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10.9.1903 Drittes Blatt
 
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Drittes Blatt.

153. Jahrgang

Donnerstag 10. September 1903

Adresse für Depeschenr Anzeiger Gießen.

Ferwprechanschluß M. 51.

Siehener Anzeiger

w General-Anzeiger v v

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

Nr. ZIS

Erscheint täglich außer Sonntags.

Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem Hessischen Landwirt die Gießener Zamitteu» blätter viermal tn der Woche beigelegt.

Rotationsdruck u. Ver» lag der Brüh lachen Untvers^Buch- u. Stein- druckerei (Pietsch Erben-

gebracht hat; manches Si.mplieissimusstückchien.Mit Bezug au) diesen gewissen Vehse" befindet sich nun im Harrd- tatalog der Berliner Königl. Bibliothek, die bekanntlich jebem ordentlichen Menschen zugänglich ist, der Vermerk Secretiert." Bürgerlich deutsch will das sagen: In der Geheimabteilung in Sicherheit gebracht. Für ben Aus­leihebeamten steht daneben die für das Publikum bestimmte Auskunft: Nicht vorhanden. Was ist der Erfolg? Ein rühriger Buchhändler hat jüngst den alten Vehse neu auf­gelegt, und der Absatz ist gut.

Tegner, der Dichter der Frithiofsage, empfahl das Konversationslexikon als Mittel der Volkserziehung. Rotts Lexikon hat später in Süddeutschland für die politische und wirtschaftliche Bildung außerordentliches geleistet. Nach den Erfahrungen mit den kondensierten Bibliotheken, den Lexiken, kamen die wirklichen Bibliotheken als Kultur­mittel und als Eroberer für nationale Zwecke in Achtung. Kaiser Wilhelm I. errichtete in Straßburg die schöne Biblio­thek. Im Osten wird mit Büchersammlungen für die Ger- manisierung gewirkt. Ein reicher englischer Verein entsendet Wanderbibliotheken nach Südafrika, mn für die Versöhnung und das Rejchsideal unter den Buren Ueberzeugung zu stiften. Als Prinz Heinrich von Preußen durch die Union fuhr, bestand seine größte Ehrung in der Einweihung der EolumbiabiÜliothek. Carnegies' Bibliothekmanie, seitdem er sich aus seinen Schätzen zur Ruhe gesetzt, ist. berühmt, wenn man den Inhaber des Eastroschen Hausordens vielleicht auch nicht mehr ganz ernst nehmen mag. Welche hohe Bedeutung aber bei den Amerikanern den Bibliotheken bei­gemessen wird, geht aus der Weigerung des Expräsidenten Cleveland hervor, die Alhambrw-Bibliothek zu eröffnen, weil er dessen nicht würdig sei.

Romanen, Slaven und die englisch redenden Nationen sahen in den Büchereien einen Ersatz der Bildungsfreiheit aus deutschen Hochschulen, die ihnen fehlt. Ihrem Selb­ständigkeitsdrang sagt der Gedanke, die Wege und Quellen der Bildung selbst zu wählen, außerordentlich zu. Auch für unser reisendes und aufstrebendes Volk sollten die Bibliotheken geistige Sportparks mit freiem Eintritt, aber auch mit Freigabe aller Wege sein. Das Volk ist jo weit, sich selbst zu erziehen. Die reinigende Hand der Zensur in Sachen des fLcheaters hat nur Mißerfolge erzielt. Sollte das bei der Geschichte und den Bibliotheken anders sein? Kontrolle ist gut. Aber zuviel Kontrolle ist vom liebel. Wenn man den toten Vehse die Historie einerSecre- tierung" erzählen könnte, er würde wohl sein satirisches Lächeln als Antwort haben.

Gereinigte Geschichte.

Man schreibt uns aus Berlin:

Tie politische Geschichte bis zum Eintritt der parlamen­tarischen Zeit ist im wesentlichen Geschichte der Kabinette und Höfe. Vor fünfzig Jahren schrieb nun der alte Vehse eine noch heute wertvolle Geschichte der deutschen Fürst en Höfe. Dieser Vehse ist int Widerspruch mit der heutigen erfreulichen Schätzung des Geschichtsstudiums, ein Vierteljahrhundert nach fernem Tode, in Fesseln gelegt worden. Vehse hatte die Welt an mehreren Enden gesehen und galt in jungen Jahren als Kenner des schönsten Spiegels der Welt, der Shakespeareschen Dichtungen. Sein Werk ist also lehrreich, aber es ist auch unbequem. Denn es enthält manches bunte Bildchen von der Art, wie Dreyer in seinemTal des Lebens" eins auf die Bühne

BezngSpretSr monatlich 75Ps^ viertel- jährlich Mk. 2L0; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pi.; durch die Poft Mk.2.viertel- jährl. ausschl. Bestellg. Annahme von Anzeigen ür die TageSnmnmer i>id vormMagS 10 Uhr. ZetlenpretSr lokal 12 Ps^ auswärts 20 Psg.

Berantwortltch für den polit and allgem. Teil: P. Wtttko: für Stadl und 8ortfr und ZNerichtSfaal*: August Götz; für den An­zeigenteil: HanS Beck.

schrieben wird, wie man sich am Kongo von allen Seiten bemühe, den Eingeborenen die Früchte der europäischen Kultur zugänglich zu machen, (o daß sie nur zuzngreifen brauchten, um sofort die glücklichsten Menschen des (Äd- balles zu werden. Wer die Berichte der schwedischen und amerikanischen Missionare, von denen die Bewegung gegen den Kongostaat ihren Ausgang nahm, nur einigermaßen kennt; wer etwas von dem unmenschlichen Vorgehen der Kautschuksammler und dem scheußlichen Geschäftsgebahren der Elfenbeinhändler weiß, wird sich durch die theatralische Vorführung guter Einrichtungen und Fortschritte, die notfy dazu größtenteils auf das Konto der Missionen zu setzen sind, nicht blenden lassen. Für sachkundige Leute hat es übrigens noch einen intimen Reiz, daß die Verteidigung zum Schluß die Mission als Eideshelfer ausruft. Es heißt da wörtlich:Sehr beachtenswert ist der Umstand, daß die katholischen Missionare niemals auf dieses dem Staate beigemessene allgemeine Grausamkeitssystem hingedeutet haben." Wie reimt sich das mit der Tatsache zusammen, daß die jetzt von allen Seiten erhobenen Anklagen dieser Art zuerst in Missionsblättern gestanden haben? Sehr- einfach. Es ist ein von den katholischen Missionaren überall stillschweigend beobachteter Grundsatz, der Kolonialmacht, in deren Bereich sie sich befinden, nichts in den Weg zu legen. Sie wissen, daß sie dabei nicht schlecht fahren. Aber die Blätter des schw^)ischen Missionsbundes, der amerikanischen Presbyterianer, der englischen und amerika­nischen Baptisten und der anderen protestantischen Missio­nare, die bis zu den Stanleyfällen Dor gelungen sind und um des Gewissens willen zu dem, was sie sahen und hörten, nicht schweigen konnten, redeten eine um so deutlichere Sprache. Von ihnen sagt das Bulletin ofsiciel denn auch kein Sterbenswörtchen. Es weiß schon, warum.

I»er Kongostaat

antwortet endlich auf die vielen gegen ihn erhobenen An­lagen in seinen Bulletin ofsieiel. Es ist ein lästiges, mit allen Advo katenkünsten ab gefaßtes Kunststück, das gleich­wohl wenig Eindruck machen wird. Im Vordergründe der Abhandlung steht die in neuester Zeit brennend gewordene Frage der Handelsfreiheit im sogenannten Freistaat und die des Rechtes der Eingeborenen am Grund und Boden ihres Landes. In Bezug aus letzteres wird die kühne Behaup- nng aufgestellt, der Eingeborene besitze nach der bei den Kolonialmächten allgemein gellenden Anschauung keinen Rechtsanspruch auf den Eigärbesitz der Ländergebiete, die er seit v ordentlicher Zell habe liegen lassen, noch auf jene Wälder, aus denen er niemals stutzen gezogen habe. Die Verteidigung gipfelt hier bezeichnenderweise in dem Satze: Wenn es wahr wäre, daß der Kongostaat die Ein geborenen ihres Eigentums entkleidete, indem er das.herrenlose Land .als Staatsdomäne erklärte, so würde der gleiche Borwurf auch die anderen europäischen Kolonialmächte treffen." Man beruft sich hier namentlich aus die ähnlichen Verhäll- uisse in Kamerun und Deutsch-Ostafrika Es liegt aus den ^ersten Blick etjwas Beschämendes für uüs darin, daß der Kongostaat, iu dessen Verwaltung der brutale Kolonial­egoismus sich am schärfsten ausprägt, zwei deutsche Kolo­nien als in gleicher Verdammnis befindlich hinstellen kann. Unsere Kolonialregierung wird den darin liegenden Vorwurf denn auch nicht stillschweigend hinnehmen können. Aber Hatz man denn in Brüssel gar keine Ahnung davon, daß in Deutschland seit Jahren über die Landfrage in Kamerun verhandelt wlld und daß man unsererseits die dortigen Ver­hältnisse zu bessern juch t, weil man längst an gefangen hat, sich der gemachten Fehler zu schämen? Uebrigens handelt es sich bei den bekannten Konzessionen am Kamerungebirge im Verhältnisse zum Kongostaat doch nur um kleine Aus- schrntte' aus dem deutschen Gebiet. Jedenfalls ist man in Deutschland nicht gesonnen, sich mit dem Kongostaat dabei zu beruhigen: "Andere Kolonialmächte treibens auch nichst besser! Besonders interessant ist der Schlußabschnllt der Verteidigungsschrift, der sich mit den Verstößen der kongo­staatlichen Älonißen gegen Zivilisation nrti> Humanität be­schäftigt, über die man stell Jähren in der ganzen zivili­sierten Well entrüstet war. Es ist'schon etwas, daß hier mit dürren Worten zugegeben wlld: ,stLeider sind Gew alt- tätigkeiten gegen Eingeborene am Kongo verübt worden." Aber es ist verfrüht, in dieser Selbsterkenntnis den ersten Schritt zur Besserung zu sehen. Es wlld auch hier sogleich hinzugefügt:Wie überall In Afrika." Ueberdies geht das in der einen Zelle enthaltene Sündenbekenntnis in einer mehrere Spalten langen Selbstverherrlichung unter, in der weitschweifig be-

Dom Treiben auf dem Trieö.

Gießen, 10. Sept. 1903.

Also ehren recht eingehenden Bericht über die Aus­stellung wollen Sie haben, besonders über die Tiere. Wissen Sie denn auch, daß dazu ein gutes Gemenge von Pferde-, Ochsen-, Schweine-, Schafs-, Ziegen-, Hühner-, Gänse-, Enten-, Tauben-, Bienen- usw.Verstand" gehör!. Na, wir wollen's versuchen. Ich hatte mir erlaubt, noch einen Tiermaler und einen Führer, der aber nur in Versen sich auszudcücken be­liebt, auch des Hochdeutschen nicht ganz mächtig ist, mitzu­nehmen.

Die Ausstellung befindet sich aus demDttbb", an der oberen Grünbergerstraße, neben der Germania, vis ä vis dem Schützenhaus, in der Nähe der Liebigshöhe und des Philo­sophenwaldes, da, wo ein Weg den Platz durchschneidet (er macht es auch mit der Ausstellung so). An sonstiger Um­gebung ist noch die gestern von den 118em verlassene und des Einzugs der 116er harrende Kaserne zu nennen, was aber der Ausstellung weiter keinen Abbruch tut. Man kann zu Fuß, per Rad, Automobil, Leiterwagen, Omnibus, Chaise und zu Pferd dorthin gelangen, wenn man die meist auf­gebuddelten Straßen der Stadt hinter sich hat. An der Grünbergerstraße stehen links und rechts auch Häuser und vor denselben Bäume, dazwischen öfter Gatten (abends stehen Soldaten, Mädchen und andere Leute dabei), eine Menge Wirtschaften bilden Spalier. Da, wo die Wirtschaften auf­hören, steigt die Sllaße stetig bis zum Ausstellungsplatze, durch dessen mit zwei Kassenlokalen eingefriedigten und mit mehreren Eintrittstärten-Einsehern (zu deutsch Kontrolleuren) besetzten Eingang man die Ausstellung betritt, notabene wenn man das Eintrittsgeld bezahlt hat anders kommt ähn-, lich wie anno 71 vor Belfort niemand durch. Und mm hineinspaziett in die Ausstellung. Den Flächeninhalt der-' selben, einschließlich der fünf Bierwittschaften, der Festhalle, der Waffelbuden, Konditoreien, Käroussels, Musiktempel, Gabentempel, Heuboden usw. schätzt mein mit dem Zeichen­stift bewaffneter Begleiter auf 55 650000 3/4 qcm (für genaue Größenangabe wird aber ortsgettchtlich nicht garantiert).

In den nächst dem Eingang stehenden Ställen wohnen die O ch s e n und Kühe aus unserem Vogelsberg. Die Tiere sind bei Tag rothaarig, nachts schwarz. Sie zeigen nicht nur ihre schönen Gestalten, foubern sind, in erster Linie die Kühe, bemüht, noch während ihrer Anwesenheit in Gießen möglichst große Mengen

Milch zu spenden oder sich dem Auf­päppeln ihrer Babys zu widmen; eine richtige Kuhmama nimmt auch ihr Kleines mit, wenn sie auf die Reise geht. In der Nachbarschaft der Vogels­berger haben sich die Simmentaler Rinder niedergelassen. Sie sind größer wie die Vogelsberger, bei Tag auch nicht rot, sondern fleckig, scheckig, fahl

und wie die unbestimmten Farben alle heißen, nachts sind sie allerdings auch schwarz. Atem poetisch gestimmter Begleiter besingt die 315 Vogelsberger und 175 Simmenthaler Dick­köpfe wie folgt:

Versammelt uff'm Dttbb sein sie, Hibsch eigethaalt in Klasse: Die Brummelochse un die Kih Der Vogelsberger Rasse.

Doch aach de Simmetaler Zucht Nor Primawaar', gut ausgesucht Der Reih nach aagebunue, Die hat sich eigefunne;

In Milch, un trächtig, un mit Kalb Gelb, rotscheck, fleckig un aach falb Ins Heerdbuch eigetrage Un preiswert ohne Frage.

Die in ca. 60 Exemplaren vertretenen Pferde (sprich Gäul') aller Altersklassen haben Wohnung neben der Festhatle be­zogen. Mit Wagenschlag ist die eine, mit Arbeilsschlag die andere bezeichnet, her- vorgegangen mit wenigen Ausnahmen aus den Gestüten unserer hervorragendsten oberhessischen Pferdezüchter. Man sieht es den Wittern und in ihrer Gesellschaft befindlichen Fohlen an, daß sie stolz auf ihre Nachkommenschaft sind, und die Fohlen schauen mit Befriedigung drein, besonders wenn ein Preisrichter sich ihnen nähert, denn nur preisgekrönt wollen sie heimkehren in ihren heimatlichen Stall, dort entgegen­wachsen ihrem schönen, wenn auch anstrengenden Beruf, denn:

Gäule braucht der Ackersmann, Der Kutscher und das Heer, Der Sonntagsreiter dann und wann Der Omnibusverkehr.

Zwar is nich groß der Gäule Zahl, Doch Temperement un Rasse Wie es sich zeigt in jedem Schtall Ersetzt hier voll die Masse.

Un hochfein fin se aach getauft, Nor scheene Name fin ze sinne, Un zur Verlosung aagekaaft Mer mecht se allzesamm gewinne.

Und nun komme ich zu einer Vieh» gattung, die laut Katalog vorzüglich in Vereinen und Genossenschaften gedeiht, sich gern dick macht, keine Kost verachtet, keine Dörings Seife vergeudet, sich schnell vermehrt und die meiste Zeit mit süßem Nichtstun verbringt. Es ist die in etwa 75 Nummern vertretene Gattung der

Schweine. Ihre Zukunft liegt in der Metzelsuppe. Mein Begleiter widmet ihnen folgende Zeilen:

Zahlreich vettrete, wie noch nie Is aach des liebe Borschtevieh; Ich glaab, es sein auf Ehr' un Treu Die größte un die dickste Säu Die friedlich bei enanner hocke, Die Watze, Ferkel un die Mocke. Se grunze sich vergnieglich zu Un hawe immer Sonntagsruh.

In Stall VIII, Front gegen die Grünberger Straße, stecken dick in der Wolle die Schafe. Die im Vergleich zur 1895er Ausstellung geringere Kopf­zahl (10 Stummem) scheint zu beweisen, daß die Schafzucht bei ims quantitativ im Abnehmen begriffen ist. Womit nicht gesagt sein soll, daß in Zukunft die Nachfrage nach Schafsköpfen mcht be­

friedigt werden kann. In Gießen gehört die Schafzüchterei seit etwa zwei Jahrzehnten der Vergangenheit an, die Wall- pörter, Neustädter, Neuenwegertor usw. Schäfereigesellschaften mit ihren Satzmeistern und Schäfern haben sich aufgelöst. An die vergangenen Zeiten erinnern die Strophen, die mein schafsachverständiger Beirat mir in das Notizbuch schrieb:

Stich sehr groß is der Schafe Zahl, Slber auserlese;

Des is, seitdem es Hämmel gibt, Net immer so gewese.

Des Bergersch Aaseh wie tner schwätzt Würd' früher hier nachSchoos" geschätzt. Wer kaane hatt', fa Dickworz baut, War ibbel draa der hatte naut