Ausgabe 
11.12.1903 Erstes Blatt
 
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wird non: Nerzresianv die Einführung der freien Aerztewcchl gefordert, wogegen sich die Krankenkassen wegen der dadurch entstehenden höheren Belastung sträuben, so daß an etlichen Orten Konflikte der Aerzte mit den Krankenkassen aus- gebrochen sind.

* Bienenzüchterverein. Es wird uns vom Vor­stand mitgeteilt, daß die auf den 13. Dezeinber anberaumte Hauptversammlung erst am 20. Dezember abgehalten werden kann. Wir verweisen aus das Inserat im heutigen Blatte.

* * Auf den kürzesten Tag müssen wir dieses Jahr auf der nördlichen Hemisphäre verzichten. Da die Sonne chrc größte südliche Deklination um Mitternacht des 22. De­zember erreichen wird, so werden der 22. und 23. Dezember von ganz gleicher Länge sein. Die Sauer dieser zwei kürzesten Tage wird von dem 21. und 24. ganz wenig überschritten -werden.

- t- Wißmar, 10. Dez. Die Schalterdienststunden der hiesigen Postagentur sind aus die Zeiten von 912 Uhr vormittags und von 36 Uhr nachmittags festgesetzt. Außer­halb dieser Stiinden werden nur gewöhnliche Packete und Einschreibebriefe gegen eine besondere Gebühr von 20 Psg. angenommen. Postanweisungen muffen innerhalb der Schaller- dienststunden eingeliefert werden.

- s- Friedberg, 9. Dez Der Umbau unseres Rat­hauses ist ziemlich beendet. Der Dachstock ist in acht geräumigen Zimmern eingerichtet worden; es werden dann das Polizeikommissariat und das Stadtbauamt untergebracht. Zum Rechner an der Sa ub ft um men an ft a It wurde vom 1. Dezember ab Lehrer Schneider ernannt. Der Vorschuß- und Kreditvereln erzielte im November einen Geschäftsüberschuß von 42 230 Mk., die Einnahmen betrugen 562 580 Alk., die Ausgaben 522 350 Alk.

u. Rüddingshausen, 10. Dez. Unser Reichs- ^agsabgeordneter, Kommerzienrat H e y l ig en st a e d t, richtete an einen Bürger von Grünberg eine Karte folgenden Inhalts: ,Jn Erledigung Ihrer gefälligen Anfrage kann ich Ihnen mitteilen, daß im Etat nichts enthalten ist, was aus die Errichtung eines Uebungsplatzes bei Rüddings- hausen könnte schließen lassen. Nach meinen weiteren Er­kundigungen ist das Projekt wegen der hohen Kosten fallen gelassen worden. Rach dieser Mitteilung brauchen also keine weiteren Anstrengungen in dieser Angelegenheit mehr gemacht zu werden.

)( Göbelnrod, 10. Dez. Zur Freude der Einwohner­schaft hat sich hier wieder ein Gesangverein konstituiert, nachdem der frühere Verein vor ca. vier Jahren sich auflöste; die Zahl der aktiven Alilglieder ist schon auf 22 gewachsen. Als Präsident wurde Herr Georg Weber gewählt.

< Aus dem Vog elsberg, 10. Dez. Tie kürzlichen Herbststürme haben in unseren Waldungen bedeutenden Schaden angerichtet. So wurden z. B. in der Gemarkung Schotten 7000 Festmeter WindsaUholz dieser Tage ver­kauft. Die Wasserleitung der Gemeinde Stumperten- rod soll bis 20. Januar von dem Unternehmer Schmidt- Queckborn vollendet sein und übergeben werden. Die Kosten belaufen sich auf ca. 38 000 Alk. In Ilbeshausen hat die von Herrn Schultz erbaute Dampf-Molkerei ihren Betrieb begonnen.

Darmstadt, 10. Dez. Die allgemein verbreitete An­sicht, daß Se. Königl. Hoheit der Groß Herzog die bevor­stehenden Weihnachtsfelertage in der Familie Sr. Kgl. Hoh. des Prinzen Heinrich von Preußen in Kiel verleben werde, scheint sich nicht zu bestätigen. Wie dieN. H. Vbl." mitteilen, wird Se. Königl. Hoheit Darmstadt während dieser Tage kaum verlassen.

| Offenbach, 10. Dez. Der Antrag Noack auf Reform des Zeichenunterrichtes wird in hiesigen Kreisen freubig begrüßt. Den Handwerkern und Kunstgewerbetreibenden erscheint die Reform schon lange als ein Bedürfnis, und schließlich werden die Kosten das Maß berechtigter Wünsche wohl nicht übersteigen. Gespannt darf man fein, wie sich der Offenbacher Landtagsabgeordnete dem Antrag Noack gegenüber verhalten wird.

sj Marburg, 10. Dez. Während im vorigen Jahre für Gerne indes bst im hiesigen Kreise einschließlich der Stadt Alarburg 19135.65 Mk. erzielt wurden, beziffert sich der Erlös in diesem Jahre nur auf 8 043.71 Mk. Tie Stadt Marburg nahm im Gegensatz zu den Landgemeinden in diesem Jahre mehr ein, wie in 1902, nämlich 872.85 Mk. gegen 701.80 Alk. im Vorjahr. Es ist dies auf die dies­mal in hiesiger Gemarkung vorzüglich geratene Kirschenernte zurückzuführen.

Frankfurt a. M., 9. Dez. In den letzten Tagen wurden hier sehr bedeutende Jmmo b ilieng eschäfte perfekt. Das bekannte Seidenhaus Schwarzschild-Öchs kaufte den halbenEnglischen Hof" am Roßmarkt, der an ihre Liegenschaft anstößt, für 1400 000 Mk. Das berühmte Hotel­gebäude wird halbiert und dient in Zukunft Geschäftszwecken. Eafe Milani" auf der Zeil geht infolge Verkaufs des Hauses für 550 000 Alark an die Architeuenfirma Metzger und Jumor ein. Ta mit verschwindet eines der ältesten und be­kanntesten Frankfurter Eajös. An seine Stelle tritt ein monumentaler Neubau.

Kleine Mitteilungen aus .dessen und den Nachbarstaaten. In Hanau wällte der Regierungs­präsident von Trott zu Solz aus Kassel, um in einer Kon­ferenz mit Vertretern der städtischen Behörden über die Frage der Fortführung der Ala inkanal isieru n g bezw. über die hier projektierte Alainhafenanlage zu verhandeln. Tie Be­sprechungen werden als streng vertraiilich bezeichnet. In Erbach besichtigten in Begleitung des Geh. Kabinetsrals Römheld Mitglieder der Darmstädter Künstlerkolonie den Betrieb und die Einrichtungen der Großh. Elsenbein- schnitzerei. In der Gemarkung Nieder-Jngelheim wurde die Leiche der 19jährigen Friederike Emmermann ge­landet. Tas Mädchen ist aus Sailer-Schwabenheim und eine Stieftochter von PH. Wagner 1L in Nieder-Jngelheim. Schon vor vierzehn Tagen haue sie ihrem Onkel m Saucr- Schwabenheim brieflich von der Absicht, sich das Leben zu nehmen, Alilteiliing gemacht. In Fulda verschied der Generalsuperintendent a. D. Sr. Karl Fuchs im Alter von 77 Jahren. Er war früher Pfarrer in Hanau, wurde dann als Konsijtocialrat nach Kassel und nach Bildung der unierten Kirchengcmeinschaft des Konsistorialbezirks Kassel als Generalsupenntendent an deren Spitze berufen.

Vermischtes.

* Schweidnitz, 10. Dez. Schneidermeister Peuckert in Freiburg erschlug seine Frau, Mutter mehrerer Kinder. Im Hermannsschacht der Fürstensteiner Gruben wurde durch Entzündung schlagender Wetter em Bergmann getötet.

* Bremen, 11. Dez. Das hiesige VollschiffAugust", am 1. August von New-Pork nach L»iverpool abgegangen, ist mit 22 Mann Besatzung verschollen.

* Wien, 10. Dez. Gräfin Lonyay beschloß, sich in ihrer Heimat Belgien anzusiedeln. Sie steht wegen An­kaufs einer Besitzung in der Nähe von Brüssel m Unterhand­lungen, die dem Abschluß nahe sind. Das Grafenpaar werde künftig den größten Teil des Jahres in Belgien ver­leben.

* Ein prozeßsüchtiger Bauer. Ein Altsitzer in einem Torfe des Kreises Tilsit hatte beim Amtsgericht und Landgericht einen Prozeß wegen ca. 15 Alark verloren, aber er hoffte auf das letzte Mittel, nämlich die Reise nach Berlin. Tie entbehrlichsten Sachen wurden zu Gelde gemacht, der beste Anzug angezogen und nut dem Kaddigstock in der Hand, bekleidet mit Fausthandschuhen, kurzer Tabakspfeife im Munde ging es zur Reise. Er machte zuerst eme Fugtour bis Inster­burg, hier löste er ein BiUet und dampfte ab nach Berlin. Angekommen, fragte er umher, wo der Kaiser wohne und mit Hilfe eines weitläufigen Verwandten, den er aufgesucht hatte, ging er zum Schloß. Aber da war guter Rat teuer; der Kaiser war krank und ließ sich nicht sprechen. Alle Be­mühungen seines Verwandten, zum Kaiser zu kommen, blieben erfolglos und so entschloß sich denn der biedere Altsitzer, zurückzukommen und m seinem Torfe zu warten, bis der Kaiser gesund wird. Nun erst sah der Prozeßsüchtige ein, daß er vorläusig kein Recht bekommen kann, aber außer den Prozeßkosten hatte er zur Reise annährend 300 Alark ver­schwendet. Wahrscheinlich vergeht ihm die Lust zum Reisen wie zum Prozessieren.

Die Garderobe der Königin Draga und des Königs Alexander von Serbien wird Ende dieses Alonats in Belgrad öffentlich versteigert werden. Ein Wiener Blatt veröffentlicht ein Verzeichnis der zur Auktion kommenden Gegenstände. Aus dem Nachlaß der ermordeten Königin werden u. a. aufgezählt: Die Braultoilettte Draga Maschms, 19 Schlafröcke aus Seide und Battist, 35 Straßenkleider, 4 Ballkleider, 40 Blusen, 11 Jacketts, 17 Matmees, 52 Unter­röcke, 112 Hemden, 18 Hüte, 186 Paar Schuhe, 6 Sonnen­schirme, 46 Schleier und 15 verschiedene Gürtel. Die Zivil- garderobe des Königs enthält u. a. 11 Anzüge, 6 Paar- Hosen, 42 Kragen, 38 geknöpfte Krawatten und 26 Selbst­binder. Alit der Garderobe des Königs werden auch s-m Telephoii, eine Elektrisiermaschine und drei Perrücken'ver­steigert. König Alexander hatte in seinen letzten Lebensjahren sehr dünnes Haupthaar und trug bei offiziellen Anlässen, Besuchen oder Empfängen ein Toupet.

* lieber d ie nun beendeten Schnellfahrten zwischen Alarienselde und Zos,en schreibt das Zentralblatt der Bauverwaltung: Bemerkenswert ist die Sicherheit, mit der jefct die Stromabnehmer aucp bei den größten ^eschwin- Oigleiten arbeiten. Es sind noch eine ganze Reihe Fahrten mit2uO und mehr Kilometer in der Stunde von beiden Löagen ausgesuhrl worden. Am 25. v. M. wurden z. B. 2uO Kilometer erreicht. Außerdem haben viele Ausiaus- und Bremsversuche stattgefunden. Durch Steigerung des Bremsdruaes hat jiu> der Bremsweg allmählich mehr und mehr verkürzen lassen. Dabei wurde auch eine neue Vor­richtung erprobt, die selbsttätig durch rechtzeitiges Aus­lassen von Luft aus den Bremszylindern tn.s schädliche Feßbremsen der Räder bei abnehmender FahrgesaMindig- Ceit verhindert. Ferner sind nut einem an die Schnellwagen angchangten sechsachsigen Schlaswagen Schleppoer,uche an- gepeilt worden, die ergeben haben, daß der Aichmgewagen etwa bis zu 160 Kilometer noch recht ruhig lief und er)t bei 180 Kilometern park zu scylmgern anjing. Dieses über­raschend gunpige Ergebnis leyrt schon, daß bei guier Bau­art und Unterhaltung des Geleises bedeutend größere Fahr- geschwindigteiten als die jetzt gebräuchlichen, auch ohne oesonders dasur gebaute Wagen zulässig sein würden. Es werden aber von ver p.enßijchen uiftnbabnverwaltung noch weitere Versuche hierüber sowie auch üuer die Lechungs- Fähigkeit und das sonstige Verhütten verschiedener Lokomo- tivgattungen angesteltt werden, und zwar ebenfalls aus oer Streue ManenfeloeZossen. Nachdem die elektrischen Schnellfahrten am Donnerstag mir einem über 140 Kilo­meter Streckenlänge ausgedehnten Dauerversuch vorläufig zum Abschluß gebracht sind, werden diese vom Minister der öjsentlichen Arbeiten angeordneten Versuche mit Tamps- krast bald beginnen können. Die Schnellfahrversuche haben alltäglich eine so große Zuschauermenge nach der etwa in der Mitte der Strecke Marienselde-Zojfen ge­logenen Station Dahlwitz gesollt, daß die dahin oerkehren­den Züge mieberijoit verpärkt und am vorigen Samstag sogar mit zwei Lokomotiven gefahren werden mußten. Tas Vorbeisausen der Wagen z,u sehen, war ja ein durch seine Neuheit und Seltenheit außerordentftch anziehendes Schau­spiel. Natürlich sind die Fahrversuche auch von viewn Fachleuten und von einer Reihe hervorragender Persön- lichreiteli, wie dem Kriegs Minister, dem Minister der osseiit- lichen Arbeiten, dem Staatssekretär des ReichSpostumles, dem Ches des Generalstabes der Armee, einem Flügel- abjutanten des Kaisers, dem früheren und dem jetzigen Kommandeur der Eijenbahnbrigade u. a. m. in Augenschein genommen woroen. Sie alle i)J)cn ihre B-esrwo.gung und 'unerlennung ,ür die Lei,,u,.g.. c-^r ^tudiengeseilschas^ aus­gesprochen Ser Beamten der letzteren aber harre nunmehr Die große uno mu.h,ame Ausgabe der Auswertung der zahl­losen im Lause der Ve..suche cu^g smnmccken Mcs.Uiigs.r^cb- nijfe. Stoffen wir, daß jte das ^nd.g.ied weroen, das von Den Verbuchen zur Annunoung au, die Wi^k».ichkeit hinüber- sührt. Berneckensw-orc ist noch, daß die Versuchs,ährten ohne jeden Unfall verlausen sind.

*Ueber Die Eheschließungen, Geburten und Sterbesälle im Deutschen Reiche verössent- licht derReichsanz." dje Haap.-ahlen für lb02. W.r ent­nehmen der Zulamt^ennellung unter V^rgleickmng mit den Ergebnissen oer sruheren Jahre folgendes: Die Zahl der Eheschließungen betrug 457 2u8 und blieo damit hinter Der der Vorjahre zurück, indem sie im ^cchre 1901 4i>8 32J9, 19uO 4/6 491 und 1d99 471519 betragen hatte. Löir haben scl>m bei Wiedergabe der Zft,ern für Preußen Darauf hing diesen, dag in Z-ften u n g üu stiger wirt sch ältlicher Lage die ^.h^s^t'^ß^ngeii regelmäßig sinken. Aus 1000 Einwohner kamen 7.9 Eheschließungen

gegen 8.2 i. I. 1901, 8.5 t I. 1900 und 1899 und 8.4 L I. 1898 und 1897. Man mutz bis 1894 zurückgehen, um eine ebenso niedrige relative Heiratszisfer zu finden. Auch die Zahl der Geborenen war mit 2 089 513 niedriger als im Jahre 1901, in dem sie 2 097 838 betragen hatte, übertraf aber alle früheren Jahre. Ans 1000 der Bevölkerung kamen 36.2 Geborene gegen 36.9 L I. 1901, 36.8 i. I. 1900 und 37.0 i. I. 1899. Seit 1896, wo sie 37.5 betragen hatte, ist die Relativziffer der Ge­burten im Sinken; man muß bis 1871 (35.9) und vorher bis 1856 ^34.9) zurückgehen, um eine niedrigere Ziffer zu finden, als für 1902. Aber dieser Rückgang hat vor der Hand nichts Beunruhigendes, da nut ihm ein noch viel stärkeres Sinken der Sterblichkeit zusammenfällt. Die Zahl der Todesfälle betrug nämlich L I. 1902 1 187 201 gegen 1240 014 i. I. 1901, 1300 900 i. I. 19uO und 1 250 179 i. I. 1899. Es sind also i. I. 1902 rund 53 000 Personen weniger gestorben als i. I. 1901 und 113 000 weniger als 1900. Auf 1000 der Bevölkerung kamen 20.6 Sterbefälle gegen 21.8 i. I. 1901, 23.2 i. I. 1900 und 22.6 i. I. 1899. Noch niemals seit Beginn dieser Sta­tistik (1841) ist die relative Sterbeziffer auch nur an­nähernd so gering gewesen, wie i. I. 1902. Dies hat zur Folge gehabt, daß trotz des Sinkens der Geburtszisjer die natürliche Zunahme der Bevölkerung, d. i. der Ueberschuß der Geburten über die Sterbefälle so groß war wie nie zuvor, und zwar absolut wie relativ. Diese Zunahnie betrug 902 312 gegen 857 824 i. I. 1901 und 780 247 im Durchschnitt der letzten 10 Jahre. Auf 1000 der Bevölkerung betrug sie 15.6 gegen 15. 1 l I. 1901, 13.6 L I. 1900 und 14.4 t I. 1898. Annähernd so hoch wie im Berichtsjahre war sie nur 1896 und 1898 gewesen. Höchst beachtenswert ist es, daß der Anteil der unehe­lich en Geburten an der Gesamtheit seit sechs Jahren in st e t e m Sinke n ist. Aus 100 Exdor^ne kamen un Jahre 1902 nur 8.5 unehelich geboren gegen 8.6 i. I. 1901, 8.7 i. I. 1900, 9.0 i. I. 1899, 9.1 i. I. 1898, 9.2 L I. 1897 und 9.4 i. I. 1896. Noch nie vorher ist ein so geringer Anteil der unehelichen Geburten festgesteÜt worden. Vor 1870 betrug er stets über 10 v. H., sank dann bis Mitte der 70er Jahre aus 8.6, um darauf langsam bis 1880 aus 9 0 zu steigen und sich 20 Jahre hindurch zwischen 9.0 und 9.5 zu halten.

©nutjtshuil.

stfMarburg, 10. Dez. Heute begann vor dem Schwur­gericht der interessanceste Prozeß der diesmaligen Schwurgerichtsperiode, nämlich bte Anklage wegen Meineids gegen den Laudwcrt und Jagopachter I. Müller 17. aus Bromskirchen im Kreise Biedenkopf. Die Sache steht im Zusammenhang mit der Ermordung des Kgll Förster Keller dort durch den jugendlichen Mld^reb Kurl Strieder, der deshalb bekanntlich zu 7 Jahren und 2 Mo­naten Gefängnis verurteilt wurde. Der letztere, der als Zeuge von Wehlheiden hierher gebracht worden war, hatte ,ich der Fesseln zuin teil entledigt und machte vor dem Landgerichtsgebäuoe einen Fluchtversuch, der ihm aber nicht gelang. Sie Verhandlungen dauern mindestens 2 Tage.

Tie Strafkammer in Saarbrücken berurieilte den jugendlichen Lehrer Zerudt aus Kirzweiler bei Aweiler wegen Majestätsbeleidigung zu 4 Mo­li at e n Gefängnis.

Wegen Soldatenmißhandlungen in über 1500 Fällen ist bekanntlich der Unteroffizier Breiden­bach m Berlin zu 8 Jahren Gl'sängnis und Degradation verurteilt worden. Am Donnerstag hatte sich in Berlin der Leutnant Joachim v. H e t l e r m a n n, der zurzeit jener Mißhandlungen Rekrutenosfizier der 11. Kontpagnie des 4. Garderegiments zu Fuß war, zu verantworten, weil er es dem Unteroffizier Breideltbach gegenüber an der er» jorderlichen Aufsicht angeblich habe fehlen lassen. Den An­trag des Verteidigers, im Interesse der mckitärischen D.s- ziplin während der ganzen Verhandlung bte LKsieutlichkeit auszuschtießen, lehnte das KriegAgericht ab, weil sowohl der Prozeß wider Breidenbach als auch wider den Breiden­bach vorgesetzten Hauptmann v. Grolman in vollster OessentUchkeil verhandelt worden sei. Leutnant v. Heller- mann erklärte, er habe niemals gesehen, daß Breidellbach vie Rekruten geschlagen habe. Der verurteilte Unteroffizier Breidenbach ertlärte als Zeuge, Leutnant v. Hellermann habe ihm wohl fünf- bis sechsmal unter vier Augen gesagt: Ich ha e gesehen, daß Sie Leute geschlagen haben, la Jen Sie das, ich warne Sie, Sie toi,feit doch, wie schwer das bestraft wird." Leutnant v. Heüermann bestreitet solche Aeußerungen, er habe Breidenoach nur gewarnt, so nahe an die Leute heranzutreten, da er dadurch in die Gefahr gerate, die Leute zu schlagen. Der Vertreter der Anklage beantragte gegen den Leutnant 6 Wvchen Stubenarrest. Das Urteil lautete aus 3 Wochen Stubenarrest.

Das Martyrium eines Kindes. In das Bb zirksgericht zu St au ten au in Böhmen wurde dieser Sage die 41jährtge Witwe Karoline Kuhn unter der Be­schuldigung des Mordes eingeliefert Die Frau war mit dem Häusler Kuhn verheiratet g.wesen, der aus erster Ehe ein Töchiterchen Anna besaß. Nach dem Tode des Mannes begann ,ür das kleine, damals vierjährige Kind eine Zeck der furchtbarsten Quall Unter dem Vor­geben, daß bie Kleine ungezogen und verwötMt sei, züch­tigte die Stiefmutter das köckilrchen in der grausamsten Weise. Ihr Erziehungssystem entsprach dem des Haus­lehrers ^.ppold. Sie B||erung angeblicher Untugenden sollte durch unmenschliche Stra,en Ij-tubeißefüljrt werden. Im November jiarb das Kind. D.r außer^cche B.funo ließ schon erkennen, daß das Mädchen keines natürlichen Tod.s geworben war, uno im Toten schein wurde dieses Umstandes auch Erwähnung getan. Jnfolgeoess.n eruffiiete man eine gerichtliche Untersuchung, welche die entsetz^rchsten Einzel­heiten ans Licht brachte. Frau Kuhn hatte das Heine Wesen Tag um) Nacht in der schre^lichsten BSeij'e gemar­tert. Der Obduktionsbericht spricht von etwa 7 0 Ver­te tzunge n, die an oem ab-g^magerten uno elenden Kör­per des Kindes ge.unden worden waren. Die Ve^hajtete scheint nick allem, was ihr gerade in die Hano ftel, ob das Marterinstrument sci-ars oder stumpf, ob es von Holz ooer Eisen war, bonolings auf ihr Op.er LuSgt fragen zu haben. Nach der Aussage der St^esg.su.)wi,rcr des roten Kindcs lam es nicht fetten vor, daß die Mutttr die Anna zu Boden war, uno den Kopf des Kindes dann nie hr- mals heftig auf das Ziegelpslaster ftieß. Oft hat inl} das Kind nach solchen ^üßhaiwlungen n i ch t b o m Boden erheben können, oder, wenn es sich auf» richten konnte, taumelte eswie betrunken" umher. Bei der Obduttion wurden noch große Biurbeulen an dem Kopse des ^ädc^cns gefunden. ns oer bckubtesten Straf- Mittel der Stiefmutter beraub zur Bi.Nre.ze.t üavin, daß )lc die Kleine in denkbar dürftig,,er Kleidung für mehrere Stunden in Frost; und Seimee hinausjagte.