das deutsche ebensowenig imb noch toentger al? andere, foIT auf seinen Lorb^ii ausruhen. Auch Herr Schädler hat aber bat.or gewaria, solche Fälle zu verallgemeinern, und ich lege nicht nur vor dem Jnlande, sondern auch vor dem Auslande Vetwah- runa dagegen ein, daß die Sache wieder in der sozialdemokratischen Presse so dargestellt ist, als ob solche häßlichen (Meinungen überall hervortreten, als ob sie typisch wären für das deutsche Offizier korps und daß sie als typische Erscheinungen unserem Offtzierkorps angehängt werden. Das ist Heuchele^ und Pharisäer-tum. Es wird mich anderswo gesündigt, ohne Lunde und Schuld scheint mir selbst nicht die Sozialdemokratie zu sein. (Heiterkeit.) Das deutsche Offizierkorps ist noch heute davon durchdrungen, daß kein Stand mehr einer ehrenhaften Gesinnung — ich meine hier ehrenhast im bürgerlichen Sinne — bedarf, als der, dem die Verteidigung des Vaterlandes anvertraut rst. Unser Of- stzierkorps wird sich immer gegenwärtig halten, daß die großen Erfolge, die wir vor dreißig Jahren errungen haben, in erster Linie zurückzuführen waren auf die altpreußische Anspruchslosigkeit, auf den idealen Sinn, auf die Tugenden, für die unser großer Molrke vorbildlich war. Dann wird auch in Zukunft unser Offizierkorps das Lob Bismarcks verdienen, daß kern Land der Welt uns unser Ostizierkorps nachmachen kann.
Ich komme nun zu den Auslassungen Bebels in Bezug auf unsere a u s w ä n i g c Politir. Hinsichtlich unserer o st - asiatischen Politik hat der Abg Bebel mir zwei Vorwürfe gemacht, die in seltsamem Widerspruch zu einander stehen. Auf der einen Seite wird mir vorgeworfen, daß unsere ostasiatische Politik im allgemeiner eine viel zu aktive, eine zu phantastische ist. Auf der anderen Seite findet er, daß <ch in der Mandschureifrage mich zu passiv verhalten habe. Ein größerer Mangel an Logik ist mir noch nicht vorgekommen. Wenn es einen Punkt auf der Welt gibt wo wir nichts zu tun haben, so ist es die Mandschurei, und will Herr Bebel hingehen, nun so lasse ich ihn allein vorgehen. (Große Heiterkeit. Zuruf des Abg. Bebel.) Ja, so habe ich Sie verstanden, als ob ich in Öftersten zu unternehmungslustig wäre, dagegen in der Mandschurei das Feuer vermissen ließe. Weiter har Herr Abg. Bebel gemeint, daß unsere ostasiaiische Politik uns in Komplikationen verwickle. Wie das möglich sein soll, ist mir nicht klar. Unsere Politik ist, wie überall, so auch in Ostasien eine so besonnene, friedensliebende und loyale, daß sie uns in gar feinen Konflikt berwickeln kann, und soweit auch die anderen Staaien den Frieden wünschen, werden wir nicht in Konflikte verwickelt. Herr Bebel bat sein Bedauern darüber ausgedrückt, daß wir unsere Differenzen mit Venezuela nicht vor das Haager Schiedsgericht sofort verwiesen hätten. Ja, das haben wir au? dem einfachen Grunde nicht getan, für den der Herr Abg. Bebel im vorigen Jahre ja so lebhaft eintrat (Heiterkeit), sich zuerst nicht darauf einlassen wollte, sondern erst dann, als wir mit einem gewissen Nachdruck ihm unfere Forderungen zu Gemüt si'lhrten (Heiterkeit). Ich möchte aber auch meinem tiefen Bedauern Ausdruck geben über die Art und Weise, wie sich der Abg. Bebel eben ausgesprochen hat über Rußland. Die Art und Weise, wie er sich bemüht hat, Stimmung zu machen gegen Rußland, wie er die russischen Verhältnisse kritisiert hat, wird sicher viel Genugtuung erregen bei denen unserer Gegner, die die Beziehungen zwischen Rußland und Deutschland zu trüben suchen. (Sehr richtig! rechts.) Ich bin aber überzeugt, daß ttfi die Mehrheit des Harises auf meiner Seite habe, wenn ich sage, daß eine derartige Art und Weise, absprechend über die inneren Verhältnisse eines Nachbarstaates zu urteilen, daß eine derartige zügellose Art der Kritik (Große Unruhe bei den Soz. Ruf: Zügellos!) — ich wiederhole, eine so zügellose Art und Weise (Lärm bei den Soz. Rufe: Zur Ordnung!) nicht dem Willen des deutschen Volkes entsvricht, und ich bin überzeugt, daß ich die große Mehrheit des deutschen Volkes hinter mir habe (Lachen bei den Soz. Ruf: Das haben ja die Wahlen gezeigt!), wenn ich sage, daß ich mich dadurch nicht ab- balten lallen werde, auf das sorgsamste die Beziehungen zu Rußland zu pflegen. (Abg. Ledebour: Die Beziehungen zur russi- schen Polizei!)
Weiter ist der Abg. Bebel auch auf Vanderbilt zu fnrerben gekommen, und zwar in einer sehr wenig freundlichen Weise. Vanderbilt hatte die deutschen Herren, die vor zwei Jahren Amerika besuchten, in der freundlichsten Weise aufgenommen, es war also ganz natürlich, daß,, wenn. er nach Deutschland kam, ihm hier ebenfalls ein höflicher Emvfang bereitet wurde. Von irgend welcher Unterwürfigkeit der ihn empfangenden Herren — es handelt sich gar nicht um den Obervr äsidenten und den kommandierenden General, sondern um einen Assessor der dortigen Regierung — kann garnicht die Rede sein. Es rst nur zu wünschen, daß häufiger Fremde in einflußreicher Stellung Deutschland besuchten, denn im allgemeinen kennt man in Deutschland das Ausland besser, als das Ausland uns, und wenn wir solche Fremden höflich empfangen, so vergeben wir uns gar nichts.
Die Art und Weise, wie sich der Abg. Bebel über den Stand öer Handelsvertragsunterhandlungen ausgesprochen hat, würde im höchsten Grade geeignet sein, das Zustandekommen von Handelsverträgen zu erschweren, wenn man im Auslande glaub'.e. daß Herr Bebel auf unfere Politik einen bestimmenden Einfluß ausüben könnte. (Lachen bei den Soz.) Er hat alle Argumente zusammengetragen, um. die Stellung unserer Unterhändler zu schwäche, und bi? der fremden zu stärken. (Sehr wahr! rechts und im Zentr. — Lachen bei den Soz.) Dem gegenüber sage ich zunächst, daß die Verbündeten Regierungen an dem Grundsätze feilhalten, auf für uns annehmbarer Basis baldmöglich st zu Handelsverträgen zu kommen.
Dann hat der Abg. Bebel auch die Frage der Erhebung von Abgaben auf den Wasserstraßen berührt, lieber diesen Punkt habe ich nachstehende Erklärung abzugeben:
„Nach der ganzen Enst'tehungsgeschichte des § 54 der Reichsverfassung kann es feinem Zweifel unterliegen, daß durch diese Versasnwgsbestimmung das Recht der Einzelstaaten beseitigt werden sollt? auf den deutschen Strömen lediglich für die Befahrung derselben irgendwelche ?lbgaben zu erheben. Eine Ausnahme von diesem reichsgesetzlichen Grundsatz würde hiernach der Genehmigung durch ein besonderes Reichsgesetz bedürfen, und zwar wie bei den Verhandlungen über das Gesetz vom 5 April 1886 betr. die Erhebung einer Schiffahrts- abgabe auf der Unterweser ausdrücklich hervorgehoben ist, eines R e i ch s g c s e tz e s, welches im Bundesrat unter Wahrung der Vorschriften des Artikels 78 der Reichsverfassung zu beschließen ist. Dem Bundes rat liegt keinerlei Antrag b o r , von dem allgemeinen Grundsatz der Reichsverfassung eine Ausnahme zu erwägen und zu beschließen, und es dürfte deshalb auch für das hohe Haus kein Anlaß vorliegen, auf die in der Prelle enthaltene Erörterung einer theoretischen Streit frag- euwmehen, welche durch die Reichsversassung dem Gebiete der Reichsgesttzgebung Vorbehalten ist, wobei auch vertragsmäniac Abmachungen mit fremden Staaten in Betracht kommen würden."
Dann hat Herr Abg. Bebel erinnert an das, was ich vor einer Jahre über meine sozialpolitische Ausfällung gesagt habe, unb er hat mich gefragt, warum ich nicht den Ehrgeiz, ein Mille- ranb zu werden, habe. Das will ich Ihnen sagen, Herr Bebel! Einmal,weil Herr Millerand durch und durch Franzose ist, ein französischer Patriot, während Sw und Ihre Freunde bei jeder Gelegenheit erklären, daß Sie nicht auf dem nationalen Boden stehen wie wir, und bann, weil, wenn ich mich zum Millerand entwickeln ober mir einen Millerand zulegen würde, diesem Millerand von keiner Seite mehr Knüvpel zwischen die Räder geschoben würden, als von Herrn Bebel. sGroße Heiterkeit.) Darüber werden Sie sich wohl nach den Verhandlungen des Dresdener Parteitags kaum zweifelhaft sein. (Sehr aut!) Ich habe im vorigen Jahre gesagt, daß von einem Stillstände der sozialpolitischen Gesetzgebung keine Rede sein könne. Daran halte ich vollkommen fest. Tie verbündeten Regierungen werden sich, wie Sie aus der Thronrede ersehen haben, in ihren arbeiterfreundlichen Bestrebungen nicht irre werden. Sie
werden auch weiter bestrebt sein, auf diesem Gebiete fortzuwirken. Wir werden nach und nach auch versuchen, die große Frage der Arbeitszeit, der Regelung der Frauen- und Kinderarbeit, die Lohnzahlungsmethoden, soweit das möglich ist, unter voller Aufrechterhaltung unterer Konkurrenzfähigkeit auf dem Weltmarkt zu regeln. Wir hoffen, nach unb nach auch denjenigen Aufgaben näher treten zu können, die noch der Lösung harren. Diese Aufgaben sind für das nächste Jahr^ehist die Witwen- u n b W a i s e n v e r s o r - qung und. wie ich hoffe später auch einmal bic Ar berts- los e n v c r s i ch e r u n g. Wir werden aber diese Ausgaben nur lösen können, wenn wir Schritt für Schritt vorgehen, ohne den Boden der Wirklichkeit unter den Füßen zu verlieren und ohne durch Forderungen wie sie von sozialdemokratischer Seite gestellt werden, unser ganzes Wirtschaftsleben mit Katastrophen zu bedrohen. Durch Forderungen, von denen jeder weiß, daß sie nicht ober noch nicht realisiert werden können, wird ein besonnener und stetiger Fortschritt ans der sozialpolitischen Bahn erschwert, und indem ne fortgesetzt solche Forderungen erhebt, erleichtert die Sozialdemokratie nicht die Sozialreform, sondern sie erschwert sie. (Widerspruch bei den Soz.)
Und es gibt noch eine andere Ursache, welche die sozialpolitische Gesetzgebung erschwert. Auch diesen Grund will ich Ihnen mit der größten Offenheit sagen. Herr Bebel hat niemals ein Hehl daraus gemacht, daß er ein Gegner der bestehenden Berfallung, ein Gegner der Monarchie, daß er Republikaner ist- durch nichts aber werden die Bestrebungen zu Gunsten der Arbeiter mehr erschwert und nichts ist ein größeres Hemmnis für eine Besserung der Lage des Arbeiter?, als die Art und Weise, wie von sozialdemokratischer Seite verguickt werden die Bestrebungen zu Gunsten der Arbeiter mit antimonarchischen Tendenzen (sehr richtig!), und nichts ist unlogischer. Die Geschichte beweist, daß die Sozialreform eines Landes vollkommen unabhängig ist von seiner Staatsverfassung; sie beweist ferner, daß es mit der Revublik allein auch nicht getan ist. (Sehr richtig!) Ich habe auch in einer Republik gelebt, unb ich kann Sie versichern, daß da auch mit Waller gekocht wird (Sehr richtig!l, daß es auch da sehr oft Havert, und daß es ein Irrtum ist, wenn man glaubt, es gebe ein Universalmittel, um menschliche Krankheiten zu heilen. Die Art und Weise, wie die Sozialdemokratie, beständig bestrebt ist, ihre revublikanische Gesinnung zu betonen, ist ein Hemmnis für die Sozialreform, unb sie ist auch ungerecht.. Es gibt feine Republik, wo so viel für die Arbeiter geschehen ist, wie in dem monarchischen Deutschland von den Zeiten Kaller Wilhelms T. bis heute. Weder in Amerika, noch in irgend einem anderen Lande haben die Arbeiter das, was fie bei uns haben. In der Schweiz sind große sozialpolitische Gesetze zwar angenommen von der Bundesversammlung, aber sie sind bei der Volksabstimmung gefallen. (Sehr richtig!) Das bekannte Projekt der Arbeitslosenversicherung für Basel-Stadt ist z. B. durch ein Referendum abgelehnt worden. Das ist eine schone Illustration zu allen den Angriffen, b-e Herr Bebel eben gegen die bürgerlichen Klassen, gegen die höheren Stände gerichtet hat.
Weiter hat Herr Bebel auch lebbhaft plädiert für die Einführung direkter Steuern, aber es wird ihm nicht unbekannt sein, baß in feinem Lande der Welt der Widerstand gegen progressive direkte Steuern, wie sie Herrn Bebel als Ideal vorschweben, stärker ist, als in der Republik Frankreich. (Sehr richtig!) Der Abg. Bebel hat weiter eine entsetzliche Schilderung unserer heutigen Zustände gegeben; er hat dieselben zweimal mit den Zuständen im sinkenden Rom verglichen. Na! da muß ich wirklich sagen: Ein hinkenderer Vergleich ist mir noch nicht vorgekommen. Ich habe mich dock auch mit Geschichte beschäftigt, ich habe mich mit römischer Geschichte beschäftigt: Wo in aller Welt sollte eine Aebnlikeit bestehen zwischen unseren heutigen und den damaligen Zuständen? Ich versichere Sie, daß der Senat zu Zeiten des Kaisers Tiberiu? ganz anders aussah, al? dieses hohe Haus. (Große Heiterkeit.) Und wenn Herr Bebcl unter dem Kaiser Ealigula eine solche Rede gehalten hätte, wie heute, das wäre ihm schlecht bekommen. (Stürmische Heiterkeit. Beifallsklatschen auf den Tribünen.) Herr Bebel hat auch vom Byzantinismus ge- fvrochen. Es hat mich wirklich gewundert, daß er dies Wort in den Mund genommen hat, denn es wird ihm nicht unbekannt sein, daß es nicht nur einen Byzantinismus nach oben gibt, sondern auch einen nach unten. (Sehr gut!) Es gibt nicht nur Fürstenschranzen, es gibt auch Volksschranzen. Das sind diejenigen, die immer den Massen schmeicheln, die finden, daß der Herr Demos sich niemals irren könnte. Und von diesen Volksschranzen hat unser größter Dichter gesagt, sie wären die schlimmsten von allen. (Heiterkeit.)
Auf die Ausführungen des Vorredners bezüglich der Vorgänge in Krimmitschau im einzelnen zu antworten, muß ich selbstverständlich dem sächsischen Herrn Bevollmächtigten überlasten. Meinerseits möchte ich aber doch das Folgende sagen: Wenn Herr Bebel von einem Terrorismus der Arbeitgeber spricht, wenn er Freiheit verlangt, wenn er in allen Tonarten alle möglichen Freiheiten fordert, so erwidere ich ihm: Nirgends herrscht weniger Freiheit als bei Ihnen, meine Herren Sozialdemokraten. (Lärm bei den Sozialdemokraten.) Von keiner Partei ist im Wahlkampfe gerade Freiheit und die Koalitionsfreiheit anderer Parteien weniger beachtet worden, als von den Sozialdemokraten. lEmeuter Lärm und Rufe- Können Sie das beweisen?) Unterbrechen Sie mich nicht. Ich habe Herrn Bebel auch nicht unterbrochen. Wir wollen doch beiderseits hübsch anständig disftitieren. Ich sage also, keine Partei hat die Redefreiheit weniger respektiert als die sozialdemokratische, keine Partei führte eine rohere unb eine freiheitfeindlichere Sprache als die Sozialdemokratie. (Großer Lärm bei den Sozialdemokraten.) Welchen Terrorismus üben Sie aus in den Werkstätten gegen die, die sich Ihnen nicht unterwerfen wollen! Wie terrorisftsch gehen Sie in den Krankenkasten vor! (Sehr richtig rechts. Lebhafter Widerspruch bei den Sozialdemokraten.) Und wie ist es denn mit der Meinungsfreiheit bei Ihnen bestellt? Sie reden immer vom finstern Mittelalter. Aber nir- aends hat im Mittelalter eine solche Engherzigkeit und eine solche Unduldsamkeit sich gezeigt wie auf Ihrem letzten Parteitage. Keine Erklärung, feine Bulle ist je so intolerant abgefaßt wie die damalige Erklärung des Herrn Bebel. Wie war es denn nach den Wahlen, als Herr Bernstein den Wunsch nach einem Vizepräsi- dentenvosten durchblicken ließ? Ta erhielt er von dem Abg. Bebel einen Rüffel von einer Schärfe, wie ich ihn nicht gegenüber dem jüngsten Beamten in einem mir unterstellten Restart zur Anwendung bringen würde. (Heiterkeit.) Das können mir alle die Herren bezeugen, die hinter mir stehen. (Auf die hinter ihm stehenden Regierungskommissare zeigend. Stürmische Heiterkeit.)
Sie haben ja in Dresden förmliche Exkommunikationen ausgesprochen, die Excommunicatio major unb minor (Heiterkeit), Sie haben einen Index aufgestellt, in welchen Zeitungen geschrieben werden darf und in welchen nicht. Reden Sie uns von allem, nur nicht von Freiheit! (Sehr gut I, Bei Ihnen gilt das Wort:
Willst Du nicht mein Bruder fein. So schlag' ich Dir die Zähne ein!
Große Heiterkeit. Händeklatschen auf den Tribunen). Wenn ich Herrn Bebel eine Zensur auszustellen hätte, so würde ich sagen: Mut, Opferfreudigkeit und Disziplin — das gebe ich Ihnen vollkommen zu; da können Sie sehen, wie objektiv ich bin — la, aber Klarheit des Programms V b. (Stürmische Heiterkeit.) Fürst Bismarck hat sich einmal mit dem Anwachsen d e r Sozialdemokratie beschäftigt unb dabei gesagt, je größer die Partei sei, desto mehr crioadife für sie die Pflicht, doch bald mit positiven Plänen hervorzutreten. „Würde ich doch endlich einmal eine solche Verfassung sehen, wie die Führer der Sozialbeniokratie sie sich denken. Sie sind jetzt 25; das zweite Dutzend haben Sie also, ich will Ihnen noch das dritte Dutzend gönnen, aber bann erwarte ich mit Sicherheit, daß Sie Ihren Operationsplan entwerfen. Sonst glaube ich. Sie können nichts." Seitdem sind beinahe 20 Jahre verflossen, die Sozialdemokratie hat das sechste Dutzend Mandate bereits überschritten, aber den Operationsplan der Verfassung, den Bismarck von Ihnen bei'o igie, den haben Sie uns immer noch nicht verraten. Tie Entschuldigung, die Sie früher dafür anführten, können Sie doch heute nicht mehr gelten lassen, denn Bebel hat im Juni in
Karlsruhe gesagt, daß der Untergang der bürgerlichen Gesellschaft viel näher bevorstehe, als diese selbst es glaubt. (Herterkeit.) Da ist es doch natürlich, daß wir wissen möchten, was uns bevorsteht. (Erneute Heiterkeit.) Daß Herr Bebel schon einen detaillierten Zukunftsplan besitzt, das muß ich nicht nur aiistandshalbet annehmen, sondern das hat er selbst auf dem letzten Parteitage gesagt. Er meinte da, der Plan des Zutunftsstaates muß jchon vorher im Detail ausgearbeitet jein. Sie besitzen also einen solchen ganz genauen Plan, Herr Bebel! (Heiterkeit.) Das erinnert mich an den Feldherrn, der immer von einem geheimnisvollen Plane sprach, wenn man ihn aber sehen wollte, bann sagte er: Er ist bei meinem Notar mit meinem Testament deponiert, beide werden nur gleichzeitig veröffentlicht werden. (Heiterkeit.) Den Plan des Herrn Bebel mochte ich aber noch bei seinen Lebzeiten sehen. Also, sagen Sie uns doch endlich anstatt der einigen Klagen und Beschwerden positiv, was Sie nun eigentlich an die Stelle des Bestehenden setzen wollen, wie es eigentlich praktisch ansschen wird in dem Paradies, in das Sie uns führen wollen. (Heiterkeit.! Ich hoffe, daß enc mich gern mitnchmcii. (Erneute Heiterkeit.) Daß Sie in dieser Beziehung endlich herausrücken müssen, das hat ja auch ein Ihnen nahe befreundeter Herr, der Leider-Nicht-Mehr-Abgeordiiete Barth, (Heiterkeit) vor einigen Wochen in der „Nation" betont. — Er meinte, für die Sozialdemokratie sei jetzt der Augenblick gekommen, zu zeigen, was sie Positives leisten könne. Ich habe mich seit.Jahren redlich bemüh* aus Ihren Reden, denen ich immer aufmerksam zuhöre, unb aus Ihren Schriften mich darüber zu informieren, wie eigentlich Ihr Zukunftsstaat praktisch eingerichtet fein soll. Und die Ausbeute, meine Herren, war unendlich gering. Das Konkreteste, waS ich darüber gelesen habe, ist der Aussatz, den Liebknecht vor 4 Jahren in der Zeitschrift „Kosmopolis" veröffentlicht hat, und dann hier die Broschüre: „Tie soziale Revolution" von Karl Kautsky, die ich als grünen Bädeker für die Reise nach Utopien mit mir nehme. (Große Heiterkeit.) In dem Aufsatze von Liebknecht über den Zukunftsstaat hieß es: Verschwinden werden die Kasernen, denn wir haben keine Soldaten mehr, verschwinden werden die Zuchthäuser; denn die Gesellschaft wird sich ohne Verbrecher behelfen (Lachen rechts.), verschwinden werden die ungesunden, fieberberbreitenben Häuser, der Unterschied zwischen Stadt und Land wird aufhören. Der Mensch wird nicht mehr Sklave sein. Nun, ich bewachte Herrn Liebknecht, der jetzt unter der Erde ruht, als einen Mann von ehrlicher Ueberzeugung, aber ich frage mich doch, wie ist es möglich, von dem Zukilnftsstaat einer großen Partei ein nebelhaftere?, phantastischeres Bfld zu entwerfen, als es hier der hervorragende Führer der Sozialdemokratie gemacht hat? (Sehr richtig!) Was mich bei solchen Schilderungen immer wundert, ist, daß bin Farbe so dünn aufgetragen wird. Wenn Sie schon das Aufhören von Verbrechen versprechen, warum nicht auch das Aufhören von Zahnschmerzen und Kopfschmerzen? (Lachen bei den Soz.) Bei Kautsky habe ich gelesen, daß am Tage nach dem Siege der Sozialdemokratie die Kapitalisten enteignet werden. Daß aber bei einem solchen Raubzug die Sage der Arbeiter sich dauernd bessern würde, dafür bleibt uns Kautsky den Beweis vollkommen schuldig. Auch darüber, wie im ZiikunftSstaat praktisch regiert werden soll, wie etwa bei der Herabsetzung der Arbeitszeit und der Steigerung der Löhne eine Verringerung der Produktion verhindert werden soll, schweigt Kautsky. Darüber erfahren wir so gut wie nichts. Ich bin also vollkommen berechtigt zu sagen, daß es der Sprung eines Blinden ins Dunkle ist, den uns die Sozialdemokratie mit ihrer ganzen Agitation zumutet. (Sehr richtig!) Was Sie wirklich an die Stelle des Bestehenden setzen wollen, darüber sind Sie sich ja noch nicht mal unter einander einig. Was Sie wirklich an die Stelle des Bestehenden setzen wollen, kommt auf die Schaffung eines großen Staatszuchthauses hinaus, auf ein großes Ergatorion, wo es keiner aushalten könnte. Und durch welche Mittel! Selbst wenn durch die oon Ihnen in Aussicht genommene Diktatur des Proletariats momentan der Besitz aller Menschen gleich gemacht würde, so würde er morgen schon wieder ungleich sein. (Lachen bei den Soz.) An der Besonderheft der Menschen, daran, daß der Mensch nicht wie ein Schaf an einen Pflock gebunden fein will, daran werden Sie scheitern. Die gegenwärtige Staats- und Gesellschaftsordnung ist sehr viel stärker als Sie glauben. Es ist nicht möglich, sich mit Bebel zu beschäftigen, ohne ihn auf Schritt und Tritt auf Widersprüchen zu ertappen. Diejenige Staatsordnung, die Sie durchführen wollen, wäre doch nur möglich bet einem Altruismus, bei einer gegenseitigen Bruderliebe, wie sie meines Wissens bisher in keinem Staatswesen und in keiner Gesellschaft anzutreffen ist. Ihre Republik wäre wie die Republik des Plato nur möglich mit Engeln und Engelssöhnen. Glaubt Herr Bebel etwa, daß er ein Engel sei? (Heiterkeit. Zuruf des Abg. Ledebour.) Na, ein netter Engel! (Stürmische Heiterkeit.) Wer die jetzige Staatsordnung ersetzen will durch eine höhere Form des Gemeinwesens, der muß doch selbst duldsam sein, aber statt einer solchen Harmonie haben Sie uns in Dresden eine Kakophonie aufgeführt, die ihresgleichen sucht. (Sehr gut! und lebhafte Zustimmung.)
Der Abg. Bebel glaubt, es gehe auch ohne Armee oder mit einem Milizheer. Was würde er tun, wenn er von unseren Nachbarn angegriffen würde? Bei Zuständen, wie sie Herr Bebel Hervorrufen will, liegt die Gefahr eines solchen Angriffs sogar sehr nahe. Und die Geschichte beweist doch, daß der Beste nicht in Frieden leben kann, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt. Was würden Sie also machen, Herr Bebel, wenn wir ohne eine starke Armee von unseren Nachbarn angegriffen würden und wie denken Sie sich eigentlich die Realisierung Ihrer auswärtigen Politik ohne eine starke Armee? Um die auswärtige Politik des Herrn Bebel durchzuführen, müßten wir eine viel stärkere Armee als heute haben, denn er will ja überall intervenieren. (Heiterkeit.) Wie denkt sich Herr Bebel die Leitung der auswärtigen Politik- Wen haben Sie beispielsweise als Minister des Auswärtigen ins Auge gefaßt? (Große Heiterkeit.) Ich fürchte, daß es nach den Auslassungen auf dem Dresdner Parteitage ein Akademiker nicht fein darf. (Erneute große Heiterkeit.) Sich auf diese Frage vorzubereiten, haben Sie doch allen Grund, wenn Sie sagen, daß der Untergang uns nahe bevor- steht. Wie denken Sie sich das Verhältnis zu Rußland? Heute vor einigen Wochen las ich in einer italienischen Zeitung einen Brief, den Herr Bebel an einen befreundeten sozialistischen italienischen Abgeordneten gerichtet hat und in dem es hieß, die deutsche Sozialdemokratie ignoriere den Zaren. (Lebhafter Widerspruch bei den Sozialdemokraten.) Nun, wenn das nicht bet Fall ist, dann freut es mich. Aber glauben Sie, daß Sie auch einmal das mächtige russische Reich mit feinen 120 Millionen ignorieren dürfen? Ich lese beständig in sozialdemokratischen Blättern Angriffe gegen Rußland, beinahe so scharf wie das, was Herr Abg. Bebel heute über Rußland gesagt hat. Es müsse da dem russischen Kaiser der Abscheu des deutschen Volkes zum Ausdruck gebracht werden. Glauben Sie, daß damit
ein friedliches Verhältnis zwischen uns und Rußland möglich ist, wie es dem wohlverstandenen Interesse des deutschen Volkes entspricht? Wer vor solchen Unklarheiten, vor solchen Widersprüchen (Abg. Bebel: Die sind hei Ihnen!) steht, der sollte sich in seiner Kritik etwas mehr mäßigen, als es Herr Abg. Bebel getan hat, der soll nicht die bestehende Gesellschaftsordnung umstürzen wollen; denn er kann nichts Besseres an ihre Stelle setzen. Tas größte Pech, das Herrn Bebel und der Sozialdemokratie paffieren könnte, wäre, wenn sie durch trgenb ein Wunder bald in den Besitz der Gewalt käme (Unruhe bei den Soz. — Zuruf: Das träte ein Glück!), denn dann würde sie ihre ganze Impotenz in bengalischer Beleuchtung zeigen. Ich gebe allerdings zu, daß Ihre Geschäfts- Übernahme auch für uns ein unheilvolles Pech sein würde (Heiterkeit), denn wenn Sie nichts Dauerndes etablieren können, im Zerstören und Ruinieren würden Sie groß fein. (Sehr wahr!) In den langen Ausführungen des Abg. Bebel kam besonders zum Ausdruck das unverhüllte Bestreben, die bestehende Staatsordnung umzustürzen und daneben seine Klagen über mangelhaftes Entgegenkommen des Staates gegenüber der sozialdemokratischen Bewegung. Ja, solche Klagen erinnern mich an das französische Sprichwort von dem Tier, das sehr böse ist wenn es angreift und der Gegner sich verteidigt'


