Ausgabe 
10.2.1903 Erstes Blatt
 
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imirben, ehe triefe Herren uns die wissenschaftliche Be­gründung für die Notwendigkeit und Nützlichkeit dieser Ein­richtungen geliefert hatten.

Wir wollen uns auch nicht trösten mit den Ein­richtungen, die bei manchen Unternehmungen geschaffen sind. Hier wird den Angestellten nichts geschenkt, aber häufig verlieren sie ihre Einlagen, durch vorzeitige Ent­lassung oder Zusammenbruch der Firmen. Dafür dürfen die Angestellten aber vieles in den Kauf nehmen in Rück­sicht auf die in Aussicht stehende Pension und dürfen diese selbst später als eine Wohltat ansehen.

Parlamentarisches aus Hessen.

Die Vertrauenspersonen der baugewerb­lichen Arbeiter haben eine sorgfältig ausgearbeitete Reihe von Schutzmaßregelnals grundlegend für ein Landespolizeigeseß" dem Landtage mit der Bitte untere breitet, dahin zu wirken, daß diesenzur Reform des Bauarbeiterschutzes durchaus notwendigen Regeln" Gesetzes­kraft verliehen wird. Sie bemerken dazu:

Die Mißstände in den Baubetrieben und bei den Bau­ausführungen such bekannt und es genügt zur Begründung deshalb wohl, wenn wir aus die Steigerung der Zahl der Unfälle bei der Hessen-Ma ssauischcn Baugewerks-Berufs- genossenschaft innerhalb der letzten 10 Jahre (der reichs­versicherungsamtlichen Unfallstatistik) Hinweisen. Auf pro tausend Versicherte kamen 1800: 26,20 Unfälle, dagegen 1899: 35/48. Ein ähnliches Resultat zeigt sich bei den Un­fällen, welche zum erstenmale entschädigt wurden. 1890 kamen pro tausend Versicherte 5,32 dieser Unfälle, dagegen 1899 : 6,79. Innerhalb der angegebenen zehn Jahre hatte diese Baugewerks-Berufsgenossenschaft 20138 Fälle, davon 503 mit tödlichem Ausgang, zu verzeichnen.

Soweit hier der Staat Hessen-Darmstadt in Frage kommt, so gewähren die besonderen Erhebungen des Reichs­versicherungsamts von 1887 und 1897 einen bescheidenen vergleichenden Einblick. Darnach kamen auf pro tausend Versicherte im Baugewerbe des Staates 1887: 24,10 Ver­letzte, dagegen 1897 : 36,37. Die Zahl der Unfälle, welche zum erstenmale entschädigt wurden, zeigt ebenfalls eine bedenkliche Zunahme. 1887 kamen auf pro Tausend 4,32, dagegen 1897 : 5,84.

Nach alledem müssen zum Schutze der Arbeiter bei den Bauausführungen gesetzliche Maßnahmen durchgeführt wer­den, um einer Gefahr für Leben und Gesundheit vorzu-, beugen.

Um eine Gesundung bezw. Reform des Bauarbeiter­schutzes im Staate herbeizuführen, wäre es unbedingt not­wendig, die Befugnisse b er BaupolizeibeHörde zu erw eitern, bamit denjenigen Unternehmern, welche nur auf ihren materiellen Vorteil und nicht auch aus den Schutz ihrer Arbeiter bedacht sind, eine solidere Wahrung der diesbezüglichen Interessen angewöhnt wird. Nach An­sicht der Unterzeichneten ist es nicht genügend, daß die Unter­nehmer bei der Behörde nur die Zeichnungen einzureichen haben, sondern, daß jeder Bauausführende durch Gesetz ver­pflichtet ist, eine Angabe über das zu verwendende Material wie auch über die Herstellung, Lage und Einrichtung von Aufenthaltsorten (Baubuden), sowie über die Aborte der Arbeiter zu machen hat.

Cs ist eine traurige Datfache, daß, bei den Bauten in Betreff der Gerüste, Balkenlagenabdeckungen, Herstellung von Schutz- und Fanggerüsten, sowie auch bas Arbeiten in den offenen Winterbauten und bei offenem Koaksfeuer (ohne

Rauch- und Dunstabzug) viel gesündigt und Unterlassen wird. Es genügt jum Beispiel nicht, wenn im Gesetz rc. gesagt wird, jedes Gerüst muß aus gutem Material und nach allen Regeln der Baukunst hergestellt werden, sondern es muß bestimmt ausgesprochen werden, wie die Gerüste be­schaffen sein sollen. Die größere Zahl der Unfälle, welche in der Hessen-Nassauischen Baugewerks-Berufsgenossenschaft zur Anmeldung kamen, sind auf ungenügenden Gerüstbau und auf den Mangel von Fang- und Schutzgerüsten zurück­zuführen.

Ebenso notwendig, wie die vorgenannten Schutzmaß­nahmen, ist der sanitäre und sittliche Schutz bei den Bauten, der seine Grundlage im § 120 a, b, c, d der Reichsgewerbeordnung findet. Dieser Schutz, der sich in den landcsgesetzlichen Bestimmungen über Unterkunftsrüume, Aborte, in der Regelung der sogen. Fensterftage beziv. Dichtung der Winterbauten und in dem Verbot der offenen Koaksfeuer wiedergeben soll, ist bei der überwiegenden Zahl der Bundesregierungen in Deutschland schon zur Anerken­nung gekommen. Diese Maßnahmen sind dazu angetan, die Ursachen von bestimmten Berufskrankheiten, wie die Erkrankung der Atmungsorgane, Rheumatismus, Magen- und Darmleiden rc., in ihrer Wirkung abzuschwächen.

Die wichtigste Frage bei der Durchführung der hier vorgeschlagenen Schutzmaßnahmen ist die U e b e r w a ch u n g der Bauausführungen. Daß die zurzeit bestehende baupolizeiliche Ueberwachung und berufsgenossenschaftliche Kontrolle hierzu nicht genügt, haben die Erfahrungen be­wiesen. Die Hessen-Nassauische Baugewertsberufsgenossen- schaft verzeichnet zürn Beispiel für das Jahr 1899 nur einen Beauftragten zur Ueberwachung des ganzen Geschäftsgebiets, welches sich über die preußische Provinz Hessen-Nassau und das Großherzogtum Hessen-Darmstadt ausdchnt. Es ist des­halb dringend geboten, die baupolizeiliche Ueberwachung dahingehend umzugestalten, daß bei den amtlichen Bau­ämtern praktisch geschulte Arbeiter mit angestellt werden. Diese Kontrolleure müssen das.Vertrauen der Ar­beiter besitzen und ftnb deshalb von den in Frage kommenden Arbeitern zu wählen.

Von großem Vorteil würde sein, wenn die Gwßh. Staatsregierung ein Anleitungsbuch für Bau­arbeiterschutz herausgeben würde, worin die in den Vordergrund tretenden Schutzbestimmungen der verschie- )enen Gerüste, Baubuden re. mit Zeichnungen unterstützt dargeftellt werden. Die Unternehmer und Bauleiter erhalten >adurch einen zuverlässigen Leitfaden bei der Bauaus- ührung."

Es ist nicht zu bezweifeln, daß Regierung und Landtag diesen verdienstvollen Vorschlägen weitestgehende Berücksich­tigung werden zuteil werden lassen.

Der Ausschuß des Verbandes Hessischer Finanz-Be­amten richtet an die Kammer die Ditte, beschließen zu wollen, daß die Höchstgehalte derRevisionskoutrolleure und Assistenten bei den Hauptsteuerämtern, der Steuerkon- trvlleure, Steueramtskontrolleure und Steuereinnehmer, sowie auch der Bezirksrasse-Asfistenten gleich denjenigen der mit derselben Vorbildung ausgestatteten Beamten in an­deren Dienstzweigen auf 4000 Mark festgesetzt werde.

Der Abg. Dr. Heidenreich sowie der Gemerndevorstand von Böckelsbach beantragen, die Kammer wolle beschließen, die Regierung zu ersuchen, zu veranlassen, daß in der Nähe des Draduktes Böckelsbacher Tal der Bahn Mörlenbach- Wahlen eine Haltestelle für Personenverkehr errichtet werde.

Kunst und Wissenschaft

Historisches zurMonna Ban na". Die histo­rischen Grundlagen der Dichtung Maeterlincks versucht in derSeit" Richard Wendriner festzustellen. Er erinnert daran, daß es im August des Jahres 1499 den Pisa be­lagernden florentinischen Truppen gelang, den Turin von Stampace zu nehmen und Bresche in die Mauer zu legen. Als aber die Soldaten nun stürmen wollten, trieben sie ihr Feldhauptmann Paolo Bitelli und sein Bruder Vitel- lozzo mit Schwerthieben zurück. Dieser Vorfall bestärkte den schon früher erregten Verdacht der florentinischen Re­gierung gegen Paolo. Man machte ihm den Prozeß wegen Hochverrats, und er ward, ohne bekannt zu haben, in Florenz verurteilt und enthauptet. Lange zuvor, im Jahre 1495, lag in der pisanifchen Zitadelle eine französische Besatzung. Ihr Hauptmann Entragues sollte slorentinische Truppen in die Burg einziehen lassen. Doch er übergibt die Burg statt dessen den Pisanern. Für seinen Verrat erhält er eine Summe Geldes. Auch sagte man damals, er habe es aus Liebe zu einem pisanifchen Mädchen, Delanzia dell' Ante, getan. Dies scheint das Material zu fein, das Maeterlinck zuAttmna ,Vanna" als historische Grundlage diente. Entragues und Vitelli verschmilzt er zu Pnnzivalli, der Pisa mit Lebensrnitteln unb Munition versieht aus Liebe zu Giovanna, mit ihr nach Pisa hineinflieht und w seinen Köpf vor dem florentinischen Gerichte in Sicherheit bringt. Maeterlinck kommt es übrigens auf nichts weniger an, denn auf historische Treue; sonst hätte er auch wohl keinen Guido Colonna in Pisa befehligen, keinen Trivulzio slorenttnischen Kommissar sein lassen, denn die Colonna sind Römer, die Trivulzio Lombarden.

Vermischtes.

* Berlin, 9. Febr. Wegen schweren Sittlich­keits-Verbrechens, begangen an einem minderjährigen Mädchen wurde em Landmesser und Versicherungsbeamter, der auch Oberleutnant der Reserve ist, in Gemeinschaft mit drei vorbestraften Kupplerinnen verhaftet.

* Geestemünde, 9. Febr. Der DampferGeeste- münde" der Hettngsftscherei Fttedrich Albett ist bisher von einer Fangreise nach Island nicht zurückgekehrt und wahr­scheinlich mit der aus 12 Mann bestehenden Besatzung untergegangen. Die Zahl der in diesem Jahre ver- schollenen Fischdampfer der Weserflotte ist damit auf vier gestiegen. ________________________

Meteorologische Beobachtungen der Station Gießen.

Februar 1903

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die jede Gedankennüance besiegende Kraft und Treffsicherheit des Ausdrucks, die schöpferische Gewalt. Maeterlincks historische Masken tragen nichts weniger als die groben und großen michelangelesken Konturen der Renaissaneemenschen, wie sie uns mit dem Griffel des Geschichtsschreibers Jakob Burkhardt, mit dem Zeichenstift des Novellisten Konrad Ferd. Meyer so meister­haft geschildert haben. Ein Condottiere, der die besten Jahre seines rauhen Kriegerlebens (er weiß es selber nicht, ob's zwei, ob's drei Kriege waren, die er führte!) in ungestilltem Schmachten nach einer Kinderbekanntschaft hinbrmgt, ist min­destens ebenso unwahrscheinlich, wie seine spätere, von Frau Maeterlinck nicht eben sehr überzeugend erklärte enthalt­same Tugendboldenhaftigkeit nach seinem gräßlich barbarischen Verlangen, das nur um den späteren Zweifel Guidos und die Größe Vannas deutlicher zu machen ersonnen fein kann. Und dann ist sehr glaublich, daß er das Mißtrauen Guidos nicht voraussieht, da er nach Pisa mitgeht, und läßt es sich ver­einigen mit der sonstigen Heldenhaftigkeit dieses seltsamen keuschen Schwärmers wenig verhüllter Frauenschönheit, daß er in Pisa sich gar so schweigsam benimmt? Andererseits Vanna selber. Mdme. Maeterlinck erzählte von ihr:

Ich denke mir Monna Vanna als heißblütige Vene- tianerin, und so spiele ich sie auch. Mein Mann war sehr überrascht, als er sah, wie auf deutschen Bühnen Vanna als eine Art Gretchensigur dargestellt wird. Ueberhaupt schien ihm der Geist der deutschen Aufführungen gänzlich verschieden von der Art, mit der er selbst das Stück in­szeniert hat. In Deutschland wird das Drama gleichsam modern gespielt, wir halten den lyrischen Ton fest.

Also eine heißblütige Donna des Quattrocento, die im ersten Akte vor versammeltem Volke von ihrem landsknecht- mäßigen Gatten gelicbkost wird, der dabei händeringend be­teuert, wie er die keusche Scham seines Weibes stets geschont und gewürdigt habe, ist zugleich ein hochgemutes Weib von fester Treue, eine Fürstin an echtem Seelenadel und Opfer­mut, ein keusches Weib, das unendlich gelitten haben muß, um auf die schmachvolle Bedingung de§ Siegers zur Rettung ihrer Mitbürger einzugehen, und so unglaublich naiv, daß sie, als Prinzivalli, der sie wie ein roher Sklavenhändler kränkte, idyllisch am Rosenbande ihr nach Pisa folgt, nun die legitime 2ösimg des Konfliktes erwartet. Diese und noch manche andere Skrupellosigkeiten pflegt man wohl von der spielerischen Poesie des Märchens hinzunehmen, der Maeterlinck ja von jeher mit wundersamstem Feingefühl zuneigte, nicht aber von einem historisch sich geberdenden Drama. Seine kindlich zarte Romantik geriet naturgemäß auf Irrwege, als sie hier realere Bahnen einschlagen sollte. Darum wirkt diese Dichtung mehr unwahr als naiv. Au§ einem sonntäglichen Wesen kann kein alltägliches werden, aus emer Märchenkönigin keine enttäuschte Frau unserer Tage wie Ibsens Nora oder wie eine sehr hoch­stehende Same, die zurzeit so sehr viel von sich reden macht. Der Dichter ist sich selber untreu geworden. Er, der mit der seltsam stimmungsvollen Phantasiemacht einer Seele blüten­weiß wie ein Lilienkelch bisher eine Reihe Szenen von er­greifender Symbolik geschaffen hat, so zart wie feinste Spinn-

Igeroebe, ist hier nicht auf einen aufwärts, sondern auf einen abwärts führenden Pfad gelangt. Realismus ist nicht seine Sache.

Er wollte Menschen auf die Beine stellen und gab Legendenfiguren, er wollte eine Handlung bauen und geriet in wettläufige Redseligkeit. Die Sprache beherrscht nicht nur das Ganze, sie tyrannisiett es, und man fühlt nur zu sehr, daß sie nicht des Ganzen, sondern dieses ihretwegen da ist; sie ist ja stellenweise auch in der Uebersetzung sehr schön, aber sie hält das Drama auf. UebrigenS ist das Original im phrasenreichen Alexandriner geschrieben, und der lieber- fetzer hat den bilder- und farbenreichen Wortschwall des Originals durch feine Prosaoerdeutschung unserem Geschmack etwas näher gebracht. Deullich spüren wir, just nach der Aufführung von dÄnnunzwsToter Stadt", den großen Einfluß der farbigen Wortpracht des Italieners auf den Manien, aber dieser erscheint doch ärmlich gegen jenen.

So ist denn, um zufammenzufassen,Monna Vanna" ein ausgeklügeltes, künstliches Werk, nicht konzipiert, sondern komponiert, nicht gemußt, sondern gewollt, trotz vieler Einzel- schönhetten (die Charakteristik des vortrefflichen, alles be­greifenden und alles verzeihenden alten Marco, die große Szene zwischen Prinzivalli und dem Kommissar von Florenz, die der berühmten Auseinandersetzung zwischen Egmont und Alba dichterisch nicht nachsteht rc.) opernhast, und zumal in der Liebesszene so süßlich, daß man, zumal bei der Lektüre, das Lächeln sich verbeißt. Einst die Lukretien und Judiths töteten sich ober mordeten; Monna Vanna geht mit ihrem Liebhaber durch. ... Zu einem Drama großen Stils fehlt dem Dichter eine Weltanschauung großen Stils, die wir ja heute allenthalben vermissen. Und darum fehlt uns Heuttgen auch die große Kunst . . .

Die Londoner Zensoren haben das Werk alssittlichkeits­gefährdend" verboten und sich damit recht lächerlich gemacht, denn eine schier unstofflich duftig-zarte Keuschheit ist der Dichtung so sonnenklar eigen wie einem ersten Frühlings­tage. Sonst aber geht es uns wie dem armen Colonna, wir glauben nicht, was ww sehen.

Und doch war eS auch bei uns ein Erfolg. Das Publi­kum war durch das seltsam bizarre Sujet, durch daS lockende Milieu, durch die klangreich schöne Sprache rasch gewonnen. Rach der trostlos umständlichen Exposition war der erste Lichtblick das Auftreten Vannas. Freudenreiche Entsagung, mehr noch, überirdische Erhabenheit, von der alle menschliche Schwäche abgefallen ist in dem alleinzigen ttaumhaft schönen Gefühl der Selbstaufopferung für Tausende, bemühte sich Frau Willich aus Wiesbaden ihrem Antlitz zu leihen. Es war eine klassische Pose, mit der sie sich den Armen ihres Gatten langsam entwand. An sich selber, ihre kommende Schändung, hat sie wohl kaum gedacht, wohl ohne alles Zögern, als etwas Selbstverständliches angesichts der großen Not, faßte diese Vanna, so schienS, ihren Entschluß; e§ war, wie gesagt, eine klassische Pose aber doch eine Pose. Und dann der Kontrast _ an Kontrasten in Charakteren, Situationen, in allem möglichen ist daS Stück ja überreich

tm zweiten Akte, als Prinzivalli sich der angstloS Traum- wandelnden zu erkennen gab, als er in wundersamer Kind­lichkeit die Erinnerungen auS der frühesten Jugend wieder lebendig werden ließ, das war sehr gut und klug erdacht und gemacht. Wie sie aus der Starrheit der Opferidee all­mählich erwacht zum Leben und zur Liebe, wie sich ihr Antlitz allmählich aufhellt, wie sie leicht und frei und kind­lich plaudert mit dem großmütigen Feinde, das alles schil­derte Frau Willich mit sehr stark berechnetem Mienenspiel aber doch berechnet. Sehr kunstvoll verstand sie auch ihre Stimme zu modulieren, hinschmelzend weich und zart, und herb und hoheitsvoll Hangs von ihren Lippen, je nach dec Situation. Aber man merkte die darauf verwandte gar große Mühe, ihr reifes Organ im Zaume zu halten. Es war im ganzen eine große, kunstvolle, des Lorbeers, der ihr bar» gebracht wurde, werte Leistung, der nur eines fehlte, um ihr uneingeschränkte Bewunderung zollen zu können die Unmittelbarkeit.

Herr Löhr ist uns längst bekannt als ein Liebhaber von Temperament, ein Künstler, der das Vermögen besitzt, die Leidenschaften und Empfindungen, die sein Inneres be­herrschen, auch wirklich zum Ausdruck zu bringen. Und so erschöpfte er denn auch gestern als Prinzivalli fast alles an seelischem Spiel, das feine Rolle in so hohem Maße erfor­dert. Das Wort, das der Dichter ihm in den Mund legte, gebrauchte er dabei mit oft hinreißendem Schwung, und Miene und Haltung wechselten unaufhörlich. Durch die Kraft feiner Leidenschaft ersetzte er, was feine nicht gerade kraftvolle äußere Erscheinung vielleicht vermissen ließ. Wo er, der kühne Eroberer, der heiß Liebende, endlich einen ganzen Akt lang zum stummen Stotteren verdammt ist, mußte er, trotz all seiner schönen Kunst des stummen Spiels Kirch in Frankfurt versinkt ganz und gar vor dieser Dar­stellung deS Prinzivalli zum Gegenstand des Mitleids werden.

Auch die Rolle des Guido Colonna verlangt einen großen Redner. Herr Gerlach tat fein Möglichstes. Freilich ließ er, wie gewöhnlich, seinem starken Organ schon allzufrüh freien Lauf, sodaß er keine rechte Steigerung finden konnte. Colonna ist doch wohl ein Mann von würdigem Stolz, dessen Leidenschaft mehr in großen, ritterlichen Zügen sich ausdrückt, als in Helmerscher Advokatenhast. Trotzdem hatte er manche großen Effekte und verdient Anerkennung. Wie der Chor der Antike begleitet die Handlung ein herrlicher Greis. Herrn Ramseyer war er anvertraut, der sich bemühte, ihm die ruhige, klare Weisheit des Originals zu geben.

Das Drama erfordert ein pompöses Bild, das der Rahmen unseres Theaters natürlich nur mangelhaft fassen konnte. Doch wenn bei der Aufführung auch die Mitwirken­den sich nicht alle ihrer Aufgaben völlig gewachsen zeigten, o ist es doch ein ehrendes Zeugnis für das künstlerische Niveau unserer Bühne, wenn sie an der schwierigen Ausgabe nicht scheiterte. Der starke Beifall des überreich besuchten Hanfes lohnte der Künstler große Anstrengungen. -tt-