Ausgabe 
12.5.1903 Erstes Blatt
 
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rrm> 3do mrrrtcr verleg. Gegen 700 Inden gehörige Häuser und 600 Ges ch ä ftslokale wurden ge­plündert. Die Unruhen^find bervorgerufen durch das tzugespitzte Verhältnis zwischen den Christen und Juden Bessarabiens. Gerüchte über angebliche Ritualmorde km Gouvernement Cherson, in Kiew und Kischinew ver­anlaßten das Gerede, es müsse gegen die Juden losgegangen werden. Geschriebene Aufrufe dazu wurden verteilt. Den direkten Anlatz zur Judenheße gab am Ostersonntag-Nach- mittag die Mißhandlung einer Christenfrau durch einen jüdischen Karusselbesitzer. Die Diente warf Steine gegen die benachbarten Judenhäuser und durchzog dann verschie­dene Stadtteile, überall jüdische Häuser und Verkaufsbuden zerstörend. Am Ostersonntag wurden bereits 9 Juden ge­tötet. Am nächsten Morgen überfielen Juden auf dem neuen Bazar Christen. Ein Christ wurde durch einen Schuß von jüdischer Seite getötet. Darauf erneuerten sich die Un­ruhen. Tre die Stadt durchziehenden Militärpatrouillen er­wiesen ich als ungenügend. Neue Truppenkommandos wurden herbeigerufen und die Aufrechterhaltung der Ord­nung der Militärobrigkeit übertragen. 'Nachdem die Trup­pen planmäßig auf die einzelnen Bezirke verteilt waren, hörten die Unruhen am Abend des Ostermontags aus.

Tie Vorgänge in Kischinew riefen an vielenOrten »es Reichs Unruhe hervor. In einigen Städten be­gannen sich Judenvereinigungen zur Selbstverteidigung zu bilden. Auf die Erhebungen des Tirektors des Polizei- departements wies der Kaiser den Minister des Innern an, den Chefs der Gouvernementsstädte einzuschärfen, daß ihnen unter persönlicher Verantwortung zur Pflicht ge­macht werde, Maßnahmen zur Vorbeugung gegen Gewalt- lättgkeiten zu treffen, um die Bevölkerung zu beruhigen. Tas Rundschreiben des Ministers des Innern weist darauf hin, daß die Bildung von Vereinen zur Selbstverteidigung unzulässig ist und daß die Zivilbehörde bei Unruhen ihre Obliegenheiten nicht an die Militärbehörde abgeben dürfe, sondern Has gemeinsame Vorgehen der Truppen und der Polizei leiten müsse. Die Vertreter der Zivilbehö-vde dürfen die persönliche Erteilung von Anordnmrgen erst einstellen, wenn die Truppenkommandeure zum Wafsengebrauch auf­gefordert haben.

Ter amtliche russische Bericht bestätigt leider nur zu sehr die Meldungen von oen unerhörten Ereignissen. Das alles ist doch nur möglich gewesen durch eine unerhörte Saum­seligkeit der Behörden, die fast wie eine Begünstigung der Hetze aussieht. Bei Studenten- und Bauern-Unruhen sind Militär und Polizei, wie man weiß, außerordentlich prompt zur Stelle, und es wird nicht das Mindeste versäumt, die Revolte zu ersticken und einer Wiederholung vorzubcugen. Kein Wunder, daß bei Versagen des behördlichen Schatzes die Juden Vereinigungen zur Selb st Verteidigung ge­bildet haben. Es fehlt nur noch, daß die Notwehrfür durchaus unzulässig" erklärt wird.

Wahl-Bewegung.

Hanau, 10. Mai. Der gemeinsame Zentralwahlaus­schuß des konservativen und nationalliberalen Vereins dahier teilt demHan. Anz." mit, daß zu den Versammlungen an den verschiedenen Otten des Reichstagswahlbezirks alle Wähler der bürgerlichen Parteien Zutritt haben, die Sozialdemo­kraten dagegen für bie Folge ausgeschlossen sein sollen mit Ausnahme einer am 19. Mai dahier stattsindenden öffent­lichen Wählerversammlung, wozu ihnen der Zutritt gestattet wird. Diese Maßregel wird damü begründet, daß die Sozial­demokraten in der Diskussion sofott das Wott an sich reißen und so eine Aussprache des Kandrdaten Dr. Lukas mit seinen Wählern vereiteln.

Kirche und Schule.

Karlsruhe, 10. Mai. Das Freiburger Ordinariat hatte im Auftrage des in Rom weilenden Erzbischofs für den heutigen Sonntag wegen der Freisprechung des früheren Pfarrers Schwarz durch das Mannheimer Schwurgericht in sämtlichen katholischen Kirchen Badens Sühneandachten vor ausgestelltem Allerheiligsten angeordnet. (Auf der Gegen­seite veröffentlicht jetzt Pfarrer Schwarz unter dem Titel

Zum Kampf um den § 166* eine attenmäßige Darstellung seines Prozeffes als Broschüre, die vomNeuen Frankfutter Verlags in Frankfutt a. M. verlegt wird.)

Historische Äommisftou für Hessen und Waldeck.

Marburg, 6. Mai.

Die ö.Jahresversammlun g der historischen Kommission für Hessen und Waldeck fand am 9. Mai rm Senatsaale der Universität statt. Bon aus- wär lägen Pattonen und Mitgliedern waren erschienen die Herren Oberbürgermeister Tr. Antoni-Fulda, Museums­direktor Dr. Boehlau-Cassel, Oberlehrer Dr. Buchenau- Weimar, Generalmajor Eisentraut-Cassel, F. von und zu Gitta-Gilsa, Oberbibliothekar Prof. Dr. Haupt-Gießen, Bibliothekar Dr. Jürges-Wiesbaden, Privatdozent Tr. Köhler-Gießen, Kreisamtmann Dr. Kranzbühler- Gießen, Oberbürgermeister Tr. 'Müller-Cassel, Generalsuper, intendent D. Werner-Cassel, Landesrat Frhr. Wolff zu Gudenberg-Cassel, Prof. Zimmermann-Hanau. Der Vor­sitzende, Prof. Frhr. v. d. Ropp, begrüßte die Erschie­nenen und gedachte zunächst der im verflossenen Berichts­jahr verstorbenen Mitglieder der Kommission, des Direktor Dr. Ackermann-Cassel, dessen Andenken die Versammlung durch Erheben von den Sitzen ehrte. Sodann teilte er mit, daß Prof. Schroder infolge seiner Uebersiedlung nach Göt­tingen aus dem Vorstand der Kommission ausgeschieden sei. Zu Mitgliedern der Kommission wählt die Versammlung daraus die Herren Superintendent Wissemann in Hofgeis­mar, die Professoren Dr. Haller, Dr. Troeltsch Dr. Vogt und Dr. Wiegand in Marburg, sowie Archivassistent Tr. Knetsch in Wiesbaden. Als neuen Patton hat die Kom­mission gewonnen Frhrn. Klettrschmit von Lengesew zu Lengefeld (Waldeck). Die Rechnung des Schatzmeisters, Geh. Archivrat Dr. Kövnecke, dem die Versammlung die Ent­lastung für seine Rechnungsführung erteilte, wies eine Jahreseinnahme von 6509 Mk. auf gegenüber einer Aus­gabe von 1849 Mk. Ter lieber schuß von 4660 Mk. zusammen mit dem lieber trag der Rechnung von 1901/02 ergab einen Kassen bestand von 17 480 Mk., doch wird sich dieser durch die Unkosten der im laufenden Jahre bevorstehenden Ver­öffentlichungen alsbald wesentlich verringern, denn das Er- jdjeinen der dritten Lieferung des hessischen Trachtenbuches von Geheimrat Prof. Dr. Jufti steht unmittelbar bevor und der erste Band des Friedberger Urkundenbuches wird im Herbst ausgegeben werden. Ebenso eine Bearbeitung des am 17. Juli 1902 zu Seega am Kyfshäuser gehobenen äußerst wichttgen Münzfundes, zu dessen Herausgabe sich die historischen Kommis, ronen von Sachsen und Anhalt und Hessen und Waldeck vereinigt haben. Der Bearbeiter, Dr. Buchenau in Weimar, mackste der Versammlung unter Vorlage von bereits fertiggestellten Probetafeln nähere Mit­teilungen über den Fund uiw dessen Umfang und Bedeutung. Der Druck des Fuldaer Ur kündend uches wird fortgesetzt und der je eines Bandes der hessischen und Waldeckscyen Chro­niken im laufenden Jahre erft begonnen werden. Die übrigen Arbetten, über deren Stand der demnächst er­scheinende Jahresbericht nähere Auskunft erteilen wird, sind zumeist richtig gefördert worden. Im Anschluß an Er­örterungen über neu geplante Unternehmungen berichtet Direktor Dr. Knabe über die Tätigtest der Gesellschaft für >eutsche Erziehungs- und Schulgeschichte und fordert zur Mttarbett an einem demnächst erscheinenden Gruppenheft derMitteilungen" auf, welches speziell der Provinz Hessen-Nassau gewidmet sein soll.

Geruh tslaal.

Gießen, 1L Mai. Kriegsgericht. Gestern beschäftigte sich von vormittag 11 Uhr bis abends 7'/, Uhr das Kriegsgericht mit einer Anklage wegen schwerer Urkundenfälschung, die sich gegen den Feldwebel Banse von der 9. Kompagme des 116. Jnf.-Regts. richtete. Das Kriegsgericht war gebildet aus dem die Verhandlung fübrenden Kriegsgerichtsrat Obenauer -Darm­stadt, Major z. D. M o r n e w e g , Hauptmann H o o s, den beiden Oberleutnants Dan und Giese, sowie dem Kriegsgerichts- schreiber Hanselmann - Darmstadt. Die Anklage vertrat Kriegsgerichtsrat Link- Darmstadt, während Rechtsanwalt Röm- h e l d die Verteidigung führte. Am 23. April verurteilte das Kttegsgericht einen Unteroffizier unserer Garnison wegen Miß­

handlung, ttrtaubsüberschreirung und Nichkvetolgung emeS ihm vom Rundeoffizier erteilten Befehls zu 3 Monaten Geiängnis und Degra­dation. In dem von uns gebrachten Verhandlungsdencht fiel es allgemein auf, daß der Verurteilte, trotzdem er vor feiner Dienst­zeit bereits wegen Körperverletzung zu 1 Jahr und 4 Monate Ge- längnis verurteilt worden war, als Unteroffizier überhaupt zu- aclasfen war. Tie gestttge Verhandlimg brachte über diesen Punkt Klarheit. Jener Unteroffizier war 1898 bei der 9. Kompagnie der 116er als Gemeiner eingetreten. Er wurde bei seinem Eintritt m die Mannsckafls-Stammrolle eingetragen und dabei in der be­treffenden Rubrik von scmer Vorstrafe als Zivilist Vermett ge­nommen. Als die Chmawirren ausbrachen, meldete sich der Mann als "Freiwilliger. Er wurde aber wegen seiner hohen Vor­strafe anfänglich zurückgewiesen. Er meldete sich wieder­holt und hatte den Erfolg, daß man beim späteren Er­satz resp. einer nachgesandien Verstattung den Alaun mit- sandte. Ordmmgsgemäß enthielt das von der Kompagnie ausgeiertigte Natioiial die Vorstrafe. Von China als Ge- freiler zurückgekehrt, meldete sich dieser unter Einsendung seines militäriichen Passes bei der 9. Kompagnie und zwar schriftlich beim Feldwebel Banse als Kapitulant. Dieser empfahl ihn als einen tüchtigen Soldaten seinem Kompagmechef, worauf er auch eingestellt wurde. Es ersolgtc die Eintragung des Mannes m die Kapi- ttilanten-Stammrolle und zwar durch den Feldwebel Banse, der in der Rubrik Vorstrafen den Vermett machte:keine." Auf Grund des neuen Eintrages wurde 311m Zwecke des Abschlusses der Kapi­tulation das Rational ausgeschrieben, in dem auch die Vorstrafe wegfiel. So brachte der China-Gefreite es zum Unteroffizier. Ter Angeklagte Banse erklärte gestern, als der 'Mann sich als Frei­williger nach China gemeldet habe, habe er gewußt, daß jener eme erhebliche Vorstrafe im Zivilleben verbüßt habe, es sei ihn) aber diese Tatsache mit der Zeit entfallen. In der MannschaslS-Stamm- rolle von 1898, welche er zum Eintrag in die Kapltulanten-Ltamm- rolle benutzt habe, war, als er den Eintrag machte, die Vorstrafe des Mannes durchgeslrichen. Zwar war diese Berichtigung von dem Kompagniechef nicht unterschrieben, wie dies ordnungsgemäß geschehen muß, aber in der Eile des Uebertrages habe er nicht darauf geachtet; er habe aber fest geglaubt, die durchgestrichene Vorstrafe sei irrtümlich in die Stammrolle gekommen und darum berichtigt worden. Banse, dem von verschiedenen Seiten em geradezu glänzendes Zeugnis ivegen seiner Tüchtigkeit erteilt wird, erklärt, er habe den Strich nicht in der Stammrolle vor­genommen und iviffe auch nicht, iver sonst dies getan haben könne. In der sehr eingehenden Beweisaufnahme wird festgestellt, daß die Stammrollen bei dem vielseitigen Dienst der Feldwebel nicht fort­gesetzt von diesen unter Schloß und Riegel gehalten werden können. Der Ankläger ließ zwar bie Anklage auf qualifizierte schwere Ur­kundenfälschung fallen, war aber doch der Ansicht, daß der Feld­webel der Fälschung einer öffentlichen Uttunde schuldig sei, und wollte den Fall mit einer Strafe von 14 Tagen Mittelarrest als gesühnt ansehen. Der Gerichtshof sprach den Angeklagten aber frei und zwar aus der Erwägung, weil es ,00hl möglich sei, daß der Strich, der die Vorstrase m der Mannschafts-Stamm­rolle berichtige, auch von jemand anders gezogen fein könnte als vom Angeklagten und weil man dem Feldwebel Banse Glauben geschenkt habe, daß er in der Eile, in der er den Uebertrag be­werkstelligt hat, nicht darauf geachtet habe, daß der fälschlich m bie Stammrolle gekommene Strich die Unterschrift der Legalisierung nicht gehabt hat.

Vermischtes. '

* Bonn, 9. Mar. Im Äorpshause der Saxonia wurde im vorigen Semester eine Reihe größerer Dieb­stähle ausgefuhrt. Der S L u l d i g e ist jetzt rn der Person eines Korpsbruders, des Frerherrn v. O., ermittelt worden.

* Budapest, 10. Mat. Zwischen dem Ob ergespan Zoltan Desy und dem Redakteur desFuggellen Magyarorszag", Tesider Lorand, hat ein Pistolen» duell stattgefunden. Die Bedingungen lauteten auf 25 Schritte Distanz ohne Avance. Die Zielzeit war zehn (Ee- künden. Bei dem ersten Kugelwechsel blieben beide Par­teien unverletzt. Die Parteien wechselten nun die Plätze. Bei dem zweiten Kugelwechsel schoß Desy zuerst, ohne zu treffen. Lorand trat hieraus, ohne von seinem Rechte, zu schießen, Gebrauch zßr machen, auf den Lbergespan zu und bat ihn, bp. der Verdacht, daß er auS Feigheit handle, ihn nicht mehr treffen könne, um Verzeihung für die An- griffe, die in feinem Blatte erschienen waren. Tie Parteien reichten sich dann zum Zeichen der Versöhnung die Hände. fein Duell Visontai-Barta dürfte in den nächsten Tagen awogetragen werden.

Gegen Schnupfen: Formau-Aethcr-Watle (Tose 30 Pfg.).

die durch die Asck)enbestandteile der Ernte dem Boden ent* führten Stoffe beruhe die Bedeutung der Düngung. Diese Aufdeckung, welck)e für die Landwirtschaft eine so außer­ordentlich wichtige Tatsache enthätt, ist vielleicht Liebigs größte Sei [tun g. Er ist dadurch der erste wttlliche Agri- fulturdxmiter, der Reformator des Feldbaues, geworden. ES würde den Rahmen dieses Aufsatzes bei weitem über­schreiten, wenn auch nur versucht werden sollte, einen Aus­zug aus den Liebigsck)en Ideen bezüglich der Reform der Landwirtschaft zu geben. Er hat die Landwirtschaft von dem HandiverkSmäsiigen, dem Rezepttum befreit und ihr neue Dahnen gewiesen. Die Feldkultur erfordert Einsicht in den Zusammenhang von Ursache und Wirkung; ferner werden durch nichts so viele zllnntnisse der Chemie in die unteren Schichten der Gesellschaft, in die ländlichen Kreise verbreitet, als durch die landwirtschaftlichen Aka- detmen, Ackerbauschulen usw.

Durch die Uebenmljme einer chemischen Professur in Münck-en (1851), schuf er sich die Muße zur Fort­setzung und teilweisen Vollendung seiner Werke. Um seine und seiner Schüler Arbeiten sowie seine polemischen Streit schriften oeröffenllicheu zu können, schuf er sich ein Jour­nal:Annalen der Chemie", das später von den bedeu­tenden Cl)emilern fortgesetzt wurde und jetzt noch einen der wertvollsten Teile der Quellenliteratur bildet. TaS Handwörterbuch der reinen und angewandten Chemie", von Liebig ui Gemeinschaft mit Poggendorf und Wöhler 1837 begründet, wurde erst 1864 beendet. Auch sein drittes literarifck)eS Unternehmen, Jahresbericht der Chemie", ist ein Wert von Ijeröorragcnbcr Bedeutung geblieben.

1853 wurde Liebig vorn König Maximilian II. zum Vorstände des Kapitols des MaximUianSvrdenS für Wissen- sck^aft und uunft und 1860 zum General konservator der wissensck)afttichen Sammlungen des bayrischen Staates er­nannt

Im Kampfe um die wissenschaftliche Wahrheit von rücksichtsloser ^djärfc und Leidenschaftlichkeit, war er im persönlichen Umgänge von bestechender Liebenswürdigkeit. Seine rastlose Dätigkeit beraubte ihn nicht, wie es so oft bei anderen großen Männern der Fall ist deS Ge­nusses eines glücklichen Familienlebens. Aus feiner Che mit der Darmstädterin Henriette Molden Hauer suid mehrere Kinder entsprossen, von denen sich sein Sohn Frechere Georg von Liebig, Privatdozent ui München, durch die Herausgabe der Reden und AbhMidlungen seines Vaters du Verdienst erworben hat. Von emer lebensgefähr­lichen Erkrankung un Jahre 1870 genas der greife

Gelehrte wider eigenes Erwarten. An äußeren Ehren hat es ihm nicht gefehlt. Lange Jahre hin­durch bellerdete er die Würde des Präsidenten der Äöniglidjen Akademie der Wissenschaften in München, Zahlreich wissenschaftliche Gesellschaften und alle Akade­mien des In- und Auslandes rechneten es sich zur Ehre an, ihn zu ihrem Mitgliede ernennen zu dürfen, hohe Orden drückten ihm den Dank vieler Fürsten ans. So ist ihm das schon bei Lebzeiten zuteil geworden, was manchen anderen Heroen versagt blieb, trotzdem aber blieb Liebig stets der bescheidene, freundliche und hllfsbereite Mensch.

AIS im Jahre 1873 die Wiener Weltausstellung ins Leben gerufen wurde, hatte die Generaldttektion Liebig das Präsidium ber Jury für die chemischen Gruppen zugedacht, allein kurz vor (Eröffnung dieses glänzenden Schauspiels raffte der Tod den berühmten Gelehrten dahin. Am 18. Apttl 1873 erlag er einem anscheinend unbedeutenden Unwohlsein. 1877 wurde ihm in Darmstadt ein Denkmal (Bronzebüste von Bersch) gesetzt. Die Deutsck-e Chemische Gesellschaft errichtete ihm im Ver­ein mit seinen Freunden und feinen Schülern auf dem MaximilianSplatz in München eine 1883 enthüllte Mar- morftatuc (von Wagmüller) und am 28. Juli 1890 wurde hier in Gießen an der Oft an läge in Verbindung mit einer großartigen Feierlichkeit, zu der S. K. H. der Groß- herzog erfdjienen war und bei der der bedeutendste Sck-uler Liebigs, A. W. v. Hofmann, ein Sohn unserer Stadt, zum Ehrenbürger Gießens ernannt wurde, der 1873 Liebigs würdiger Nachjolger in München ge­worden war und später bis zu feinem Tode an der Ber­liner Universität als eine von deren hervorragendsten Leucksten wirkte, das sa-öne Standbild von Schaper ent- hüllt. DerGieA. Anz." berichtete damabs hierüber in einer besonderen Festnummer.Wo aber fände ich den Anfang, wo das (&iibe, unternehme ich es, in den wenigen Augenblicken, die mir gegönnt sind, den Umfang dieser fich über ein halbes Jahrhundert erstreckenden, allseitig ver- ziveigtcn Arbeit auch nur anzudeuten'? Ick) müßte Sie bitten, mich durch das ganze unermeßliche Reich ocr ck>cmischen Erscheinungen zu begleiten, denn in allen Seiten desselben Hai er unvergängliche Wahrzcick-en feiner dahn- bredjenben Wirksamkeit zurückgelassen./' So sprach damals A. W. v. Hofmann. Die Nachwelt Hai sein Erbe ange- treten, aber der Ruhm des bal)ubrechenden Forschers wird nicht vergehen, beim nne Platen (1822) in einemAn Justus Liebig" gerichteten Sonett fang:

Es ruh'n auf goidner, künftg« Zeit dis Stute."

Gießen wird heute die 100. Wiederkehr des Geburtstages Liebigs in würdiger, festlicher Weise begehen und so einen Teil des Tankes abtragen, den die Universitätsstadt dem großen Lehrer schuldet.

Vom alten Liebig erzählt uns ein Leser folgende Anekdote: In den vierziger Jahren kam ein Bauer nut einem Beutel voll Silbergeld nach Gießen, um feine Steuern zu bezahlen. Das Geld hatte er in einen Korb voll Eier gelegt. Ein faules Ei war unterwegs entzwei gegangen und das ganze Silbergeld war durch den Schwefelwafferstoff schwarz geworden. Tas schwarze Geld aber nahm der Steuerbeamte nicht an und wies das Bäuerlein schroff ab. Was tun? Das Bäuerlein fragt hin und her und erfähtt endlich zu seiner Freude, daß am Bahnhof im Labo­ratorium ein Mann sei, der schwarzes Geld weiß machen könne. Diesen Mann, es war Liebig, fand et auch und fragte, indem er ihm sein Leid klagte, ob er schmutziges Geld weiß machen könne. Liebig bejahte eS. Im Nu war von feinem Assistenten durch Waschen mit Säure das Geld weiß gemacht und die blanken Thaler erhielt der Bauer zurück.Was fein ich schuldig?" fragte dieser.Es kostet nichts", lautete die Antwort.Nun, dann trinken Sie und Ihr Gesell (und dabei drückte er Liebig ein Sechskreuzerstück in bie Hand) wenigstens einen guten Schoppen." Der Gesell aber war der spätere Profeffor Will.

Zum hundertjährigen Geburtstag JustuS v. L i e b i g s hat die.WochcnschttftT i e U m s ch a u" (Ueber- sicht über die Fortschritte unb Bewegungen auf dem Ge­sa mrgebict der Wissenschaft und Technik, Frankfurt a. M.) eine Festnummer erscheinen lassen, in welcher Tr. Hans Frecherr v. Liebig, sein Neffe, eine Schilderung des Lebens und Wirkens des großen Mannes giebt Tie Nummer bringt eine reiche Zahl von bisher unveröffentlichten Btt- dern und Handzeichnungen Liebigs, seiner Familie und seiner Arbeitsräume, darunter auch em von Liebigs Hand selbst gemaltes Aquarell. Erwähnung verdienen auch die vor­züglichen Liebig-Aussätze in den neuesten Nummern der ZeitschriftH e s s e n I a n d" und derG a r te n laube"