Ausgabe 
8.5.1903 Zweites Blatt
 
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Nr. 107 entfiel ts-nch ouBti Sonn lag*, hm Siebener Anzeiger werden tm Wechlel mit bem BefRft«* tanbrolrt die Blebtner Kamillen- bläuet viermal tn der

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Zweites Blatt.

153. Jahrgang

Freitag 8. Mai 1903

GietzenerAnzeiger

u General-Anzeiger w '*s*7

Amis- und Anzeigeblatt für den Kreis Stehen

Bezugspreis: monaih(b7bt'U viertel- jährlich Mt. 8.20; durch Abholo- u. Zweigstellen monatlich 65 Bl.; durch diePosl Mk.2. oiertel- läbrl au*1d)L veNellg. Annahme von Anzeigen <ür die tageenummer bi* vormittag* 10 Uhr. Zeilenprer*. lokal 129tw auerodrtl 80 tilg, vetantwotllich tüt den poltt und allgem, Teil. A- Witiko tür , Stabt und xianb' und .Herrchttlaal': August Döy, tüi den An­zeigen «eil: Kans Beck.

iPU yeuiige Dummer umfaßt 10 Setten.

Z)er Zöahlausruf der deutsl-Konservativen Wartet lautet:

Die Neuwahlen stehen bevor Der zukünftige Reichs­tag wird sich in erster Linie mit der 9teuregeüing unserer Handelsbeziehungen ui bef duftigen haben. Dre Konservative Partei hat feit dem Absdüillse der geltenden Handelsverträge unablässig betont, daß diese Beiträge in ungerechter Weise die Landwirtschaft benachteiligen und die Äraft deS ganzen Staates durch Schwächung der landwirtschaftlichen Bevölter- ung beeinträchtigen. Wenn die Konservative Partei auch an sich nicht unbedingt gegen langfristige Handelsverträge ist, |o wird sie demgemäß doch nur solchen Verträgen ihre Zustimmung geben, welche der Landwirtschaft wesentlich bessere Existenzbedingungen bieten und ibr ermöglichen, neben der Industrie und dem Handel wirtschaftlich gleich- nuigig zu gedeihen. Die Konservative Partei hat ihrer Tradition folgend, die Erhaltung der vollen Wehrkraft unseres Volkes zu Lande und zu Wasser stets als ihre Aus­gabe erachtet in dem Bewußtsein, daß Deutschlands Macht­stellung und die Erhaltung einer friedlichen Entwicklung vornehmlich auf seiner Wehrhaftigkeit zu Lande und auch auf seiner Seemacht beruht. Daher wird die Konservative Partei auri) ferner für die Erhaltung unserer Armee in ihrer alten Bedeutung und Tüchtigkeit eintreten und wird auch die Entwicklung der Marine in einer unseren Handelsbezieh­ungen und unseren Finanzen entsprechenden Weise fördern. Eine sparsame Verwaltung der Finanzen des Reichs und der Einzelstaaten, eine pflegliche Behandlung der Einnahme­quellen des Staates, sowie eine Beschränkung der Ausgaben auf das Notwendige und Zweckmäßige unter Vermeidung zedeS Luxus wird unsere Unterstützung finden. Wir wünschen die Finanzkraft des Reiches tunlidift auf die Grundlage selbständiger Einnahmequellen gestellt zu sehen, damit nidjt durch die fortdauernd gesteigerten Zuschüsse der Einzel- floaten deren eigene Steuer kraft und damit schließlich ihre politische Selbständigkeit, welche eine der Voraussetzungen des föderativen Charakters des Reiches ist, gefährdet werden. Getreu ihren Grundsätzen, zählt die Konservative Partei die Erweckung, Erhaltung und Kräftigung der christlichen LebenSamchauung zu ihren vornehmicen Ausgaben. Sie ist von der lleberzeugung durchdrungen, daß sich die wirlschaft- (idjen und sozialen Probleme nur auf dem Boden des wahren EhristelitumS unter einer kräftigen Monarchie lösen lassen. Sie wird deshalb auch für die Erhaltung und Stärkung der staatlichen Autorität nach wie vor eintreten und jede Beeinträchtigung der Prärogative der Krone be- kämpftn. Tie Konservative Partei hat die groß gedachte Sozialpolitik Kaiser Wilhelms L mit voller Ueberzeugung und mit Begeisterung unterstützt. Tie Hebung der wirtschaft- Hdjcn Lage der Arbeiterklassen ist mit Erfolg unter be­deutenden finanziellen Opfern der Arbeitgeber und des Staates in Angriff genommen worden und soll weiter fortgesuhrt werden. Die mißliche Lage der Mittelstände, der landwirtschaftlichen kleinen urid mittleren Besitzer, des Handlverker- und des Kleingewerbestandes, erheischt jedoch, daß eine richtige Sozialpolitik vor allem hier einsetzt und diesen schwer um die Existenz kämpfenden Klaffen wirksam beiftebt. Es müssen also auch Schutzwehren für Handwerk und Kleingewerbe gegen großkapitalistische Auswüchse und undeutsche Verletzung von Treu und Glauben im Geschäfts­verkehr geschaffen werden. Diese allein richtige und segens­reiche Sozialpolitik steht im grundsätzlichen Gegensatz zu den Tendenzen der Sozialdemolratie, welche die arbeitenden Klassen gegen alles Bestehende, gegen alle Grundlagen deö Staates aufhetzt, ohne ihre Lage zu verbessern. Daher ist auch der stampf gegen die Sozialdemokratie eine wichtige Ausgabe der Konservativen Partei, dte nach wie vor bereit ist, die Regierung in der Handhabung und Verstärkung staatlicher Niachtmittel gegen das gewerbsmäßige Unter­graben göttlicher und weltllcher Autorität und des Friedens der Bevölkerung nach Kräften zu unterstützen. Die Konser­vative Partei wird deshalb chre Haltung gegenüber anderen Parteien wesentlich auch nach deren Verhalten gegenüber der Sozialdemokratie einrichten. Auch in den Einzelland- tagen mutz die fortschreitende Förderung der produktiven Arbeit in Landwirtschaft, Handwerk und Gewerbe, wie dies in der abgelaufenen Legislaturperiode mit Erfolg von der Konservativen Partei vertreten worden ist, so auch in Zu­kunft unausgesetzt im Auge behalten werden. Eine Neu­ordnung der gesetzlichen Bestimmungen über die Volksschul- unterhaltung auf gerechter und billiger Grundlage unter voller Wahrung des bestehenden christlichen konfessionellen Charakters der Volksschule ist, soweit solche wie in Preußen notwendig, eine'dringende Aufgabe der Gesetz­gebung, an welcl)er unsere Partei mitzuarbellen hat."

Ein hervor ragendes MatzvonDürftigkeit" sagt nicht mit Unrecht dieNat.-Ztg." diesem Elaborat nach, und dieVoss. Ztg." urteilt, er sei teils ziemlich belanglos, teils dehnbar. Uns [dieint der Zug einer gewissen Resig­nation durch das Nlanisest zu ziehen, und'zwar besonders da, wo von dersozialdenwkratisd)cn Gefahr" die Rede ist. Kampfstimmung verrät der Aufruf jedenfalls nicht; wohl um ihn im Vergleich zu den anderen Auftufen nicht zu kurz ausfallen zu lassen, ist das Programm für die preutzi- schen Landtagswahlen mit einbezogen. Konnte aber der Aufruf schließlich markanter abgcfaßt werden? Es ist zu berüdsichiigen, daß die Konservativen es jetzt weder mit ber Regierung noch mit den Laiidbündlern verderben wollen. Bei dieser eigenartigen Sachlage war es nicht ungeschickt, dem Auftus im großen und ganzen die F-orm einer Um­schreibung der Satze oes Parteiprogramm^ zu geben. Wird »radurch am Eybc auch nxiug gewonnen, so wird doch andererseits nichts verdorben vom konservativen Stand­punkt aus immerhin ein Erfolg.

Politische Tagesschau.

Richt amtsmüde!

Man schreibt und aus Berlin, 7. Mai:

Saum steht der Rücktritt des preutzi>cyen KriegSmi- nisters v. Gotzler fest, da wird auch der Staatsjekietar deS Marineamts v. Tirpitz als amtsmüde bezeichnet. Tie zweimalige Ablehnung des ein neues Tienstg^baude in ber Bellevucstraße fordernden Projektes soll aui Herrn von Tirpitz niederdrückend gewirkt haben. Tas Hingt wenig glaublich, und die mit dem Staatsekeetär dienstlich in Be­rührung kommenden Seeoffiziere stellen denn auch eine solche Wirkung in Abrede. Herr v. Tirpitz habe auch nicht entfernt eine Rücktrittabsicht zu erkennen gegeben, vielmehr gelegentlich darauf hingewiesen, daß er die Kreuzer­vorlage, den Schlußstein im Gebäude der Flottcnorgani- fation, mit weniger Schwierigkeiten unterzubringen hoffe, alb sie bei den beiden Flottengefetzen zu überwinden ge­wesen feien. Staatssekretär v. tirpitz hat fich in der Tat parlamentarisch sv eingearbeitet, dag ihm die Vertretung der Kreuzervorlage alatter von ber Hand g^hen dürfte, und die Frage des Weubaued für das Marineaull wird früher oder später gelöst werden müssen.

Sehnsucht nach bem Zaren.

Ans London wird uns geschrieben:

Präsident Loubet tourte sich wohl mit gemischten Gefühlen zur Fahrt nach England rüsten, wüßte er, daß man dort das weitaus größte Interesse entgegenbringt einem Besuche des Zaren. Es liegen für solchen »war noch keineswegs bestimmte Vereinbarungen vor; aber schon die Möglichkeit, den Herrscher aller Reußen in diesem Jahre an der Themse zu sehen, wirkt alarmierend auf die freien Engländer. Es heißt, daß König Eduard im Spät­sommer die Einladung persönlick) in Petersburg abstatten werde. Auch soll Finanzminister Witte eine Englandfahrt deS Zaren als im russischen Staatsinteresse liegend erachten. Vielleicht hat Herr v. Wllte mehr noch das russische Finanz- interesse im Auge, ist er doch schon feit geraumer Zeit be­strebt, die politischen Beziehungen Rußlaiids zumErb­feind" England in ein freundlicheres Licht zu stellen. Bon der einst gepriesenenglänzenden Vereinsamung" toill man jedenfalls in England nichts mehr wissen.

Zorn Aerztekampf tu Gera.

Bezüglich des GeraerStreites, in dem alle Aerzte mit Ausnahme eines Naturarztes, eines Homöopathen und eineS Augenarztes einig gegen die Textilbetriebskranlenkasse standen, tarn die Nachricht, der Streit sei beendet, indem es der Kasse gelungen sei, sieben Aerzte auf fünf Jahre zu verpflichten. Nach Informationen ist dauill aber, obgleich die Tat jache zutrifft, die Angelegenhell nicht erledigt, denn die Kassenmitglieder sind nicht nur mit dem jetzt ein­geführten Arztsystem, sondern auch mit den ihnen auf- gezwungenen Letzten unzufrieden, und nur die zurzeit schlechte Geschäftslage der Textilindustrie hat verhindert, datz in der Generälveriammlung vom 25. April die wirkliche Stimmung der Kassenmitgtieder zum Ausdruck gelangte. Tie Mitteilungen über Beendigung des Strelles sollen offen­bar auswärtige Aerzte a»locken; der Leipziger Verwand warnt aber mu Hinweis auf die tatsächliche Lage vor Zuzug nach Gera. Tie Aerzte, die sich bereit finden ließen, ihren Kollegen in den Rücken zu fallen, werden kaum irgendwo Sympathien erwerben, nicht nur bei Aerzten, sondern gerade bei den Patienten und den Kassenoor­ständen, die ja mit 8ted>t in solch willfährigen Arbeit­nehmern Untergebene erblicken werden. Der Dereinsarzt der Kasse, Oberstabsarzt Tr. Hampe, ist übrigens infolge des Strelles nach 25kjel versetzt worden. In Müylhausen werden Bewerbern um die ausgeschriebenen kasseiiarztsiellen Ver­träge vorgelegt, die so adgefatzt sind, daß sie die Kasse nur scheinbar binden ; die Unterzeichner laufen daher Gefahr, jederzeit später wieder entlaßen zu werden.

D»e löalfarvUnrutyen*

Am 3. Mai sand bei dem Torfe Krapeschta, unter­halb Florina, im Vilajet Monaftir ein Zusa m menstoß mit Bulgaren statt. Ter Führer und sechs Mann touiben getötet Ter Rest flüchtete. Es verlautet, der Sultan appellierte aus Anlaß der Vorfaile in Saloniki per- sönlich an den Fürsten Ferdinand, im beider­seitigen Interesse noch ernster als bisher gegen die macei» nischen Komitees vorzugehen, deren Herd zweifellos sich in Bulgarien befinde, von wo aus bie Bewegung wach er­halten werde. Tie Pforte beabsichtigt, alles Material, das sich bei der Unter)uc^ung über die Anschläge in Saloniki als für Bulgarien belastend he raus stellt, den Großmächten mitzuteilen oder zu veröffentlichen. In Konstantinopel und in den europäischen Vilajets dauern die Verhaftungen von Bulgaren fort Viele Verhaftungen scheinen zioeifellos unge­rechtfertigt. In Bulgaren kreisen wird behauptet, daß geld- bedürftige Poli^eideamte viele reiche Burger verhaften zum Zwecke von Gelderpressungen.

Nach einer Belgrader Tepesche sandte die türkische Re­gierung an die buigarifdje angeblich der Vorkommnisse in Saloniti eine scharfe Note. Von Bulgarien wird die Schuld an den Vorgängen auf die anarchis^en Zusiäiioe in der türkischen Verwaltung geschoben.

TieKöln. Ztg." meioei aus Konstantinopel: Tie Mit­teilung Bulgariens an die Pforte, Bulgarien werde, falls die Pforte den Wortlaut chrer, rinem Ultimatum gleichen­den Note nicht zuruckzirhe und durch eine andere, in der üblichen gorm gehaltene, ersetz«, ebenso schroff ant­worten, wird eine Äenderung oer türtischen Note nicht herbeiführen. Es ist demnach eine Verschärfung des

Zwistes zu erwarten. Teiinoch halten unterrichtete Kreise den AuSdruch offener Feindselig!, iten für unwahrscheinlich, da der Sultan schioer zu solchen Entsd)lüssen au bestimmen sei, wenn nicht von den Mächten ellistimmig Bürgschaft ge­leistet werde, wofür jedoch keine Anzeichen Dorliegcn. Tie militärischen Rlaßnahmen auf breiterer Grundlage iverden fortgesetzt.

Aus Saloniki berichtet man, daß in dem Brunnen der Passage orientale, wi> ,ich ipao österreichische Postamt be- finbet, alle Vorbereitungen eines Nicht zur AuSsühruna gelangten Anschlages des bulgarischen Komitees aittedtt worden find. Die Stadt Saloniki ist gaitz ruhig.

Fürst Ferdinand soll in Paris geäußert haben, er habe die Zuversicht, die Mächte würden den Sultan von Bulgariens Loyalität überzeugen und der Kriegspartei iu Konstantiiiopel wirksam entgegenarbeiten. Von anderer Seite wird berfidxri, der fraitzösische Botschafter EonstanS werde am Samstag vom Sultan empfangen werden und ihm zur Mäßigung raten.

Eine offizielle Depesche meldet, daß General Zont» schew in einem Gefechte in der Nahe von Saloniki ge­tötet worden ist. Zontfchew war eines der Hauptmll- glieöer des bulgarisch-mac^donischen Komitees und gehörte zu denen, welche bei der Auslösung des Komitees verhaftet wurden. Noch vor iy8 RLonaten war General Zontfchew in­terniert, es scheint nun aber, daß er mittlerweile freige­lassen worden oder entwischt ist. Sein Tod dürfte übrigen- von keinem großen Einfluß auf die weitere Entwicklung der Tinge in Makedonien fein.

In Saloniki erschien am 6. d. M. vor dem Krllg-- geridji derUrheberdesTynamitanschlagsgegeu den Tampf erGnadalquiviri'. Er antwortete mll der Ablehnung des Gerichtshofes und forderte, vor ein französisches Gericht gestellt au werden, da er des Anschlags gegen ein franzosisck)es Schift angeklagt sei. Ter Gerichts­hof vertagte das Urteil Tie Bevölkerung befürchtet noch immer die Explosion von Minen. Aus dem Innern kommen beunruhigende Nachrichten über verschiedene Zusammen­stöße. Bei SDlonaftir wurde das Torf Banitza nacht Hard- nädigem Kampfe gegen eine starke Bande von türkiicherv Truppen in Brand gesteckt. i

MaffaLrcs in Klschincw.

Die Mutigen Ausschrellungen gegen die jüdische Bevölkerung in Kischinew am 20. und 21. April füllen die Spalten russischer und auh ausländischer Blätter. Die angesehensten russischen Zeitungen verurtellen die Fahr- lässigkell der Pvlizeiorgane während dieser Iudenhetze. Das Mcoslauer PvofessorenbluttRujjk.ja Wjedomosti" veröffent­licht einen Bericht seines Spezial ko rrespondenten, der schaudererregend ist. Nach diesem Bericht waren die Judenexzesse die Folge eines sell lan gevorbereiteten Anschlages, der von Banden zu je 20 bis 25 Man« tn der barbarischsten Weise ausgeführt wurde.

Nachstehend geben toll einer der WienerZell"' auS Kischinew zugekommenen Schilderung eines Augenzeugen der dortigen Vorgänge Raum:

Bisher waren die sogenannten Judenkrawalle nur mll Zerstörung und Raub verbunden, aber ohne Mord und Blutvergießen. Tie letzten Unruhen in Kischinew übersteigen jedoch alle früheren Ausschreitungen. Es^ift unmöglich, zu schlldem, was hier boraing: Kinder hat man bei den Beinen in zwei Teile zerrissen; Zungen und andere Glieder tourben abgehauen und ab ge- schnitten. Ter Gouverneur hatte versichert, daß er alles, was in feinen Kräften stünde, gegen diese Grausamkeiten antoenben werde. Die Polizei jedoch gestattete den Juden nicht, sich zu sammeln und zu verteidigen. In Kischinew stehen gegenwärtig 10 000 Mann Militär, welche angeblich die Juden schützen sollten; während der Unruhen Kogen wohl Militärabteilungen durch die Stadl, aber sie raubten selbst und stahlen, was sie konnten. Mivt- woch wurden die ersten 40 Opfer begraben: der Staats­anwalt von Odessa hatte diesem Begräbnisse beigetvohwt und konnte sich der Tränen nicht enthalten. Ueberall, in Klosets und Kellern, findet man Erschlagene; Synagogen wurden zerscort, die Bibel gesd)ändet und zercissen, Frauen uno Mädchen in den jüdischen Gottes­häusern vergewaltigt und dann ermordet. Jetzt weiß man noch gar nicht, wie viele ^llnschenopfer es giebt.

Tie Vercuitwortung für diese Greneltaten trifft die hiesige Presse. In kischinew erscheint ein Blatt Namens Bessarabiz", dessen Redakteur ein gewisser Aruschewan ist; er schreibt immer gegen die Juden. Vor einem Monat wurde in dem Städtchen Tubossary bekanntlich ein 16 jähr, christlicher Jüngling ermordet auf gefunden; da es gerade vor den jübifdjen Ost em war, tauchte sofort das Blut- märcheu auf. Zwar wurde der Ermordete ziveimal seziert, und der Richter stellte einen gewöbnlichen Mord fe)t, wobei überdies der Verdacht, den Moro begangen zu haben, auf die Verwandten fiel, die mit dem Ermordeten wegen Erbschaft im Prozeß lagen. Schon damals hatte man Unruhen befurchtet. Tie Juden in Tubossary ver­sammelten sich, gingen jum Bezirkshauptmann uno drohten angeblich, wenn es zu Plünderungen tarne, die Häuser der christlichen Bewohner in Brand zu stecken. Ter Beziilts- Hauptmann und oer Geistliche sollen diese Unterredung den christlichen Bewohnern miigeteilt haben, was bie bekannte furchtbare Wirkung zur Folge hatte.

Auch in kischinew wußte man schon vorher, daß Aus­schreitungen oorbereitet werden. Ter Rabbiner ging zum Metropoliten und bat ihn, er möge sein einflußreiches Wort zum Schutz der Juden entlegen. jber der Metropolit erwi­derte, er wisse nicht, inwiefern Die von der Bevölkerung gegen die Juden erhobenen BeschulOigungen wahr oder erdichtet seien. Jetzt bemüht sich die Polizei, bie Judm zu