Ausgabe 
9.11.1903 Erstes Blatt
 
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Schreibgehilfe Wilhelm Walter in Groß-Gerau zum Re­gistrator bei dem Amtsgericht Groß-Gerau. Der Kanzlist in der Heff.-Preuß. Eisenbahngemeinschaft Friedrich Wilhelm Dähler zu Darmstadt wurde wegen geschwächter Gesund­heit mit Wirkung vom 1. November 1903 an in den Ruhe­stand versetzt. S. Maj. der Kaiser von Rußland haben, wie dieDarmst. Ztg." mitteilt, folgende Auszeich­nungen verliehen: Generaldirektor Werner das Komturkreuz des St. Stamslausordens mit Stern, Direktionsrat Winter den St. Annenorden 3. Klasse, Oberregisseur Valdek und Kammersänger Weber den St. Stanislausorden 3. Klaffe. Den Beamten der hiesigen Polizei wurden von Sr. Maj. dem Kaiser von Rußland folgende Ordensauszeichnungen verliehen: der St. Stanislausorden IL Klasse dem Großh. Regierungsrat Dr. Kratz der St. Stanislausorden III. Klaffe dem Großh. Polizeiamtmann Gebhardt, der St. Annen­orden III. Klasse dem Großh. Polizeiaffeffor Kraemer. Die große goldene Medaille des St. Stamslausordens dem Polizei-Revierkommissär Baer und den Polizelwachtmeistern Lindemann und Müller, die große silberne Medaille des St Stanislausordens den Polizeiwachtmeistern Roß mann und Kowalte, die kleine goldene Medaille des Annen- Ordens den Polizeiwachtmeistern Bickelhaupt, Peter und Fischer und Polizeitommffsarlatsaspirant Feldwebel Schnei- derr die flcme silberne Medaille des St. Annenordens den Schutzleuten Geyer, Waldschrnidt, Samtleben, Schilling, Semmler, Moos, Scharmann und Kirchner, die kleine silberne Medaille des St. Stanislaus­ordens den Schutzleuten Breitbarth, Kanold, Lode, Schäfer I., Nelle, Sperling, Löffler, Handke, Block, Rühl, Reuter, Sommer, Brandau, Bickel, Peppler, Beyer, Koch und Windisch. Außerdem er­hielten wertvolle Geschenke: Polizeisekretär Kaiser, die Polizei-Reviertömmissare Bergmann und Tietze, sowie die Schutzleute Helenne und Ludwig.

Vermischtes.

* Zur Psychologie derWunderkinder". Der zehnjährige ungarische Geiger Franz von Vecsey hat durch seine Leistungen Bewunderung erregt, und man darf auf die weitere Entwickelung desWunderkindes" gespannt sein. Altmeister Jochaim hat dem begabten Knaben seine Teilnahme zugewandt, aber er besteht mit Recht darauf, daß der Zehnjährige das Konzertieren bis zur vollen künstleri­schen Reise aufgebe und daß auch seine Erziehung und wissen­schaftliche Ausbildung vorher weiter gefördert werde. Wäre doch Joses Joachims eigene künstlerische Ausbildung beinahe daran gescheitert, daß er bis zu seinem elften Jahre vor seinem Leipziger Aufenthalt niemals regelmäßigen Unterricht erhielt, sondern in Wien über dem unausgesetzten Musizieren alles andere vernachlässigte. Erst Felix Mendelssohn nahm sich des Knaben, den sein guter Stern in das Haus einer Tante nach Leipzig führte, an. Er suchte für ihn paffende Lehrer im Deutschen und Lateinischen, in der Geschichte und Mathematik. Er nahm ihn unter seine persönliche Obhut, gab ihm Anweisung im Komponieren und ließ ihn, während er selbst am Klavier begleitete, die Werke der klassischen Violmliteratur fleißig spielen. Scherzend nannte Mendels­sohn den an Leib und Seele kerngesunden Knaben mit dem offenen Vollmondgesicht seinenPosaunenengel". In Hensels BucheDie Familie Mendelssohn" sindet sich ein Brief, in welchem Fanny Mendelssohn an ihre Schwester aus Anlaß der ersten Aufführung desSommernachtstraums" in Berlin (Oktober 1843) wörtlich schreibt:Vorige Woche kam die Leipziger Musik an, um dem Feste beizuwohnen, Hiller, Gade, F. David und ein allerliebster zwölfjähriger Knabe, Joachim, der ein so geschickter Violinspieler ist, daß ihn David nichts mehr zu lehren weiß, und ein so vernünftiger Junge, daß er allein auf der Eisenbahn herreist, allein imRheinischen Hof" wohnt und einem das ganz natürlich vorkommt." Also auch hier eine gewisse Frühreife. Es sind jetzt gerade sechzig Jahre seit der ersten Aufführung desSommernachtstraums" in Berlin verflossen, und Jochaim führt noch viel erstaunlichere ^inge aus als damals als zwölfjähriger Knabe.

Kunst und Wissenschaft.

* Professor Ernst Immanuel Bekker in Heidel­berg hatte anläßlich bet Feier seines 101. Dozentenjubi- läunis geäußert:Gerade die jungen Juristen seien dazu berufen, in solchen Zeitläuften Diener des Vaterlandes und Führer mindergeschulter Volksklassen zu sein." Dazu halte DieFranks. Ztg." die Frage gefügt:Warum gerade die Juristen'?" Dieses Warum hat Herr Geheimrat Bekker mit folgenden Zeilen beantwortet:Weil ein ordentlicher Jurist Bescheid weiß über alle Verhältnisse, die sich rechtlicher Ordnung fügen, gewohnt ist, vorurteilsfrei die Dinge zu sehen, wie sie sind (soweit dies menschenmöglich) und ge­lernt hat, logisch zu denken. Der Zweifel der verehrt. Re­daktion kommt wohl daher, daß bei uns vieleunor deut­liche Juristen, sogar aus den Bänken des Reichs­gerichts, zu finden sind. Ergebenst I. Bekker." Ein hartes Urteil!

GerMssaal.

Hamburg, 6. Nov. Wegen fahrlässiger Töt­ung ihres Kindes hatte sich eine Mutter vor der hiesigen Strafkammer zu verantworten. Während die Mutter in der einen Stube mit dem Ankleiden des einen Kindes beschäftigt war, war nämlia) ihr anderes, dreijähriges Kind in ein Nebenzimmer gelaufen, aus die Fensterbank geklettert und aus dein offenen Fender in den Ho, hinuntergestürzt, wobei es sich eine tödliche Schädelverletzung zuz-g. Da nachgewiesen wurde, daß die Frau mehrfacy von ihren Nachbarn auf die böse Gewohnheit ihres Kindes, ans offene Fenster zu Lettern, hingewiesen worden war, so wurde sie wegen fahrlässiger Lötung zu einer Gesang n i s st r a f e von einem Monat verurteilt.

Metz, 6. Nov. Ein Liebesroman fand vor der hiesigen Strafkammer seinen Abschluß. Bereits im ver­flossenen Sommer begann sein strafrechtliches Präludium auf der Basis einer Entsührungsgeschichte, die aber als solche nicht aufrecht erhalten werden konnte und nunmehr ihre Ausläufer |in einer Verurteilung wegen Urkunden­fälschung fand. Der talentvolle KUNMialer und Porträtist Heinrich, Beeke war in den besten Metzer Kreisen eingeführt, nachdem eine von chm veranstaltete Künstlerbundausstell­ung sehr hübsche Erfolge erzielt hatte. Hieraus gründete Beeke eine Malschule und erteilte einer Reihe junger Damen Unterricht. Unter seinen Schülerinnen befand sich auch die etwa 17jährige Tochter des Oberstabsarztes Dr. L., ein aujfallen!) hübsches Mädchen mit tiejfchwarzen Augen und Staaten, eleganter, schlanker Erscheinung. Zwischen dem Maler und seiner reizenden Schülerin entspann sich ein Liebesverhältnis, das eine Unterbrechung erfuhr, als die junge Dame chre Malstudien aufgeben mußte uiib in ein Pensionat nach Belgien kam. Die Liebe zerbrach auch diese Schranken, wenn vorerst auch nur auf dem Wege brieflicher Korrespondenz. Die Genügsamkeit der Lieben­den war jedoch nicht von langer Dauer. Eines Tages er­hielt die Vorsteherin des Mädchenpensionats ein Telegramm aus Metz vorgezeigt, worin ein Vorfall in der Familie des Oberstabsarztes mitgeteilt war, der diejofertige Rück­kehr der Tochter notwendig machte. Das Telegramm war unterzeichnet mitDein .Vater". Die Pensionsvorsteherin zögerte keinen Augenblick, ihren telegraphisch reklamierten Zögling ziehen zu lassen, und so traf das Fräulein bald wieder in Dietz ein, von dem Maler empfangen und heim- geleitet Denn in der Familie war gar nichts vorgefallen, noch viel weniger hattechr Vater" die schleunige Rück­kehr der Tochter verlangt. Als Absender des Tele­gramms entpupte sich nämlich der flotte Künstler. Das schöne Fräulein hielt sich die außerordentlichen Ferien­tage über in der Wohnung des Malers aus, bis die wirk­lichen Ferientage im Pensionat hereinbrachen, und die Ent­führungsepisode durch das Ausbleiben der Schülerin im elterlichen Hause ruchbar wurde. Es erfolgte Anzeige beim Gericht, der Künstler wurde in Unter sucyun gshas t ab ge­führt. Die Strafkammer verurteilte ihn aus Grund des tz 267 des Strafgesetzbuches zii. sechs Wochen Gefängnis.

Zweites Zierzetchnis

der neu immatrikulierten Studierenden an der Universität Gießen, a. Theologische Fakultät.

F. Voat, Lich Ludwigstraße 8.

Ehr. Zimmermann, Darmstadt, Grünbergerstr. 5.

b, Juristische Fakultät.

H. Fabricius, Wöllstein, Ludwigstr. 36.

Ed. Lucius, Mainz, Bismarckstr. 30.

A. Nuß, Gernsheim, Ludwigstr. 6.

H. Raab, Darmstadt, Slephanstraße 32.

c. Medizinische Fakultät.

E. Briichmann, Tierhlk., Gartz, Ludwigspl. 14.

A. Frank, Med., Andernach, Stephanstr. 42.

B. Frank, Tierhlk^ Bad Krssingen, Klmikstr. 24.

F. Hartmann, Tierhlk., Eorbach, Wolsstr. 15.

H. Hilderscheid, Tierhlk., Wittlich, Hillebrandstr. 7.

P. Kuhlijch, Tierhlk., Sorau, Mittelweg 6.

W. vaii Laak, Ried., Rheinberg, Frankiurterstr. 93.

L. Leun, Aled., Großen-Linden, Wilhelmstr. 3.

W. Liidwig, Ried., Fritzlar, Frankfurterstr. 40.

9)L Maerz, Ried., Schweich, Hoimannstr. 14,

A. Mäurer, Med., Elberield, Löberstr. 3.

R. Philipp, Tierhlk., Wegberg, Ludwigstr. 6.

W. Pier, Ried., Nateln, Ludwigstr. 33.

E. Schweinhuber, Tierhlk., Ansbach, Klinikstr. 21.

B. Seidemann, Tierhlk., Seegeritz, Bismarckstr. 16.

A. Terwelp, Med., Wissel, Wetzlarerweg 41.

W. Tinneield, Ried., Rheinberg, Frankiurterstr. 86.

W. Trautmann, Tierhlk., Wimpien, Frankiurterstr. 61.

Th. Weigand, Tierhlk., Zweibrücken, Frankiurterstr. 81.

d. Philosophische Fakultät.

K. Batteiiseld, Forstw., Darmstadt, Ludwigstr. 24.

V. Becker, Rlath., Gimbsheim, Diezstr. 8.

I. Blüwstein, Philof., Wjatka, in Franksurt a. M.

A. Boetzkes, Pharm., Viersen, Gr. Steinweg 3.

L. Bradshaio, Ehern., Southport, Grünbergerstr. 35.

R. Telleskamp, Nalurw., Franksurt a. Rl.. Grünbergerstr. 7.

A. Ehrhard, Rlath., Darmstadt, Schiffenbergerweg 56.

H. Engel, Naturw., Wimpien a. B., Ludwigstr. 46.

W. Fink, Rlath. u. Naturw., Büdingen, Bismarckstr. 40.

G. Frank, Rlath. u. Naturw., Heppenheini a. B., Stephanstr. 37.

W. Fuchs, Pädag., Worms, Diezstr. 13.

G. Grimm, Rlath., Zellhausen, Ludwigstr. 18.

W. Hafter, N. Philol., Ober-Flörsheun, Grünbergerstr. 8.

S. Horwitz, Philof., Osnnecim, Goethestr. 13.

A. Lehmann, Chein., Koblenz, Wohnung noch nicht angegeben.

E. Spichrmami, Pharni., Rlühlhaujen i. E., Bismarckstr. 14.

A. Stadel, Ehem., Rlanliheini, Bahnhosstr. 56.

P. Stadler, Pharm., Wissen, Bismarckstr. 6.

G. Warnecke, Ehem., Wiesbaden, Bismarckstr. 40.

F. Wemrup, Pharm., Ascheberg, Bismarckstr. 20.

B. Zabel, Nalurw., Prenzlau, Goethestr. 48 a.

WchkllUüe llcbrrW irr TodrsM m La Ztadt Hießen.

42. Woche. Vom 11. bis 17. Oktober 1903.

^Einwohnerzahl: angenommen zu 26 900 (infL 1600 Mann Milckät Sterblichkeitsziffer: 15,46, nach Abz^g von 3 Ortsiremden: 9,66 %o.

Kinder

Annr.: Die in Klammern gefetzten Ziffern geben an, wie viel der Todesfälle in der betreffenden Krankheit aut von auswärts nach Gießen gebrachte Kranke kommen.

Es starben an: Zusammen: Erwachsene:

im vom

Lungenschwindsucht

2(1)

1. Lebensjahr: L.15. Jahr 2(1) - -

Krebs

2(1)

2(1)

'

Scharlach

1

1

Lungenentjündung

2(1)

- 2(1)

Aus unbekannter Ursache

1

1

Summa:

8(3)

5(2)

1 2(1)

GOLD

Kupferberg Gold zeichnet sich durch erst­klassige Qualität, vorzüg­lichen Selckmack, durch seine leichte Art und grosse Be­kömmlichkeit aus, und gilt deshalb unter Kennern ohne weiteres als der beste deutsche Sekt

Zeck, also wohl dem ersten Jahrhundert christlicher Zeit­rechnung an.

Me kann das Kola zu einer gerechten Be­urteilung ärztlicher Leistungen erzogen werden?

Von einem praktischen Arzte., (Nachdruck verboten.)

II.

Aus der Tatsache, daß die Zahl von spezifisch wirkenven Heilmitteln ganz gering ist, läßt sich der Schluß ziehen, daß die medirameniäse Therapie trotz ihrer eminenten Fort­schritte noch weck entfernt ist, etwas Vollkommenes zu fein. Weit vorausgeeilt sind chr die Diagnose und die Prognose, die Möglichkeit der Feststellung der Krankheit und die Vor­hersage des wahrscheinlichen Ausgangs.

Tte Erfahrung, welche der Aozt hauptsächlich infolge eigener Anschauung sammelt, in seinen UrnversitLtsjahren an der Hand der Vorträge seines klinisa-en Lehrers, bei gelegentlichen Sektionen von an bestimmten Krankheiten vorher ärztlich behandelten und verswrbenen Menschen und den zur Erforschung der Wirkung bestimmter chirurgischer Eingriffe oder zum Studium der Folgeerscheinungen, welche gewisse Arzneisioffe oder Manipulationen, äußerlich oder innerlich angewandt, auf den tierischen Organismus aus­üben, lehrt ihn, den menschlichen Körper, die physiologische und pathologische, also die unter normalen Verhältnissen sowohl, als auch die infolge krankhafter Veränderungen sich abspielende Tätigkeit seiner Organe kennen. Die Er­fahrung lehrt ihn, unter Zuhilfenahme seiner gesckMlten Sinne, namentlich der Augen, Ohren, des Geruchs- und Tastsiiines abnorme Verhältnisse von gesunden aus Grund seiner Ausbildung zu unterscheiden, ature und chronische, heilbare uni) unheilbare, sowie solche Krankheiten, deren Ausgang ungewiß ist, zu sichten und den entsprechenden Patienten oder seine Angehörigen $u belehren. Unterstützt werden unsere Sinne dura) vielerlei Hsissmittel, von deiien ich nur Fubertherptometer, die verschckoenen Spiegel, das Mikroskop, Die nuinajierlei Sonoen, 0-i.e Röntgenstrahlen und allerhand chencksche Reaktionen anführen will.

Me auf diesen Gebieten die Wissenschaft ständig fort» schreitet, so auch in der Therapie, in der hilfreichen Unter­stützung der Natur zur lleberwindung krankhafter Prozesse. Mit welchem Feuereifer sich die chemische Industrie auf die pharmazeutischen Präparate geworfen hat, beweisen die Unmassen neuer Arzneimittel, mit welchen in Literatur und Proben beinahe täglich niid stündlich^ der Praktiker born- 6 ar Mert wird. Es hat Vies seine ersreulichien und unerfreu­lichen Seiten. Vielfach werderl Hoffnungen erweckt, die sich als trügerisch erweisen, viele Arzneimittel führen nur das Dasein einer Eintagsfliege, manche freilich entsprechen den Erwartungen und bereichern in erfteulicher Weise den Arzneischatz. Gern opfert der Arzt seine kostbare Zeit, um sich durch das Chaos der mit jeder Post an sch wirr en den Truckfachen und der bereits vorhandenen Litteratur über solche durchzuarbeiten, in der Hoffnung, etwas Brauchbares darunter zu finden. Freckich beweifen Die zahlreichen Neu­heiten auf pharmazeutisch-pharmakologischem Gebiete auch, daß man besserer Arzneimittel immer noch bedarf. Gibt es nun für jede Krankheitserscheinung eine Fülle von gleich oder ähnlich wirkenden Arzneimitteln, welche der Arzt an- wenden kann, so folgt daraus, daß je nach Zufall oder Vorliebe der eine dies, der andere jenes bei seinen Kranken anwenden wird. Werden verschiedene Arzneimittel zu einer Mixtur, einer Abkochung, einem Pulver oder dergleichen vereinigt, so ivird die Alannigfaltigkeit eine nochi größere.

So kommt etz, daß einem Faktor in der Bewertung der Aerzte jede Bedeutung abgesprochen werden muß, wel­chem das Publikum eine große Wichtigkeit beizumessen pflegt: der Inhalt des Rezepts, das Ausjehen und der Geschniack der Arznei re. Selten sind ja heute Gottseidank die Fälle, wo ein Arzt die Behandlung eines vorher von einem Kollegen beratenen Patienten ohne weiteres über- nimmt, wo mit Kennermiene die Arznei des ersten gegen das Licht «gehalten und dann weggegossen wird, wo die­selbe seilens des zweiten abfällig beurteilt wird, die Arznei deren Aussehen durch Au ärmeres Geschmackscorrigens, einen anders gefärbten Syrup, einen Zusatz, dem für Me Wirkung jegliche Bedeutung fehlt, so verändert wird, daß lein Mensch durch den Aiiblick zu erkennen vermag, was sie entljalt, wenn es nicht auf dem Glase vermerkt steht.

Und eine Bestimmung bezgl. Anbringung derartiger Ver­merke durch die Apotheken haben wir noch nicht lange, und sie wird keineswegs allgemein durchgeführt.

Selten sind auch die Fälle, wo die ärzlliche Wissen-^ schäft zunächst außer Stande ist, eine bestimmte Diagnose zu stellen. Bei allen diesen Gelegenheiten aber ist der Wechsel des Arztes meist ohne jeden Einfluß auf den Ver­lauf der Krankheit. Denn wie im allgemeinen der Arzt den menschlichen Körper kennt, so kennt im Speziellen der Hausarzt einer Familie, der Arzt, welcher einen Patienten mehrmals behandelt oder nur mehrmals untersucht hat, die körperlick)en oder sonstigen Verhältnisse der Familien­glieder und des Kranken, was bei einem Wechsel nicht der Fall ist. Wechselt man während der Krankheit, so ist sogar eine Schädigung des Patienten denkbar. Dafür will ich ein Beispiel anjühren: Die Erkenntnis, daß der anständig venrenve Arzt sich im allgemeinen nicht dazu hergeben wird, einen Patienten in Behandlung zu nehmen, welcher bis vor kurzem von einem anderen Kollegen behandelt wurde, hat erfteulicherweise im Publikum an Boden gewonnen, hat aber unerfreulicherweise dazu geführt, daß der Arzt durch Entfernen der RieMzinflaschen und sonstiger Zeugnisje dafür, daß der Kranke bereits in Behandlung gestanden, ge­täuscht wird. Nehmen wir au, daß der erste Arzt bei einem Herzleiden eine mirffame Dosis Digitalis (vom Blatt des roten Fingerhut) verschrieben, deren Wirkung erfahrungs­gemäß erst nach einigen Tagen eintritt, so wird, wenn in­folge der ausbleibenden baldigen Besserung ein zweiter Arzt den Kranken besucht, von ihm vermutlich ebenfalls Digitalis verordnet werden, da diese das sicherste Herz­mittel ist. Die Folge wird eine Digitalisvergistung sein, die ein unter ähnlichen Umständen vielleicht fonjultiertcr dritter Arzt zu diagnostizieren Schlwierigkeiten haben wird.

So kann durch solche Verkettung Don auf dem Lande*) tatsächlich voröommenderi Umstanden ein Patient dem fidjeren Tode überantwortet werden, der, wenn er resp. die Angehörigen, noch einen Tag Geduld und Vertrauen gehabt hätten, genesen märe.

*) In der Stadt hoffentlich nicht.