Ausgabe 
8.8.1903 Zweites Blatt
 
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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

BezugSpretSr monalucb7bPl., vtenel- täbrlid) Mk. 2L0; durch Aohole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch die Post Pik. 2.- viertel­nd. ausschl. BesteUg. Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis vormulaga 10 Uhr.

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uuSwLlrrS 20 Pfg. U8ecanitPvrtUdL Mr den poltL und aUgem. Teil P. Wtttto- tüt .Stadt und Vanb* und ,®erubt8|aale: August Götz i für den An­zeigenteil' pan« Beck.

Nr. 184

Erscheint täglich auster Sonntags.

Dem Gießener Anzeiger werden tm Wechsel mit dem Hessischen Landwirt die Gießener Familien, blätter viermal in der Woche deigelegl.

VtotottonSbrud u. Ver­lag der Brü h l'scheu Unwers.-Buch- ruStein- bruderei (Pietsch Erden) Redaktion. Expedition und Druckerei:

Gchnlstratze 7.

Adresse für Depeschen;

Anzeiger Gießen.

Fernlprkchanschluß Nr. 51.

Zweites Blatt. 153. Jahrgang Samstag 8. August 1803

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger

Ale Heutige Wummer umfaßt 14 Seite».

Volltische Tagesschau.

Deutsch.englischer Zollkrieg?

Der berliner Korrespondent desStandard" hört aus einerdurchaus sicheren Quelle", daß gegenwärtig keine Verhandlungen zwischen Großbritannien und Deutschland über einen neuen Handelsvertrag im Gange seien. Alles, was bisher zwischen den beiden genannten Regierungen verhandelt worden sei, sei in den Blaubüchern veröffentlicht worden. Nach der Veröffentlichung derselben habe Deutsch­land allerdings eine Note an die britische Negierung ge­sandt, die sehr freundlich gehalten sei, sie enthalte aber nichtsdestoweniger durchaus nichts neues. Englands Auf­forderung an Deutschland, Vorschläge zu neuen Handels­verträgen zu machen, weil Großbritannien in Hin­sicht auf den deutschen Taris nicht mit neuen Vorschlägen hervortreten könne, sei von der deutschen Regierung dahin beantwortet worden, daß auch diese Macht nichts Vorschlägen könne, weil die zukünftige Wirtschaftspolitik Englands durch die Chamberlainschen zu unbestimmt sei, man müsse zunächst abwarten, wie die britische Nation sich zu den neuen Plänen des Kolonial- sekretärs stellen werde, dann erst könne man sich über das Weitere entscheiden. Der Korrespondent findet diese Ant­wort etwas überraschend,, da Deutschland durch den neuen Taris sich so zu schützen suche, daß es unmöglich von einer anderen Macht erwarten könne, daß sie mit weiteren Vor­schlägen hervortrete. Daraus folge, daß, wenn auch Deutsch­land und Großbritannien sich noch nicht im Zustande eines Zollkrieges befänden, England sich doch unbedingt für einen solchen Fall voroereiten müsse. Man könne sich also nicht wundern, wenn die britischen Staatsmänner sich jetzt daran machten, die Folgen des Zollkrieges zwischen Rußland und Deutschland zu studieren. Der Umstand, daß Mr. Cham­berlain vorgeschlagen habe, die Lebensmittel, die nach Groß­britannien eingeführt werden, mit Zöllen zu belegen, zeige doch deutlich, daß niemand in England daran denke, die Spitze speziell gegen Deutschland zu richten, denn die Lebens­mittel kämen doch, nur zum allergeringsten Teil aus Deutschland. Außerdem seien die besten Sachverständigen in Deutschland der Ansicht, daß Chamberlains Plan, die Kolonien enger an das Mutterland zu fesseln, das höchste Lob verdiene, und Deutschland habe ja schon längst selbst die gleiche Politik seinen Kolonien gegenüber verfolgt. Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, sei es daher auch nur natürlich, wenn die deutschen Staatsmänner mit einer ge­wissen Begierde den Ausgang der Verhandlungen über die Chamberlainschen Pläne erwarten.

Erhöhung der Ausgaben im ReichshauZhaltsetat.

Eine Erhöhung der Ausgaben an verschiedenen Stellen des Reichshaushaltsetats von 1904 wird nach denVerl. Pol. Nachr." nicht zu vermeiden sein. In erster Linie kommen dabei die Posten in Betracht, die ihrer Natur nach von Jahr zu Jahr eine Steigerung erfahren. Dazu gehört einmal der Reichszuschutz für die Jnvaliditäts- und Alters­versicherung. Allmählich ist diese Etatsposition, die an­fänglich klein war, auf nahezu 41 Millionen Mark ge­stiegen. Sie hat im Durchschnitt Jahressteigerungen zwischen 3 und 4 Millionen Mark erfahren. Von 1901 auf 1902 betrug die Erhöhung ausnahmsweise über 4 Millionen Mark, von 1902 auf 1903 nahezu 2,7 Millionen. Man wird jedenfalls nicht sehlgehen, wenn man annimmt, daß sie sich auch im nächsten Etat in der Höhe von etwa 3 Mill. Mark bewegen wird. Ein weiteres stetig steigender Poften ist die Ausgabe für die Reichsschuld. Von 1901 auf 1902 betrug die Erhöhung 5,4 Millionen Mark, von 1902 aus 1903 etwas über 6 Mill. Mart. Die Reichsschuld dürfte, nachdem sie inzwischen in die Höhe von 3 Milliarden Mark gelangt ist, weiter steigen. Selbstverständlich wird sich damit die Zinsenlast erhöhen, und sonach ist zu erwarten, daß auch im nächstjährigen Reichshaushalt^etat eine Ausgaben­steigerung für die Reichsschuld sich vorfinden wird. Auch der Allgemeine Pensionssonds hat in den letzten Jahren ständig 'e'ine Erhöhung der Ausgaben aufzuweisen gehabt, und zwar ebenso, wie der Zuschuß der Jnvaliditäts- und Altersversicherung, um Beträge zwischen 3 und 4 Mill. Mark. Es ist, wenn auch vielleicht von der künftigen Steiger­ung nicht die gleiche Höhe innegehalten wird, schwerlich anzunehmen, dag die Erhöhung für 1904 in Fortfall kommen könnte. Ein anderer Posten, der in den letzten Jahren unter den Ausgaben Erweiterungen aufwies, war der für oen Reichsinvalidenfonds. Von 1901 auf 1902 betrug die Er­höhung nahezu 16 Millionen Mark, jedoch war sie auf die im Jahre 1901 beschlossene Besserung der Bezüge der Kriegs invaliden und ihrer Hinterbliebenen zurückzusühren. Die Nachwirkungen davon verursachen für 1903 noch eine Ausgabensteigerung von nahezu l1/» Millionen Mark. Selbst ivenn sich diese Erscheinung auch auf 1904 in irgend einem Maße erstrecken sollte, so würde sie nicht erschwerend für oie Gestaltung des Reichsbudgets ins Gewicht fallen, da man sich ja daran gewöhnt hat, die Ausgaben des Reich^- Jnvalidenjonds, soweit sie nicht durch die Zinsen des letzteren gedeckt werden, aus dem Kapitalbestande zu entnehmen. ..kann man demgemäß auch davon absehen, so bleibt doch, .oie dargelegt, eine Anzahl von naturgernäß zu erwartenden Ausgabensteigerungen übrig.

Zum Uebertritt der Nationalfozialen.

Herr v. G^riach hält es für angezeigr, ucmBerl. Tage­blatt" die Versicherung zu geben. Vag Die Aationalsozialen Keilte Antisemiten seien. Es sei ein Irrtum, zu be­haupten, daß die nationalsoziale Partei aus der christlich-

sozialen Stpckers hervorgegangen fei; von dieser Partei konservativen Grundzuges seien nur sehr wenige Mitglieder der freiheitlichen Richtung Naumanns beigetreten, darunter allerdings er, v. Gerlach, selbst, der sich als junger Mann zu einem sehr radikalen Antisemitismus bekannte, diesen aber unter dem Einfluß Naumanns als politischen Irrtum erkennen gelernt habe, weil Antisemitismus und Reaktion von einander untrennbar seien. §erc v. Gerlach gibt den § 7 der nationalsozialenGrundlinien", der in Anknüpfung an die Vergangenheit des Christentums, das freilich nicht zur Parteisache gemacht werden dürfe, in den Mittelpunkt des geistigen und sittlichen Volkslebens stellt, preis, wie schon bei der Beschlußfassung über dieGrundlinien" er­klärt worden sei, daß § 7 keinen Gewissenszwang für die einzelnen Mitglieder bedeuten solle. § derGrundlinien" mit der Forderung der Erhaltung der staatsbürgerlichen Rechte alter Staatsbürger habe eine entschiedene Absage an den Antisemitismus festgelegt. Seither feien auch eine Anzahl von Israeliten mit Begeisterung und Hingebung für die nationalsozialen Ideale eingetreten. In dentnatio­nalsozialen Katechismus" Naumanns heißt es nun aller­dings:Besteht eine Judenfrage? Ja. Worin besteht sie? Tarin, daß die Israeliten ein anderer Stamm sind als die Deutschen." Von demGegensatz zwischen Deutschen und Israeliten" wird gesagt:Er ist begreiflich und wird als gesellschaftlicher Gegensatz nur insoweit überwunden werden, als die Israeliten deutsche unD christliche Denkweise an­nehmen."

Abschaffung der freien Arznei bei den Krankenkassen.

Zu diesem Kapitel schreibt derTägl. Rundschau" ein Arzt: Die Abschaffung freier Arzneilieferung an Kassen- kranke, selbst wenn die Regierung was ausgeschlossen scheint, darein willigte, ist im Interesse der Kassenärzte und ihrer Heilerfolge nicht zu wünschen. Andererseits aber werden durch den Zwang der Arzneilieferung manche Krankenkassen fast in ihrer Existenz bedroht. Wer einen Einblick in diese Verhältnisse hat, der weiß, was für un­geheure Ausgaben den Kassen durch völlig unnütze Arzneien, wie Pflästerchen, Einreibungen, Lebenselixiere usw. ent­stehen. Und jede Verordnung erfordert eine vorherige Kon­sultation des Arztes, macht also bei bestehender Einzel- liquidation doppelte Kosten. Der Arzt befindet sich diesen Forderungen gegenüber in schwieriger Lage. Er kennt die Nutzlosigkeit ihrer Erfüllung, muß jedoch Den Kassenange­hörigen zu Willen sein. Denn wenn öfter Klagen der Mit­glieder über ihn einlaufen, dann kündigt man ihm ohne Rücksicht. Es gilt daher, einen Modus zu finden, nach dem die Lieferung aller unnötigen Arzneien nach Möglich­keit zu verhindern ist, der jedoch die Gewähr leistet, daß durchaus notige Medikamente ohne jede Schwierigkeit dem Kranken zugänglich find. Dieser Modus ist fast erreicht durch die einstweilige Bezahlung der Arznei bei der Auslieferung in der Apotheke durch den Kranken, resp. dessen Angehörige und die spätere Rückerstattung seitens der Kranienkasse. Schon vor einigen Jahren wurde diese Form der Arznei­lieferung bei einer sehr bedrängten Gienbahn-Betrtebs- krankentasse (ich glaube es war die des Direktionsbezirks Halle) mit ausgezeichnetem Erfolge eingesührt. Denselben Erfolg kann ich heute bei einer ganz anderen, bei landwirt­schaftlicher Bevölrerung feststellen. Auf zwei großen Gütern, die meiner Obhut unterstellt sind, wuchsen die Ausgaben für Medikamente fast ins Unerschwingliche. Seitdem die Leute das Geld für Arzneien und sei es nur auf wenige Tage selbst hergeben müssen, wird ihnen klar, wie viel an baren Mitteln für sie geleistet wird. Tas Fordern ins Blaue hinein hat aufgehört. Zweitens aber und das ist der wichtigste Punkt haben die meisten kleinen Leute eine gewisse Scheu, rollendes Geld (leider mit Ausnahme des zu Vergnügungszwecken dienenden!) aus der Hand zu lassen, auch nur für Stunden. Jedenfalls der täfolg ist da. In beiden angeführten Fällen wird an Arzneikosten gespart. Es lohnte sich wohl, Versuche mit dieser Methode der Arzneilieserung weiter auszudehnen. Sollte ein Kassen­angehöriger völlig mittel- oder kreditlos sein, daß er nicht imstande wäre, das Geld zur augenblicklichen Bezahlung aufzubringen, so müßte Vorsorge getroffen werden, dag in diesem Äusnahmefalle die Kasse sofort für Bezahlung eintritt.

Are Heidelberger Aniversirälsfeier.

Heidelberg, 7. August.

Ter zweite Hauptfestakt wurde in der Stadthalle abgehalten. Feierlich zogen die Fakultäten um 11 Uhr vormittags ein. Der Großherzog und die Großherzogin, sowie die anderen Fürstlichkeiten erschienen bald darauf. Dann trug das städtische Orchester Wolf rums Huldigungs- gesang mit Chor unv Baritonsolo unter des Komponisten Leitung vor.

Die Festrede hielt der Geschichtsprofessor E. M a r ck s. Sie behandelteTie Universität Heidelberg im 19. Jahr­hundert". Kurfürst Ruprecht hatte in einer Urkunde die Ge­samtheit der römischen Kirche dem besonderen Vaterlande ausdrücklich vorängeftellt. Seitdem hatte feine Schöpfung die großen Wandlungen des allgemeinen Lebens in Geist und etaat miterfahren. Unter den Herrschern der Neuen- burgischen und Der Sulzbacher Linie fristete sie, fremd­artiger geistlicher Leitung ausgeliesert, dem Gesamtwesen Deutschlands entrückt, ein duntles und unfruchtbares Da­sein, und als sie nach dem Sturm der Revolutionskriege 1803 mit den rechtsrheinischen Trümmern ves Pfälzer Staates in die Obhut oes Markgrafen von Baden über­ging, war sie ohne Ansehen und eigenes Daseinsrecht. Das Fahr lbu3, da Aart Friedrich als Reorganisator tarn, be­deutet einen tiefen Einschnitt, der die alte und neue/ Uni­versität von einander scheidet, die kirchliche Weltanstalt,

die herabgesunken war zur engen pfälzischen Landesschule, und die badische Hochschule, die alsbald zur deutschen Uni­versität emporwuchs. Die beste Sprache des 18. Jahr­hunderts klingt aus Karl Friedriche berühmtem Statut. Vieles ward noch unter dem neuen Begründer selbst wesent­lich verändert. Auch der eigentümlichste Zug des Ediktes, der Zusammenschluß katholischer, lutherischer und refor­mierter Professoren an ein und dieselbe theologische Fakul­tät, erlosch, als 1807 die katholische Theologie in das neu erworbene Freiburg übertragen ward. Ader der Grund­zug blieb, das Privileg verschwand, die Universität wurde staatliche Anstalt. Der Staat gab chr die Mittel zum Dasein und nahm dafür die oberste Leitung in die Hände. Er ließ ihrer Selbstverwaltung und Selbständigkeit schließlich allen notwendigen Räum, aber er fügte sie seinen Organen ein. Die Grenzbeftimmung zwischen Freiheit und Regiment ist nach dem Tasten der ersten Tage bald gefunden und durch alle Schwankungen des Jahrhunderts hindurch immer wieder auf das Glücklichste hergestellt worden. Dieser Staat verkündete den Grundsatz der religiösen Duldsam­keit. Er hob seine Universität über die schmerzensreiche Einseitigkeit der Jahrhunderte empor. Aus allen Gebieten griff er wohltätig ein und beschnitt mit fester Hand die argen Auswüchse studentischer Roheit. Er gab den Medi­zinern und Naturforschern ihre ersten Institute, den Theo­logen und Philologen ihre ersten Seminare, ihre Bibliothek, ihre sicheren Grundlagen. Von allen Seiten wurden schaffensträftige Lehrer berufen: de Wetter und MarheineLe, Paulus und Voß, Erenzer und Böckh, §eife und Thibaut, Klüber und Zachariä, Nägele und Ackermann Namen und Gegensätze aus allen Fakultäten. Die Studenten wanderten aus ganz Deutschland zu. Bald waren es mehr als 400, meistens Juristen. Aber man lebte nooh im Rheinbund und strebte kaum hinaus. Indessen die Empfindung von Ver­gangenheit und Eigenart, von Volk und Volkstum stellte sich bald ein. Ihr erster Gegenschlag gegen Aufklärung und Fremdherrschaft geschah durch die Poeten. In Heidelberg zogen sie ein seit 1804 wie Brentano und Arnim, wie Görres und Creuzer. Ans Heidelberg gingDes Knaoen Wunder­horn" in die deutsche Welt uno palf ihr das Bewußtsein chrer Volksart wiederfinden. Die beiden Grimm waren diesem Kreise befreundet, aber auch August Böckh hat sich im zugeneigt. Die Neublidung der Studentenschaft, die 1803 begonnen war, vollendete erst die deutsche Burschen­schaft. Sie war übrigens hier nicht politisch, erst allmählich orangen die politisa)en, die radikalen Gedanken in der Burschenschaft vor. Von 1816 ab nahm, wenngleich nur auf kurze Jahre, der große Ordner Hegel diese Jugend in seine schöpferische Zucht; die Burschenschaft wurdephilo- sophisch". Dann abe-o orang in Heidelberg neben und über den Antrieben der Romantik die andere, neu verstärkte Geistesrichtung des Jahrhunderts vorwärts und nahm die Führung, der Liberalismus. Dem deutschen Süden schrieben es die politischen löie die Bildungsverhältnisse zu, daß in seinen Mittelftaaten der liberale Gedanke bald hervor­trat. Man darf wohl für Heidelberg bezeichnend nennen, daß von hier 1814 Thibauts berühmter Aufruf für das allgemeine bürgerliche Gesetzbuch, für die Rechtseinigung der Deutschen erfolgte. Politisch unausführbar, wie er da­mals und lange war, wissenschaftlich von den Schwächen naturrechtlicher Vergangenheit keineswegs frei, gab er das Signal eines künftigen Strebens, das von dieser Stelle ausgehen sollte: Einheit der Nation. Zuerst war es sozu­sagen ein negativer ober reaktionärer Liberalismus, der sich in Heidelberg den Romantikern entgegenwarf. Ein maßvoller, nicht zu sehr rückwärts als vorwärts gewandter Liberalismus, Dem sich bereits ein gewisses historisches Ele­ment beigesellte, indem die Gegensätze bereits leise sich mischten, gewann seit den zwanziger Jahren allmählich die Ueberhand. Wir gedenken des Strafrechtslehrers Mitter- maier, des Natioualinrnomen Carl Heinrich Ran. Vor allem aber glaubt sie sich als Träger der Heidelberger Eigenart und ihres weiten Einflusses auf die Nation, die Historiker, deren Wesen und Bedeutung der Festredner eingehend schil­derte, zunächst Friedrich Christoph Schlosser, der strenge Friese, dessen Erbschaft schon zu seinen Lebzeiten in zwei rbichtungen weit auseinanderging: sie teilte sich zwischen Gervinus und Häusser. Dann beschäftigte sich der Redner mit der Entwiaelung der medizinischen Wissenschaft an der Heidelberger Universität. Hier seien genannt die Namsn Tiedemann, Chelins, Puchen, Pfaufer, öpenle der Natur­wissenschaften, es sei erinnert an Gmelin, Jolly, Arnold, Bunsen, Kirchhoff, Helmholtz. Die Jahre iyrer ^ieae toaren die Siegesjayre des Volkes, des Reiches. Heidelberg ist in den Zeiten, da diese Männer wirkten uno schufen, ein Vorbild der Einheitsbewegung. In den Kämpfen bis 1865 trug Häusser die Fahne vvrart. Aus den Händen des Ster­benden nahm Heinrich Treitzschke die Waffe und führte sie glorreich weiter, der rechte Prophet des neuen Reiches.

Nach einer kurzen geschichtlichen Würdigung der Uni­versität in den drei Jahrzehnten die siebziger Jahre brachten ihr kein Glück schloß der Redner: Wiisenschaftlich arm geworden ist auch das neue Heidelberg lemeswegs. Wir sehen heute denselben Wandel, Den unser allgemeines Leben, Den insbesondere Die Wissenschaft dieser Jahrzehnte überall zeigte, Arbeitsteilung uhD Arbeitsbereicherung, Sieg des Realismus. Aber freilich, roie ist es mit Dem alten Iniversalismus? Es soll nicht untersucht werden, ob wir wirklich verarmt finb an seelischen Gütern. Des Einen dürfen wir aber ^ewißlich fein in dieser frohen Stunde: Die Geiste^,.ätte, Deren Feste wir feiern, lebensvoll ist sie geblieben. Sjolje, C statten haben auch nach 1870 über ihr geragt, alle dürfen a.n unsere Universität und ihre Lebens- iräfte glauben, sie wird bestehen.

Das Vorspiel zu DenMeistersingern" beschloß die Feier. Heute abend ist Festkommers in der Stadthalle.

(Frkf. 3tß.)