Ausgabe 
13.5.1903 Erstes Blatt
 
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ließen, Empfänger funbek.) in Münster (Wests.) vom 31.7.02. Einschreibbriefe 1) mit 1 drei Rubelnote aus Bad Nauheim an Helene Nicolaeff in Bojacko vom 20. 8. O2, 2) mit 1 Rubelnote aus Bad Nauheim an Frau Nicolaeff in Bojacko vom 9. 9. 02, 3) aus Bad Nauheim an Frau G. B. Toult- schinsky in Darmitza b. Kiew vom 21. 7. 02. Gewöhnliche Briefe mit 2 Mk. aus Hungen an Schwarz, Grubenarbeiter in Trais-Horloff vom 27. 3. 02, und mit einem 10 Kronen­schein aus Bad Nauheim an Doktor S. Abergk in Cohen- hagen, postl. Die zur Empfangnahme der Gegenstände Be­rechtigten müffen sich binnen 4 Wochen bei der Qbec-Post- direktion melden, widrigenfalls die Postanweisungsbeträge und die in den Sendungen enthaltenen oder durch Versteiger­ung des Inhalts erlösten Geldbeträge der Postunterstützungs­kasse überwiesen, die Briefe aber vernichtet werden.

Wölfersheim i. d. Wetterau, 11. Mai. Die neuen staatlichen Fabrikgebäude im hiesigen Bahnhof sind schon seit einiger Zeit vollendet, ebenso die Beamtenwohnungen, Bureauräume, Trockenschuppen und der etwa 50 Meter hohe Kamin, der zugleich als Wafferturm dient. In der Fabrik sollen die aus der GrubeLudwigshoffnung" geförderten Braunkohlen zu Briketts verarbeitet werden. Der Betrieb konnte noch nicht aufgenommen werden, da zwischen Staat und Eigentümern gelegentlich der Erbauung der Drahtseil­bahn nach der Grube bezüglich des Geländeerwerbs Meinungs- oerschiedenhelten eintraten, sodaß die Angelegenheit mehrmals vor dem Prooinzialausschuß in Gießen verhandelt werden mußte. Die Drahtseilbahn wird 1,8 km lang und erhält 20 Pfeiler. Die Gesamtkosten für sämtliche Gebäulichkeiten, Draht­seilbahn, Gelände u. s. w. belaufen sich auf nahezu eine Million.

B. Udenhausen bei Grebenau, 10. Mai. Gestern abend gegen halb 8 Uhr zog über unser Dorf ein schweres Gewitter, wie man es hier lange nicht erlebt hat. Blitz folgte auf Blitz, Schlag auf Schlag, und in manchen Häusern mußte der plötzlich hereingebrochenen Dunkelheit wegen vorzeitig Licht angezündet werden. Ein Blitzschlag traf unter furchtbarem krachen das einstöckige, erst vor zwei Jahren, nachdem das frühere abgebrannt war, neu erbaute Häuschen der Heinrich k e u tz e r IV. Witwe, die sich mit ihren Kindern in der Wohnstube aufhielt; ein Junge saß dicht am Ofen. Ter Blitz demolierte den Schornstein, schleu­derte die Kapsel des Ofenrohres mitten ins Zimmer, zer­splitterte einen Backstein, aus dem der eine Fuß des Ofens stand, sodaß die Stücke im Zimmer herumspritzten, aber glücklicherweise niemand verletzten, sondern nur eine Fenster­scheibe zertrümmerten. Dann ging er durch den Fußboden, wo er ein großes Loch zurückließ, in den Stall, wo er die Grundmauer zerriß, aber doch die einzige Kuh der armen Frau verschonte. Tie Knh lag zwar, als man sofort nach it)r sah, zusammengekrümmt am Boden, kam aber bald wieder zu sich und erwies sich unversehrt, wie auch das neben ihr stehende Kalb. Geradezu wunderbar ist es, daß der am Ofen sitzende Junge verschont blieb. Das Haus zeigt in sämtlichen Wänden, besonders in den Ecken, Risse und Sprünge auf, die infolge der gewaltigen Erschütterung durch den Blitzschlag entstanden sind.

sh. Lauterbach, 10. Mai. Seit drei Wochen wird an der Erweiterung des hiesigen Statt o ns Hauses eifrig gearbeitet. Ter Anbau schließt sich dicht an das alte Gebäude an und wird einen Wartesaal und einen Restau- rattonsraum erhalten. Letzterer ist zwar eigentlich für hier absolut fein Bedürfnis, da in unmittelbarer Nähe eine gute Wirtschaft ist.

x Alsfeld, 11. Mai. Das Bahnprojekt Ulrichstein- Groß-Felda-Ehringshausen ist der Großh. Regierung vorge­legt worden, und diese hat eine Prüfung des Projekts zu­gesagt. Die Pläne sind von den Ingenieuren Schlinke und Schäfer in Halle ausgearbeitct worden.

sh. Vom nördlichen Vogelsberg, 10. Mai. So schön das milde Maiwetter für die bestellte Frucht und die Obstbäume ist, so sehr wird sein üoergroßer Regen- fegeu bedauert. Tie Leute, welche die ersten schönen Tage für die Aussaat des Hafers benutzt haben, sind gut daran, er ist aufgegangen Und steht schön. Aber nur Wenige haben sich mit der Aussaat beeilt, da man in hiesiger Gegend überhaupt spät säet, und die Nachzügler müssen trockenes Wetter abwarten, wenn sie nicht schon teilweise die Saatuntergeschmiert" haben. Gerste hat noch niemand gefäet. Täglich regnet es ziemlich stark, mitunter mit Schloßen, und gestern gingen furchtbare Wetter durch das Schwalmtal, die wieder bedeutende Wassermasfen zur Erde

sandten. Besonders mit den Kartoffeln wird es seine Not be­kommen, da der schwere Basaltboden nur langsam trocknet und in den niedrig gelegen Feldern, wo noch Wasser steht, an ein Stecken in den nächsten 1014 Tagen nicht zu denken ist.

Vermischtes.

* Berlin, 12. Mai. Eme reizende Episode spielte sich neulich in der fünften Stunde im Wildpark ab. Am Eingänge desselben hielten um die angegebene Zeit unter Aufsicht eines königlichen Stallmeisters und eines kleinen Leibknechts vier Reitpferde, darunter ein prächtiger kleiner Fuchs. Bald langte auch vom Neuen Palais eine kaiserliche Equipage an, in der sich Prinzess! n Vik­toria Luise mit ihrer Erzieherin befand. Tie Prinzessin erschien in einem reizenden schwarz-grauen Reit ko stüm. Ihr schönes blondes Lockenhaar war nach oben aufgesteckt und wurde von einer weißseidenen Schleife gehalten, ein kleiner weißer Hut in Malrosenmützenform und elegante dunkle Reithandschuhe vervollständigten die Toilette der kleinen Reitdame. Tie Erzieherin war ebenfalls im Reit- kostüm. Am Eingänge des Wildparks machte der Wagen halt, die beiden Insassen entfliegen ihm und begaben sich zu der Buchenallee harrenden Pferden. Die Prinzessin be­stieg mit munterer Eleganz den schönen Fuchs, schnell saßen auch die übrigen zu Pferde und dann setzte sich die Heine Kavalkade, Prinzessin Viktoria Luise vorauf, in Bewegung. So tummelten sich die Reiterinnen und der sie begleitende Stallmeister und der Leibreitknecht wohl eine halbe Stunde in der schönen schattigen Allee herum, dann ließ sich die Prinzessin Luise unter Assistenz des kleinen Reitknechts form­gewandt aus dem Sattel, stteichelte ihr Pferdchen, reichte den Tieren Zucker, verabscksiedete sich mit Händedruck und niedlichem Knix von dem Stallmeister und begab sich mit ihrer Erzieherin im Wagen durch Sanssouci wieder nach dem Marmorpalais zurück.

* Des tätlichen Angriffs auf den Unglück- I ich en Fähnrich z. S. v. Abel, von dessen tragischem Tod wir berichteten, ist bekanntlich der Matrose Messer- schmidt vom SchulschiffStein" verdächtig. Am Tatort, zwischen dem Torfe Pries und dem Fort Herwardt, hat nun ein gerichtlicher Lokaltermin ftattgefunben. Kriegs- gerichtsrat Rosenberger leitete die Verhandlung. In der Sache wurden, wie man aus Kiel schreibt, nur der Begleiter des verstorbenen Fähnrichs v. Adel Fähnrich z. S. Saal­wächter, und ein Begleiter des Mefferschmidt, ein Matrosen- Artillerist, vernommen. Letzterer behauptete, sich an der ganzen Sache nicht beteiligt zu haben; er sei, als Messer- schmidt stehen blieb, toeiter gegangen. Plötzlich sei Mesier- jchmidt angelaufen gekommen, und da fei auch er, Der keinen Urlaub hatte, aus Angst, daß er deswegen gefaßt werden würde, mitgelaufen. Nach einer kurzen Strecke Wegs seien sie über ein niedriges Tor gesprungen und hätten sich hinter einem Knick (Erdwail mit Zaun) versteckt. Ta es sehr finster gewesen sei, hätten die Fähnriche sie nicht finben können. Fähnrich z. S. Saalwächter bezeichnete Die Aussage des Matrosen-Artilleristen als sehr wohl möglich, denn er habe bei der Tat außer Dem Messerschmidt niemand mehr gesehen. Messerschmidt besttitt nicht nur den tät­lichen Angriff, sondern behauptete, daß es sich nicht um Fähnriche z. S., sondern um Zivilisten gehandelt habe. Der unglückliche Fähnrich z. S. v. Abelwurde auf dem Garnison- Friedhofe in Friedrichsort mit militärischen Ehren bestattet; sein Bruder und sein Schwager wohnten dem Begräbnis bei, fein Vater war durch Kriaikheit verhindert, v. Abel war sehr beliebt und immer ein frischer und fröhlicher junger Mann.

* Das D uell des Exbürgermeisters von Algier mit einem deutschen Offizier, lieber das Duell, welches der bekannte Antisemit und Exbürgermeister von Algier, Max Regis, mit einem deutschen Offizier auf französischem Gebiet m der Nähe der italienischen Grenze hatte, wird der ,Daily Mail" noch gemeldet:Die Bestim­mungen, unter denen das Duell stattfand, waren außer» ordentlich scharf, und bei Feststellung derselben wäre es bei­nahe zwischen den Sekundanten selbst zu einer Prügelei gekommen. Es wurden zuerst 2 Schüsse ausgewechselt. Als diese ihr Ziel verfehlten, wurden Säbel gebracht und es ent­spann sich nun ein 5 Minuten dauernder, sehr heißer Kampf, bei dem Max Regis, der ein vorzüglicher Fechter ist, den Unterarm seines Gegners durchstach. Der Zweikampf wurde daraufhin abgebrochen. Gegen die sonstige Gepflogenheit grüßten sich die Gegner nur von weitem, statt sich die Hände zu schütteln. Veranlassung zu dem Zweikampf bot ein Streit

in einem Cafe in Rom. Max Regis behauptete, die latei- nische Raffe muffe sich gegen die nördlichen Raffen zusammen- tun. Ein deutscher Offizier, der zugegen war, erfläde darauf, daß ein solches Gerede angesichts der Gegenwatt des Kaisers in Rom töricht sei, und dies fühtte zur Forderung." Nach einem Reuterschen Telegramm wäre es zwischen den beiden Gegnern in dem Cafe zu Handgreiflichkeiten gekommen.

©mditslauL

" Gießen, 12. Mai. RrieflSgeri cf)J. Gerichtshof und Anklagebehörde waren genau so besetzt wie Tags vorher. Tie Verteidigung führte Justizrat Metz. Es handelte sich um eine Schlägerei, welche zwischen Angehörigen unserer Garnison erst m der Sonnenstraße und dann Ecke Neuen Baue und Dleiienrocq nachts stattgesunden hat. lieber den Fall selbst haben wir seinerzeit berichtet. Angeklagt wurdest die Musketiere Laubach und Stein- wand, sowie der Hornist Spahn von der 7. Kompagnie, welche Kameraden von der 10. Kompagnie gehauen haben, wobei der erstere von der Waffe, allerdings ganz iinbedeutend, Gebrauch ge­macht hat. Gegen die drei Angeklagten beantragte Kriegsgerichts- ral Link, wegen gemeinsamer Körperverletzung Slraien zu ver­hängen, niid zwar gegen den Slemivaiid, der als Soldat bereits vorbestraft ist, aus 10 Tage, gegen den Hornisten aus 5 Tage Ge- iängnis zu erkennen. Gegen Laubach aber, dem noch der un- be'ugte Waffengebrauch zur Last fällt, wurden 6 Wochen und 3 Tage Gefängnis beantragt. Tas Urteil gegen Laubach nahm außer der gemeinsamen Körperverletzung noch eme Körperverletzung mit gefährlichem Werkzeug an und lautete aui 4 Wochen Gesangms. Gegen die beiden Muangeklagteii erging die Strafe ganz nach Antrag.

8<1. Tarmstad t, 11. Mai. Kriegsgericht. Em eigen- tümliches 'Dhttel, die Soldaten ausznbilden, benutzte der Unter offizier Karl Weber, 9. Komp. Jnf.-Regt. Nr. llö, aus Wilofs, Kreis Lauterbach i. Lberheffen. Bei der Rekrutenausbildung im letzten Winter hatten einige der neu Eingetretenen beim Grif- üben sich nicht rasch genug die nötige Ruhe und Sicherheit der kopi- Haltung angewöhnt, siemuckten" noch; um ihnen diese unmili­tärische Gewohnheit zu vertreiben, erfand er einpatentes" Mittel, er band einfach mit einer dünnen Schnur dasOhr­läppchen in der entsprechenden Entiermmg an den Nummern, knöpf der Achselklappe fest und drangsalierte nun die Lerue trotz der erdenklichsten Schmerzen; die Folge war, daß der Gardist L. wiederholt wochenlang im Lazarett zur Behandlung war; doch nicht genug damit schlug Weber dem L., als dieser aus dem Lazarett kam, noch einmal gehörig aus das kaum geheilte Ohr, so- Daß die alten Wunden wieder ausbrachen und neue Schmerzen per- nrsachten. Einen anderen Gardisten behandelte er in ähnlich schmerzhafter Weise, ein dritter will dabei keine Schnierzen gespürt haben. Für ferne außerordentliche Rohheit wird Weber wegen Mißhandlung von Untergebenen in 9 Fällen und wegen vorschrntS' widriger Behandluiig in 2 Fällen in eine Gesamtstrafe von 3 Wochen 'JJhtteiarreft verurteilt, die uns allerdings milde scheint; der Ge­richtshof billigte W. mildernde Umstände zu, da derselbe bisher em gutes Zeugnis hatte und man die Tat weniger als eine Art roher Gesinnung, vielmehr als einen im Eifer geschehenen Fehlgriff in der Wahl seiner Mittel ansehen zu dürfen glaubte. Straierjchwerend kam die Zahl der Fälle und der Umstand in Betracht, daß bie Tat in Ausübung des Dienstes geschah.

Wilhelmshaven, 11. Mai. Lor dem Oberkriegsgerichr der Nordjeestation sand heute die Reoisionsverbandlnng gegen den wegen der Ermordung des Unteroffiziers Biede­ritz k i auf dem KriegsschiffLoreley" zum Tode verur­teilten Ai a t r o s e n Kohler statt. Kohler würbe zum Tode, Versetzung in die zweite Klasse des Soldatenstandes, Entfernung aus der Marine und dauerndem Verlust der bürgerlichen Ehren rechte, sowie wegen schweren Diebstahls und Fahnenflucht zu 6/'. Jahren Zuchthaus verurteilt.

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mit der zweiten Vorstellung, den Relegierten Studenten,! von Benedix, die ick) tüchtig lobte. Die veiden Berichte er-, schienen infolge Stoffandranges beim Gießener Anzeiger erst einige Tage später zusammen, am 10. Juli 1875. Man kann sich die Ungeduld vorstellen, mit der ich sie erwartet batte. An dem Tag ihres Erscheinens glaubte ich, alle Blicke mußten sich auf mich richten, und ganz Gießen müßte hrchbefriedigl sein, da man nun endlich eine ernsthafte und zweifellos sack-gemäße Theaterkritik zu lesen bekäme. Meine Schulkameraden geilten auch nicht mit ihrer Anerkennung, und das war mir vorläufig genug. Am Abend aber erhielt ich eine kalte Dusche. Als ich nämlid) Wenzels Saalbau betrat, siel mir der Theaterdireklor Puschel nicht etwa um den Hals mtt den Worten:Was find Sie für ein herr­licher Mensch!" sondern er grüßte mich kaum und schaute mich sehr mißmutig an, während er seine beringten Finger IN die T rschen seiner weißen Weste steckte. Ich lteß mich zunächst nicht verblüffen und frage ihn geradezu:Nun, wie sind Sie mit meiner Kritik zufrieden?" La kam ich aber schön an.Wie Kinn ich denn zufrieden sein?" gab er brummig zurück.Sie haben ja meine besten Kräfte gar nicht genannt. TaS Elk'PE Ludwig z. D., das mich 300 Mark Gage kostet, erwähnen Sie mit keinem Worte! Verstehen Sie überhaupt etwas von der Sache'?" Ich war eine Weile sprack-loS, denn bei dieser energischen Sprache eines Fachmannes ernmchteu mir selbst Zweifel, ob ich etwas verstünde. Schließlich raffte ich» mich zu der Antwort auf:Haben Sie nur Geduld, es wird schon kommen." Unt> eS kam auch. Einige Tage später waren alle, auch die ersten Kräfte mit 300 Mk. Gage, gebührend im Gießener Anzeiger gewürdigt, und der alte Komiker Ludwig, der mich anfänglich mir einem Gemisch von gc krau klein Stolz und Verachtung angcsck-aut haue, machte mir ein ganz freundliches Gesicht, wenn ich ihn grüßte: einzelne Bühnenmitglieder mit geringerer u^age grüßten mich sogar zuerst. Ich war im siebenten Himmel: meine Kameraden bewunderten und beneideten mich, wenn ich beim Bummel auf der Südanlage mit Der ersten Liebhaberin und der Soubrette einen freundlichen Gruß tauschte, und abends faß ich stolz wie ein Spanier am vordersten Tisch

in Wenzels Saalbau vor meinem Glas Bier und vor den Brettern, die die Wett bedeuten. In der Nacht noch oder am frühen Morgen, ehe ich ins Pennal ging, schrieb ich mit reichlicher Benutzung der Hamburgischen Dramaturgie meinen hochfeinen Bericht nieder, und den Tag über träumte ich in meiner gemütlichen Primusecke von Den Freuden des kommenden Abends, während die Klasse sich die Köpfe mit einem trigonometrischen Satz zerbrach» Den Tr. Ransch an der Tafel entwickelte. So ging es ganz nach Wunsch bis gegen Ende Juli.

Eines Morgens aber, als ich kaum das Pennal be­tteten hatte, sagte mir der SchulDiener Vohwinkel mit verdächtigem Grinsen:Sie sollen einmal zum Herrn Di­rektor kommen." Ich stieg mit düsteren Vorahnungen die Treppe hinan. Es lief aber noch leidlich ab. Karzer oder sonst eine Strafe erhielt ich nicht für meinenWirtsHaus­besuch ohne Begleitung Der Eltern oder Deren Stellver­treter", nur eine niederschmetternde StanDrede und die strenge Weisung, daß ich das Theater in Wenzels Garten nicht mehr zu betreten hätte. Mein schüchterner Einwand, ich hätte doch Herrn Puschel gegenüber die Verpflichtung übernommen, die Kritiken zu schreiben, und könnte dieser Verpflichtung nicht Nachkommen, ohne das Theater zu be­suchen, wurde mit der kurzen Zurechtweisung erledigt, daß ich keine andere Pflicht hltte, als ein tüchtiger Philologe zu werden. Damit war die Unterredung zu Ende. Obgleich ich den Tirektor Weidner sehr verehrte, war ich doch in dem Augenblick, als ick sein Amtszimmer verließ, innerlich fuchsteufelswild auf ihn. Tas war also die Ausnahme- behandlung, die er mir versprochen hatte, als ich mich bereden ließ, noch ein Jahr bei ihm auf der Prima zu bleiben! Wie einen dummen Schuljungen hatte er mich heruntergekanzelt. Aber das Schliminste kam noch, der Ab­schied von Der Redaktion des Gießener Anzeigers. In meiner ehrlichen Einfalt dachte ich nicht Daran, irgend einen beliebigen Vorwand für die plötzliche Einstellung meiner journalistischen Tätigleit vorzubringen. Ich tletterte wieder Die Stiege zu Herrn Sehet) Da hinaus und sagte ihm ganz treuherzig, daß mir der Gymnasialdirektor Den weiteren Theaterbesuch verboten habe unD ich infolgedessen zu meinem

großen Bedauern meiner eingegangenen Verpflichtung nicht weiter nachkommen könne. Wieder schaute mich der Re­dakteur von seinem Trehstuhl herunter mit spöttischem Lächeln an und sagte nichts als:Tas war ja ein kurzes Vergnügen." Tann wandte er sich wieder seiner Arbeit zu, und ich schlich trübselig die Treppe hinunter.

Später habe ich noch viele und bessere Theatervorstell- ungen besprochen als die des Gießener Sommercheaterß von Leopold Püschel, habe auch manchen großen Künstler kennen gelernt, der eine höhere Gage bezog als das Ehe­paar Ludwig. Aber an keinem Teil meiner Journalisten tätigfeit denke ich mit solcher wahren Freude zurück wie an jeneskurze Vergnügen" im Sommer 1875.

Tr. Fr. Noack.*)

) Herr Tr. Friedrich Noack hatte die Güte, die vor» stehende hübsche Erinnerung aus seiner Jugendrosenzcit uns zur Ver­öffentlichung zu übergeben. Namentlich die älteren Leser unseres Blaitcs dürsten noch folgende Mitteilungen interessieren. Dr. Fried­rich Noack, geb. in Gießen, Sohn des ehemaligen Universitäts- bidliolhekars und Profcffors Tr. Ludwin Noack, erhieli seine Aus­bildung auf dem Gymnasium und der Universität Gießen, wo er besonders unter L n ck e n Geschichte, daneben auch neuere Sprachen studierte. Nach sieben Jahren im hessischen und preußischen Schul­dienst folgte er 1886 einem Anerbiclen der Verleger der Krefelder Zeilung und übernahm die Ehefrcdaktion dieses Blattes, die er fast ö Jahre lang führte. Während dieser Zeit war Noack sehr eifrig im lokalen Parteileben für die nationalliberale Partei taug, und wurde auch in die städtische Vertretung von Krefeld gewählt. Tie belletristische Seite des Journalismus sagte ihm jedoch jnebr zu, und jo nahm er im Sommer 1891 mit Freuden eine Stelle als Bcrichtcr'latler der Kölnischen Zeitung in 9t o m an, wo er in 11 jähriger Tätigkeit reiche Gelegenheit taub, feulUetonistrsch zu arbeiten. Seit einem halben Jahre ist er wieder nach Teutjchland ziirilckgekehrt als F e u t l l e t o n r e d a k t e u r derKölnijchen Zeitung. 9lod) Kürschners Literalurkalender ist Vload (außer zahlreichen Aussätzen in der periodischen Presse) Verfasser folgender Werke : Hardenberg und das Geh. SlabmcuJjneimd) Wilhelms III. die Quitten (Humoreske); des alten Sebastian Brand neues Narrenjchiff isatyrischeS mcbid)t); Italienisches Skizzenbuch; die Erziehung König Viktor Emanuels UL (Ueberj.) und Italienische Patrioten (Hebers.).