Ausgabe 
15.10.1903 Erstes Blatt
 
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ausgegebcnen Fragebogen ausgesWt tverdcn. Wie onsS der sehr starken Nachfrage nodji Fragebogen geschlossen werden kann,-wird die Ausftlllung allgemein werden und es wird b cun.it dem Reichsanrt des Innern ein großes Material unterbreitet werden, ans dem es sich über die Verhältnisse der Privatangestellten zum Zwecke der Vorlage eines Ge>- setzes betr. die Versicherung aller Privatangestellten (Kauf­leute, Werkmeister, Techniker, Redakteure, Lehrer an Privat­anstallen Forstbeamte ic.) gegen Jnvalidllät und für das Mter, sowie ihrer Witwen und Waisen unterrichten kann. Je mehr Material dem Reichsanll des Innern zugeht, desto besser ist es, nnd lvenn noch ein Privat an aestelller ohrie Fragebogen sein sollte, so kann er drese von den beteiligten Verbänden oder vom. Vorsitzenden des Ausschusses, Th. vom Orde, Bochitm, Dorstener Str. 96, beziehen.

** Mar ke n v e r w e n d u n g zur Invalidenver­sicherung. Im Juni 1901 wurde von einem Kontroll- beamten der Landesversicherurrgsanstalt Hannover ermit­telt, daß ein Arbeitgeber für einen von ihm beschäftigten Versicherten 79 Beitragsmarken zu wenig gellebt hatte; 25 Marken wurden noch nachträglich eingezogen, während 54 Marken bereits verjährt waren. Der Arbeitgeber wurde wegen mangelhafter Verwendung von Beitragsmarken vom Vorstände der Versicherungsanstalt auf Grund des § 176 des Invalidenversicherungsgesetzes in eine Ordnungsstrafe von 10 Mk. genommen. Im September 1902 wurde der Versicherte invalide und stellte einen Antrag auf Inva­lidenrente. Dieser Antrag mußte jedoch von dem Vorstände der Landesversichermrgsanstalt Hannover abgelehnt werden, well der Versicherte infolge der Nichtv-er Wendung von Bei­tragsmarken des Arbeitgebers die Anwartschaft auf Rente verloren hatte. Nunmehr verklagte der Versicherte seinen Arbellgeber auf Schadenersatz und erreichte dadurch, daß der verllagte Arbeitgeber sich vergleichsweise vor dem Amtsgerichte zu N. 9L zur Zahlung einer Entschädig­ung von 500 Mk. an den Versicherten verpflichtete. Hätte der Arbeitgeber seinerzeit regelmäßig geklebt, so wäre ihm nur eine Ausgabe von 7.90 Mk. entstairden, nämlich die Hälfte des Werts von 79 Beitragsmarken ä 20 Pfg. In­folge seiner Saumselegkell sind ihm nun an Kosten erwachsen: .500 9)11. Zahlung an den Versicherten, 10 Dik. Ordnungsstrafe an die Versicherungsanstalt, 5 Mk. für 25 Beitragsmarken ä 20 Pfg,, zusammen 515 Mk. Anläßlich solcher Vorkomm­nisse können die Atbellgeber nur immer wieder dringend ermähnt werden, in der Markenverwendung für die In­validenversicherung recht vorsichtig zu fein.

** Ver lauf b er Witterung von Dienstag bis Mittwoch In der Nacht auf Dienstag entwickelte sich auf der Sudostselle des großen Tiefs ein Teillief, welches sich bis Böhmen erstreckte. Da wir uns auf der Rückseite dieser Furche niederen Druckes befanden, trat bei einer Winddrehung von Süd nach West zeitweises Auf­klaren, noch wechselnd mit Regenschauern ein- Heute, Mllt- woch, hat sich das Hoch unter Verstärkung über die Alpen verlagert, das Tief ist nordostwärts weiter gezogen. In­folgedessen blieb es heute Dormittag bei südwestlichem Wende trocken. Doch ist westlich Irland ein neues Ties erschienen, unter dessen Einfluß heute mittag schon der Wind nach Süden dreht und die Bewölkung rasch zunimmt. Nach- inlltags fällt wieder Regen. Das Tief dürfte dem vor an­gegangen en nachKiehen. Dabei würde der Wind von Süden allmählich nach! Südwesten zu drehen, das trübe, milde Wetter mit Regenfällen und zeitweise lebhafter Lustbeweg- ung also in deri nächsten Tagen noch an hall en. Peppler.

** Tempvra mutantur ! Wir lesen im Hungener Lokalblatt: Es war der schönste Tag seines Lebens: Gemüt­lich lag er zu Hause, um sich von den Strapazen des eben genossenen Mittagsmahles etwas zu erholen, das schnee­weiße Haar, den ehrwürdigen Bart hübsch, glall gekämmt, recht festtäglich! Da, horch! Aiusik draußen vor dem £or! Herein kam eine Deputation, um in höchster Ehrerbietung den Alten herauszuholen und ihn unter Triumph klängen hinzuführen zur Hauptstraße, wo schon ein stattlicher Festzug seiner wartete: Vorreller, blumenge- schmückte Radfahrer, Gesangverein und Kriegerverein mit ihren Fahnen, der Bürgermeister im Vollglanz seiner Herrscherwürde; weißgekleidete Chrenjungfrauen empfingen ihn; dicke Tränen der Rührung traten ihm in die Augen, er fühlte sich als den Helden des Tages, und er war es auch! Es ist doch schön auf der Well! Dann führte man den Alten führte im eigenllichen Sinne des Wortes in stattlichem Zuge, Weinlaub im Haar, unter den Klängen eines eigens komponierten Festmarsches durch, die f atmen- geschmückten Straßen, hin zum Festplatz, wo er noch den ganzen Tag hindurch den Mittelpunkt des Jubels und der Verehrung bildete, sogar auf ein Bild setzte man ihn es sollte sein letztes fein! Kaurn zwei Monate, später hauchte er seine große Seele aus, aber sic traarfit gloria rnundi! in dem Getriebe des Alltags war er ganz vergessen worden, keine Träne floß um ihn, die meisten erfahrens nicht einmal, keiner tat ihm die letzte Ehre an, sang- und klanglos ward er verschirrt! der Gaisbock von Langsdorf.

R. B Darmstadt, 14. Oll. Die morgen hier statt- findende Wahlmännerwahl bietet leider wieder ba&> selbe Bild der Parteizerrüttung, wie die Hauptwahl im Herbst vorigen Jahres. Die Aullsemiten sind, wie wir schon voraus angekündigt haben, heute in der Tat noch mit einem Aufruf hervorgetreten, in welchem sie Wahlenthalt­ung proklamieren. Der Wahlausschuß des deutschen Re­form-Vereins und die hiesige Abteilung der christlichsozialen Partei erklären gemeinschaftlich die llärtionalllberalen seien bei der Ausstellung der Kandidaten einfettig vorgegangeu, indem sie zwei ihrer Vorstandsmitglieder ausstellten, anstatt einen dem Parteileben fernstehenden Kandidaten mit zu proklamieren. Und da sie auch mit den Freisinnigen und den Sozialdemokraten nickst paktieren könnten, so ersuchen die Vorstände ihre Mitglieder und Freunde, sich der Wahl zu enthalten. Die Motivierung dieses mrverständlichen Be­schlusses ist äußerst dürftig; es leuchtet aus der ganzen Erklärung nur die Verstimmung der antisemitischen Führer darüber tjeroor, daß man sie nicht vorher um Erlaubnis gefragt hat, ob man die Herren Landgerichtsrat Buss und Stadtverordneten Müller aufstellen dürfe. Bessere und geeignetere Kandidaten, als die beiden Genannten, hätten die Herren gewiß nicht vorzuschlagen vermocht. Hoffenllich erbringt der morgige Tag den Beweis dafür, daß die ge­mäßigt liberalen Elemente auch ohne die Antisemiten ihren Mann zu stehen wissen.

B. B. Darmstadt, 14. Okt. Der Großherzog tarn heute früh mit bet Zarin und der Großfürstin Sergius oon Schloß Wolfsgarten nach Darmstadt. Während der Großherzog im Residenzschloß eine größere Anzahl Audienzen erteilte, begaben sich die beiden fürstlichen Schwestern nach der russischen Kapelle, um dort dem Gottesdienste bei» zuwohnen, zu welchem sich auch die russischen Hofchargen und der Minister des Auswärtigen, Graf Lambsdorff, eingefunben

hatten. Später trafen die fürstlichen Herrschaften im Alten Palais zusammen, wo sie das aus Schloß Heiligenberg heute vormittag hierher übergesiedelte neuvermählte Ehepaar be­grüßten. Um 12 Uhr begaben sich die fürstlichen Herr­schaften mit der Bahn nach Wolfsgarten zurück, wo bald darauf Hoftafel stattfand. Nachmittags halb 3 Uhr unter­nahmen das Zarenpaar, der Großherzog und die übrigen Fürstlichkeiten einen Ausflug mittels Automobils. Da um 5 Uhr in Wolfsgarten der Tee eingenommen werden sollte, so erscheint die Prophezeihung in mehreren Blättern, daß sämtliche Fürstlichkeiten heute nachmittag zum Diner nach Cronberg fahren würden, so gut wie ausgeschlossen. Prinz und Prinzessin Heinrich von Preußen gedenken am nächsten Freitag, Großfürst und Großfürstin Sergius am nächsten Samstag von hier aus wieder in ihre Heimat zurück­zukehren.

Seligenstadt, 13. Oll. Hier war nach dem in Bad- Nanheim erfolgten Tobe unseres Bürgermeisters ber Steuerkommissariatsgehilfe D. Singer $um Nachfolger ge­wählt worben. Diese Wahl mar seinerzeit angefochten nnb wegen einer Anzahl vorgekommener Formfehler kassiert worben. Der Kreisausschuß bestätigte diese Kassierung mib ordnete eine Neuwahl an; die Neuwahl zeitigte ein ähn­liches Resultat: Singer erhielt 361, sein von den Sozial­demollaten unterstützter Gegner Böres 344 Stimmen. Dies veranlaßte Böres, sowie 3 seiner Freunde Berufung ein­zulegen mit der Begründung: 1. daß wegen nicht recht­zeitiger Zustellung des Beschlusses des Kreisausschusses an Die Reklamanten daS Urteil nicht rechtskräftig sei; 2. daß ohne ortsübliche Bekanntmachung des veränderten Wahl­resultats eine Neuwahl anberanmt worden sei; 3. die Offen­legung der Wählerlisten sei nicht vorschriftsmäßig erfolgt. In seiner Entscheidung erkannte nunmehr der Provinzial- ausjchuß die Gründe, welche für eine Giltigkeit der Wahl sprachen, an, da die erste Entscheidung des Kreisausschusses doch wohl rechtskräftig geworden sei und zudem Dritte ein Recht zur Vertretung der ersten Rellamanten nickst be­sitzen, die Neuwahl sei auch erst nach rechtzeitiger Bekannt- machung des ersten definitiven Resultates erfolgt. Die Be­schwerde bezüglich nickst rechtzeitiger Offenlegung der Listen feien ungerechtfertigt. Die Rellamanten werden daher ab* gewiesen, in die Kosten der Verfahren zuzüglich der An­wallskosten des Singer verurteilt und haben einen Aver- sionalbetrag von 30 Mk. an die Provinzialkasse zu zahlen. Dem Landwirt P. M. Kemmerer wurde heute nacht die Kommode erbrochen und 600 Mk. gestohlen. Als ber Tat bringenb verdächtig erscheint ein Handwerksbursche, ben Kemmerer zur Arbeit eingestellt hatte, ber aber jetzt spurlos verschwunden ist.

. Frankfurt a. M., 13. Okt. Die Vorbereitungs­arbeiten zu dem am 25. und 26. Oll. hier tagenden deut­schen Arbeiter kougreß sind beinahe beendet. Als TagungsloLal ist das JoseplMheim in Bornheim gewählt worden, wohin gute Straßenbahuverbindung führt. Der Kongreß tagt öffentlich, der Zutritt ist jedermann gestattet. Als Delegierte können hingegen nur Arbeiter ober aus dem Arbeiter stände hervorgegangeue Beamte fungieren. Für die Besorgung von Logis lourde ein besonderer Wohnungs­ausschuß gebildet.

Cronberg, 14. Oll. Prinz und Prinzessin Andreas von Griechenland statteten heute nachmittag auf Schloß Friedrichshof einen mehrstündigen Besuch ab. Sie waren mit Automobil von Schloß Heiligenberg hier eingetroffen.

Vermischtes.

Cöln a. Rh^ 14. Okt. Im Zirkus Kremser stürzte gestern abend dieReitkünstlerin LuciaPriani vom Pferde und zog sich sehr erhebliche Verletzungen zu. Sie wurde bewußtlos aus der Arena getragen.

* Trier, 14. Okt. In der Eifel wütete orkanartiger Sturm. Die Bahngeleise werden durch entwurzelte Bäume mehrfach gesperrt.. Der vom Sturm angerichtete Schaden ist bedeutend.

* Berlin, 14. Okt. Professor A. v. Wenckstern erlitt heute bei einer Droschkenfahrt eine erhebliche Ver­letzung. Dio^ Droschke war von einem Omnibus heftig an­gefahren worden, wobei Profeffor v. Wenckstern aus dem Wagen geschleudert wurde und eine Schulterverrenkung da- vontrug.

* Breslau, 13. Oll. Auf der Straße von Oberlangen- bielau nach Peterswaldau wurde die schrecklich ver­stümmelte Leiche eines gut gekleideten Mannes auf­gesunden. Die Persönlichkeit des Toten ist noch nicht fest- gestellt.

* Sonneberg, 14. Okt. In vergangener Nacht ist die Spielwarensabrik von Fleischmann und Krämer, die größte am Platze, niedergebrannt. Das Feuer brach im Packraum aus. 60 Arbeiter und viele Hausindustrielle sind infolge des Brandes beschäftigungslos geworden.

* Stuttgart, 14. Oll. In Amstetten bei Geislingen ist ein volles Pulverfaß, dem ein Knabe nahe kam, ex­plodiert. Der Knabe wurde sofort getötet.

* Straßburg, 14. Okt. DerLothringer Ztg." zu­folge wurde Leutnant Bilsen vom 16., in Forbach gar» räsonierenden Trainbataillon verhaftet. Die Ursache der Verhaftung bildet ein von Bilsen veröffentlichter Roman, in welchem die Verhältniffe der Forbacher Garnison und dortiger Persönlichkeiten unter fingierten Namen in überaus ungünstiger Weise geschildert sein sollen.

* Brüssel, 13. Ott. In Tongern kam es in der ver­gangenen Nacht zwischen Wilddieben und Waldhütern zu einem Zusammenstoß, wobei zwei Wilddiebe erschossen wurden. Obwohl die Waldhüter erklären, in der Notwehr gehandelt zu haben, wurden sie doch verhaftet. In Ppern verursachte gestern ein Zyklon großen Schaden. Zwei Personen wurden durch ihn in die Höhe gehoben und zu Boden geschleudert, wobei sie tätliche Verletzungen da- vontrugen.

* Trient, 14. Okt. Gutsbesitzer Michael Weber in Deutsch-Metz wurde wegen Erbschastsstreitigkeiten von seinem eigenen Sohne erschossen. Der Mörder ist flüchtig.

* Prag, 13. Oll. Der Kassierer.chelmeister von der hiesigen Papierfabrik Eismann u. Co. verübte Wechsel- fälschungen in Höhe von 500000 Kronen. Geschädigt sind 20 Firmen und einige Banken, welch letztere angeblich gedeckt sind.

* Wieder ein Automobilunfall wird gemeldet. Der Präfekt von Nantes wurde in Paris von einem Automobil überfahren und lebensgefährlich verletzt.

Die Untersuchung in der Pariser Mord- affäre ergab, daß Greuling, der nach behördlichen Fest­stellungen in Bayern geboren ist, die Ermordung der Elise Popescos vorher geplant hat, möglicher Weise, um sie zu berauben. Seine Eltern besaßen in Aix les BainS ein Hotel, er selbst wohnte in Nizza und handelte mit Post­karten.

Gerichissaal.

Gießen, 13. Oll. Schiedsgericht für Arbei­ter v e r s ich e r u n g. Die dem Ofenwärter Wilh. Schrei­ber II. zu Treis-Horloff wegen der Folgen die bei einer Explosiv n aut ber Grube Friedrich bei Hungen zu gezogen en Brandwunden gewährte gesetzliche Vollrentc hatte die Sektion I der Knappschaftsberufs- genosfenschaft zu Saarbrücken auf 662/3 Prozent herab- «. Diese Herabsetzung erachtete das Gericht mangels

;gens einer wesentlichen Besserung in dem Zu­stand und der darauf beruhenden Erwerbsfähigkeit des Schreiber nicht für gerechtfertigt. Die Berussgenossenschaft murb'e daher zur Weiterzahlung der Vollrente verurteilt. Dieselbe Derufsgenossenschaft hatte die dem Lokomotivführer Will). Filsinger I. zu Utpha bewilligte 15proz. Rente eingestellt. Der hiergegen eingelegten Berufung wurde vom Gericht der Erfolg versagt, da das Gericht auf Grund der erfolgten Inaugenscheinnahme des verletzt gewesenen Armes in Uebereinftimmung mit den ärztlichen Sachver­ständigen zu der Ueberzeugung kam, daß eine im wirt­schaftlichen Leben meßbare Ertoerbsbeeinträchtignng nicht mehr vorliegt. In Gemäßheit des § 94 Ms. 3 des Unfall* versichernngsgesetzes für Land- und Forstwirtschaft hatte die iandw. und forstw. Berufsgenossenschaft für das Gooß- h erzog tum Hiessen beim Schiedsgericht Antrag auf Ein­stellung der der Katharina Vdaul zu Rad-Mhl znge- sprochenen Rente von 10 Prozent gestellt, da nach dem Gutachten des Großh. 5treisgesundheitsamts L. eine die Er­werbsfähigkeit beschränkende Unfallfolge nicht mehr vor­liege. Dem Antrag mußte das Gericht nach den weiter angestellten Erhebungen stattgeben, zumal die Renten­bewerberin, deren perchnliches Erscheinen zu dem Verhand­lungstermin angeordnet war, nicht erschienen ist. Dem 14jährigen Sohne des Weichenstellers Jvhs. Noll zu Zell, Karl Noll, hatte am 17. Oll. v. I. eine Kuh, die er putzte, mit dem Schwanz in das linke Auge geschlagen; durch die dadurch entstandene Verletzung verschlechterte sich das Sehvermögen dieses Auges so, daß er in die Univ.- Augenklinik zu Gießen auf genommen werden mußte. §ier stellte Prof. Dr. Voßius fest, daß Tuberiulose des linken Auges vorliege, welche Erkrankung nicht als die Folge des Unfalles aufgefaßt werden könne, vielmehr auf tuberkulöser Allgemeinanlage zurückzuführen sei. Auch habe Voll an Tuberkulose des linken Hüftgelenks gelitten. Es müsse jedoch zugegeben werden, daß die Verletzung durch den Schlag mit Dem Kuhschwanz zu einem schnelleren Um­sichgreifen der Tuberkulose geführt habe. Sicher sei, daß auch, ohne diese zufällige Verletzung das linke Auge all°- mählich verloren gegangen wäre. Die landw. und forstw. Berufsgenossenschaft wies den Entschädigungsanspruch zu­rück mit der Begründung, von den Unfall folgen seien keine die Erwerbsfähigkeit beeinträchtigende Folgen zurückgeblie­ben. Die Erkrankung des linken Auges fei durch den Unfall nicht verursacht worden, vielmehr habe dieselbe vorher schon bestanden. Der Vater des Verletzten wandte sich nun an das Schiedsgericht, das zunächst noch gutachtliche Aeußernngen durchs Prof. Dr. Voßius eiuholte. Letzterer sprach sich dahin aus, daß Noll vor dem Unfall infolge der tuberkulösen Hüftgelenkentzündung und Verkürzung des linken Beines, sowie infolge Schädigung der Augen um 4050 Prozent erwerbsbeschrüntt gewesen sei. Die Be­klagte erklärte sich nun bereit, dem Noll eine Rente von 25 Prozent des um 50 Prozent gekürzten Jahresarbeits­verdienstes jugendlicher männlicher landw. Arbeiter zu gewähren. Der Vater des Verletzten erklärte sichi hiermit nicht einverstanden. Das Gericht verurteilte die Genossen­schaft zur Zahlung einer Rente von 25 Prozent des um 40 Prozent gekürzten Jahresarbeitsverdienstes. Friedrich Lochet zu Glashütten hatte sich beim Verrichten von landw. Arbeiten eine Verletzung au der rechten Hand zu- gezogen. Es entstand dadurch eine Phlegmone des rechten Vorderarmes, aus der sich dann eine Blutvergiftung entwickelte. Die Berufsgenossenschaft lehnte den Eritschädig- ungsanspruch ab, da die Erkrankung des Armes nicht durch einen Betriebsunfall verursacht worden fei. Auf die von Löchel eingelegte Berufung sprach ihm das Schiedsgericht nach! nodjmaliger Anhörung des Kreisass. Arztes Dr. Langermann zu Gedern und auf Grund der Inaugenschein­nahme des verletzten Armes gewonnenen Ueberzeugung für die Zeit vom Beginn der 14. Woche nach dem Unfall bis auf weiteres eine Rente von 100 Prozent zu. - Der Dieustlll'echt Karl Wirth zu Sickendorf hatte angegeben, er fei im März 1902 beim Schleifen von Holz aus dem Gemeindewald zu Herbstein über einen Prügel gestürzt und habe sich infolgedavon eine 5Mstgeleukeutzüudung zu­gezogen. Der Arbeitgeber, sowie die von Wirth genannten Zeugen wußten nichts von dem angeblichen Sturze, eben­sowenig der behandelnde Arzt. Die landw. und forstw. Berufsgenossenschaft lehnte daher den Entschädigungs-An­spruch ab, da es weder nachgewieseu noch wahrscheinlich sei, daß die z. Zt. bei Wirth besteheitdeu Beschwerden auf einen landwirtschaftlichen Betriebsunfall zurückzu­führen fei. Wirth ließ hiergegen durch den Rechtsanwalt Scheer zu Lauterbach Berufung einlcgen, die vom Gericht als unbegrünbet verworfen wurde, da sich nach den neuer­dings angestellten eingehenden Ermittelungen die Angaben des Wirth als nicht zutreffend herausgestellt hatten. Die Kath. Finkernagl Witwe zu Stumpertenrod war von der Berufsgenoffenschast zur Behandlmlg in das medieo. mech. Institut von Dr. Ziußer zu Gießen eingewiesen wor­den. Dieser Anordnung leistete sie keine Folge, ließ viel­mehr gegen den Bescheid der Genossenschaft durch die Rechtsanwälte Grünewald und Leun Berufung verfolgen. Das Gericht erachtete die vorgebrachten Weigerungsgründe nicht für stichhaltig und verwarf die Berufung. Ebenso erging es der von der Marg. Eichenyaner zu Angersbach gegen den ablehnenden Bescheid der Berufsgenossenschaft eingelegten Berufung. Das Gericht trat der Beklagten darin bei, daß die bei der Klägerin bestehende Erwerbs- beschräntung tlicht durch einen Unfall verursacht, son­dern auf cm bei ihr bestehendes Frauenleiden zurückzu- führen sei. Mehr Erfolg hatte Philipp Thön g es II. zu Rödgen, da ihm bie von der Bernfsgenossenschaft entzogene Rente von 10 Prozent wieder zu gesprochen wurde. Die JnvalidenversichernngSanstalt Großh. Hessen hatte den Antrag auf Gewährung der Invalidenrente des Heinrich Kappes zu Heimertshausen deshalb abgelehnt, well die gesetzliche Wartezell von 200 Beitrags-

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