Ausgabe 
13.2.1903 Zweites Blatt
 
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kommende Sicherheit und die Monarchie die für die Ver­teidigung ihrer Interessen gegenüber dem Mrslande nötige Kraft. Gleichwohl werde die Einheit mit schweren Opfern erkauft. Die Industrie sei besorgt, daß dre Festlegung der Getreide-ölle den Abschluß von Handels- Verträgen mit den Agrar-Staaten sehr er­schwere, ja vielleicht unmöglich mache, und daß bie vorgesehenen Zndustriezölle kaum geeignet seien, den Abschluß von Handelsverträgen mit den Industriestaaten zu fördern. Die In­dustrie erwarte, daß der Reichsrat die Ausgleichsvorlagen schleunigst beraten und ein rechtzeitiges Eintreten in die Handelsoertragsverhandlungen ermöglichen werde.

Abgeordnetenhaus. Im Einlaufe befindet sich eine Interpellation des Abg. Dr. Eisenkolb und Genossen betr. die in Serbien und Bulgarien vorbereitete Mobilisierung und die infolge der Verhältnisse in Macedonien drohende Verwicklung Oesterreich-Ungarns in einen Krieg. Die Interpellanten behaupten, es bestehe begründeter Verdacht, daß der in Macedonren zu befürch­tende Aufstand von Oesterreich aus angezettelt sei und geschürt werde, unb zwar von dem mit den Jesuiten verbündeten polnischen Adel mit dem Minister des Aeußern Grafen GoluchowskianderSpitze. Der Zweck dieser Aktion sei die Ausdehnung des altpolnischen Adels und die Herrschaft der Jesuiten vom Baltischen bis zum Schwarzen Meere. Wenn Oesterreich-Ungarn und Rußland mit der Einmischung drohen, falls die bekannten Reformen nicht bald durchgeführt würden, so bedeute dies nichts anderes als Krieg, uno da Oesterreich nicht an die Möglich­keit glauben könne, daß die Türkei die Erneuerung des Aufstandes zu verhindern vermöge, so müsse man annehmen, daß dieser Schritt Oesterreich-Ungarn einen Borwand zur Verfolgung besonderer Absichten schaffen solle. Interessant sei auch die Stellung Englands, das aus egoistischen Gründen Oesterreich-Ungarn aufhetze, den eingeschlagenen Weg fvrtzusetzen. Bemerkenswert seien ferner die unge­wöhnlich häufigen Beratungen der höchsten Spitzen mit den Militärbehörden, unter Hinzuziehung der obersten Finanz- Verwaltungsorgane. Die Interpellanten verlangen daher Aufklärung über die auswärtige Lage.

Port Elizabeth, 12. Febr. Chamberlain hielt hier eine Rede, in welcher er ausführte, der Zweck seiner Reise sei ein doppelter: erstlich wolle er die Botschaft des Friedens und der Versöhnung bringen, zweitens den Vor-^ rechten und Verpflichtungen Südafrikas die ihnen zukom­mende Stelle im Reiche anweisen. Die Luft sei gereinigt in Südafrika, das jetzt besseren Zuständen entgegengehe. Der Grund für das gegenwärtige Chaos im Kapland sei ein ganz unberechtigter gegenseitiger Argwohn. Die Südafrikaner sollten vergessen, daß sie holländischer oder englischer Abkunft seien. Sie solllen alle Bürger eines vereinigten Reiches sein.

Aus Stadl und Land.

Gießen, den 13. Februar 1903.

P. Die Definitorialprüfung für Schulamts- Aspiranten und Aspirantinnen ftndet vom 4. Mai ab in Darmstadt statt. Es werden mehrere Prüfungsabtei­lungen gebildet. Die Prüflinge müssen sich bis spätestens 4. April bei ihrer Kreisschulkommission gemeldet haben.

** Eine Anzahl homöopathischer Aerzte hat an die zweite Kammer eine Vorstellung, betreffend das Dispensierrecht der homöopathischen Aerzte ge­richtet. 2luf Grund des Votums beider Kammern der Land­stände vom 13. Juni 1833 wurde den Homöopathen das ihnen zuvor ohne Zustimmung der Kammern vom Ministerium entzogene Selbstdispensieren homöopathischer Arzneimittel wieder gestattet. Infolge mehrerer an die Regierung gerichteter Gesuche der allopathischen Aerzte und Apotheker soll dieses Recht durch Ministerialverfügung vom 6. Dezember 1902 vom 1. Januar 1904 ab in einer Weise verkürzt werden, welche, wie es in der Vorstellung heißt, einer vollständigen Auf­hebung des Selbstdispensierrechts gleichkommt. Die Herren bitten nun die Kammer, dahin wirken zu wollen, daß die Regierung die Verordnung vom 6. Dezember 1902 wieder aufhebt und es bezüglich des Dispensierrechtes bei dem alten Zustande bewenden läßt.

** Der Gesangverein Heiterkeit, welcher neben feinen gesanglichen Bestrebungen, seit Jahren durch seine vor­trefflich ^rangierten und geschmackvollen Gruppenaufführungen bei seinen Maskenbällen rühmlichst bekannt ist, hält seinen diesjährigen Maskenball am Sonntag, den 22. Februar, in den Räumen des Eafs Leib ab.

Holzheim, 12. Febr. Bei der heute stattgehabten Neuwahl des Bürgermeisters wurde der seitherige Bürgermeister, Herr P. Klotz, einstimmig mit 230 Stimmen (ca. 90 pCt. der Wählerschaft) zum dritten male wieder- gewählt.

? Arnsburg, 12. Febr. Allmählich beginnt es sich am Bahn bau Butzbach Lich zu regen. Dieser Tage wurde mit dem Fällen des Holzes im hiesigen Walde be­gonnen, das von dem Bahnbau berührt wird. Die zukünftige Bahn macht sehr große Bogen. Findige Köpfe behaupten, berechnet zuchaben, daß, wenn man von Butzbach kommend, in Ober-Hörgern aussteigt, nach Eberstadt geht und dort früh­stückt, in Hof-Güll wieder einsteigen kann!

A. Nidda, 12. Febr. Ein bedauerlicher Unfall ist heute vormittag dem hiesigen Kreisarzt Dr. Oe hl zuge­stoßen. Dr. Oehl befand sich auf einer Tour in seinem Be- jirf, als sich in der Nähe der Station Häuser-Hof plötzlich an seinem Break die Deichsel loslöste und dem Pferd an die Hinterfüße schlug. Das Pferd wurde scheu und warf den Wagen um, sodaß dessen Jnsaffen auf die Straße geschleuden wurden. Dr. Oehl fiel dabei so unglücklich, daß er einen deL rechten Oberarmes erlitt. Der Lenker des Fuhr­werks kam mit einer Verstauchung der rechten Hand und einigen Hautabschürfungen davon.

§ Ober-Seemen, 11. Febr. Heute fand im Schmidt- Ichen Saale eine tirenn- und Nutzholz-Versteigerung au§ den Gräflich Stolberg'schen Waldungen durch bcn Ober­förster Pröhl-Ortenberg statt. Die Preu'e waren unüemem hoch- Buchen-Scheitholz 1. Klasse wurde mit 5-6 Mk Buchen-Kuüppelholz minderwertiger Qualität mit 34 Mk' pro Raummeter iw. Durchschnitt verkauft. Tas Fichten- Stammholz hingegen kostete 1215 Mk. pro Festmeter. Tie Versteigerung war von au§roärt§, ncunenttich von Händlern, gut besucht.

? Gedern, 12. <yebr. Das siebenjährige Söhnchen emeS hiesigen Beamten kam dem Getriebe einer Häcksel­

maschine beim Futterschneiden zu nahe und es wurde ihm das vordere Glied eines Fingers glatt abgeschnitten.

-h- Schwickartshausen, 12. Febr. Unter^zahl- reicher Beteiligung von nah und fern wurde heute der Förster Geiß, welcher hier bei seinem Schwiegersöhne in Pension lebte, zu Grabe getragen. Geiß war früher lange Jahre in der Forstwartei Burkhards (Großh. Oberförsterei Schotten) stationiert. /

r. Schwarz (Kr. Alsfeld), 12. Febr. Unsere Gemeinde hat vorigen Sommer mit dem Bau eines Schulhauses begonnen, der Rohbau wurde im Spätherbst fertig. Die Arbeiten für den inneren Ausbau sollen tm Frühjahr in An­griff genommen werden. Bis zum Beginn des Winterhalb­jahrs 1. Oktober gedenkt man den Neubau seiner Bestimmung zu übergeben.

§§ Vom oberen Vogelsberg, 12. Febr. Seit den letzten Tagen sind die Preise der fetten Schweine außerordentlich im Sinken begriffen. Händler und Metzger bezahlen für Lebendgewicht pro Pfund 3840 Pfg; für Schlachtgewicht 4850 Pfg., je nach Qualität.

g. Neu-Isenburg, 12. Febr. Am 8. Februar fand die ordentliche Vertreterversammlung des Verbandes der Stenographen des Main-Rheingaues und von Hcssen- Nassau hier statt. Vertreten waren 33 Vereine durch etwa 90 Delegierte. Die Verhandlungen leitete in Verhinderung des 1. Verbandsvorsitzenden der 2. Vorsitzende, Schiffnie- Gießen. Aus dem von dem 1. Schriftführer, Bickel-Gießen, erstatteten Jahresbericht ist zu erwähnen, daß der genannte Verband zurzeit 58 Vereine nut 2200 Mitglieder umfaßt, was gegen das Vorjahr eine ansehnliche Zunahme bedeutet. Ebenso haben die Zahlen der im Jahre 1902 in der Gabels- bergerschcn Stenographie Unterrichteten trotz der durch die besonderen stenographischen Verhältnisse des vergangenen Jahres verminderten Werbetätigkeit die Erwartungen weit übertroffen. Im Laufe der mehrstündigen Verhandlungen wurden für das Verbandsleben wichtige Beschlüffe gefaßt, so insbesondere inbezug auf die Umgestaltung der Verbands­zeitschrift, die Propagandatätigkeit u. a. m. Der Verbands­vorort, der während zwei Jahren in den Händen der Gabels- bergerschen Stenographenvereine in Gießen lag, ging für das laufende Jahr an den Stenographenverein in Wetzlar über.

M. K. Mainz, 12. Febr. Wie von jeher, so wird nach in diesem Jahre, und zwar am kommenden Sonntag, in derNarrhalla" eine große Fremd ensitzung ab­gehalten, um auch den Auswärtigen eine Gelegenheit zu bieten, sich an echt karnevalistischem Mainzer Humor zu er­götzen. Der Beginn dieser Sitzung ist auf 5 Uhr 11 Min. festgesetzt, damit die Besucher aus unseren Nachbarorten die Abendzüge wieder zur Heimreise benützen können. Eine Er­öffnungsszene, welche schon zweimal einen durchschlagenden Erfolg erzielte, leitet die Sitzung ein; es würde zu meit führen, wenn wir an dieser Stelle das bereits aufgestellte Riesenprogramm näher besprechen wollten. Doch viele Freunde von Witz und Scttyre werden zweifellos wieder dem Rufe: Auf zum Mainzer Karneval!" Folge leisten, und deß sind wir überzeugt, daß feiner unbefriedigt nach Hause kehrt.

Lampertheim, 12. Febr. Gestern brach im Wohn­haus des Martin Lerch in der Nähe der Retwitzerschen Zigarrenfabrik ein Schadenfeuer aus, das die beiden darin wohnenden Familien im Schlaf überraschte. Doch konnten alle Personen gerettet werden. Die Feuerwehr war rasch zur Stelle, so daß das Feuer nur den Dachstock des Hauses ver­zehrte. lieber die Ursache des Brandes ist bis jetzt nichts bekannt geworden.

Frankfurt a. M., 12. Febr. Das 48 Jahre alte Dienstmädchen Marie Strohhauer stürzte sich heute früh aus dem vierten Stock des Hauses Praunheimerstraße 14 in den Vorgarten und blieb sofort tot. Das Motiv soll Krank­heit sein.

Frankfurt a. M. Maurice Maeterlinck, der Dichter von2)2onna Vanna", hatte die Absicht, der zweiten Frankfurter Aufführung seines Werkes durch die Truppe seiner Gattin Georgette Maeterlinck-Leblanc selbst beizuwohnen. Er ist aber durch Krank heit an der Reise verhindert und weilt gegenwärtig in Ment one.

Wetzlar, 12. Febr. Als antisemitischer Reichs­tagskandidat für den hiesigen Wahlkreis wurde im Ein­vernehmen mit den Christlich-Sozialen und dem Bund der Landwirte Dr. W. Giese-Berlin ausgestellt.

Marburg, 12. Febr. Wie von zuständiger Seite mit- geteilt wird, wurde gestern abend auf den um 6.48 Uhr abends von Kaffel hier eintreffenden Schnellzug 2?r. 72 un­mittelbar nach Vorbeifahrt an dem Haltepunkt Wiera von der linken Seite her ein scharfer Schuß abgegeben. Die Kugel zertrümmerte ein Fenster im vorletzten Wagen des Zuges. Von den in dem betr. Ab^ befindlichen Reisenden ist keiner verletzt worden.

Deutsche Landwlrtschastsgeseüschust.

Berlin, 12. Februar.

Die deutsche Landwirtschaftsgesellschaft hielt gestern zahl­reiche Fachversammlungen ab. Im Sonderausschuß zur Be­kämpfung der Tierkrankheiten wurde selbstverständlich der neue Entwurf der Revision des Reichsviehseuchen-Gesetzes behandelt. Der Rektor der landwirtschaftlichen Hochschule, Prof. Eggeling, und Landes-Inspektor für Tierzucht, Dr. Vogel (München), referierten. Man sprach sich schließlich etwa im Sinne des Deutschen Landwirtscheftsrates zustimmend ans. Erfreulich war die Mitteilung von Prof. Dr. Ostertag (Berlin), daß begründete Aussicht besteht, die Sch weine- seuche durch die Impfung mit dem polyvalenten Serum erfolgreich zu bekämpfen.

In seinen Verhandlungen über die Meltau sstell« ng in St. Louis 1904 erklärte sich der Ausschuß für Pferde­zucht dahin, daß es äußerst vorteilhaft wäre für die deutsche Pferdezucht, wenn die Weltausstellung beschickt würde, jedoch müßte erst die Angelegenheit der Quarantäne und der Zoll­verhältnisse in den Vereinigten Staaten geregelt werden. Wenn durch die Quarantäneverhältniffe die Beschickung un­möglich würde, sollte die deutsche Pferdeziicht wenigstens durch Tierphotographien vertreten werden.

Im Sonderausschuß für Schlachtbeobachtungen berichtete Prof. Dr. Lehinann über die von ihm mit Schweinen in die Wege geleiteten Mastversuche, denen Schlachtversuche

folgen werden. Es soll die Mast mit Oelgaben, Zucker- und Broteingaben in den Bereich des Versuches gezogen werden. Oekonomierat Herter hielt cs für wünschenswert, feftzustellen, unter welchen Bedingungen, die sich namentlich auf die vor­hergehende Haltung beziehen, sich Rindvieh für Weidemast eignet. Wenn die beteiligten Kammern sich zu einem Ver­suche nicht bereit erklären sollten, wird es Aufgabe des Aus­schusses sein, sich für die Versuche die Geldmittel zu beschaffen.

Vermischtes.

* Hildesheim, 12. Febr. In dem Hause Schelen« straße 33 entstand ein Dach stuhlbrand, bei welchem ein 15 Jahre alter Hausbursche umS Leben kam. Nachdem der Brand gelöscht, sand man seine verkohlte Leiche.

* Breslau, 12. Febr. Heute abend gegen 8 Uhr brach hier unter Gewittererscheimingen ein heftiger Sturm, verbunden mit Tauschneegestöber, los.

* Budapest, 12. Febr. Ein gestern aus Klausenburg abgelaffener Personenzug geriet in der Nähe der Station Glogovas in Brand. Ein Personenwagen 3. Klaffe, der mit Landleuten voll besetzt war, hatte infolge Heißlaufens der Räder Feuer gefangen. Auf das Notsignal der Reisenden wurde der Zug zum Stehen gebracht. Bei dem Versuch, sich durch die Koupeefenster in Sicherheit zu bringen, haben mehrere Passagiere schwere Verletzungen baoongetragen.

* Newyork, 12. Febr. Ein großes Vorratshaus des Arsenals von Rok-Jsland, das Kavallerie- und In­fanterie-Equipierungen aller Art und eine Million Patronen mit rauchlosem Pulver enthielt, ist durch eine Feuersbrunst zerstört worden. Der Inhalt des Gebäudes, das massiv ge­baut war, hatte einen Wert von 150 000 Doll.

Charlottenburg die reichste Stadt Preußens. Die reichste Stadt Preußens ist jetzt Charlottenburg geworden. Nach einer Mitteilung des Magistrats an die Stadtverordneten ist Charlottenburg in Beziehung auf das Einkommen seiner Bewohner jetzt an die erste Stelle der preußischen Städte getreten. Das durchschnittliche Einkommen beträgt in Char­lottenburg jetzt 4125 Mk. Das Durchschnittseinkommen betrug früher in Frankfurt a. M. 4791 Mk. Es ist dort jetzt auf 4115 Mk. gesunken.

* Aus 21 nlaß der Geburt feines 2 5. Kindes ist vom Ostmarken-Verein dem Postschaffner Schmidt in Briesen der Betrag von 50 Mk. zur Anlegung eines Spar­kassenbuches für dieses Kind überwiesen worden.

* Die Pest tn Mexiko. DieWeserztg." meldet, daß nach Berichten aus Mazatlan in Mexiko die Pest dort lokali­siert ist und nicht im Zunehmen begriffen zu sein scheint. Kein Pestfall wird von außerhalb Mazatlans gemeldet. Bis zum 8. Februar ist kein Europäer erkrankt, auch die Zahl der Todesfälle und Erkrankungen ist geringer, als die letzten nach Europa gelangten Meldungen besagen. Im Januar sind 133, in der ersten Februarwoche 24 Personen an der Pest gestorben. Im Hospital werden durchschnittlich täglich 40 Kranke behandelt.

Kunst und Mistenfchaft.

Das Wiesbadener Resiocnzthearer Hai eine vieraktige Komödie9t e u f u n ft" zur Aufführung angenommen. Der Ver­fasser, der sich unter dem Pseudonym Georg Wllhetmi verbirgt, ist em Darmstädter. Wie verlautet, hat das Slück die neufünfllerijcben Bestrebungen der Darmstädter Stünftlerfolonie zum Hintergrund.

Aachen, 13. Jan. Nachdem es den Allzuprüden hier glück­lich gelungen ist, die Aufführungen von MaeterlincksM o n n a Vanna" zu hintertreiben, machen sie sich wie es scheint, durch den Erfolg kühn geworden daran, den Theaterdirektor zu zwingen, auch bei den Aufführungen der Klassiker die ihnen nicht genehmen Stellen auszumerzen. DerAachener Vollsfreund", der in der Erziehung des Publikums xurSittlichkeit" vorangeht und nach der Premisre vonMonna Vanna" seine Leser dahin be­ruhigen zu müssen glaubte, daß er erklärte, die Titelheldin betrete nicht etwa wirklich nur mit Mantel und Schuhen bekleidet die Bühne, wendet sich gegen die letzte Aufführung desFaust" unb meint:Das Publikum erzeigte sich durch feinen lebhaften Beifall für die Aufführung dankbar allerdings bis auf eine kurze Szene, wo denPfaffen" eins angehängt wird. Früher war dieser für die Handlung auch ziemlich belanglose Auftritt zusammengestrichen." Der arme Direktor! Nächstens wird er einen Schwarzstift an Stelle des Rotstifts benutjenjnüJjei^

Gerichtssaal.

München, 12. Febr. Em hiesiger Rechtsanwalt ivar ih einer Wechjelsteuer-Angelegenheit zu einer kleinen Geldstrafe verurteilt worden unb hatte dagegen Berufung beim Landgericht eingelegt. Da er sich selbst verteidigte, glaubte er bei der Verhand­lung in der Robe des Anwalts erscheinen zu dürfen. Vom Vorsitzenden wiederholt ausgefordert, die Robe abzulegen, weigerte sich der Rechtsanwalt andauernd, was zur Folge halte, daß zu­nächst eine Ordnungsstrafe von 50 Mk.,^dann von 100 'Du. unb schließlich eine Haftstrafe von einem Tage über ihn ver­hängt wurde. Tas Ende war, daß die Verhandlung ausgesetzt wurde, dis über die Beschwerde des Angeklagten, der sich selbft zum Verteidiger bestellt hatte, entschieden worden sei.

Landwirtschaft.

Der Bund der Landwirte rühmt seiner landwirtschaftlich» technifchen Abteilung im jüngsten Geschäftsbericht nach, daß bei einem Milglrederstand des Bundes von rund 250 000 sie im ver­flossenen Jahre die Lieferung von 1 425 000 Doppelzentnern Tünae- unb Futtermittel vermittelt und dafür den Beziehern 160 OuO Mk. Rabatt gewährt, und daß sie an Originalsaatgiit 3310 Doppel­zentner vermittelt habe. Wie gering diese Tätigkeit des Bundes ist, ergibt ein Vergleich mit den Erwlgen der deutschen Land- w'i r l f ch a s t s g e j e l l j ch a f t. Dieser Gesellschaft gehören etwa 13 343 Mitglieder, meist sehr sachkundige und tüchtige Diitglieöer an, also knapp der zwanzigste Teil des Mitgliederstandes des Bundes der Landivirte. Aber durch diese Gesellschaft wurden ver­mittelt: 3 168 000 Doppelzentner Düngemittel für einen Handels- wert von 9 280 000 Mt. unb mit einer Rückgewähr von 37o oOO Mk., 253 732 Doppelzentner Futtermittel zum Wert von 2 760 000 Alk. unb 40000 Doppelzentner Saatgut zum Wert van 1135 000 'DiL

Arbeiterbewegung.

Petersburg, 12. Febr. Die Mehrzahl ^der m den Aus­stand getretenen Arbeiter der N e iv s k i - S p i n n c r e i nahm die Arbeit wieder auf. Morgen soll die Arbeit in vollem Umfange beginnen.

Madrid, 12. Februar. In einer Unterredung bemerkte der Ministerpräsident S i l v e l a , die derzeit m Spanien herrschenden Ausstände seien ziveifacher Natur, der eine Ausstand sei ein Kampf zwischen Arbeit und dem Kapital, der andere die Folge anarchistischer 'Anschläge. Im ersten Falle werde sich die Regierung bemühen, eine Einigung zu erzielen, im zweiten aber energisch gegen' die Ruhestörer vorgehen. Der Ausstand m Cadix ist jetzt auf die Salinen beschränkt.