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158. Jahrgang
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Graf-Regenten in der Ltppe'schen Erbfolgefrage. Damals chuf der Meiningensche Landtag einstimmig ein Gesetz, welches bie (8>e Kes Prinzen Friedrich mit der Gräfin Adelheid zur Lippe-Biesterfeld ausdrücklich als standes- gemäb anertannt yd; und deren Kindern die Successions- lerechtigurrg im Herzogtum zusprach. Herzog Gcora, welcher ruher jedes Jahr am Geburtstag des Kaisers Wilhelm I. n Berlin weilte, welcher als der Ersten einer von den Gestaden des CornoseeS nach Berlin eilte, als der alte Kaiser tarb, welcher darauf in kurzer Zeit zweimal seinen Besuch n Berlin wiederholte, um dem ihm innig befreundeten Kaiser Friedrich die letzte Ehre zu erweisen, und der Eröffnung des ersten Reichstages unter der Regierung Wilhelms II. beizuwohnen, ist seit einem Jahrzehnt jeder Begegnung mit dem deutschen Kaiser aus dem Wege gegangen, und hat Berlin nicht wieder besucht. Dabei aber ist er der deutschesten Fürsten einer, und in feinem Lande hoch, geachtet und aufrichtig geliebt."
Nr. HO
Erscheint täglich außer Sonntag«.
Dem Gießener Anzeiger werden tm Wechsel mit dem Keffilchea Landwirt die »ietzener Kamille» blätter viermal tn der Woche deigelegt.
No ia Non« druck tu Verlag der vr üblich« U.nwers.-Vuch- u-Stein- druckerei (Piellch Erden» ÄHxiftton, »rpebUlo*
Bezahlung der deutschen Rellanuitionen. Danach soll die Frage, ob Deutschland, Großbritannien und Italien auf die bevorreckstigte oder gesonderte Behandlung bei Bezahl- ung ihrer Reklamationen gegen Venezuela Anspruch haben, dem Haager Schiedsgericht zur endgültigen Entscheidung unterbreitet werden. DaS Lchiedsgcriäft soll entscheiden, wie die von Venezuela zur Verfügung gestellten dreißig Prozent der Zollcinkünfte in La Guayra und Puerto 6a* belfo zwischen den Blokadeniüchten einerseits und den Übrigen Gläubigeimächten andererseits zu vertellen sind. Diese Entscl-eidung soll endgültig fein. Wird den Blockade- machten die bevorrechtigte oder gesonderte Behandlruig nicht gewährt, so soll das Schiedsgericht entscheiden, daß keine Macht eine bevorrechtigte Behandlung erlangt. Die Entscheidung soll endgültig sein. Der Kaiser von Rußland soll gebeten werden, ans den Haager Schiedsrichtern drei ru ernennen, um in diesem Falle ein -L-chiedsgericht zu bilden. Keiner derselben darf Untertan oder »ärger einer der Signatar- oder Gläubigermächte sein. Das Schiedsgericht soll am 1. September 1903 zusammen treten und feine Entscheidung ab da binnen sechs Monaten abgeben. Tas Verfahren soll in englischer Sprache geführt werden, doch können mit Genehmigung des Schiedsgerichts Ausführungen auch in anderer Sprache gemacht werden. 2^rs Verfahren wird, soweit nicht das Adkommen anderes bestimmt, durch die Haager rwnvcntion geregelt. Auch über die Msten frage des Schiedsgerichts entscheidet das Schiedsgericht. Jede Nation, die Reklamationen gegen Venezuela bat, kann sich dem durch dieses Abkommen vorgesehenen Schiedsverfahren als Partei anschließen.
Leide Abkommen sind Washington, 7. Mai, datiert und von Speck v. Sternburg und Bowen unterzeichnet. Der Meichsauzeiger" bemerft noch, die Interessenten werden möglichst bald die die Schadenersatzansprüche betreffenden Eingaben unmittelbar an den kaiserlichen Gesandten ui Caracas zu richten haben, wobei die einzelnen Ansprüche genau zu begründen und die erforderlichen Beweisstücke beizufügen sind. c .
Es ist nur zweckmäßig, daß dem Schiedsgericht eine Grenze für seine Beratungen gesetzt ifc denn sonst könnte der Beschluß, bei der bekannten Schwerfälligkeit der Ver- handluiigen im Haag, wer weiß wie lange auf sich warten lassen, zum Nachteil der Gläubiger Venezuelas. Ohnehin wird das Schiedsgericht viel Arbeit haben. Hoffentlich können die deutschen Ersatzsorderndeii am Schluß mit mehr Berechtigung sagen: Wir haben erreicht, was wir wollten.
Die Zudeuhetze in Sischiuew.
Ein Rundschreiben des russischen Ministers des Innern an die Gouverneure, Stadthauptleute und Obervolizei- ; meister entwirft von der Judenhetze in Kischinew folgendes Bild: Bei den Unruhen, deren Urheber vorzugsweise einfache Leute waren, wurden 45Perfonen getötet, 74 schwer
Ve»«g»pre»»r mcmalncd «k>P1., vierter- |ät)rtid) Mt. 2.80; durch Abdole. u. Zweigstellen monatlich 6o Pf.; durch biePost Alk. 2.— viertel- jährl. auS|d)L Bestellg. Annahme von »nzelge« -ür die TageSnummer ?tS vormittag« 10 llhr. Zetlenvrei«: lokal 12 Pt^ ausiväri» 20 Pfg.
Politische Tagesschau.
Der Rücktritt bei Erbprinzen Bernhard von Sachsen-Meiningen vom Kommando dies sechsten Armeekorps wirft zugleich neue» Licht auf die gespannten Beziehungen, die feit längerer Zeit zwischen Berlin und Meiningen herrschen. In einet Meininger Korrespondenz der „Augsb. Abendztg." wird zunächst daraus hingewiesen, daß die Rücktrittsabsicht des Erbprinzen nid)t von den letzten Monaten datiert; auch fei es in eingeweihten Kreisen kein Geheim» nis, daß das Verhältnis derErbprinzesfinChar- lotte zu ihrem Bruder (dem deutschen Kaisers schon feit Jahren nicht mehr so herzlich und innig wie früher sei. Tann heißt es weiter: „Schon un vorigen Jahre war Erbprinz Bernhard nahe daran, fein Abschiedsgesuch einzureichen, die Angelegenheit fand aber, wie man sagt, durch Vermittelung des Königs Albert von Sachsen ihre Beilegung, trotzdem auf die Dauer dieses Verhältnis unhaltbar schien. Es kam am efiatanteften zum Ausdruck, als Kaiser Wilhelm im ooriaen Jahre zum Jagdaufenthalte in Schlesien weilte, und bei dieser Gelegenheit sein Äuraffierrcgünent in Breslau auf einige Stunden besuchte. Damals fiel es allgemein auf, daß der Erbprinz und die Erbprinzeffin sich wenige Tage vor Ankunft des Kaisers nach Schloß Erdniannsdorf begaben. Wie verlautet, beabsichtigt das erbprinzliche Paar, zunächst eine größere Auslandsreise anzutreten, und dann dauernd seinen Wohnsitz in Rteiningeil au nehmen." Die Zuschrift kommt dann auf die Verhältnisse am Meininger Hof zu sprechen. Bckannllich iß Her^oa Georg morganatisch mit der Freifrau v. Heldburg, geb. Ellen Franz, einer ehemaligen Bühiienkünstlerin, vermählt. In der Zuschrift wird aber betont, daß feil Jahren das beste, ja sogar freundschaftlichste Verhältnis zwischen dem erbprinzlichen Paar und der Ge- mahlin deS Herzogs bestehe. Meinungsverschiedenheiten über die etwaige sJiangorbnung tonnten in Meiningen nicht in Frage kommen, und seien auch bei den wiederholt in den letzten Jahren dagewcsenen fürstlichen Besuchen nie in Frage gekommen, da der Herzog feiner Gemahlin den Rang nach den Prinzess innen deS herzoglichen Hauses verliehen habe. Zum Schluß wird über die seit Jahren bestehende Spannung des Herzogs Georg mit Kaiser Wilhelm II. gesagt: „Die Spannung ist auf den nach dem Regierungsantritt des Kaisers an gefügten Antrittsbesuch desselben am fUieininger Hofe zurückzufuhren, welcher fast m letzter Stunde, nachdem Ho, und Land sich schon ungeheure Kosten verursacht hatten, wegen Etiketteschwierig- teiten abgesagt wurde. Ter Herzog reiste noch am selben Abend mit seiner Gemahlin nach England ab. Tiefe Spannung mag später noch ihre Verschärfung erfahren haben durch das enychtedene Eintreten des mit dem schäum- burg-lippeschen Hause fasst ebenso nahe wie mit dem Graf- giegenten von Lippe-Detmold verwandten Herzogs für den
GiehenerAnzeWk
General-Anzeiger v
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
Abkomme» -wischen Deutschland und Venezuela.
Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht das Abkommen zwischen Deutschland und Venezuela über die zur Feste Wellung der deutschen Reklamationen berufene gemischte Äammission. Hiernach treten die von der deutschen und der venezolanischen Regierung zu ernennenden Mitglieder der Kommission am 1. Juni in Caracas zusammen. Der vom Präsidenten der Vereinigten Staaten zu ernennende Obmann tritt sobald als möglich in die Kommission ein, spätestens am L Juni. Die Entscheidung der Kommission Über die Reklamationen sollen auf der Grundlage der vollkommenen Billigkeit, sowie ohne Rücksicht auf die Ein- Wendungen technischer Art oder auf die Bestimmungen der Landesgesetzgebung erfolgen. Die zuerkannten Einschädigungsbeträge müssen angegeben werden als zahlbar in deutschem Golde oder dem ivegenwert in Silber, wie sich solcher zurzeit der effektiven Zahlungen in Caracas stellen wird. Tie Reklamationen sind bei der Kommission von dem deutschen Gesandten in Caracas bis zum 1. Juli anzumelden. Tie Frist kann von der Kommission verlängert werden. Dae Kommission hat über einzelne Reklamationen binnen sechs Monaten nach deren Anmeldung und, jo fern das deutsche und das venezolanische Mitglied sich nicht einigen, binnen sechs Dlonaten nach der Zuziehung des Obmannes zu ent- cheiden. Tie Kommission ist verpflichtet, vor der Ente cheidung das chr vom deutschen Gesandten in Caracas und der venezolanischen Regierung vorgelegte Beweis- material, sowie mündliche und schriflliche Ausführungen etwaiger bevollmächtigter Gesandten oder der Regierung entgegenzunehmen und einer sorgfältigen Prüfung zu unterziehen
Der „Reichsanzeiger" Derbff entlieht ferner das Abkommen zwischen Deutschland und Venezuela über die schiedsrichterliche Entscheidung gewisser Fragen wegen der
Akklherr Justus v. <^üßig.
sEt quo te cannine dicam?“
Q. HoratioB Flaccae. ftlebersetzung deS Motto« au« P. Virgiliu« Maro;
„Und welch ein Lied soll ich wech'n brr?*)
Wie soll ich singen LrebigS Ruhm?
Ist Weltruhm nicht sein Eigentum?
Schaut seinen Glanz! Em prächfger Siern, Wie wen'ge prangen, nah' und fern, Gin Stern voll Licht, voll Schwung und Straft Am Himmel hehrer Wissenschaft!
Hell strahll sein herrlich Geisteslicht, Der bleiche Neid verdunkellS nicht. Und merkt auch wohl em feindlich Äug', Em ArguSaug' manch' Fleckchen b'ran: giun, das ist auch bei Sonnen Brauch, Doch preist und ftaunt die Well ihn an.
©ar manche neue Bahnen brach Sein Geist, wo alles wüst noch lag. Schnell wuchs durch ihn des Wissens Reich, Ward manche Nacht dem Tage gleich.
Sem Licht durchhellet die Natur, Bricht sich in tiefsten Tiefen nur.
Em erster Stern im Wissensfeld, Füllt so mit Recht sein Lob die Wett; So dürst' eS selbst Apoll nicht scheu'n, Dem GenmS ein Lied zu wech'n. — Doch seht, was blinkt und flimmert da Rmgs um den Stern, bald fern, bald nah?
Seht chr den großen, bunten Schwarm? — Es sind — Trabanten sonder Harm, Es sind gar kluge Sternelein: Zu leuchten auch — in fremdem Schein, Zu schinimern — in erborgtem Glanz, Umtanzt den Stern der Treuen Kranz.
Was Wunder auch? Em mächfger Stern Umgiebt sich mit Trabanten gern; Ein reicher, ein gewalt'ger Mann Hai manchen auch im Dienst und Bann; So wird denn auch ein hoher Geist Von kleinen Geistern gern umkreist.
•) Tas vorstehende Gedicht stammt aus der noch ungebrudicn Gedichtsammlung (aus der Zell 183Ö m s. ro.) des verstorbenen Professors der Medizin Dr. I. B. W e 11 e r hier.
als Nahrungsmittel gestritten worden. Es erscheint undenkbar, daß Liebig gesagt habe, sein Fleischextrakt tonne das Fleisch ersetzen, denn er hat bei der Anweisung zur Herstellung angegeben, daß in dem Extrakte, damit es haltbar sei, weder Eiweiß körper noch Fett sich finden dürfen. Man zählt das Fleischextrakt einstweilen ruhig zu den Genußmitteln. Ebenso originell wie die Entdeckung ist auch die praktische Ausführung derselben. Es war Liebigs Lieblingsidee, das Extrakt in Gegenden bereitet zu sehen, wo Vieh und Fleisch bis dahin fast wertlos gewesen, wie in Südamerika, dessen riesige Viehherden nur zwecks der Gewinnung der Häute gehütet und geschlachtet wurden. Dieser Wunsch ist in großartigster Weise in Erfüllung gegangen. Als erste Fabrik entstand in Frah- Bentos das ausgedehnte Etablissement, welches noch heute die verbreitetste und beste Marke führt. Man kann es dem Erstnder nachfühlen, daß, wie er sagt, von all den vielen fteudenreichen Stunden seines Lebens selten eine reiner und größer von ihm empfunden fei, als die, in der er die erste Büchse von Fleischextrakt aus Fray-Bentos erhalten! Eine weitere bedeutsame Entdeckung liegt darin, daß Liebig zuerst den Unterschied zwischen Mutter- und Kuhmilch auffand. Tas schwer lösliche Stärkemehl vn- ivandelte er durch Behandeln mit Malzaufguß in leicht löslichen Zucker und ersetzte durch einen Zusatz von Äalv salzen dasjenige, was der Kuhmilch gegen die Muttermilch
Bon der größten Bedeutung sind die in der „Agrikultur chemie ausgesprochenen Lehren für Ackerbau und rationelle Landwirtschaft. Die Landwirte wehrten sich allerdings eine Zeitlang auf das heftigste gegen die Einführung der von Liebig eindringlichst empfohlenen Mine- raldünger, rote sie es fünfzig Jahre vorher in ähnlicher Weise gegenüber den Vorschlägen des großen Landwirts und Tierzüchters Albrecht T h a e r getan hatte. Der Landwirt wollte nicht glauben, daß ein Mann, der nie praktisch in der Landivirtschaft tätig gewesen, ihm Lehren geben könne. Um aller Welt das Gegenteil zu beweisen, erwarb Liebig in der Nähe Gießens eine öde Stätte, auf der nicht einmal Grashalme aus Mangel an Nahrung wachsen konnten. Tieses Stückchen Land, das heute als die in schönem Gartenscr/mucke prangende Lie- bigshöhe iedem Gießener wohl bekannt ist, behandelt er mit Mineraldünger, und saftiges Grün wurde dort alsbald sichtbar. Liebig befreite die Landwirtschaft von ihrem bisherigen rein empirischen Zustande und kennzeichnete als erster den sogen. „Raubbau". Durch jahrhundertelangen Länder, sind Griechenland, Jtai.an und Sizilien, einst die Kornkammer Roms, unfruchtbar geworden. In der Verarmung des Ackers, in feinem Bedürfnis nach Ersatz für
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Doch wie nicht Eme Sonne bloß
Im Weltraum glänzt, nein, schön und groß Noch viele steh'n in Gottes Land, Wie sie umschlingt ein festes Band, So hier: Es giebt noch mehr Hero'n, Und ihre Freundschaft »st fein Lohn.
Justus von Lieöig.
(Geb. 12. Mai 1803 zu Darmstadt — fleft 18. April 1873 zu München.)
Schluß.
In engem Zusammenhänge mit den Forschungen über die Ernährung des Tierkörpers stehen zwei wichtige Entdeckungen, die Liebig der Menschheit hinterlassen hat, das Fleischextrakt und der Ersatz der Muttermilch. Ersteres ist nacb uiid nach über Die ganze Welt verbreitet und hat den Erfinder dadurch zu einem der populärsten Männer gemacht. Dennoch ist viel über den Wert des Extraktes


