Freitag, 11. Dezember 1903
153. Jahrg.
Erscheint täglich mit Ausnahme deS Sonntags.
Di .Gietzei. Lamllienblätter- werden dem Anzeiger v erma wöchentlich betgelegt. Der „hesstjche Landwirt- erscheint monatlich einmal.
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Deutscher Deichstag.
4. Sitzung vom 10. Dezember.
1 Uhr. DaZ Haus ist gut besetzt.
Am Bundesratstisch: Graf von Bülow, Frhr. von Stengen G a f von Posadowskv. von Einem, o r b 0 n Rbeinbaben, Möller, von Tirpitz u. a.
Die e r ft c Beratung des Etats des Finanzreform- Gesetzes wird fortgesetzt.
Abg. Bebel (Soz.): Die finanzielle Lage des Reiches ist eine traurige.. Ich stelle dem Schatzmeister das Anerkenntnis aus, daß er die Dinge so gemalt hat, wie sie sind. Aber der Reichstag bätte schon früher den Dingen, die da kommen mutzten, ins Auge sehen und seine Matznahmen treffen sollen Jeder, der nüchtern die Dinge betrachtete, mutzte die fetzige Lage voraussehen. Trotzdem hat die verflossene Mehrheit des Reichstags durch die Bewilligung der Flottenvorlage die Ausgaben auf Jahre hinaus vermehrt. Die Steuern sind erhöht, und dennoch erleben wir ietzt ein solches Trauerspiel Von den Mehrausgaben sollen nicht weniger als 59% Millionen durch die berüchtigte Zuschußanleihe aufgebracht werden. Die gevlante Anleihe dieses Jahres beträgt 214 Millionen Mark. So kann es unmöglich weiter gehen. Und doch wird sich niemand darüber täuschen, datz es so weiter geben wird. Sobald die finanzielle Lage üch etwa? günstiger gestaltet, werden auch die Anfvrüche an das Reich wieder wachsen. Au? dieser Situation heraus erklärt sich auch die Finanrvorlaae, die ich al? ein Produkt der Sorge vor der Zukunft de? Reiches auffaste. Der Staatssekretär bat gestern, was im Munde eines süddentschen Staatsmannes feltfam klingt, gefaat, es sei nur da? Bedürfnis nach dem Touftihrtionenpn Bewilligungsrecht des Reichstages, dgs uns veranlatzt. der Vorlage zu widersprechen Wir find gegen die Vorlage, weil üe das Geldbew'lliaungsreäit de? Reichstag? einschränkt, weil die Einselstaaten dann k"in Fniereste mehr an einer fvarsamen Wirtschaft haben und weil brr rin ein Ansporn zu neu"n Steuern Herd. Für eine britische Selbstentmannung, wie sie die Annahme dieser Vorlage bedeuten würde, sind Yov nicht zu haben.
Der Aba. Sebädler warnte gestern vor neuen Ausgaben. Dem- aeaenüber mutz betont werden, datz gerade das Zentrum es gewesen ift. das die fetziae Finanzkalamttät hervoraerufen hat. lSebr richtig! hei den Soz.) . Da? Zentrum bat früher bi^ in da? Fabr 1997 allen Versuchen auf Vermehrung der Flotte Wider- ftard aeleistef. aber im Herbst 1897 mar au? mir unbe^nirten Gründen d"r Widerfpritch gebrochen. und nun wurde eine Flotten- vorlaae nach der anderen bewilligt Und da?, obwohl durch die Veröffentlichung des Tirw'tzschen Geheimerlgste? offenbar war. welche Ahfichwr b'e Regierung hegte. Soll ich die Herren vom ^enhimr w-tter daran erinnern, datz einer der ihrigen, der verstorbene Bischer Anzer. der moralische Urbebe-»- für die Erwerbung von Kiantfchg-" ift? Ich habe bisher geglaubt, dgß mt? .Kiaittfchou wenigsten? etwa? zu machen ift. aber ietzt sebe ich ein. daß ich mich darin getäuscht habe' der Hgndel und Verkehr ift gleich Nnll. Wenn der Kon-ler faate. Deutschland habe kein Fntereste an Rutz- land und de- Mandfch 'rei. so befand er sich in einem arotzen Frr- tiim. Gewitz, De'^schland fall nicht die Eroberungslust Rntzland? durch seine reale Macht eindämmen aber e? sollte doch wenigsten? fein moralische? Gewicht in die Wagfehale leaen. Var einem Fahre bat Herr Schädler namens de? Zentrums noch die Welf- volitik aevrediat, ietzt aber kommt den Herren die Angst vor ihrer eiaaren Valitit. Nun. Sie find einmal in der Falle drin. Sie können nicht wieder heraus. (Heiterkeit.)
Wer einmal A gesagt bat der mutz auch B sagen. Es Narftabt sich ganz von selbst, dgtz die Regierung Mieder Heeres- verstmknngen verlangen wird. Ein Akt einfachster Klugheit ift es, eine fasche Vorlage mindesten? auf ein Iah'- zu vertagen, in der Hoffnung, datz dann die Finanzlage eine bess"re st'g wird. Dazu kommt, datz allerband geheimnisvolle Vläne über Nenbawaffnungan hornrnschwirren. datz an eine Vermehrung der Kavallerie und der Artillerie gedacht wird Es dürfte wolil einzig daftehen, datz ein Reichstag eine arotze Antilleriop^rlaae bewilligt imd dgtz sich schon wenige Fabre später berau?stellt. datz unsere ganze Artillerie im Falle eines .Kriege? minderwertig tif Da? Robrrückkmtfg-'schüV lag schon im Modell vor. als die Artillerievorlaae an den Reichstag fnm Fft es I'nter diesen Umständen ein Wnnd-r. wenn man in militä^sschon .Kreistn den Reichstag als eine Versammlung von orehen Kindern ansieht, mit denen man machen kaum, wg? man will? G'pr General von Wt-N hat mtsdrücklich darauf hinaemiewn. datz unfor Geschütz im Ernstfälle ggrnicht? wert fei, datz mtf 200 Schutz höchsten? -Wei Treffer kommen. Es ift Wetter besannt, dgtz tms GeMeb»- Wodell 1899 bald durch sogenannte Selbftlader ersetzt Werden wird, denn wenn erst Hm Armee damit anfängt., müffen die anderen folgen Das ergibt sich aus der Natur des Milttari?- mu? van selbst. Wle Augenblicke Wirtz in der Armee ein neue? BH-eschen, neue Schnüre und dergleichen eingeführt, die Monn- f^ft-m werden lediglich für Varaden gedrillt, die ungeheure Gossen perm-fachen. für Krieo?»wocke nichts hetzouten und niw ein Sckan- fuiel für glän-ende Znfchmter stnd. Fch erinnere an die arotze g?aratz" in Erfurt in diesem Fabre. Wo steben denn die Kosten lür solche Zwecke in unserem Etat? Nim der vierte Teil der fpirh mtf die Ausbildung für Kriegszwecke porwandf. nlle? andere aeht durch B^-gde»- darauf. ^?an glaiwt üch tu die römische Zäforen-eit versetzt, Mnn'be.) Schon ift in der Vreüe Mieder von tzer BeschaAuna eine? DeMPekgtichwgders tzie ^"de. Da muß man doch darauf Hinweisen, datz beftimmw reiche Personen hi? sn whr Hobe Greife hinauf an neuen Schiffen lebhaft interessiert find. , .. , o ,
e^ür nlle diese Vläne würden mth me Einnahmen au? dem neuen Zolltarif nicht gusreichen. man mutzte auch dann noch -n aeuen Beleihen schreiten, ^ie besitzenden Glossen brinaen, W:nerle7 r'hfpr fCfioH. im Gegenteil, we-nn finanzielle Dvfor nötig sind dann find e? die besitzenden Massen — zu ihrer Schande soi es aesnat __ sarotzer «Äml die diese verweigern. , (Sehr
richtig' bei den Sozialdemokraten.) Man wird neue indirekte Steuern -infübr-n vor allem Tabak lind Bier höher besteuern nnd zahlreiche kleine Eriftenzen zii Grunde richten. Die hoben Sinko»nnzen sind viel an niedrig besteiiert. Die Emnahmen ipv^'.tzen? m«s tzer Einkommensteuer hetraa-m mtr 190 Millionen England er-ielt rnt? seiner Einkommensteuer 785 Millionen. Dort werden eh"n tzse hesivenden Klgsten stärker heranae-ogon für da? deutsche Reich wäre es eine Kleinigkeit, au? den Taschen der besitzenden Massen mindesten? 900 Millsnnen m^r beraii?- -nbalen Aber statt datz Sie mit einer gerechten Rmchsemkomm'm- fteuer otzer mit eine- VeschSerhschgft?fteue^ f^aaen Sm
mm Bessviel eine «lll^vstener vor. die wieder bgiwtiachlich _ bte Armen belastet, llnd käme eine Webriteuer wirklich dann wiirde doch wieder ihr Ertrag mrr zum kleinsten Decke den Invaliden zu^ kommen, in der Hmivtsgche würde man mich stc für neue verr* u ■ Marineforderiinaen verwenden. (Anruf recht?: vjt nubt waor.f
In Bezug auf die Handelsverträge enthalt dre Thronrede mn
einen sehr dürftigen Satz; es fehlt jedes Wort darüber, welche Aussichten für das Zustandekommen von Handelsverträgen vorhanden sind. In der Nacht vom nächsten Sonntag zum Montag wird es ein Jahr sein, daß die achtzehnstündige Sitzung stattfand, in welcher der neue schöne Zolltarif angenommen wurde. Wie groß war der Jubel über diese welterschütternde Tat, nachdem man endlich mit allen Mitteln der Gewalt die Opposition überwunden hatte. Da eilten die Herren von der Majorität zum Reichskanzler und zum Grafen Posadowskv und des Händeschütteins und Gratulierens war kein Ende. Damals sah es so aus, als ob die Handclsverttägc so gut wie fertig wären auf Grund dieses Zolltarifs; aber: „In den Ozean schifft mit tausend Masten der Jüngling, still, auf gerettetem Boot fährt in den Hafen der Greis." (Heiterkeit.) Nur gewissermaßen anstandshalber hat man überhaupt einen Satz über den Zolltarif in die Thronrede auf genommen. Tas Beispiel Deutschlands mit dem neuen Zolltarif reizt nur die anderen Nationen. England war bisher unser beiter Kunde, jetzt ist cs unser Zolltarif gewesen, der Chamberlain auf seine neuen Ideen gebracht hat. Unsere Handelsvertragsverhandlungen kommen nicht vom Flecke, und die Situation ist trotz aller Schönfärberei der offiziösen Presse so Verfahren wie möglich.
In der agrarischen Presse macht sich jetzt eine lebhafte Propaganda für Schiffahrtsabgaben auf den deutschen (strömen bemerkbar. Ich frage den Reichskanzler, ob wirklich die Absicht besteht, solche Abgaben einzuführen. Nach unserer Ansicht ist das ohne Aenderung der Verfasiung und unserer internationalen Verträge unmöglich.
Ich komme nun zu den sozial-politischen Aufgaben. Auch darüber enthält die Thronrede diesmal sehr wenig. Und doch bat der Reichskanzler seiner Zeit als des Kaisers und sein eigenes^Pro- gramm die Gleichberechtimrng der Arbeiter mit den anderen Ständen hingestellt. Wenn Sie dieses Prograrnm verwirklichen wollten, Herr Reichskanzler, bann könnten Sie der Unterstützung der Sozialdemokratie sicher sein. Wenn jetzt von den bürgerlichen Parteien auch eine Anzahl sozialpolitischer Anträge einaebracht worden sind, so rührte dies nur daher, weil unsere 8 Millionen Stimmen ihnen Angst machen. Manchen dieser Anträge werden wir zustimmen, vor allem dem Anttage mif Anerkennung der Berufsvereine, denn wenn auch unser Ziel die Herbeiführung einer anderen Gesellschaftsordnung ist, so werden wir doch alles hm, so lange die heutige Ge- sellfchaftsordmmg besteht, um ein friedliches und besseres Verhältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu schaffen. (Lachen rechts.) Jawobl, das hm wir, und wenn Sie das nicht einsehen, bann haben Sie lebiglich ein Zerrbilb von unseren Bestrebungen, dann zeigen Sie nur, daß Sie bei Ihren Informationen niemals aus der Onelle selbst schöpfen. Unter Anwendung brutaler Gewalt zwingen die Unternehmer die Arbeiter, aus ihren Fachorganisationen miszutreten; wenn die Arbeiter es nicht fofort_ tun, bann werben sie auf bie Strotze geworfen, wie noch unlängst, kurz vor dem Weibnachfsfest, in Meißen. Kann es etwas Gottloseres, Ehrloseres imb Ni eberträchtigeres geben? Im Hinblick auf dasVersamm- lungsrecht und dessen freie Ausübuna steht Deutschland hinter allen Ki'ltnrnationen -urück. In dem Kriege zwischen Kapital und Arbeit wird leider das Kapital fortgesetzt von den Behörden in der irngerechtesten Weise unterstützt. Das zeigt auch wieder der .Krim- mitschai-er Weberstreik. Wir haben es noch niemals ^erlebt, daß je ein sächsischer Staatsbeamter in den schweren Kämpfen der Arbeiter auf deren Seite getreten wäre. Im Krimmitschauer Falle sind dabei bie Arbeiter den Unternehmern soweit wie möglich ent- gegengekommen. Sie haben das Gewerbegericht al? Einigungs- amt vorgeschlagen, aber die Unternehmer sind nicht darauf einge- gemger. Trotzdem wurden bie Unternehmer von den, Bebörben dauernd unterstützt. Es wurden sogar Soldaten nach .Krimmitschau verlegt, um die sogenannte Ordnung aufrecht zu erhalten. (Unruhe rechts.) Die Selbstbeherrschung, die bie .Krimmitschauer Arbeiter beobachtet haben, bie würden Sie, meine Herren von der Rechten, in einem folchen Falle nie beobachten. (Lachen rechts.) Unter den nichtigsten Gründen hat man den Krimmitschauer Arbeitern ihre Versammlungen verboten. Als sie sich beim Ministerium beschwerten, da wurden sie auf den Instanzenweg verwiesen. Auch das hat ihnen nichts genutzt, und als man schließlich gar keinen Grund mehr fand, ihre Versammlungen zu verbieten da hieß es, die Säle müßten neu vermessen werden, gerade al? ob die Arbeiter während ihrer Hungerkiw dicker oeworden wären. (Heiter- feit.l Und was hat man durch solche Gewaltakte erreicht? Die deutschen Arbeiter erklären stch solidarisch mit den Krimmitschauer Arbeitern. Ueher bie dortigen Vorgänge braucht man sich wahrlich nicht zu Wundern, denn der Bürgermeister tmn Krimmitschau ist der Schwiegersohn eines der reichsten Fäbrikanten (Lebhaftes Hört! hört! links, Lachen recht?.) und eine ganze Reihe von Fabrikanten sitzen im Stadtrat. Man macht die Zusammenkünfte der Arbeiter unmöatich, man will ste mit Gewalt den Unternehmern unterwürfig irorhcn. Kann es etwas Skandalöseres, kann es einen schlimmeren Mißbrauch der Amtsgewalt geben? (Lebhafte Zustimmung links.) Für das. was dort geschieht, gibt es nur ein <morf — ha? ist echt sächsisch. (Stürmisches Sehr richtig! bei den Soz. — Eine Anzahl von sozialdernokratischen Abgeordneten fetzt sich in erraten Zwieaefveächen mit dem in der Nähe am Bnndes- ratstifch fitzenden sächsischen Bundesratsbevollmächtigten Geb. Rat von Fischer auseinander Aba. Grünberg schlägt wiederholt mit her Hand auf den Tisch. — Glocke bQ? Präsidenten.) Es scheint, daß die sächsische Regierung an der Antwort, bie ihr das Volk am 16. und 25. Juni erteilt hat, noch nickst genug hat. Unerhört ist eS, daß Unternehmer durch Lug und Bettug Arbeiter nach Krimmitschau zu locken suchen. Der Wermut der Arbeiter ist erstaunenswert. Die Unternehmer widersetzen stch der Verkürzung der Arbeitszett, obwohl jeder Mensch weiß, daß eine Herabsetzimg hon 11 auf 10 Stunden dm Unternehmern keinen Schaden, sondern Nutzen bringt. Graf Bülow hat einmal auf bie Marainalnote des Kaiser? hingewiesen: „Wir müßten bei uns einen Millerand haben." Ja, toarum will denn Graf Bülow fein Millerand werden? (Große Heiterkeit.) Millerand hat in Frankreich eine Verkürzung der Arbeitszeit durchgesetzt, bei uns dagegen gibt es keinen aröf-oren Fstnd he? QohuThtnb-’ntaae? al? den preußischen Handels- minister. Von jeher stud wir für den Arbeiterschutz eingetreten, aber die Mehrheit des Reich taaes, vor allem das Zentrum, hat sich unseren Fordenmaen widersetzt.
Auch bie Stellung Deutschlands nach außen ist keineswegs so, wie ste fein sollte. Betreiben wir doch schon sogar eine Art Geschenkpolitik! Daß der Obervrasident der Provinz Westvreußen und der kommandierende General aufgeforbert wurden, den Amerikaner Vanberbilt zu begrüßen, hat selbst in solchen .Kreisen Kopfschütteln erregt, bie nicht So-ialbemokraten sind. Was hat dieser Vanderbilt für ein Verdienst, was gehen uns biefe Leute an? (Lebhafte Zustimmung.) Da rmrß ich hoch sagen, daß bas sehr leicht den Anschein erwecken kann, als seien wir nicht bie starken Männer, als bte wir uns hinstellen: unb was heute Rußland gegenüber getan wird, das ist fürwahr mehr als Bauchrutschen. (Sehr richtig!) Es ist eine unbestreitbare Tatsache, daß wir in Berlin Dutzende unb STbcr^ dutzende von russischen Polizeibeamten haben, die bie deutsche Polizei für sich benutzen und denen sich die deutsche Polizei zur Verfügung
stellt. (Hört, hört! links.) Man kann sagen, daß der russische Polizeiminister heute in Deutschland eine so einflußreiche Rolle spielt, wie sie niemals ein preußischer Minister in seinem eigenen Lande gespielt hat. (Sehr richtig I links.) Wir werden in einer Interpellation noch darauf zu sprechen kommen, wie sich Deutschland Rußland gegenüber benimmt, einem Lande, das — man kann sagen, was man will — auch heute noch in der Hauptsache ein barbarisches Land ist. Ich erinnere an bie Greueltaten in Kisckstnew, die unter der Duldung der obersten Polizeibehörden verübt sind. Ein Staat, in dem solche Grausamkeiten imb solche Bestialitäten Vorkommen, verdient nickst, auf den Namen .Kultnrstaat noch irgend welchen Anspruch zu machen. Ich erinnere weiter an die Greuel am Amur, die ausgegangen sind von ruffifchen Generalen, die Tausende von armen Chinesen in den Amiw getrieben haben. Die besten Männer von Rußland, die für Zustände fämhfrn, wie wir sie in Deutschland haben, Zustände, die nach meiner Meinung keine idealen find, wohl aber nach Fbr-r Meinung (nach recht?) — werden nach Sibirien verbannt, "llliährlich werden in grausamer, jahrelanger Untersuchungshaft zahUofe Ovfer wabnstnnig. DeS weiteren hat sich au? den Papieren de? Spion? Weißmann ergeben, daß Rußland schon monatelana vrn dem Königsmorde in Belgrad davon Kenntnis hatte, md ebenso hatte e? Kenntnis von der vlövlickien Ermordung Stambulov's. Aber e? hat nichts dagegen getan. Rußland ist es, das einen guten Teil der Aufstände in China auf dem Gewisten hat. In Rußland herrscht der Desvo- ti?o-i,s, gemildert durch den Meuchelmord. (Lebhafte Zustimmung links.) Nicht rückwärts. Condern vorwärts in der Kultiw, das ist itnfere Veröle. sLebbgfwr B^Eoll bei den Sorioldemokraten.)
Rejchsfgnzler Graf h. BiUgn,» Fch da^f es dem Kriegsminister überlasten, im einzelnen die Angriffe zurückzuweisen, die der Abg. Bebel geaen b1*e Organisation unsere? Heere? gerichtet hat. Ich rrefteh»* a^erbim? von vornherein, daß ich auf diesem G"biete, was- die Einrichtungen unsere? Heerwesers gnlanat. in Kavallerie- und Artilleriefragen, was die Uniformierung betrifft und in and-men militärischen Detailfraoen. daß ich da von vornherein mehr Ver- h-nnrn hohe zu dem General v. Einem al? nt dem Abg B-chel. (Sehr gut! recht?.) Darin liegt keine besondere Unfr-nndlichkert gegenüber dem Abg. Bebel, denn bie Erfahrung beweist, daß aitf solchen Gebieten ein Ouentchen eigener ^nschaimng. Prgri? und Kenntnis schwerer wiegt, al? die vhans-gfievollsten Vorstellunaen.
Der Abg Be^ol Bat m dem militärischen Teil feiner Rede von Drill neftirochen Dm Drill ist nicht Selbstzweck und soll nie Selbstzweck fern, aber al? Mittel zmn Zmeck hat er sehr wesentlich b-iae- traaen zu dem Erfolge der preußischen Waffen feit Friedrich Wilhelm T Da? Wert des alten Kaiser? trifft durchaus zu: Gehorsam und D»-ill haben den preußischen Soldaien zu dem gemacht, was et ist. lSehr richtig!) Nack den Ausführungen de? Aba. Bebel über die Manöver glaube ich faum, daß er je an einem solchen feilae- nommen hat. Dm Zweck der Manöver wie aller militärischen TTeTnrnoen kann selbstverständlich immer nur die kriegsmäßige Ausbildung fein, und in diefer Beziehung haben die Manöver einen oroß-n Wert zur Er-ielung von Marsch- imd G-fechtsleifttmaen, als ein Erz'-h-unosmittel für b:e Führer imd al? Vorbereitimg für den Ern'tfgll, daß aber im Ernftfalle die Reiterei, aitf die es der Abg. Bebel besonders abgesehen hat, eine bedeutsame Rolle fvi-len wird, so nut wie sie es im letzten .Krieae getan hat. da? ist die Ansicht vieler einsichtiger Militärs in Deutschland und außerhalb nuferer Grenzen, und in der Beziehung kann ich nur dem Vraktiker folgen, nicht dem Laien imd auch nicht dem beredtesten Dilettanten.
Der Abg. Schgdler hat hier gestern eine Anzahl von schweren Soldatenmißhandlungen zur Sprache aehracht. Wir alle verurteilen Roheit unb Grausamkeit. Bmttalität imd Ungerechtigkeit empören mich gerade so fehr wie Sie (Beifall), und al? Reichskanzler füae ich hinzu, dgß ich in voller Uebereinstimmimg mit den .KrieoSininistern aller Bimdesstgaten eS als die heiligste Pflicht der Militarverwaltimg betrachte, mit allen geeigneten Mitteln derartigen Sachen entgegenzutreten, ihnen vorziibeimen. ste mt?iurotien. (Lebhafter Beifall.) Fe höher imfer Heer steht, itmfomehr müsten wir feinen Schild blank halten, umfo energifcher werden wir alle? dornu setzen, um begründeten Be- fchwerd-u abziihelfen. (Erneuter Beifgll.) Ich bestrefte auch feinem Mitoliede diese? hohen Hause? da? Recht, militärische Fragen in den .Kreis seiner Erörterungen zu ziehen. Die .Kritik nurß aber fachlich und aereckst fein. Sie darf nicht blind tadeln und blind verwerfen. Sie miiß in militätischen Fragen mtf die Interessen Rücksicht nehmen und mtf die nationalen G-stchtsvnnkte. (Beifall.) Sie darf weder das Selbstvetirrnten imfere? Volke? erschüttern, noch dgK Ansehen, das wir im Auslände genießen imd hie Ausstcht mtf weitere Erhgltmta de? Frieden? unterorgben. (Sehr mtf!) Es gibt eine Kritik, eine Kritik, die offen imd unaefcheut Mißstände zur Svrgche bringt in der vattiotischer Abstcht. die Schäden dadimch 3ttr Heilung zu brinaen und den Körper gestmd zu erhalten. Es gibt aber auch eine Kritik fmtf die Sozialdemokraten weifend), der es mehr ankommf mtf die Agitation, al? auf die Sache (Sehr aut!), und da? ist die Art der .Kritik, wie ste feit Monaten unb Fahren an unseren höchsten Fntereffen von so-ialdemokrafifcher Seite geübt wird. (Große Unruhe bei den Sozialdemokraten, lebhafte Zustimmung bei den übrigen Parteien.)
Das ist ja überhaupt kennzeichnend für Sie, meine Herren (zu ben Soz.), unb e? -i-ht st-h auch wie ein roter Faden durch die Ausführungen des Abg. Bebel, immer jeden einzelnen Fall zu verallgemeinet-n. immer die Att?nahme zur Regel zu machen. (Sehr richtig! — ^ihmfuruh bei den Soz.) Fowobl. Herr Bebel, denn wenn ein Mitglied der b'irg-rlichen Gescllfhoft, ein Unternehmer, ein Offizier oder Unterofftzier, ein Geistlicher oder Fitrist stch eine Blöße oiht. fo stellen ^ie die Sache fo dar. al? ob daran die ganze hüraertiehe Gesellschaft schuld wäre, al? ob da? bie Schuld der beittiaen bürgerlichen Ges"llschaftSo^Vnnna Ware, alck ob c? nicht auch bei Fhnen räudige Schafe aahe. lGroße Heiterkeit.) nicht bei Ihnen gemeine, schwache Menfhen gäbe. Die Tatsache, daß unter einer halben Million Menschen auch Ansfchrett fimaen Vorkommen, motivi"rt affn noch nicht bie Angrifte, die in der jüngsten Zeit soviel wieder aeaen unfere militärischen Fnsti- tittionen gerichtet worden find, E? stnd Erschein'tnoen zur Sprache gebracht worden, wie ste rntch in anderon Bernfsklasten pgffieren. Auch in andern Berufsständen kommen Mißgriffe vor. mtch ander?- n>o postieren Mißhanblunaen, und ich konstatiere, daß diefe Er- fhetntmaeti in der Armee von Jahr zu Fahr abnehmen Wo stch solche Erscheinungen zeigen werden ste mit der größten Strenge befttgft, imd ngch meiner Ansicht können derartige Fnfarnien oar nicht ffreng genug bestraft werden. (Zuiptf bei den Soz - Mit Stitbenarrest!) Es ist mtch gestern vom Aba. Schädler Be-ug genommen worden mtf die Vorgänge in einer unserer Gr-nz- gornisonen. in F o r b g ch. Ich stimme dem Aba. Shädler darin zu, daß ich alrntbe. daß die rückhaltlose Aufh-ckung solcher Vorgänge nützlich ist, nicht nur weil in der OeffenfTichfeit ein Teil der .Ktitik liegt, sondern weil e? auch mit für eine Fuftittttion ist. daß nichts verkleisteti unb vertttschf wird. Das ist in diesem Falle nicht geschehen. Ich bin ferner brr Meinung, daß entsprechend einer von sachlichen Motiven geketteten .Kritik die bestemde Hand der Heeresverwaltung einzugreifen hat. .Kein Heer der


