stottert, baß der Angeklagte Bilse nach seiner Ueberncchmc ins Bataillon auf ein Jahr in den Ehrenrat gewählt wurde.
Daraus wurde für btc VernelMung der Heugen Mtte und Koch die O e s s en tli ch kei t wegen Gefährdung der Sittlichkeit und der militärischen Interessen ausgeschlossen.
Nach Vernehmung der Zeugen Mtte und Koch wurde die Verhandlung geschlossen und auf morgen vertagt.
Aus Stadt und Kaud.
Gießen, 11. November 1903.
-Personalien. S. K. H. der Großherzog haben dem Provinzialbirektor Geheimrat Freiherrn von Gagern zu Mainz das Komturkrcuz 1. Klaffe des Verdienstordens Philipps des Großmütigen verliehen.
-Maräa von Magdala-Aufführung. Die vom Theaterverein bei dem Atelier Falck in Berlin bestellten neuen Dekorationen sind zum Teil schon hier eingetroffen, sodaß die Aufführung dieses viel besprochenen Dramas am Dienstag dem 17. Nov. stattfinden kann. (S. Anzeigenteil.) Die Dekorationen umsaffen das Zimmer der Maria, da§ des FlaviuS, die Ansicht von Jerusalem und die Häuser des Hohenpriesters Kaiphas und des Simon.
- V o m S t a d t L h e a t e r. Wir lesen in der »Hung. Landpost": „Infolge der ungünstigen Zugverbindung am Abend ist eS der Einwohnerschaft an der Bahnlinie Gießen- Nidda leider nicht möglich, dieAbendvorstellungendes Gießener Stadttheaters zu besuchen. Von verschiedenen Seiten dazu aufgefordert, setzten wir uns mit der Direktion in Verbindung unb ersuchten im Interesse der in Betracht kommenden Theaterfreunde um Einlegung von Sonntag-Nahmittag- V o r st e l l u n g e n. (Von anderer Seite ist, wie wir hören, das Ersuchen an die Theaterdircktion gerichtet morden, mit Rücksicht auf auswärtige Theaterfreunde drc Sonntag-Vorstellungen um ys7 Uhr beginnen zu laffen. D. Red. d. G. Anz.) Diesem Ersuchen hat die Theaterdirektion bereitwillig entsprochen und eS findet mm nächsten Sonntag, nachmittags 3*/, Uhr die Aufführung des Schauspiels „Versunkene Glocke" statt."
r. Aus dem Biebertal, 9. Nov. Die Bauhand- Werker hiesiger Gegend sind zurzeit damit beschäftigt, für die angehenden Bauhandwerker, Lehrlinge und Gesellen eine Handwerkerschule ins Leben zu rufen. Viele junge Leute besuchten seither allsonntäglich dre Zeichenschule zu Gießen, wovon sie aber für die Folge nicht mehr Gebrauch machen können, da wegen UeberfüUung der dortigen Klassen alle auswärtige Schuler (NichtHessen) von dem Schulbesuch ausgeschlossen find. Von berufener Seite sind daher bereits Schritte getan worden, um hier eine Fachschule für Bauhanowerker zu begründen Die Handwerkerkammer zu Mesbaden hat bereits in bereit- wllliger Weise dem Unternehmen chre Unterstützung zu gesagt. Für nächsten Sonntag ist daher die erste Handwerterver- sammlung nach Rodheim bei Gastwirt und Schreenermeister K. Schlierbach einberuseu worden, um das Unternehmen zu beraten Möglicherweise wird die Schule noch in diesem Winter eröffnet werden
es- Friedberg, 10. Nov. Ein in Oberheffen allgemein bekannter Mann, Obstbautechniker Ernst Metz ist gestern im Alter von 72 Jahren gestorben Bis vor zwei Jahren besuchte er jeden Winter die Kreise der Provinz Oberheffen, um in den Ortschaften durch Vorträge und praktische Anleitungen den Obstbau zu heben und Obstbauvereine zu gründen, wozu ihn seine praktischen Kenntnisse befähigten. Auch über die Grenzen HeffenS, ja sogar Deutschlands hinaus war Metz durch seine bedeutende Rosenzucht als „Rosenrnetz" bekannt. Er ist ein Mitbegründer des oberhejsischen Obstbauvereins und gehörte demselben als Beamter 12 Jahre lang an, bis er vor 2 Jahren in den wohlverdienten Ruhestand trat.
h. Ulfa, 8. Nov. Auf Anregung des hiesigen Kriegervereins soll endlich einer alten N/renpslicht durch Errichtung eines Kriegerdenkmals Genüge geleistet werden, und zwar hofft man, den Gedenkstein ün nächsten Jahre anläßlich des 30jährigeu Bestehens des Kriegervereins Ulfa enthüllen zu können. Da durck den Gemeinderat bereits 350 Mark und durch den Kircyenvorstand 100 Mark bewilligt worden sind und wohl auch die freiwilligen Beiträge in reievem Maße fließen werden, so dürfte das Projekt bis zum nächsten Jahre zur Ausführung gelangen. Tas Tenkmal soll in der Mitte des Ortes unter der Friedenslinde seinen Platz finden.
Mainz, 10. Nov. DaS Domkapitel wählte zum Gcneralverweser für die Diözese Mainz heute mittag den Dom- kapitular Dr. Selbst.
Mainz, 9. Nov. Eine gewaltige Zigeunerschlacht hab eS nach dem „M. Tgbl." in der letzten stacht in der Nähe des Forts Biehler, wo sich zwei Zlgeuner- gesellschaften gelagert hatten. Es wurde fürchterlich auf einander losg-ehauen und einer alten Frau mit einem Knüppel ein Bein entzweigeschlagen. Die Mitglieder der unterlegenen Bande flüchteten in wilder Hast unter Zurücklassung ihrer Wagen, die zertrülnmert wurden. Zur Kasteler Polizeiwache eilten hoch zu Roß nachts um 2 Uhr einige Zigeuner, um den Vorfall zu melden, woraus sofort sämt- lick-e v-rfügharen Polizeimannschaften von Kastel zum Kwnpsptatz eilten, wo sie für die Ueberführung der schwer verletzten Frau in das Rochus Hospital sorgten und verschiedene Verhaftungen Vornahmen. Mehrere Zigeuner sind erheblich verletzt.
Büttelborn, 6. Nov. Der ineressanteste Grabfund aus dem „Heiligengut" wurde gestern gemacht, ein mit Waffen ausgerüsteter merowingischer Krieger. Das Skelett hat eine Länge von 1,70 Meten und ist nach Osten orientiert. Zur linken Seite, dicht neben der Wand des Grabes liegt ein gut erhaltenes Schwert, das erste, das auf dem Gräberselde gefunden wurde. Es reicht von der Schulter bis zum Knie. In der Beckeng-egend liegt bei dem Schwert ein langer Dolch der anscheinend in einem Gürtel stak, von dem ein schöner Bronzebeschlag zwischen den Oberschenkeln gefunden wurde. Zu den Füßen rechts vom Skelett befindet sich eine gut erhaltene Lanzenspitze, deren Schaft in dem rechten Arm der Leiche gelegen haben mußte. Etwas weiter seitwärts rechts liegt als Ueberrest des Schildes ein Schildbuckel. Auch scheint man dem Kriegs- manne Psell uicd Bogen mitgegeben zu haben, denn in der Nähe des Schildbuclels wurde eine Lanzenspitze angetrofsen. Ter sorgfältigen Avbeit des Vorarbeiters Schäfer ist es zu danken, daß das Skelett in ursprünglicher Lage und ungestört samt Beigaben ausgedeckt wurde. Die Bestattung ist also zu sehen, wie mau vor mehr denn 1300 Jahren den Leichnam ohne Sarg der Erde übergab. Das Grab ist nach seiner ganzen Breite noch nicht untersucht, weil man ein aus der rechten Seite desselben ausgedecktes, viel höher, nahe der Ackeroberfläche befindliches Skelett, bei dem man linls vom Becken em Messer gesunden hat, nicht zerstören wlll. Bei einem anderen Skelett wurde ein Armring aus Bronze gesunden, und ein weiteres Kriegergrab, mit Urne und Schwert ausgeftattet, wird gegenwärtig untersucht. N. Hess. Vbl.
)( Ni a r b u r g, 10. Nov. Gestern abend starb hier der bekannte hessische Landschaftsmaler Fritz Klingel- Höfer im Alter von 72 Jahren. — In der heutigen Stadtverordnetensitzung wurde eine Ordnung betreffs Erhöhung des Grundgehaltes der Lehrer und Lehrerinnen an sämtlichen städtischen Schulen vorgelegt.
Vermischtes.
* Duisburg, 10. Nov. Hier kam es gestern zu Ausschreitungen zwischen Düsseldorfer Ulanen und mehreren Bürgern, die mit den Soldaten in einer Wirtschaft in Wortwechsel geraten waren. Ein Soldat verfolgte mit gezogenem Säbel eine Gruppe von Leuten und verwundete einen Mann durch einen sckarsen Hieb über den Kops. Ein zweiter Mann erhielt scharfe Schnittwunden ün Gesicht, während ein Dritter eine klaffende Wunde aus der Stirn davontrug. Als der Soldat wie rasend um sich schtug und auch aus Frauen einzudringen versuchte, gelang cs schließlich der Polizei, den Soldaten zu verhaften. Nur mit Mühe konnte der Verhastete vor der Wut der Menge geschützt werden.
* Paris, 10. Nov. Gestern abend stürzte ein aus dem Tache des Postgebäudes beschäftigter Arbeiter infolge Unvorsichtigkeit auj die Straße herab uni) fiel aus einen Passanten, welcher das Genick brach Beide wurden als Leichen vom Platze getragen.
* Der besten allerSchwiegermütter. Königin Alexandra ließ rechts von den Stusen, welche in Frog- more zum Mausoleum der Königin Viktoria enrporsühren, eine prächtige, 17 F-uß hohe Marmorsigur des Erlösers ausstellen. Auj dem Piedestal der Figur ist folgende Widmung angebracht: „Der besten aller Schwiegermütter!"
* Ein 8jähriger Riese wurde, wie die „Deutsche Med.-Ztg." berichtet, gelegenttich einer Schulbesichtigung durch den Kreisarzt in einem nüirkischen Dorfe ausfindig gemacht Das Gelvicht des 8 Jahve 8 Monate alten Knaben betrügt 57 Hz Kilogramm, Köcperlänge 159 Zentimeter, Brustumfang 80—87 Zentimeter; der Körper ist ebenmäßig.
kräfttg entwickelt; geistige Entwicklung und Fähigkeiten entsprechen nach Angabe des Lehrers dem Alter. Die Eltern sind etwas über mittelgroß und schmächtig. Sollte ter Nies en kn ab e, der jetzt etwa schon das Milltärmaß hat, weiter wachsen und zunehmen, so kömtte er es zu einem ganz respektablen Niesen bringen.
Gerichtssaal.
Frankfurt a. M., 10. Nov. Unter Ausschluß der Oeffent» lichkeit (auch die Vertreter der Presse waren ^ausgeschlossen) wurde heute vor der Strafkammer gegen die in der Strafanstalt Preunges- heiin anaestellte Gefangenen- Aufseherin Anna Heise verhandelt, die beschuldigt war, sich an vier weiblichen Gefangenen vergangen zu habem Zur Verhandlung waren 20 Zeugen geladen. Das Urteil lautete wegen fortgesetzten Verbrechens gegen die Sittlichkeit im Amte auf 2 Jahre Gefängnis und ö Jahre Ehrverlust. Der Staatsanwalt hatte 3 Jahre Zuchthaus beantragt.
Essen (Ruhr), 10. Nov. Tas hiesige Landgericht wies heute die Klage der Fahrzeugfabrik E l s e n a ch (Ehrhardt) auf Löschung des Kruppschen Gebrauchsmusters 174—254 in erster Instanz kostenpflichtig ab. In dem Prozesse handelte es fichz wie von unterrichteter Seite mitgeteilt wird, darum, der der Klägerin nahestehenden Rheinischen Aketallwarett'- und Maschinenfabrik in Düsseldorf die Fabrikation eines bestimmten Typs einer Oberlafette für Nohrrücklauigeschütze zu ennöglichen, der durch das erwähnte Gebrauchsmuster für die ^lkt.-Ges. Fried. Krupp geschützt ist.
G r a u d e n z, 10. Nov. Der Lokomotivführer Llpfel- bauer aus Dirjchau, der sich vor der Strafkammer in Graudenz wegen Gefährdung eines Eisenbahntransportes zu verantworten hatte, ist f r e i g e s p r o ch e n worden. Er war Führer des ArbeiterzugeS, der am 20. Mai bei Schmentau entgleiste, wobei 3 Personen getötet, 9 schwer und 20 leicht verletzt wurden. Als Ursache der Entgleisung wurde Lockerung der Geleis- bettuug durch anhaltendes Negenwetter angenommen.
M a n n h e i m, 11. Nov. Nach etwa dreistündiger Beratung verkündete heule abend der Gerichtshof im zweitenRheinau- prozeß folgendes Urteil: Böhm wird wegen mehrfachen Betruges unter Einrechnung der bereits verhängten Strafen zu einer Gesamtstrafe von drei Jahren und drei MonatenGefängnis oerurteilt. Die übrigen Bestimmungen des früheren Urteils bleiben bestehen. Henninger wird von den erhobenen Anklagen freigesprochen.
Eingesandt.
(Für Form und Inhalt allet unter dieser Rubrik stehenden Artikel übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung.)
In dem Militärkonzert am verfloßenen Sonntag mußte man bedauerlicher Weise die Wahrnehmung machen, daß junge Herren — von denen man annehmen muß, daß sie Bildung haben — durch Ausstößen von Tönen, welche man nur in Menagerien und zoologischen Gärten hört, die musikalischen Ausführungen in gröblichster Weise störten, so daß es nicht möglich war, die feineren Telle der Stucke zt: hören. Der Anstand dieser jungen Herren mit ihren stark an den Tag tretenden Höflichkeitsformen gintz sogar so weit, daß sie auf den gedeckten Tischen mit ihren Stilhlen Platz nahinen, auch auf Kom.nalldo die von ihnen überhaupt nicht ge° hörten Konzertstücke nachträglich applaudierten. — Obwohl auf dem Programm an das Publikum ausdrücklich das Ersuchen vermerkt ist, die Aufführungen nicht zu stören, sahen sich diese Herren trotzdem nicht veranlaßt, hiervon Notiz zu nehmeil. Durch dieses Gebühren werden Leute, welche aus Interesse die Konzerte besuchen, von ihnen fern gebalten. Der Konzerlfaal ist doch nicht der Ort zur Betätigung jugendlichen Uebermuts. Zu amüsanter Unterhaltung findet sich Gelegenheit und Zeit genug während der Paiisew So sich geberdeiide Persönlichkeiten müßte man rücksichtslos auS dem Saale entfernen.
Hoffentlich genügen diese Zeilen, um in dieser Hinsicht Wandel zu schaffen. Ein Konzertbesucher.
Eitel dünkte den Menschen der Kampf stets gegen die Horen, Nutzlos scheinet mir auch gegen Götter ein Krieg.
Schwert in die Scheide l Ich werrde mein 9ioß und stech' ihm bil Sporen, —
Don Quixote nur erficht gern einen Windmühlensieg.
Jeder, der die Kupserberg'schen Sektkellereien jemals besucht hat, ist über das riesige Flaschenlager erstaunt gewesem Gegenwättig lagern daselbst nahezu 4 Millionen Flaschen. Die Firma Kupserberg hat es für notwendig gehalten, ihren Bestand auf diese Höhe zu bringen, weil sie dadurch in der Lage ist, nur gut abgelagerten Sekt in den Handel zu bringen. Die Erfahrung hatgelehrt,daßderSektauf der Höhe seiner Entwickelung sich befindet, wenn er nach der Dosierung und dem endgültigen Verschluß noch ca. 6 Monate lagert, bevor e r getrunken wird. In solchem Alter, d. h. in völlig ausgereiftem Zustande wird die Mark« ^Kupfer- b e r g G o l b* zum Versand gebracht und damit ein weiterer Beweis geliefert, daß nichts unterlassen wird, um einen nur erstklassigen Sekt zu bieten. ,Kupferberg (Solb* als deutsches Erzeugnis steht an Qualität unerreicht da. 798"
„Komtesse Guckeri" ist ein lustiges Kostümschaustück vm vollendeter Bonhommre, das einen Zuschauer von Durchschnitts-Ansprüchen beim ersten Scha.uen recht nett und gefällig unterhält. Wer den Schwank cvber etwa ein halbes Dutzend mal an sich hat vorübergehen lassen, der kommt ganz gewiß kxchinter, daß er auch nicht eine originelle Fitzur, nicht eine originelle Situation darbietet. Die Ge- jchachte von der Mtwe, die einen jungen Springinsseld erst brüskiert, dann liebt, wird zum hundertstenmale ausgetragen. Daß dies hier wieder wirrt, ist vornehmlich dem Zeitkolorit zu danken, mit dern die Verfasser ihre leichten Siebensachen ausputzen. In bas Oesterreich von 1818, nach Karlsbad, wo Goethe zu Besuch ist und der Kaiser mit seinem Metternich, und dem inttigierenden Hofstaate Feste feiert, will uns die „Komtesse Guckeri" bringen — in ein blumiges, gemessen-lustiges Interieur. Stimmung soll von diesem Interieur ausgehen. Ein kaiserlich königlich hos- rätliches Familien- und Empfangszimmer aus der Zett vor 85 Jahren vorzutäuscven, ift hier die wesentlichste Ausgabe der Regie. Das Gesamtspiel, muß auf einen fein gehaltenen Ton gestimmt sein. Vornehme Gemessenheit mib jeglicyes Vermeiden mimischer Effekte sind für dieses echte und recyte Hostheater-Stück Grundbedingung. Die ganze Gesellschaft, die sich um die hofrätliche Familie gruppiert, steckt in Gewändern im Schnitt aus der Zeit des Ernpire. Bereitwillig erkenne ich an: man trug diese Gewänder am Tienstag ohne Ziererei, mit der erforderlichen Nonchalance.
Tie Paraderolle des Stückes ist die der Gräfin Hermance Trachau alias Komtesse Guckerl, die ihren Spitznamen daher hat, „weil's die Lait immer so haltet hat ang'schaut". Die Nolle dieser halb vornehmen, halb gemütvoll-treuherzigen Vollblutwienerin lag in den Händen des Fräulein Hohl', die man in Oldenburg als Heroine haben will. Sie spielte die junge Witwe, die ihre ganze Umgebung an Geist und Mtz weit Überragt r- wozu freilich nicht allzuviel ge- tytrt — humorvoll und liebenswürdig- lebhaft und mit
bestem Erfolge. Aber bei allen ihren Bühnengestalten haftet Frl. Hohl doch immer Absichtliches und Gemachtes an; auch die Wirkungen der originellen Toiletten und die liebenswürdige Koketterie machen nicht den Eindruck, als seien sie für die (leine Gesellschaft oa oben auf den Brettern ganz allein beredynet. Durchweg war ja gestern ihre Leistung reizvoll, aber ihre S^altun^ dem Zuhörerraum gegenüber nicht diskret genug. Das hindert nicht, daß ihre fast bis zuletzt neckische Mweisung des kecken Abenteuerersinders von köstlick)em Hauche feiner Lustspiellaune durchdustet war. Die Versajser haben ihre Komtesse Guckerl halb herb, halb fesch als ein Naturkind in einer Zett arger Verstaubtheit gezeichnet; Frl. Hohl war eine anmutige, bewegt.iche, liebenswürdige und muntere elegante junge Dame, die auf den Eindruck ihrer ganzen Persönlichkeit aus andere sehr bedacht ist, die aber auch Humor und Gemüt in genügendem Maße besitzt, um bei der Allgemeinheit gewonnenes Spiel zu haben. Ob 1818 so „gewienert" wurde, wie Frl. H. es gestern tat, ist nicht zu erurieren.
„Alsdann" Herr Haag war der einzige, der konsequent Dialekt sprach nicht den echten wienerischen, sondern mehr hinüber nach dem Oberbayrischen des wackeren Laver Terofal aus Schliersee. Im übrigen war Herr H. ein hö<l)lst vergnüglick>ec Ehetrottel und verzopfter Buveau- krat, allerdings mehr nach der Subaltern- als nach der Exzellenz-Karriere hin. Sehr ergötzlich war [ein Hin- und Herdrehen und Wenden, wenn auch nicht in oein Menuett- schritt jener Zeit vor 85 Jahren, und der Aufschwung aus jahrelanger ehelicher Unterdrückung zu heldenyaster Energie. Herr Teleky gab den ru,sisa)en Erbonkel und General mit dem verwundeten Herzen uiu> dem Rheumatismus. Seine Haltung, Ton und Aeußeres machten einen echt sarmatiscyen, wenn aucli nicht ganz unasfektierten Eindruck. Tie öigur ist von den Autoren -ehr oberslächllch behandelt, und es ist nichts Besonderes aus ihr zu machen. Ten zaghaften Liebyaber, den die Verfasser in dem Bode-
kommissär gezeickMet haben und der recht lustig wirken kann, machte Herr Tamke zu einem so unreifen als steifen Jüngling, der in eine Gesellschaft geraten ist, in der er sich! selber als nicht „voll" ansiehü Für diese Rolle wäre Herr Pichler, der im „blinden Passagier" so hübsch mimte und so ungezwungen sich gab, wohl geeigneter gewesen. r . . „ ,
Ter Hofrätin der, Frau Fischer fei in aller Hochachtung zugerusen: grantiger, grantiger, verehrte Frau, in dieser Rolle, und ein klein bischen mehr Komik! Frl. Hellberg war wieder ein überaus anmutigem kleines Hasenherzchen, ein süßes Madel, das doch gelegentlich die zierlichen Krallen verheißungsvoll zu zeigen weiß. Tas war ebenso frische Naivität wie echtes Empsinden. Daß sie aber auch eine recht hübsche Portion Sck)althaftigkeit, ja selbst Ucbermut besitzt, bewies sie gestern in artigster Weise. Den Weiberherzen erobernden Herrn von Neuhofs — last not least — spielte Herr Direktor Steingoetter brillant, durchweg mit prächtigem Humor von ursprünglicher Natürlichkeit, wenn auch vielleicht allzu gleichförmig.
Tie Kostümierung hatte den Anstrich historischer Treue, war geschmackvoll und nicht übertrieben, die Jii,zenierung unfern Verhältnissen angemessen. Das zahlrei^e Publikum amüsierte sich aufs beste und applaudierte nach jeder Akte sehr lebhast. P. Witt ko.
— Stuttgart, 10. Nov. In Anwesenheit des Königs- raares, der übrigen Mitglieder des königlichen Hanfes und der Staatsminister wurde heute, am Geburtstage Schillers, das vom schwäbischen Schilleroerein erbaute Schiller- mufeum zu Marbach feierlich eingeweiht. Tie Weiherede hielt der Rektor der Stuttgarter Technifchen Hochschule Projesjor Karl Weitbrecht.
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