Ausgabe 
14.10.1903 Erstes Blatt
 
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Nr. 341

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Dem Gtetzener Anzeiger werden im Wechsel mit dem hessisches Landwirt die Siebener Familien' blätter viermal in der Woche belgelegt.

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Adresse für Depeschenr Anzeiger Gießen.

Kernsprechanschluß Nr. 61.

Erstes Blatt.

Mittwoch 14. Oktober 1903

153. Jahrgang

ve»«g»pret»r

tt, viertel-

monatl

GietzenerAnzeiger

** General-Anzeiger **

Amts- Md Anzeigeblatt für den Kreis Sieben

jährlich Mk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 6o Pf.; durch die Post Mk.2. viertel- sährl. ausschl. Bestcllg. Annahme von Anzeigen ür die TageSnummer jIS vormUtagS 10 Uhr.

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Kmdersorschung.

Der deutsche Verein für Ain der Forschung Hut soeben tn Lalle getagt. Einen besonders interessanten Vortrag hielt in der Schlußsitzung Direktor Drüper-Jena über Psychopathische Minderwertigkeiten als Ur­sachen der Gesetzes Verletzungen Jugendlicher, und faßte seine Stellung zu der Frage in folgende Leit­sätze zusanunen: 1. Es gibt abnorme Erscheinungen und Zustande im Seelenleben der Jugend, die nicht unter die RechtsbegrisseUnzurechnungsfähigkeit" undGeistes­schwäche" fallen, die aber doch pathologischer Natur sind und bei manchen zu Gesetzesverletzungen führen, ja un­bewußt drängen. 2. Diese Zustände entwickeln {idji all­mählich aus kleinen Anfängen und können, rechtzeitig erkannt und zweckentsprechend in der Erziehung berücksich­tigt, in den meisten Fällen gebessert werden. So können zugleich jugendliche Gesetzesübertretungen verhütet und ihre Zahl wesentlich vermindert werden. 3. Es ist darum im öffentlichen Interesse dringend erwünscht, daß Lehrer, Schulärzte, Seelsorger und Strafrichter, sich mehr als bis­her dem Studium der Entwickelung der Kindesseele und ihren Eigenarten widmen, um der Entartung des jugend­lichen Charakters rechtzeitig Vorbeugen zu können Na­mentlich ist es erwünscht, daß an den Universitäten in Verbindung mit pädagogischen Seminaren Vorlesungen über Psychologie un d P s y chi atri e d e s I u g e n d- alters gehalten werden, und daß in den Volks schul- lehrer-Seminaren die künftigen Lehrer Anleit­

ung zum Beobachten des kindlichen Seelen­lebens erhalten. 4. In allen Schulen ist mehr als bisher der Erziehung des Gefühls- und Willenslebens Rechnung zu tragen und der einseitigen intellektuellen Ueberlastung vorzubeugen. 5. Bevor jugendliche Individuen wegen Ge­setzesverletzung öffentlich vor den Strafrichter gestellt wer­den, sollten sie zunächst einem Jugendgericht", be­stehend aus dem Leiter der betreffenden Schule, dem Lehrer des betreffenden Kindes, dem Schulärzte, dem Geistlichen und dem Vormundschaftsrichter, überwiesen werden. Erst auf Beschluß dieses Jugendgerichtes sollten Jugendliche dem öffentlichen Verfahren überwiesen werden. 6. Statt oder neben der Strafe als Sühne oder der bloßen Einsperrung zum Schutze der Gesellschaft gegen die Uebcltaier sollte in besonderen Anstalten, von besonders vorgebildeten Pädagogen unter medizinisch- psychiatrischem Beirat geleitet, eine für Leib und Seele forgsältig erwogene Heilerziehung Platz greifen. Die Fürsorgegesetze tragen bisher diesen Äusorderungen nicht genügend Rechnung.

In seinen; Vortrage verweist Trüper auf die be­trübende Tatsache, daß 1901 fast 50 000 Kinder oder Jugend­liche im Alter von 12 bis 18 Jahren gerichtlich bestraft wurden. Aber noch weit größer sei die Zahl derjenigen jugendlichen Sünder, die nicht vor den Strafrichter kommen. Die Hauptsache des Mißerfolges unseres heutigen Straf­verfahrens gegenüber den Jugendlichen liegt in dem mangelnden Verständnis des Unfertigen und des Patho­logischen beim Kinde; es gibt in Deutschland noch nicht einen einzigen Lehrstuhl, der sich mit dem Werden, Wachsen undGedeihen dieser 22 Mil- Honen beschäftigt. Kann aber wirklich jemand glau­ben, daß ein Mensch in der Nacht vom 12. zum 13. Lebens­jahr plötzlich die Schwelle von der Unzurechnungsfähigkeit zur Zurechnungsfähigkeit überschreitet? Einen anderen Uebergang kennt aber das Gesetz nicht, ebensowenig wie die verminderte Zurechnungsfähigkeit.

Der Redner bespricht nun einige der bemerkenswerten Fälle psychopathischer Minderwertigkeiten, die neuerdings die Gerichte beschäftigt und allgemeines Aussehen erregt haben. Er streift den Fall Dippold und den Fall des Berliner Studenten Fischer, der in Gotha seine Geliebte ermordete. F-ischer litt in der Jugend an ausgesprochener Hydrocephalie. Aber auch Helmholtz hätte m seiner Kindheit einen ausgezeichneten Wasserkopf gehabt, und sicherlich wäre anlch der zweifellos begabte Fischer bei richtiger Leitung ein tüchtiger Mensch geworden. ..

Weiter kommt der Vortragende zu dem tfall Hnsse- ner. Es ist pathologisch, wenn ein Fähnrich in der Weise, wie Hüssener das tat, in den Ferien darauf ausgeht, gegrüßt zu werden. Hier unterlag die Vernunft dem patho­logischen Gefühl, und in vielen Fällen wird dann das ethische Urteil geschwächt. Es Pflegen auch häufig neben der Abnormität im Gefühlsleben die zartesten geistigen Gebilde außerordentlich zurückzubleiben, wenn sich nicht obendrein gar noch entarten. Hüssener schrieb: ,,^ch habe den Trost und das frohe Bewußtsein, meine Ehre un­verletzt erhalten zu haben". Dieser aus Ueberzeugung auv- aeivrockiene Satt lit typisch für derartige Falle. Außerdem ^Hüssener noch an Jdeenflucht. Sein exaltiertes Gefühls­leben war auch den Vorgesetzten bekannt, daß aber eine pathologische Ursache hier vorlag, ist übersehen^ worden. Hüssener war nicht ohne weiteres ^^äurechlnungchahig, wohl aber mit psychopathischer MinderwertrBeck behaftet. Sern seelisches Leben ist in sich herabgesetzt. Darf auch das Abnorme nie einen Freibrief für das ^^echertum er­halten, so liegt doch die Notwendigkeit de» pathologischen Studiums bei jugendlichen Gesetzesverletzungen vor. Der Alkohol spielte j.a auch im Falle Hüssener eine große RMe. An ihm rann man die ganze Skala der pathologischen Her­abminderungen studieren, welche auch sonst neben zahl­reichen Ursachen zu Gesetzesverletzungen Jugendlicher fuhren. Dash alb ist für Jugendliche Abstinenz gegen Alkohol und Nikotin zu empfehlen. Auch bei Hüssener, oer vermutlich schon von klein aus an psychopathischen Herab­minderungen litt, drängt sich die Frage auf : Hätte sich der Essener Fall nicht vermeiden lassen, wenn diese Abnormität bei Hüssener rechtzeitig erkannt und die Erziehung danach eingerichtet worden wäre?

Jtr der Diskussion bemerkte Pros. v. Liszt, der be­kannte Strafrechtslehrer, manche Schuld des Gesetzgebers werde leider immer auf die Juristen abgeschoben. Zum Problem der jugendlichen Uebeltäter habe die krimi­nalistische Vereinigung schon Vorschläge gemacht, die den lebhaften Beifall verschiedenster Kreise fand. Von These 5 bittet er Abstand zu nehmen, da sie einen Rückschritt be­deute; denn die kriminalistische Vereinigung habe immer den Grundsatz vertreten, daß das Kind unter keinen Um­ständen vor den Straftichter gehöre. Bezüglich der Frage der Minderwertigkeit ist eine Bewegung der juristischen und kriminalistischen Vereinigungen im Wege, die bis zum Frühjahr zu einem Gesetzesvorschlag fuhren soll. Was den Fall Dipp old betrifft, so ftaK sich ob man solche Leute, bei denen Heilung ausgeschlossen ist, nicht nach der Strafverbüßung in einer entsprechenden Anstalt unschädlich machen muß.

Leitsatz 5 wurde hierauf zurückgezogen, die übrigen Thesen des Referenten einstimmig angenommen.

Uolitische Tagesschau.

Die Alldeutschen

sind empört über Prof. Theodor Mvm m sen, der sie bekanntlich mit seinem von uns auszugsweise mitgeteilten Aufruf in derIndependent Review" wenig freundlich charakterisiert hat. Nachdem schon die ,^eipz. N. Nachr." Prof. Mommsen heftig angegriffen haben, veröffentlicht jetzt die Hauptleitung desAlldeutschen Perbandes" einen offenen Brief an Prof. Mommsen, der von Prof. Hasse, Rechtsanwall Claß-Mainz und Prof. Graf du Moulin unter­zeichnet ist und den Adressaten zunächst darüber belehrt, daß alsAlldeutsche" Leute zusammengeworsen werden, deren politische Ansichten und Ziele sehr verschieden seien. Die Mitglieder des Alldeutschen Verbandes hätten aber in erster Linie Anspruch auf den NamenAlldeutsche". Des­halb wird Pros. Mommsen aufgefordert, die Gründe zu nennen, aus denen er das Recht herleite, die Alldeutschen alsnationale Narren" zu bezeichnen.

Selbstverständlich dürfen Sie sich dabei", so heißt es in dem Schreiben,aber nicht auf diese ober jene Zeitungsnachricht oder auf das Urteil dieser oder jener Person berufen, sondern ausschließlich auf das, wofür wir wirklich verantwortlich sino, also das, was in unfern Satzungen und in den Jahrgängen derAlld. Blatter" aktenmäßig vorliegt. Wir senden Ihnen zu diesem Zwecke eingeschrieben das Heft 14 unserer Flugschriften, enthaltend die Kundgebungen, Beschlüsse und Forder­ungen des Alldeutschen Verbandes 1800 bis 1902. Sollten Sie beim Durchlesen dieser Ihnen vermutlich unbekann­ten Schriftstücke finden, daß der Ausdruck nationale Narren auf uns nicht paßt, so dürfen wll wohl von Ihrer Ehrenhaftigkeit erwarten, daß Sie den Ausdruck inThe Independent Review" widerrufen und die uns angetane Beleidigung ab bitten. Soll­ten Sie aber weder den Beweis der Wahrheit, noch auch eine Sühne bieten, so bleibt auf Ihnen der Vorwurf haften, daß Sie wider besseres Wissen versucht haben, 20 000 deutschen Atännern in einer ausländischen Zeitung die politische Ehre abzuschneiden, die nach bestem Wissen und Verstehen und mll Hintansetzung ihres eigenen Vor­teils an dem Wohle des deutschen Volkes arbeiten."

Die letzte LebeusmittelpreiLtabelle

derStat. Korr." läßt erkennen, daß die Getreide»- preise im September d. I. recht starken lokalen Schwankungen unterworfen waren. Der Weizen, dessen Durchschnittspreis um 3 Mk. herab gegangen ist, ist in Kiel um 13, in Danzig und Frankfurt a. O. um je 11 und in Osnabrück um 8 Mk. billiger, dagegen in Königsberg um 3 Mk. teurer geworden. Die Extreme sind dadurch wesentlich auseinandergerückt; Frankfurt a. O. hatte mit 141 Mk. den niedrigsten, Aachen mit 168 Mk. den höchsten Weizenpreis, die Differenz beträgt also 27 Mk. Auch beim Roggen waren die Preisveränderungen sehr verschieden. Einem Preisrückgang Oon 13 Mk. in Hanau und 18 Mk. in Osnabrück stehen im Osten fast durchgängig Preiserhöh­ungen von 1 und 2 Mk. gegenüber. Breslau hatte mit 121 Mk. den niedrigsten, Kiel mit 142 Mk. den höchsten Roggenpreis, sodaß die Differenz sich auf 21 Mk. beläuft. Bei der Gerste, dessen Durchschnittspreis sich nicht ver­ändert hat, überwogen ebenfalls im Osten die Preiserhöh­ungen, im Westen die Preisermäßigungen, die aber nicht über 7 Mk. (Koblenz) gingen. Den niedrigsten Gersten­preis hat Posen mit 121, ben höchsten Halle mit 153 Mk., sodaß der Preisunterschied 32 Mk. betrügt. Der Hafer ist an allen Marktorten außer dem posenschen, wv er um 1 Mk. gestiegen ist, billiger geworden, am meisten in Köslin und Halle mit 9 und in Koblenz mit 11 Mk. Breslau mit 116 und Trier mit 145 All. bilden die Extreme. Die- kartofseln, deren Durchschnittspreis sich um 5,4 Mk. ermäßigt hat, zeigen Herabsetzungen bis zu 10.9 Mk. in Breslau uni) 22.3 Mk. in Hanau. Am billigsten waren sie in Posen mit 33.3 Mk., am teuersten in AachM mit 69.5 Mk. Das Stroh zeigt nur wenig Preisveränderungen von Be­lang. Königsberg hatte mit 6.2 Mk. die größte Preiserhöh­ung. Den niedrigsten Strohpreis halle Görlitz mit 26, den höchsten Aachen mit 50 Mk. Der H e u p r e i s ist im all­gemeinen etwas gestiegen, bis zu 9.9 Mk. in Trier, doch tarnen auch Preisheravsetzungen bis zu 7.5 Mk. (Aachen) vor. Tie Extreme bilden Stralsund mit 37.5 und Magde­burg mit 6o.4 Mk. Der Preis des R i n d f l e i s ch e S im Großhandel, der sich, im August um 19 Mk. für 1000 Kgr. erhöht hatte, ist jetzt weiter um 13 Mk. gestiegen; tm Kleinhandel ist das Rindfleisch von der Keule um 1 Psg. und vorn Bauche um 3 Psg. für das Kilogramm im Preise

erhöht. Der Preis des Schweinefleisches ist im Durchschnitt aller Orte derselbe geblieben wie im August, doch zeigen einzelne Orte starke Preisänderungen; die Er­höhungen gingen bis zu 15 Mk. in Koblenz, die Herabsetz' ungen bis zu 13 Mk. in Aachen. Das Kalbfleisch ist in fast allen östlichen Marktorten im Preise yestiegen, auch im Westen finden sich einzelne wesentliche Erhöhungen, sodaß der Durchschnittspreis von 3 Pfg. heraufgesetzt ist. Das Hammelfleisch hat seinen vormonatlichen Durch­schnittspreis behauptet. Speck ist um 2 Psg., Butter um 6 Pfg. teurer -geworden; die Eier haben der Jahreszeit entsprechend ihren Preis um 26 Psg. für das Schpck er­höht. Der übliche Vergleich mit den Preisen des entsprechen­den Monats des Vorjahres ergiebt, daß im Lause des letzten Jahres billiger geworden sind Sttoh um 13.1 v. H, Hafer um 9.7, Schweinefleisch um 9.7, Speck um 8.5, Linsen um 8, Schweineschmalz um 7.8, Erbsen um 7.1, Roggen um 4.4, Roggenmehl um 3.8, Heu um 3.5, Weizenmehl um 3,3, Eier um 1.8 und butter um 0.4 v. H. Denselben Preis wie im Vorjahre hatten Gerste und Rindfleisch im Kleinhandel. Teurer sind geworden Kalbfleisch um 1.4, Weizen um 2, Rindfleisch im Groß­handel um 2.5, Hammelfleisch um 3.6, Eßkarto- f ein um 5.2 und Speisebohnen um 6.9 v. H.

Keer und Alolre.

Sein sünfzigjährigesOffiziersjubiläum beging der Herzog Karl Theodor in Bayern, General der Kavallerie, Inhaber des in Dieuze stehenden 3. Chev.-Regts. und Chef des preußischen 5. Drag.-Regts. in Hofgeismar. 1839 geboren, wurde er 1853 Unterleutnant im 4. Chev.-- Regt. und schied 1865 als Major aus dem aktiven Truppen- stande. Doch nahm er teil an den Feldzügen von 1866 und 1870/71, und wohnte den Schlachten bei Gravelotte, Beau­mont und Sedan bei. In der Folge blieb er dem Front­dienst fern und rückte allmählich dis in den Dienstgrad eines Generals der Kavallerie auf, in den er 1888 befördett wurde. Wie man weiß, liegen die hohen Verdienste des Herzogs auf einem anderen Gebiete als dem militärischen. Schon von jeher hatte er mit Eifer und Erfolg wissenschaftliche Studien be­trieben, als er sich im gereiften Alter gänzlich der Heikunde widmete. 1880 erwarb er sich die staatliche Approbation zur Ausübung des ärztlichen Berufs und entwickelte seitdem eine aufopferungsvolle und segensreiche Tätigkeit als Augen­arzt, worin seine zwecke Gemahlin, eine geborene Prinzessin von Braganza, ihn getreulich unterstützt. In den zwei von ihnen errichteten Heilanstalten in Tegernsee und in München haben viele Tausende von Augenkranken Heilung gefunden. Auch unser Kaiser zählte zu den Patienten des Herzogs, als er sich im Juli 1897 auf feiner Nordlandsreise eine Verletzung des Auges zuzog.

Aus Stad! und Kaud.

Gießen, 14. Oktober 1903.

** Von der Universität. Der bisherige außer­ordentliche Professor an der juristischen Fakultät der Leip­ziger Universität, Dr. jur; Paul Kre t schm ar ist, wie wir mitteilten, mit Wirkung vom 16. Oktooer zum außer­ordentlichen Professor an der Universität Gießen ernannt worden. Hier in Gießen übernimmt Kretschrnar an Stelle des nach Greifswald gehenden Extraordinarius Dr. Erich Jung das etatsmäßrge Exttaordinariat für bürger­liches Recht und Einführung in die Rechtswissenschaft. Ge­boren 1865 zu Leipzig, als Sohn des 1897 verstorbenen ordentlichen Professors in der Gießener Ju­ri st enfakultät, Geh. Justizrats Dr. Gustav Ferdi­nand Kretschmar, erhielt Paul Gustav Kretschmar seine Vorbildung auf dem hiesigen Gymnasium und studierte von Ostern 1885 bis 1889 Rechtswissenschaft hier und in Leipzig, und promovierte 1895 in Leipzig. 1889 bestand Kretschmar die erste, 1892 die zweite juristische Staats­prüfung. Nachdem er als Assessor und dann als Rechts­anwalt mehrere Jahre praktisch tätig gewesen war, habili­tierte er sich Ostern 1899 in Leipzig und hielt Vorlesungen und Uebungen aus dem Gebiete des römischen und deut­schen Rechts. Ostern 1902 erfolgte seine Ernennung ^um außerordentlichen Prvfessvr in Leipzig. Außer einigen kleineren Arbeiten schrieb Kretschmar:Der Vergleich im Prozesse" (erschienen 1890 unter den ausgewählten Doktor­dissertationen der Leipziger Juristenfakultät) und ,chie Theorie der Konfusion".

** Stadttheater. Lessings Minna von Barn« heim als Bvlksvorstellung mit niedrigen Preisen hat gestern den Theatersaal so gefüllt, wie wir es noch nicht gesehen haben. Viele Besucher mußten im Saale mit Steh­plätzen vorlieb nehmen. Das klassische Lustspiel erfuhr eine prächtige Aufführung. Herr San d or s f war ein sehr guter Major von Tellheim, der seinen Soldatenstoliz mit gelassener Ruhe, wie es das Sttick vorschreibt, behauptete. Frl. Hohl war die geeignete Darstellerin für das Frl. von Darnhelm, deren ftischen Unternehmungsgeist sie mit viel Anmut zur Wirkung kommen ließ. Eine reizende Fran­ziska war Frl. Hellberg: vielleicht plauderte sie nur ein Nein wenig zu hastig auf die harthömgen, bärbeißigen Helfer des Majors ein. Juck, der Bediente, erfuhr durch Herrn Haag eine ganz tadellose Wiedergabe. Ec über- ttreb nicht und ging doch mit größtem Erfolg bis zur äußersten, von Lessing gestatteten Grenze des barbarischen Umgangs. Auch Herr Linz en al£ Wachtmeister Werner leistete sehr Anerkennenswertes. Besonders die köstlich rauhe, beinahe heisere Art, lvie er dasFrauenzimmer" anjprach, war sehr belustigend. Herr Conradi gab einen famosen Wirt; aber in seiner Redeweise beobachtet man