Ausgabe 
7.10.1903 Zweites Blatt
 
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mal erkletterte unb den Kranz abnahm. Unter Schmährufen der Menge, die große Steine schleuderte, wodurch ein Soldat schwer verletzt wurde, erfolgte der Rück­zug des Militärs, das sich mit gefälltem Ba­jonett den Weg bahnen mußte. Unter Führung eines MitMeds des Magistrats zog dann eilte riesigen Menge vor die Honvedkaserne und verlangte in stürmischer Weise die Herausgabe des Kranzes, wobei abermals die Fenster der Kaserne zertr ümmert wurden. Unter Trommel­wirbel stürmte plötzlich ein ganzes Bataillon des 46. Infanterieregiments mit gefälltem Bajonett in die Menge, welche für der: Moment wich, dann jedoch ein Steinbombardement auf das Milckär eröffnete. Nach wiederholter vergeblicher Llufforderung erfolgte das Kommando ,Zeuer". Das ganze Bataillon gab in der herrschenden Finsternis eine Salve ab. Füns Personen wurden schwer, eine lebensgefähr­lich verletz t Vom Dtilitär sind 5 Mann und 1 Offizier schwer verwundet, 9tun rückte auch Kavallerie heran und säuberte die Straßen, doch erneuerten sich die Unruhen -immer wieder. Um 11 Uhr war fast die ganze Stadt militärisch besetzt.

Washington, 6. Okt. Zu der Verhaftung eines anscheinend Geisteskranken, der gestern getvaltsam in das Weiße Haus eindringen wollte, berichtet man, daß der Mann nicht Elliot heißt, sondern sein richtiger Name Peter O l s o n sei. Er war bereits am Sornrtag an den Präsidenten Roosevelt herangetreten und redete diesen an, worauf der Präsident ihm die Hand reichte und eurige Worte an chn ^richtete.

Aus Stadt und Land.

Gießen, den 7. Oktober 1903.

Der Nachdruck unserer Originalartikel wird nur unter Zitierung in der FormGieß. Anz." gestattet.

Personalien. Se. Kgl. Hoh. der Großherzog haben den Oberarzt bei dem Landeshospital Hofheim Dr. Karl Textor auf sein Nachsuchen aus dem Staatsdienst entlaßen. Ernannt wurde der Vizewachtmeister im Trainbataillon Rr. 18 zu Darmstadt Johann Drill zum Amtsgerichtsdiener in Offenbach. Se. Kgl. Hoh. der .Großherzog haben den Kreisrat des Kreises Bensheim, Geh. Negierungsrat Franz Gros, auf sein Nachsuchen unter Anerkennung seiner langjährigen, treuen und ersprießlichen Dienste in den 9iuhe- stand versetzt und ihm das Komturkreuz 2. Klaffe des Ver­dienstordens Phllipps des Großmütigen verliehen.

** Anerkennung. Von der Königl. Eisenbahndirek­tion in Frankfurt a. M. ist dem Landwirt Conrad-Decher zu Wölfersheim für Entdeckung eines betriebs­gefährlichen Schadens, rechtzeitige Veranlassung der Abhilfe und für den hierdurch dem Allgemeinwohl erwiese­nen Dienst eine Anerkennung zu teil geworden.

0 Hessische Missionskvnferenz in Fried­berg. Die Missionskreise in Gießen und Umgegend wer­den hiermit auf hie am 21. Oktober vormittags 10 Uhr in der Burgkirche zu Friedberg i. d?W. tagende hessische Missionskvnferenz (Vereinigung der Missi-onskreise der Provinzen Starkenburg und Oberhessen) aufmerksam ge­macht. Der Führer der deutschen Orientmission, Professor D. Lepsins, wird einen Vortrag halten über:Welt- Mission und Weltkultur". Lepsius kennt aus -eigener Anschauung die orientalische Mohamedanerwelt, hat den Koran im Urtext studiert und steht an der Spitze einer spezifischen Mohamedanermission. Das zweite Re­ferat über dieMission in der Schuld wird von Lehrer Spam er aus Traunshardt erstattet werden. Für den Abend ist eine allgekneine Missionsversammlung vor­gesehen, bei welcher Skioptikonbilder aus der Mission zur Vorführung gelangen sollen.

**Passanten desSelterswegs konnten gestern nachmittag sehen, wie ein kleines M ä d ch e n über ein auf dem Bürgersteig liegendes Brett fiel und sich dabei einen fht diesem Brett steckenden großen rostigen Nagel durch die Hand stieß. Es wäre zu wünschen, daß die Bauleit­ung der K'analtsationsarbeiten ihr Augenmerk baraiy richte, daß bei den Abräumungsarbeiten sorgfältiger ver­jähren wird.

(!) Alt en -Bus eck, 5. Okt. Unser Gemeindeeinnehmer und Kirchenkassenrechner H. Seuling ist im Alter von 80 Jahren gestorben. Er hat lange Jahre in Treue -und Gewissenhaftigkeit sein Amt versehen. Die benach- barte kleine Gemeinde Trohe ca. 180 Einwohner be- abfichtigt, eine eigene Wasserleitung zu erbauen. Die Quellen liegen in hiesiger Gemarkung.

o- Bad-Nauheim, 7. Okt. (Eigener Draht­bericht.) Eine der Damen, aus der Villa Saxonia, die von einem Einbrecher verletzt worden ist (vgl. 1. Blatt), hat rkach der Gießener Klinik transportiert werden müssen. Oberstaatsanwalt Theobald aus Gie­ßen ist heute zur Untersuchung hier eingetroffen. Die hiesige und die Friedberger Polizei sind eifrig auf der Suche nach dem Attentäter, der mit den Lokalitäten ver­traut gewesen zu sein scheint.

§ Nieder-Wöllstadt, 6. Okt. In etwa 30 Ort­schaften des benachbarten Taunusgebietes sind die für den 4. und 5. Oktober angesetzt gewesenen Michaelis­kirchweihen gründlich v erregnet.

** Offenbach, 5. Okt. Unser Stadttheater hat heute seine Winterspielzeit eröffnet. Die Direktion hat ihr Personal zum größten Teil erneut und damit, itady der gestrigen Vorstellung zu schließen, eine glückliche Hand gehabt. StobitzersL i j e l o 11" war für den ersten Abend gewählt worden. Die ,FDffenb. Ztg." schreibt darüber: Das Stück arbeitet mit so groben und plumpen Mitteln, daß ein Genuß an dem an sich recht dankbaren Thema nicht aufzukornmen vermag. Die Handlung ist von Stv- bitzer auf fünf Akte ausgedehnt worden, in deren Oede nur selten ein leidlicher Einfäll sich verirrt, und die ein­zelnen Charaktere sind teils übertrieben, teils völlig un­klar gezeichnet. Letzteres ist besonders bei der Marquise von Mcnntenon der Fall. Der Verfasser hätte doch einiger* maßen sich bemühen müssen, die Liebe des Sonnenkönigs zu dieser Person zu begründen; in der Stobitzerschen Fassung erscheint diese Liebe als etwas völlig Unbegreif- lliches. Diese fehlerhaften und unzulänglichen G^^axafter^= sieruu?en machten den Spielern ihre Aufgaben nicht leicht.

Vermischtes.

* Duisburg, 6. Okt. Der Landwirt Wilhelm Exter­mann erschoß am Sonntag in einem Streit feine Frau und verwundete zwei Kinder. Nach der Tat entfloh er, stellte sich aber Montag abend der Polizei.

* Aachen, 6. Okt. Die Polizeibehörde hat acht Rauf­bolde ermittelt, die vor einiger Zeit nachts die nach Rott

wallfahrenden Pilger angefahren, mißhandelt und teilweise beraubt hatten.

Spandau, 6. Okt. Der hier wohnhafte angebliche KunsthändlerHermannDallmer wurde in Düssel­dorf wegen Verdachtes des Mädchenhandels verhaftet.

* Breslau ist zum Telephonverkehr mit Köln, Dort­mund, Düsseldorf und Essen zugelassen. Die Leitungen gehen über Berlin und umfassen zwischen Breslau und Köln nahezu 1000 Kilometer. Damit ist die längste tele­phonische Verbindung Deutschlands erreicht.

* Göttingen,6. Okt. Bei der Kirmes feier in Bartol­felde erstach der Arbeiter Rurnohr die Tochter des Oekonomen Wege.

* Eisen ach, 6. Okt. Die durch das Großh. Staats- ministerium ausgesprochene Amtsentsetzung des- bis­herigen Ersten Bürgermeisters Dr. jur. Georg von Fewson bildet begreiflicherweise das Gesprächsthema in allen Kreisen der Stadt. Dr. v. F. ich nahezu 3 Jahre oberster Leiter von Eisenach gewesen. Er ist im 40. Lebens­jahre. Seine beiden juristischen Prüfungen bestand er mit Auszeichnung in Leipzig und Dresden. 6 Jahre war er in Leipzig tätig, wo er als Ratsreferendar und Ratsassessor Bau- und Gesundheitspolizei versah, Beleuchtungs- und Bauwesen leitete und die sozialpolitische Gesetzgebung im städtischen Versicherungsamt handhabte. 1896 wurde er zum Ersten Bürgermeister von Apolda und 1900 zum Stadt­oberhaupt von Eisenach gewählt. Im Frühjahr d. I. er­folgte seine Verurteilung zu zwei Mona ten Gefäng­nis, weil er zwei unter Sittenlontrolle stehende Mädchen, die über Urlaub ausgeblieben mit) von der Polizei zur An­zeige gebracht worden waren, nicht der Staatsanwaltschaft zur Bestrafung überwiesen, sondern mit einem Verweis selbst bestraft hatte. Gegen dieses Urteil hat Dr. v. F. Berufung eingelegt, die noch aussteht. Trotzdem das Strafkammer­urteil also noch nicht rechtskräftig ist, bat der hiesige Ge- meinderat das Ministerium, ohne Berücksichtigung um den Ausgang der Berufung die Absetzung des Dr. v. F. auszu­sprechen. Die Körperschaft glaubte aus der Gerichtsver­handlung zur Genüge eine laxe Handhabung der Polizeigewaltnachverschi ebenen Richtun gen hin als erwiesen und sah besonders in deut günstigen Zeug­nis, das Dr. v. F. einem zweimal wegen Diebstahls vorbe­straften Polizeiwachtmeister zu seinem weiteren Fortkommen dahin ausgestellt hatte, daß er ihm bescheinigte, er besitze sein volles Vertrauen, grobe Pflichtverletzung en. Das Ministerium stelle sich^auf Grund eingehender Unter­suchungen auf denselbeu Standpunkt und betonte in der Begründung der Amtsentsetzung, daß die Person des Dr. v. F. keine Garantie biete gegen fernere grobe Ungehörigkeiten und Pflichtverletzungen. Einem weiteren Antrag des Bezirksausschusses, wonach die Absetzung des Dr. v. F. auch deshalb zu erfolgen habe, weil es ihm an der erfv rderl ichen Achtung zur Be­kleidung seines Amtes fehle, wurde als unbe­gründet nicht stattgegeben. Mit der Amtsentsetzung ist auch die Gehaltseutziehung vom 20. März d. I. an ausge­sprochen worden.

Leipzig, 6. Okt. Heute erstach der Weber Lehnert den Weber Dietel beim Kartenspiel. Lehnert wurde verhaftet.

* Paris, 6. Okt. Wie mitgeteilt wird, versuchte ein früherer Marineoffizier, wie es heißt, ein Geliebter der Exkönigin von Madagaskar, diese zu entführen. Als die Exkönigin vor einigen Tagen die Sehenswürdigkeiten von Padirac in Augenschein nahm, suchte der Offizier an sie heranzukommen, seine Absicht wurde jedoch entdeckt und sein Vorhaben vereftelt. Es jft ein gerichtliches Verfahren gegen ihn eingeleftet worden. Aus Biserta wird gemeldet: Der arabische Corporal Terhat vom 4. Schützenregiment verübte gestern einen Raubmord an einem Unter­offizier desselben Regiments. Erhalte ihn in einen Oliven­hain gelockt, wo auf ein gegebenes Zeichen vier Araber über ihn herfielen, tätlich verletzten und ausraubten.

* Konstantinopel, 6. Okt. Türkische Sol da ten überfielen kürzlich in dem Hospital (Melhane eine deutsche Köchin. Die drei Schuldigen, ebenso wiö Vie vvr- gesetzten Offiziere, werden strengstens bestraft. Der militärische Direktor des Hospitals, ein Türke, wurde Ver­se tz t. Die Köchin erhält 4500 Mark Entschädigung.

* lieber die Erziehung der Zarenkinder schreibt ein Mitarbeiter derTäglichen Rundschau": Die vier Töchter des Zarenpaares haben.sich in Darmstadt durch ihren kindlichen Frohsinn und chre Freundlichkeit schnell die Liebe der Bevölkerung errungen. Es mag den kleinen Prinzessinnen wohl sonderbar vorkommen, täg­lich durch die Straßen der Stadt und den Strom der Menschen zu fahren; in ihrer russischen Heimat sieht man sie nicht entfernt so oft in der Oeffentlichikeit. Sie verlasseii dort nur selten die schöneü Schlösser oerKai­serlichen .Dörfer", in denen der Hof sich beinahe das ganze Jahr hindurch aufhält. Die körperliche Erziehung der Kinder ist ganz englisch, wie denn das Englische nach der Neigung der Kaiserin Alexandra überhaupt eine große Rolle in der engeren Zarenfamilie spielt. Sommer und Winter tragen die Prinzessinnen schlichte we,iße Kleidchen mit kurzen Aermeln, an den Füßen kurze Socken und kleine Schuhe. So bekleidet verbringen sie im Winter und bei unfreundlichem Wetter ihre Zeit in den Zimmern, die mäßig warm, nicht über 14 Grad Reaumur, gehalten wer­den. Zu Spaziergängen wird die Kleidung natürlich ge­ändert, aber selbst während der Winterftöste werden die Kinder nie übermäßig eingehüllt. Ihr Spielzeug ist für gewöhnliche sehr einfach.; die schönen Puppen, die ihnen ihre Urgroßmutter, die verstorbene Königin Viktoria, und der Präsident der ftanzösischen Reprtblik geschenkt haben, werden, ihuön nur an Festtagen überlassen. Im kindlichen Spiel, an dem die Kaiserin häufig teilnimmt, wird ihnen möglichste Freiheit gewährt. Vtit Sck).ulstunden der Kaiser überwacht den Unterricht selbst aufs genaueste werden sie nicht überlastet. Die beiden ältesten Großfürstinnen sprechen außer dem Russischen fließend Englisch, das in der Kaiserlichen Familie sehr viel gesprochen wird, da die Zarin-Witwe es als Umgangssprache bevorzugt.

* Ein Po st Wagenunfall. Der zwischen Hohen- elbe und Spindelmühl verkehrende Postwagen stürzte in das Flußbett der Elbe. Er wurde vollständig zertrümmert. Ein Passagier wurde schwer verletzt.

Unwerlltüts-Uachrlchten.

Die Universität Gießen steht mit ihren Im- matrikulationsurkunden in deutscher Sprache liicht allein da. Bereits Ende Atar d. I. haben Rektor und Senat der Unwersilät Zürich und der lliektor der Universität Bern bekaniit geniacht, daß die allhertöminlicheii lateinischen Jmmatriku- lationsurtuliden fortan durch solche ui deutscher Sprache ersetzt werden würden. Die Berner Urkunde besagt ganz kurz und ge­

schäftsmäßig, daßdie durch den Rektor vertretene Hochschule Bern (hier ist also auch das Wori Universität verdeutscht roorben) hier­mit erkläre, daß Herr X. am heutigen Tage in das Verzeichnis der Stlldierenden eingetragen worden ist und bnrcl) Handschlag den Pflichten der akademischen Bürger nachkommen zu wollen gelobt hat." Die llrfimbe von Zürich ist ivortreicher und der alten lateinischen ähnlicher. Schon die Ueberschrift unterscheidet sie in charakteristischer Weise. Sie lautet: ^Jm Stamen des Züricheriscben Volkes und seiner hohen Regierung. Rektor rnid Senat der Züricherischen Hochschiile geben hiermit kund rc. In der Urkunde wird dann noch betont, daß der neue akademische Bürger durch einen Haridschlag auch versprochen habe, den Studien imt Ernst und Eifer obzuliegeii und alles zu meiden, lvas der Hochschrüe zum Schaden oder zur Unehre gereichen könne."

Der Rationalökonöm und Statistiker Geh. Regierungsrat Professor Dr. Viktor B ö h m e r t ist ivegen seines hohell Alters von feinem Posten als Lehrer der Nationalökonomie an der Tech­nischen Hochschule in Berlin zilrückgetreten. Aus Stutt­gart wird berichtet: Für den Bestich der Technischen Ho ch- chule in Stuttgart sind soeben neue Bestimmungen ausgegeben ivorden, die eine Verschärfung der Aufnahmebeding­ungen für Ausländer enthalten. Danach wird bei Aus­ländern zur Bedingung gemacht, daß in ihrem Heintatlande An­gehörige des Deutschen Reiches mit einem deutschetl llieifezeugnis zum Hochschul-Studium als ordentliche Studierende zugelassen iverdeii.

Kunst und Wissenschaft.

Wie die ^Petersburger Ztg." mitteilt, hat die Direktion der Russischen Privatoper den Verfasser derVersunkenen Glocke" aufgefordert, zur ersten Aufführung der von Dawydow kompoliierten gleichiiamigen Oper ttach Petersburg zu kommen. Als Antivort auf diese Aufforderung ist der Direktion der Russischen Oper voii Gerhart Hauptmann ein Telegramm nachstehen­den Inhalts zugegangeli: ^Vielmals Dank für die Einladung. Walill ist die erste Aufführung? Ergebenen Gruß." Sollte diese Anttvort eine Zusage bedeuten, so dürfte, heißt es in der erwähnten Meldung, der Dichter des rvärmsten und freudigsten Empfanges sicher sem.

Ardeitervewegung.

Lille, 6. Okt. Die Ausständigen von Armentie­res hielteit gestern abend eine Versammlung ab, in welcher be­schlossen wurde, heute gegen Lille zu marschieren. Eine große An­zahl Aufständischer begab sich nach Halluin, wo sie die Arbeitenden zur Niederlegung der Arbeit aufforderten. Sie zertrümmer­ten die F e n st e r der Fabrik von Levegtie und errichteten in den angrenzenden Straßen Barrikaden. Es mußten 50©enbarmen requiriert werden, um die Hindernisse weg zu räumen. Der Be- ehlshaber der Truppen hat einen Tagesbefehl erlassen, worin die Soldaten zur Nachsicht und zur Ueberlegung aufgefordert werden, um jeden Konflikt mit den Burgern zu vermeiden.

Gerichtssaal.

d. G i e ß e n, 6. Okt. (Strafkammer.) Die Taglohnee PH. ttnd H. D. zu Älnnerod sollen sich nach der Anklage der ver­suchten Erpressung schuldig gemacht haben dadurch, daß sie den Drechsler Heinrich Bopp von Hausen, der den Angeklagten unweit Annerod begegnete, durch Drohungen zur Abgabe des Ver­sprechens, sie in Annerod frei zu halten, nötigten; außerdem hat sich D. atlch wegen Bedrohung und Körperverletzung des Schuh­machers Heinrich Groh zu verantworten. Das Gericht, das den Tatbestand der Erpressung nicht für gegeben erachtet, sondern den der Nötigung, verurteilt den Angeklagten Ph. D. zu einer Gesamt- gefängnissträse von 4 Wochen, abzüglich einer Woche Untersuchungs­haft, den H. D. zu einer Woche Gefängnis, die durch die erlittene Untersuchungshaft für verbüßt erklärt wird. Ter Weber H. V. von Frischborn hat gegen das ihn zu lOtägigem Gefängnis wegen Körperverletzung verurteilende Erkenntnis des Schöffen­gerichts Lauterbach Berufung eingelegt; er ist heute zum Termin nicht erschienen und es wird daher die Berufung verworfen. ; Der Landwirt H. aus Wißmar hat dem Landwirt Joh. Heinrich Weiß daselbst 11 Gebund Gerste von dessen Acker gestohlen. Da der Wert des gestohlenen Objekts 3 Gulderr übersteigt, liegt kein Feldfrevel, sondern gemeiner Diebstahl vor. Der im straf­rechtlichen Rückfall befindliche Angeklagte erhält drei Monate Ge­fängnis. In der Privatklagesache M. H. gegen H. G. hat das Schöffengericht Alsfeld auf Einstellung des Verfahrens erkannt, da die Sühnebescheinigtmg erst nach Ablauf der gesetzlichen Frist von 3 Monaten bei Gericht eingereicht rvorden fei. Das Berufungs- ericht hebt das erstmstaitzliche Urteil auf, da eine Frist von 3 Monaten nur für Stellung des Strafantrags vorgeschrieben fei, und verurteilt den ^lngeklagteit, der die Beleidigung zugiebt, zu einer. Geldstrafe. Die Strafsache gegen den H. W., Taglöhner von Ortenberg, der sich des Verbrechens im Sinne des§176Ziffer3 des Reichsstrafgesetzbuchs schuldig gemacht hat, endigt mit dessen Verurteilung zu einer Zuchthausstrafe von 1 Jahr und 6 Monaten, auch werden dem Angeklagten die bürgerltchert Ehrenrechte auf 5 Jahre aberkannt. Erfolg mit seiner Berufungseinlegung hatte auch der Landwirt I. H. von Bs.; er hat wegen Sammelns voll Streulatlb einen Strafbefehl erhalten. Die Strafkammer hebt das den Einspruch verwerfende Urteil des Schöffengerichts attf und spricht den Angeklagten, da chm das Bewußtsein der Rechtswidrig­keit fehlte, frei.

Marburg, 6. Okt. Wegen Air st ragens fozial- demokratischer Flugschriften und Stiinmzettel waren zwei Arbeiter aus Kassel am Sonntag, den 7. Juni, also während der Reichstagswahlbewegung, in Frielendorf zur Anzeige gebracht und auch mit einer Geldstrafe von je 6 Mk. bedacht worden. Sie sollten sich der Uebertretung einer Polizeiverordnuitg dadurch schuldig gemacht haben, daß sie, als es von Spießkappel, zu dessen Pfarrbezirk Frielendorf gehört, bereits zum Kirchgänge läutete, immer noch von Haus zu Haus gingen und ihre Schrtflen abgaben. Tas sei eine Arbeit und noch obendrein auf öffentlicher Straße geschehen. Tas Landgericht hier, welches sich mit der Sache heute befaßte, war anderer Meinung. Daß Fltigblätter auf der Straße ausgegeben tvurden, sei nicht erwiesen und m dem bloßen Tragen eines Packets über die Straße sei keine Störung des religiösen Ge­fühls anderer Leute zu erblicken. Eine Polizeiverordnung, die das verbiete, könne vom Gericht nicht anerkannt werden. Die beiden Flugblattverteiler erzielten Freisprechung.

Berlin, 6. Okt. Die Strafkammer des Landgerichts 2 ver­urteilte den Grafen P ü ck l er-Kl e in-Ts ch i rn e wegen wiederholter Beleidigung zu 60 Alk., den Mitangeklagten Stenographen Schimmelpfennig wegen einfacher Beleidigung zu 30 Mk., der Verleger B ruh n und Inspektor Kirchner wurden freigesvrochen. Es handelte sich um eine gegen bie Inden gerichtete Kampfes rede am 6. Juni, die in derStaats- bürger-Ztg." abgedruckt und durch die Alitangeklagten verbreitet worden mar.

Tübingen, 6. Okt. Das Schwurgericht verurteilte die beiden Vagabuliden Raeppler und Hespeler^ welche am 26. Juli den 60jährigen Privatier Krauß in feiner Wohnung überfielen, erdrosselten und beraubten, zum T ad e.

Handel und Verkehr. Dolkswirlschast.

Berliner Börse vom 6. Oktober 1903.

(Mitgeteilt von der Bank für Handel und Industrie, Gießen.)

Den gestrigen lokalen Gewinnrealisationen folgten heute solche des Publikiims und die Börse begann heute auf fast allen (Sebieten zu ermäßigtem Niveau. Auch die matte Haltung des Londoner Platzes ließ feine bessere Haltung auskommen, bis große Käufe auf dem Baiikenmarkle, begrünt)et mit allerhand Börsenreiormgerüchten, dem Aiarkte wieder die nötige Anregung verschafften. Bald ha(te sich die bessere Tendenz auf die übrigen Märkte verbreitet, wozu bessere Londoner 'JJlinenfuiie, das Gerücht von einer Berufung Szell's zum österreichischen Kaiser und bie Nachricht von dem Zu­standekommen des Stahlverbandes beitrugen und der Markt schloß allgemein zu höheren Kursen als gestern. Die Leichtigkeit des Geld*