Ausgabe 
8.7.1903 Zweites Blatt
 
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vsftern gestellten Anträgen der Staatsanwaltschaft rmd der Ver­teidigung. Danach werden zwei Hmrptschuldfragen vorgelegt, die eine auf betrügerischen Bankerott, die andere auf Betrug gegenüber 25 namentlich aufgeführten Persönlichkeiten. Zu jeder der Fragen wurde eine Nebenfrage nach mildernden Umständen gestellt. Es folgen die Plaidoyers. Der Vertreter der Anklage, Staats­anwaltschaftsrat Mantell, plaidiert für s ch u l d i g in vollem Umfange der Anklage; er giebt einen historischen Ueberblick über die Entwickelung des ganzen Treberunternehmens und sucht nachzuweisen, das; der Angeklagte bereits im Jahre 1900, als er die bekannte Hypothek für seine Tochter bestellte, wissen mußte, daß bei der Trebergesellschaft eine Unterbilanz von Millionen bestand. Der Angeklagte habe selbst zugegeben, daß er den Haupt­teil des Vermögens in Treberaktien angelegt habe und seine Situation mit der der Trebergesellschaft unlösbar verbunden war. Der Staatsanwalt schloß seine fünfstündige Rede mit der Auf­forderung, sämtliche Schuldfraqen zu bejahen. Der Verteidiger Justizrat Seckel suchte den guten Glauben des Angeklagten rmd die günstige Vermögenslage im Frühjahr 1900 darzutun. Auch habe der Angeklagte einen Betrug nicht begangen, wenn er neugierig Fragenden aus Spekulation die Schwierigkeit der Lage verschwiegen habe. Der Verteidiger endete mit der Bitte um voll­kommene Freisprechung. Sodann erklärte der Angeklagte: Ich habe alles in bester Absicht getan und versichere, nie in be» trüglicher Absicht gehandelt zu haben". Es folgt die Rechts­belehrung. Um 8/49 Uhr ziehen sich die Geschworenen zurück. Nach 27,stündiger Beratung geben sie das Verdikt ab: Schmidt wird für s ch u l d i g des betrügerischen Bankrotts und Betruges erklärt unter Ausschluß mildernder Umstände. Bei 7 der Ge­schädigten von 25 wurde Betrug nicht angenommen. Der Staats­anwalt beantragte eine Gesamtstrafe von 4 Jahren 6 Monaten Zuchthaus, sowie 5 Jahre Ehrverlust. Das Urteil lautete aus 2 Jahre 8 Monate Zuchthaus; 8 Monate Untersuchungs­haft wurden angerechnet. Der Gerichtshof betonte in seiner Mo­tivierung den sehr geringen Einsatz beim betrügerischen Bankerott, wegen der verhältnismäßigen Geringfügigkeit des Objekts beim Betrüge dagegen die jahrelangen systematischen Fälschungen einer­seits, andererseits den Umstand, daß der Aufsichtsrat ferne Pflicht nicht erfüllt habe, und die seitherige Unbestraftheit des Angeklagten. Es wurden ihm daher die Ehrenrechte belassen.

G l e i w i tz , 7. Juli. Die Strafkammer verurteilte den ver­antwortlichen Redakteur der großpolnischen ZeitungSchlesische Stimme", Fraczewski, zu 30 Mk., und den Verleger der Zeitung, Siemianowski, zu 6 Monaten Gefängnis wegen Veröffentlichung eines Artikels, in dem die polnischen Kinder im Anschluß an die Vorgänge in Wreschen aufgefordert werden, sich gegen den deutschen Schulunterricht aufzulehnen.

Sport.

Gießen, 8. Juli. Das Radrennen, welches am 26. Juli hier stattfinden soll, wird als Hauptnummev des Tages ein Dauerfahren mit Motorführung für Berufs­fahrer bringen. Es wird in drei Läufen, 10, 15 und 25 Runden mit Punktew erlang, ausgefahren werden. Unter­handlungen mit Berufsfahrern zu diesem Rennen sind be­reits im Gange.

Sriefkasten der Redaktion.

(Anonyme Anfragen bleiben unberücksichtigt.)

Zwei Kralehler". Vor zwei Jahren weilte hier an einem schönen Sommertage auf einige Stunden der Sultan des hinter­indischen Staates Jahore und nahm an dem im Steinschen Garten damals veranstalteten Bazar zu Gunsten eines Saalbaues teil. Ob er an jenem Tage hier irgend welche Familienbesuche gemacht hat, können wir Ihnen nicht sagen.

A. W. F. Sie schreiben uns:Seit einiger Zeit nahm ich mittags bei Tisch wahr, daß dem Brödchen, welches ich ver­zehrte, ein Jodoform-Geschmack anhaftete. Jetzt hat sich diese Geschmacksempfindung auf alle Speisen übertragen, ja ich habe sie andauernd im Mund! Zweifellos ist das Gefühl ein krankhaftes, was kann ich dagegen tun ? Alle Versuche, mit Pfeffer- münz rc. den Geschmack zu übertönen, sind fruchtlos geblieben, Rauchen zwecklos. Man könnte verrückt darüber werden, ich habe schon 10 Pfund in 3 Wochen an Gewicht verloren." Sie scheinen an Idiosynkrasie au leiden, Ihr Nervensystem ist wahrscheinlich nicht intakt. Wenden Sie sich an einen Arzt.

Kunst und Wissenschaft.

Kammersänger Buff-Gießen soll, wie es heißt, wieder m den Verband des Königlichen Theaters zu Wiesbaden eintreten.

Neueste Meldungen.

Originaldrahtmeldurrgert des Gießener Anzeigers.

Bromberg, 8. Juli. Die Delegierten-Verfammlung des 30. deutschen Gastwirts-Verbandes beschloß, als nächstjährigen Ort der Tagung des deutschen Gastwirts-Ver- bandeS Nürnberg zu wählen.

Stolp in Pommern, 8. Juli. (Originaltelegramm desGieß. Anz.") Heute früh wurde der wegen fünf­fachen Mordes Mm Tode verurteilte Bent hin durch Scharfrichter Schwietz aus Breslau hingerichtet. Ben- thrn war geständig und zeigte Reue.

London, 8. Juli. Gestern nachmittag stattete Präsi­dent Loubet mehreren Mitgliedern der Königsfamilie Be­suche ab und kehrte dann nach dem York-House zurück, von wo er sich zum Festmahl nach der französischen Botschaft begab. Der König traf dort um 7,30 Uhr ein und wurde von Loubet empfangen. Unter den Gästen be­fanden sich der Prinz von Wales, Balfour, Chamberlain, Roseberry, der Herzog von Devonshire, Landsowne, Selborne, Bredrick, Campbell-Bannermann, der amerikanische und der russische Botschafter. Reden wurden nicht gehalten. Loubet trank auf das Wohl der königlichen Familie. Man bemerkte, daß sich Chamberlain andauernd mit Delccisis unterhielt. Der König verließ zuerst die Botschaft, um sich zur Fest- vorstellung im Conventgardentheater M geben. Loubet folgte alsbald nach. In den Straßen brachte ihm die Menge begeisterte Huldigungen dar. Das Theater bot ein prächtiges Bild. Der Zuschauerraum war reich geschmückt, überall waren La France-Rosen ange­bracht, besonders waren die Logenbrüstungen gänzlich davon bedeckt. Die gesamte Aristokratie Englands wohnte der Vor­stellung bei. Kaum betraten die Majestäten, Loubet und die Mitglieder der königlichen Familie die Loge, so spielte das Orchester die Marseillaise und die englische National­hymne. Die Minister und Hofwürdenträger nahmen zwei Logen rechts und links von der königlichen ein. Die Vor­stellung endete um Mitternacht. Der König, die Königin und Präsident Loubet begaben sich nach dem Buckinghampalast, bezw. dem York-House zurück.

I^.Peking, 8. Juli. Japan verlangte von China formell Entschädigung für den Ausfall, den es dadurch erleidet, daß China die am 1. Juli fällig gewesene halb­jährliche Entschädigungsrate in Silber bezahlt hat.

Die Krankheit des Papstes.

Rom, 8. Juli. Der Pap st verbrachte eine ruhige Nacht, wenn auch schlaflos. Sein Befinden bleibt ver­hältnismäßig befriedigend. Die Herztätigkeit nimmt lang­sam, aber stetig zu, desgleichen die Tätigkeit der Atmungs­organe. Professor Mazzoni erklärte, wie Graf Camillo Pecci versicherte, wenn auch die Gefahr nicht dringend sei, so sei es doch gewagt, zu behaupten, daß der Papst, wenn Herz und Lunge keine Veränderungen aufweisen und die Niere sich wieder belebt, was bis jetzt nicht der Fall ist, auf Genesung hoffen darf. Vorerst müsse der Papst sich besser nähren. Mazzoni glaubt, die Operation werde erneuert werden müssen. Gestern abend ließ sich der Papst alle Zeitungen vorlssen und bat Lapponi, sich nach Hause zu begeben. Nach einer weiteren Meldung aus dem Vatikan sagte der Papst kurz vor 1 Uhr nachts zu seiner Umgebung:Ich danke Gott, daß er mir die Wohltat er­wiesen hat, allen Lebewohl sagen zu können. Ich liebe

Euch alle, aber ich bin müde und gehe freudig von hinnen M In Rom werden allerlei Gerüchte laut über Kvnventikel, die von den verschiedenen Gruppen der Kardinale abge. halten werden, um das Konklave zu ihren Gunsten zu wenden. Eine hochstehende Persönlichkeit aus dem Vatikan sagte, das Kardinals-Kollegium müsse und werde sich bei der Papstwahl die Notwendigkeit vor Augen halten, sich mit aller Kraft gegen die Sozialdemokratie und die Anarchie zu wenden. Hierzu sei Kardinal Ferrari der geeignete Mann.

Rom, 8. Juli. Es ist keinerlei Störung ein* getreten. Trotz der großen Erleichterung, die dem Papst durch die Operation zuteil geworden, schließen die Aerzte den raschen Eintritt der Operation nicht aus, weil der allgemeine Schwächezustand durch den operativen Eingriff nicht behoben werden konnte. Im Vatikan ist man dagegen höchst optimistisch gestimmt. Tas Volk beginnt von' einem Wunder zu sprechen. Sämtliche Personen, welche aus dem Vatikan kommen, stellen die glücklichen Folgen, fest, welche die gestrige Punktation nach sich gezogen hat. Die Persönlichkeiten, welche sich in den letzten Tagen dauernd in der Umgebung des Papstes aufhalten, konnten sich diese Nacht wieder zum erstenmale zur Ruhe begeben. Dem' Avanti" zufolge hinterläßt der Papst ein Vermögen von 15 b i s 20 Millionen Lire.

Rom, 8. Juli. Der Jesuitenorden ist lautTri­buna" eifrig an der Arbeit, um das Conclave in seinem Sinne zu beeinflussen. Zwischen dem Ordensgeneral Martin, dem Jesuitenkardinal Steinhuber und anderen Ver­tretern des Ordens fanden lange Unterhandlungen statt. Die ganze letzte Nacht hindurch waren die Räume des Jesuiten­generals im Collegio Germanico hell erleuchtet. Für wen der Orden seinen Einfluß in die Waagschale werfen wird, ist noch unbestimmt. DieTribuna" bezeichnet es als eine Pflicht der italienischen Regierung, die absolute Freiheit des Conclaves zu schützen. Die vatikanischrVoce de la Veritä" klagt Lapponi an, durch eine falsche Diagnose das Leben des Papstes aufs Spiel gesetzt zu haben.

Wien, 8. Juli. Die österreichisch-ungarische Regierung wird anläßlich des Conclave in Rom von ihrem Vorrechte gegenüber Rampolla Gebrauch machen. Rampolla hatte verschiedentlich eine österreichfeindliche Gesinnung ge­zeigt. Seine Wahl zum Papste würde hier unangenehm berühren.

Telephonischer Kursbericht.

372% Reicheanleihe .

8% do. . .

8Ve% Konsole . . .

3% do.....

31/g% Hessen . . .

87r % Oberheesen . .

4% Oesterr. Goldrente .

47ß% Oeeterr. Silberrente

4% Ungar. Goldrente, .

4% Italien. Rente . .

47,56 Portugiesen 3°/ Portugiesen. . 15t> C. Türken .

Türkenlose ..... 4% Grieoh. Monopol.-Anl. 47.56 äussere Argentiner

Frankfurt a. M., 8. Juli 1903.

. 102.20

. 91.40 . 102.20 . 91.35 . 10100 . 100.00 . 102.90

100.35 . 100.80 . 103.40 . 49.75 . 31.30 . 33.90 . 130.40

44.50

3% Mexikaner .... 26.75 4%% Chinesen .... 92.85 Electric. Schnckert . . . 92.40 Nordd. Lloyd . . .. 99.35

Kreditaktien..... 208.60

Diskonto-Kommandit. . . 186.40 Darmstädter Bank . . . 136.70 Dresdener Bank .... 147.50 Berliner Handelsges. . . 154.00 Oeeterr. Staatsbahn , . , 143.60 Lombarden.....18.20

Gotthard bahn ..... 191.80 Laurahütte ...... 214.00 Bochum ....... 172.80 Harpener......177.60

Tendenz: ruhig.

Sie wird gelobt DOrt Ä s®«5«- , 1 7* welche sie schon zum

Kochen der Wasche und rum Auswaschen gebraucht haben, weil sie vorzüglich reinigt, ohne die Hände der Wäscherinnen und ohne die empfindlichsten Stoffe anzugreifen. Deswegen der stetig steigende Absatz von Gioths gemahlener Kernseife mit Salmiak und Terpen­tin. Per Packet nur 15 Pfg. Alleiniger Fabrikant: I. Gioth, Hanau a. M. 373s

Adreßbuch öcs Areises Gießen

einschl. Stadt Gießen.

In einem Zirkular nnd in einer gleichlautenden Anzeige wird ein amtliches Adreßbuch der Provinzial­hauptstadt Gießen durch die von Münchow'sche Druckerei angekündigt und gesagt: man möge dieses nicht verwechseln mit einem Privatunternehmen, dem amtliches Material nicht zur Verfügung stehe.

Das Amtliche dieses Adreßbuches besteht darin, daß Schutzleute die Adressen sammeln und das Material für den Druck ordnen. Im übrigen giebt man sich Mühe, unser Kreis-Adreßbuch als minderwertig hinzustellen.

Wir ziehen die Adressen allein ein, prüfen alles selbst und ordnen alles sorgfältig und praktisch nach erprobten großstädtischen Mustern. Unser sauber und praktisch ausgestattetes und übersichtlich geordnetes Adreßbuch von Gießen und den übrigen 80 Orten der weiser

nur Mk. 2.50

während das seitherige Adreßbuch von Gießen für Mk. 2.60 zu haben ist. Daß unser Adreßbuch zuverlässig und praktisch ist und einen erheblichen Fortschritt bedeutet, wird sich bei der Herausgabe zeigen. Heute bereits steht das Publikum unserem Unternehmen äußerst sympathisch gegenüber.

vrühl'sche Univ.-Such- und Steinbruderei.

u. Lange.