaltigen neuen Heftes der „Frauen-Rundschau" bedeuten aktuelle Beiträge zur Frauenfrage. So bringt E. Stiehl aus chren Erfahrungen als Lehrerin wertvolle neue Belege zur Pädagogik der sexuellen Aufllärung. Die Vorkämpferin des Abolitionismus in Deutschland, Katharina Scheven, schildert in einem Essay „Aus der Geschichte eines Kreuzzuges" die mit so schweren Kümpfen verbundenen Anfänge der abolitionistischen Bewegung in England. Im übrigen zeigt der reiche künstlerische und illustrative Inhalt des unS vorliegenden neuen Heftes, daß die „Frauen- Rundschau" auf der eingeschlagenen Bahn sortschreitet und tatsächlich Interesse verdient.
Das Kind bis Ende des 14. Lebensjahres. Ein Lesebuch für Gltern. Auf Grund 30jühriger ärztlicher Praxis von Dr. Josef Pollak, prall. Arzt in Salzburg. 192 S., geb. 2.60 Mk. Verlag von F. G. L. Greßler in Langensalza. Das in sachlich ruhiger Tonart, nur vielleicht gar zu nüchtern geschriebene, allem Neuen und Modernen abholde Buch wird jungen ..iüttern gute Dienste leisten.


