Samstag, 7. Februar 1903
153. Jahrg.
Erichen» lügltch mit Au^nadme des Sonntags.
Ti .Gietzei. $amilienblätter,‘ werden dem Anzeiger vierma wöchentlich beigelegl. Ter , taadwieffchemt monatlich einmal.
Giehener Anzeiger
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Rotationsdruck und Verlag der Vrühl'hch« UniversuätSdruckerei (Pteffch LrdenZ, fcwfcm.
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Eichen.
Parlamcntalischt Berhandlmiftc».
Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestaltet.
Deutscher Reichstag.
25 2. Sitzung vom 6. Februar.
1 Uhr. Das Haus ist sehr schwach besetzt.
Am Bundesrathstisch: Graf Bülow, Graf Posadowsky, Frhr. v. Thielmann u. A. .
DaS Gesetz betr. die Kontrolc des Rerchshaus- Halts für 1902 wird in erster und zweiter Berathung dcbatten- los erledigt. t m
Die Uebersicht der Reichs-Ausgaben und Einnahmen für 1901 wird der Ltechnungs-Kommission überwiesen.
Die Uebersicht der Gnnahmen und Ausgaben der Schutzgebiete Kamerrm, Togo, Neu-Guinea und Kiautschou für 1901 wird in erster Berathung erledigt.
In zweiter Berathung wird nach den Vorschlägen der Rechnungskommisiion erledigt, die endgiltige Uebersicht der Einnahmen und Ausgaben deS o st afrikanischen Schutzgebietes und der Schutzgebiete von Kamerun, Togo, Süd-Wcst- afrika, Neu-Guinea imb Kiautschou für 1899 unb 1900.
Die allgemeine Rechnung über ben Reichshaushalt für 1 8 9 7/9 8 wird in zweiter Berathung genehmigt.
Hierauf wird die z Weitz« Berathung des Etats des Reichskanzlers fortgesetzt.
Mg. Dr. Rösicke (B. b. L.): Ich mochte ben Reichskanzler fragen, wie es mit ber Durchführung ber beim Weingcsetz angenommenen Resolution bezüglich Vorlegung eines Gesetzes zur Kontrole bes Verkehrs mit Nvhrungs- unb Genutzmittcln steht. Ferner frage ich, ob es richtig ist, daß Verträge über die Lieferung von Fleisch mit einer kanadischen Firma seitens der Heeresverwaltung abgeschlossen sind. Hierburch würde die deutsche Land- wirthschaft schwer geschädigt werden. Auch kann es sich doch nur um Büchsenfleisch handeln, dessen Einfuhr direkt verboten ist. Bezüglich der Brüsseler Zuckerkonvention sind uns hier nicht richtige Eicklärungen über das Verhältnitz Englands zu seinen Kolonien gemacht worden. Der Rechtfertigungsversuch der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" betreffs des Herrn Körner kann die Thatsache nicht aus der Welt schaffen, daß die Regierung einen Vertrag ratifizirt hat, über besten Auslegung schwere Zweifel bestanden. Wir haben ben Vertrag unbedingt ratifizirt, während England ihn nur bedingt ratifizirt hat. Wir müßten daher den Vertrag .wückziehen, bis chn England auch unbedingt ratifizirt hat. Ferner bot es sich herausgestellt, daß Rußland gegen die Erhebung von Kampfzöllen protestirt, weil diese den Handelsverträgen widersprechen. Auch hierüber hätte man sich Klarheit schaffen sollen, wir können mit Rußland doch keinen Zollkrieg anfmiaen wegen eines Fehlers, den wir hätten vermeiden können. Bedauerlich ist es, daß trotz der Differential-Zölle noch immer kanadischer Weizen zu einem billigeren Zollsatz hineinkommt. Der Zollausfall macht mindestens eine halbe Million aus, wir haben doch keine Veranlassung, den Kanadiern eine halbe Million zu schenken. In Venezuela, wo es sich ursprünglich um großkapitalistische Inter - esten harchelte, ist jetzt unsere nationale Ehre engagirt. Wir müssen kräftig einschreiten. Nur wünschte ich, daß wir etwas selbständiger vorgegangen wären, den Amerikanern brauchten wir nicht nachzulaufen. Die Mahnung des Reichskanzlers, die Person des Monarchen nicht zu sehr in die Debatte zu ziehen, hat in weiten Kreisen des deutschen Volkes Anklang gefunden. Aber wenn der Kaiser sich so aggrestiv äußert, so läßt es sich schwer vermeiden, hier seine Reden zu besprechen. Der Reichskanzler sagte gestern, er ginge immer den Mittelweg, aber nach seinen Aeuße- rungen thut er das nicht immer. Im Landwirthschaftsrath hat der Kanzler gestern wieder so schön gesungen, wie der Vogel, ber seinen Namen trägt, ber Rattenfänger von Hameln hätte es nicht bester machen formen. (Heiterkeit.) Er hat noch mehr gethan, er hat ber Landwirthschaft Undank vorgeworfen. Aber es sollte umgekehrt sein. Die Regierung sollte ber Landwirthschaft dankbar sein für all die Opfer, die sie dem Reiche und dem Staate geleistet hat. Er kcmn es uns nicht verdenken, wenn wir glauben, daß bei seiner Rede nichts Anderes herauskommt, als Versprechungen.
Staatssekretär Frhr. v. Richthofen: Herr Roesicke hat wiederum Pen Beschwerden Ausdruck gegeben, die von ihm nahe stehenden Abgeordneten schon wiederholt gegenüber einem hervorragenden Beamten meines Restarts erhoben sind. Durch eine Notiz in der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" ist ja schon mitgetheilt worden, daß Herr von Koerner lediglich nach den ihm gewordenen Instruktionen gehandelt hat. Herr Roesicke hat seinen Vorwurf, betreffend die Brüsteler Konvention, auch gegen die Regierung gerichtet, und daher werde ich etwas freier reden, als ich es sonst thun würde. Die parlamentarische Verhandlung über Verhältnisse des Auslandes hat etwas sehr Mißliches. Besonders gilt das von solchen Verhandlungen, die an abgeschlossene Staatsverträge an knüpfen, mit Rücksicht darauf, daß diese an sich zunächst nur eine Art Programm sind und daß sie in Wirksamkeit treten erst durch den Austausch der Ratiffkationen. Bei diesem Austausch können wir selbstverständlich für das eigene Land noch Vortheile erzielen und wo etwa ein Versehen paffirt ist, dieses noch gut machen. Aber die parlamentarische Verhandlung kann auch dem anderen Kontrahenten die Möglichkeit geben, eine Lücke zu finden, die er seiner Zeit auszufüllen bemüht sein wird. Wie ist es nun? Die britische Regierung hat auf der Brüsteler Konferenz die Stellung eingenommen, daß sie Zuschlagsprämien von dem aus ihren Kronkolonien eingeführten Zucker nicht zu zahlen habe; sie hat aber dieser ihrer Anschauung in den Konventionsakten selbst keinen Ausdruck gegeben. Dce Delegirten der anderen Staaten standen nun vor der Frage, ob sie die britischen Delegirten an die Wand drücken und ihnen sagen sollten: Ihr müßt, ehe wir die Konvention abschließen, diese Auf- fastung fallen lasten. Was wäre die Folge gewesen? Daß England, das die sämmtlichen Atouts nahezu in der Hand hatte, zweifellos darauf nicht eingegangen und die Konvention nicht zu Stande gekommen wäre. Es wurde der Ausweg gefunden, den die englischen Delegirten selbst vorschlugen, diese Frage offen zu lasten zur Entscheidung für die in Brüssel einzusetzende Kommission, für . den Fall, daß die Frage praktisch würde. Dadurch blieb noch die Möglichkeit gegeben, unsere Anschauung zu wahren und vielleicht auch sie zur praktischen Geltung zu bringen. Darauf kam die Parlamentsverhandlung. Man trat, wenn ich so sagen darf, dem Löwen auf den Schwanz. Die britische Regierung mußte mich in ihrem Parlamente zu der Frage schärfer Stellung nehmen, als es bis dahin geschehen war. Vorher hatte Niemand für diese Frage irgend ein Interesse kund gegeben. Wir haben nun zum Ausdruck gebracht, daß, falls etwa größere Quantitäten Zucker mls den Kolonien nach England eingeführt würden, wir uns volle Aktionsfieiheit vorbehielten. So liegt die Sache. Vorläufig sind wir ber Ansicht, daß die praktische Bedeutung der Frage nicht sehr groß ist.
Was Rußland anbetrifft, so war nach den früher:» Erklärungen anzunehmen, daß Rußland keine Schwierigkeiten, erheben 1
wurde. Mit Sicherheit konnte das Niemand sagen, weil Rußland bei den Konferenzen nicht vertreten war. Wie die Sachen aber auch jetzt stehen, so ist doch nicht ausgeschlossen, daß Rußland später den Beschlüssen noch beitreten und den Segnungen, welche die Brüsteler Konvention bietet, sich auf die Dauer nicht verschließen wird.
Staatssekretär Dr. Graf von Posadowskv: Es ist mir aus dem Bunde der Landwirthe heraus das Wort in den Mund gelegt, man könne nichts Positives mehr für die Landwirthschaft thun. Ich konstatire hiermit, daß ich niemals etwas Derartiges ober auch nur etwas Aehnliches gesagt habe. So etwas kann überhaupt ein Minister nicht erklären. Ich gebe ohne Weiteres zu, baß der Druck der öffentlichen Lasten auf die ländlichen Kreise bedeutend schwerer ist als auf die städtischen. Tas kann Niemand leugnen, der jemals auf dem Lande war. Die ländlichen Verbände sind eben viel kleiner, und so vertheilen sich die Schullasten, Wegelasten usw. auf eine geringere Zahl von Schultern. Aber man darf es nicht so darstellen, als ob die öffentlichen Lasten nur auf dem Lande ruhen, die städtischen Kommunen haben auch eine große Menge. Gewiß ist der Bauernstand eine der wichtigsten Grundlagen des Staates. Ist es aber recht, daß man fortgesetzt im Lande herumreist und dem Bauern erklärt: Die Regierung ist schlapp, die Regierung vertritt die deutschen Interesten gar nicht gegenüber anderen Staaten, es wird viel versprochen, aber nicht gehalten? Wenn Sie wirklich der Ansicht sind, daß der Bauernstand die Grundlage des Staates ist, dann müsten Sie doch mithelfen, das Vertrauen des Bauern zu der Regierung zu erhöhen, aber nicht es zu erschüttern. (Sehr , richtig! links.) Daß seitens eines Ressorts des Reichs Verträge ab- ; geschlossen seien mit amerikanischen Firmen wegen Lieferung von Vieh unb Fleisch habe ich auch in den Zeitungen gelesen. Ich habe darauf bei allen Ressorts Erkundigungen einziehen lasten, aber noch feine Antwort darauf erhalten. Sobald Antwort kommt, werbe j ich Ihnen Mittheilung zukommen lasten. Der Anregung, die hier im [ Hause gegeben ist, eine allgemeine Kontrole ber Nahrungsmittel auf ; gesetzlichem Wege herbeizuführen, ist von meiner Seite sofort Be- , achtung geschenkt worden. Es haben Erwägungen ftattgefunben; i eS sind aber ernste Bedenken finanzieller Natur erhoben worden, I weil das Gesetz die Anstellung besonderer Konrrolbeamter für Nahrungsmittel zur Voraussetzung hätte, denn lediglich in den Händen j der gewöhnlichen Polizei würde sie zu unsachverstänbig ausgeübt i werden. Vom Standpunkte des Reichsamts des Innern würde ich die Einführung einer allgemeinen Nahrungsmittettontrole für sehr I Wünschenswerth halten. Daß in großen Massen kanadischer Weizen zum Konventionszoll nach Deutschland kommt, ist eine Legende, die immer wieder kehrt. Der nach Deutschland gelangende kanadische Weizen ist überall zu dem autonomen Zollsatz von 5 Mk. eingeführt worden. Die Statistik ergiebt, daß erhebliche Mengen kanadischen Weizens überhaupt nicht eingeführt sind; sie gelangten meist nur bis in das Freihafengebiet zur Wiederausfuhr nach dem Auslande. Was die Einfuhr von Mehl anlangt, bas ans kanadischem Weizen in den Vereinigten Staaten hergestellt ist, so können für ein derartig veredeltes Produkt natürlich nur die Konventional- sätze gelten. Jedenfalls können Sie davon überzeugt sein, daß seitens der Regierung Alles gethan wird, um eine ungesetzliche Getreideeinfuhr zu verhindern.
Mg. Hng (Tentr.): Für die Landwirthschaft ist es ein Segen, baß der neue Zolltarif zu Stande gekommen ist; wäre er gescheitert, so hätten wir Handelsverträge auf Grund des alten Tarifs bekommen, die nothwendiger Weise für die Landwirthschaft ungünstig gewesen wären. Ich kann Herrn Barth nicht zugeben, daß auf Grund des jetzigen Tarifs Handelsverträge schwierig, ja unmöglich sein sollen. Man darf nie vergessen, daß das Ausland großes Jntereste an den Beziehungen mit und hat. Redner bringt hierauf noch einige Lokalwünsche vor. Sein Wahlkreis (Constanz) grenzt an die Schweiz, seine Wähler haben deshalb spezielle Wünsche bei ber Regelung der Handelsbeziehungen zu ber Schweiz; insbesondere in Bezug auf den zollfreien Grenzverkehr.
Dbg. v. fiarborff (Np.) betont nochmals, daß nur auf der Grundlage seines Antrags eine Majorität zu finden war, nachdem die National-Liberalen erklärt hatten, über den Regierungsentwurf keinesfalls hinausgehen zu wollen. AusschlaggÄend sei die Obstruktion ber Sozialdemokraten gewesen, ber man ben Triumph nicht gönnen wollte, zu sagen: „Seht mal, was wir können! Wir haben ben ganzen Zolltarif zu Fall gebracht!"
Mg. Liebermann von Sonnenberg sAntis.) toenbet sich gegen bie Ausführungen des Staatssekretärs von Richthofen, betr. die Brüsteler Zuckerkonvention. Die Engländer brauchten nicht erst vom deutschen Reichstag belehrt zu werden; sie hätten schon von Anfang an gewußt, was sie wollten. Redner findet es ferner unerhört, wenn bie Verpflegung des Heeres durch Abschlüste mit auswärtigen Lieferanten geschehen solle. Das Wichtigste ber Debatte sei bie Diätensache gewesen, am allerinterestantesten waren bie Worte, bie der Reichskanzler über etwaige „Kompensationen" auf dem Gebiet des Wahlrechts sprach. Allerdings, für Verschlechterungen sei eine Mehrheit nicht zu haben; wohl aber für Verbesserungen. Unb eine solche sei die Einführung der allgemeinen Wahlpflicht. Auch Herr Bebel und seine Freunde seien grundsätzlich dafür. In Hessen hat das Centrum ben Antrag auf allgemeine Wahlpflicht gestellt, und Redner aller Parteien haben sich dafür ausgesprochen. Im bairischen Sanbtag ist bas Gleiche geschehen. Eine weise Regierung müßte ben gegenwärtigen Augenblick benutzen unb die Reserven gegen ben Umsturz heranziehen, so lange es noch Zeit ist. Der Staat, der bie allgemeine Schulpflicht, bie allgemeine Wehrpflicht eingeführt hat, barf nicht zögern, bie allgemeine Wahlpflicht einzuführen, diese Wehrpflicht gegen den Umsturz. Die 3% Millionen, die jetzt der Wahlurne fern bleiben, würden bald aufräumen mit der Sozialdemokratie, sodaß diese aussehen würde, wie — (weist auf die zufällig fast leeren Bänke ber Sozialdemokraten) im gegenwärtigen Augenblick. (Große Heiterkeit bei den, gleichfalls sehr spärlich anwesenden Mitgliedern ber übrigen Parteien.) Die Einführung ber Diäten befürworte auch ich; unser Oberhaus — bie Vertreter ber üerbünbeten Regierungen — bezieht nicht nur Gehalt, fonbern auch noch Tagegelder. Es ist also Sache des guten Geschmacks, daß dieses Oberhaus auch dafür sorgt, daß das Unterhaus — der Reichstag — gleichfalls Diäten erhält. Eine Radikalisirung des Reichstags befurchte ich nicht von ber Einführung ber Diäten, viel eher eine Philiftrisirung. Dem Wunsche des Kaisers nach staatstreuen Arbeitern im Parlament muß Rechnung getragen werden; die Vorbedingung hierzu ist die Einführung der Diäten. Die Diätenfrage ist, wie in der französischen Nationalversammlung 1848 ausgeführt wurde, einfach bie Frage ber Wählbarkeit.
Nun zum Antrag Barth betreffs Neuregelung der Wahlkreise! Eine Neueintheilung der Wahlkreise nach einem Zahlenschema hieße das platte Land entrechten. In einem dünnen ländlichen Wahlkreise ist eine erheblich größere Summe von wesentlichen Jnter- esten des Staatswesens vertreten, als in einem dichtbevölkerten Industriebezirk. Dagegen bin ich für eine Neueintheilung ber Wahlkreise nach geographischen und historischen Gesichtspunkten. Einige Wortt auch noch, hoffentlich zum letzten Mal, über die Bo.'ren' age! Es ist nicht richtig, daß die Boeren Ger rale ihre Ansiew plötzlich geändert hätten. Dies haben mir die Boeren-1
Generale selbst gesagt. Sie haben nur verlangt, zu wissen, wann sie vom Kaiser empfangen werden sollten, weil sie ihre Reise danach einrichten müßten. Ties war doch wahrhaftig kein unbilliges Verlangen. Wenn ihnen gesagt träte, an dem und dem Tage wird ber Kaiser Sie empfangen, wäre Alles in Ordnung gewesen. DaS Schlimmste aber iuar, daß alle Versuche der Boeren, daS Mitz- verständniß aufzuklären, abgelehnt wurden. Da kann man sich doch nicht wundern, wenn man im Volke glaubt, daß Alles vermieden werden sollte, um dem englischen Löwen auf den Schwanz zu treten. In einer Leipziger Zeitung werden jetzt ungeheure Vor- loürfe gegen unsere Kolonialverwaltung gerichtet, Geheimrath Hellwig soll s. Z., um die Kandidatur deS Dr. PeterS für den Gouvcrneurposten von Ostafrika unmöglich zu machen, es veranlaßt haben, daß hier im Reichstag die schwersten Angriffe gegen Dr. PeterS erhoben wurden. Wenn das wahr ist, werden es sich die Kolonialfteunde noch sehr überlegen, ob sie in Zukunft noch den Kolonial-Etat bewilligen. Nachdem mich der Reichskanzler in Folge meiner Etatsrede so schlecht behandelt hatte, sind mir eine Reihe anonymer Karten zugegangen. Mich berührt das nicht, ich sehe sie auf Konto ber Mitglieder jüdischer Raste. (Heiterkeit.) Ich habe, wo ich konnte, stets fier Regierung beigestanden, aber wenn ich sehe, wie die Kluft zwischen Regierung unb Volk immer größer wird, da ist es meine Pflicht als Abgeordneter, dazu Stellung zu nehmen. Die Regierung kann es nicht übel nehmen, wenn man ihr immer den Namen Bismarck entgegcnhält, denn darin verkörpert sich das Ideal und die Zukunft des deuffchen Volkes. Redner geht auf ave Punkte der Rede des Reichskanzlers gegen ihn ein und bestreitet, daß er jemals auf das Ausland geschimpft und Chauvinismus gezeigt habe. Tas Wort „Maulheldenthum", daS der Reichskanzler brmichte, kann auf Abgeordnete nicht bezogen iverdcn, es kann meiner Meinung nur auf die Herren angewandt werden, die die Macht und die Verpflichtung zu Thaten haben, es aber bei großen Worten bewenden lasten. (Heiterkeit.)
Staatssekretär Graf PosadowSkv verliest die inzwischen eingegangenen Antworten der HeereS- und der Marineverwaltung bezüglich ber kanadischen Fleischlieferungen. .Keines dieser beiden Ressorts habe eine solche Lieferung bestellt, die Zeitungsnachricht sei also falsch geloefen. Unbekannt dagegen sei es beiden Restarts, woher die Schiffe in Venezuela ihren Proviant bezögen, die konnten ihn doch unmöglich aus Deutschland beziehen, da die Leute vier Mal in der Woche frisches Fleisch bekommen müßten.
Abg. Dr. Pachnicke (freis. Verg.): Die Rede deS Mg. Roesick mar eine Fanfare zum Kampf im Cirkus Busch, dort wird AlleS in vergröberter Form wiederkehren. Interessant waren die gestrigen Auskünfte des Abg. von fiarborff über die Geheimgeschichte des Zolltarifs. Was sagen die National-Liberalen dazu, die nicht über ben Negierungsantrag hinausgehen wollten, daß der Tarif nun doch in einem wesentlichen Punkte erhöht ist? Europa starrt in Waffen, die man Zolltarife nennt.
In Bezug auf die Wahlkreiseintheilung kommt es nicht auf bie persönlichen Dinge an, die Herr Gamp hineingezogen bat, sondern es kommen schwerwiegende sachliche Momente in Betracht. Es handelt sich um die Frage, ob der neue Reichstag eine Vertretung des deuffchen Volkes von 1869 oder von 1903 fein soll! Was sollen beim ave die mehr ober weniger schönen Redensarte«? Ausreden sind sie, nichts weiter; die Wahrheit ist: man fürchtet auf jener Seite, parteipolitisch geschädigt zu werden. (Sehr wahr!) ES ist ja dem Reichskanzler da auch verdacht worden, daß er zur I größeren Sicherung des Wahlgeheimnisses die Hand geboten hat. ' Redner befürwortet sodann luarm bie endliche Einführung der j Diäten.
Abg. Franken (nat.-lib.): Ich freue mich darüber, daß daS . (Scnlrum in der Zurückberufung der Jesuiten den Anfang zum ; religiösen Frieden sieht. Im Namen ber evangelischen Arbettev- {vereine bitte ich ben Reichskanzler, ben internationalen FriedenS- beftrebungen sein Interesse zu schenken. Herr Hoffmann-Hall hat gestern eine sehr schöne Rede über den ewigen Frieden gehalten, nur hätte ich gewünscht, daß er sie 1970, 100 Jahre nach dem Kriege gegen Frankreich gehalten hätte. Im Elsaß hat jetzt ein Sozialdemokrat den Eid auf die Verfassung geschworen, bannt ist der erste kaiserliche Sozialdemokrat in den Landesausschuß ge- ■ treten.
Abg. von Czarlinski (Pole) bringt wieder polnische Klagen über ungleiche Behandlung vor. Als er mehrere Fälle anführt, bedeutet ibn
Präk. Graf Ballestrem, daß er jetzt nicht die Besprechung der neulichen Polcniuterpellation fortsetzen dürfe.
Abg. von CzarlinSki bricht hierauf plötzlich ab, wendet sich ostentativ um und verläßt den Saal.
Reichskanzler Graf Dülow: Auf den Schluß der Ausführungen des Abg. Liebermann von Sonnenberg, auf ben geschmackvollen Schluß seiner Rede gehe ich ebenso wenig ein, wie auf seine Ausführungen pro domo sua; ich will nur konstatiren, baß die be- friebigenben Versicherungen, bie er abgegeben bat über seine Gesinnung auf bie Franzosen, Englänber, Rusten unb Italiener gewiß ben allerbesten Eindruck machen Icerben. (Heiterkeit.)
9tun ist der Abg. ßiebermann von Sonnenoerg mich zurück- gekommen auf den Empfang ber Boerengenerale. Ich kann den Gewährsmann, von welchem ich neulich sprach, nicht nennen, ohne mich einer Indiskretion schuldig zu machen._ DaS aber kann ich neuerdings versichern, daß eS sich um eine Persönlichkeit bandelt, an deren voller Glaubwürdigkeit nicht der mindeste Zweifel möglich ist. Das wird mir ber Abg. Liebermann von Sonnenberg um so mehr glauben, wenn ich hinzufüge, baß bie be- treffenbe Persönlichkeit nicht, wie er annahm, ein Diplomat ist. (Heiterkeit.) Also biefer Mittelsmann schrieb so: „Die Boerengenerale kamen gestern Mend zu mir, um mir zu sagen, batz bie Behändigung einer Anfrage um eine Aubienz bei bem britischen Botschafter nicht in ihrem Plane gelegen habe. Die Anfrage beim britischen Botschafter erscheint ihnen ausgeschlossen; sie meinen, sie würden gerufen werden: sie werden also warten, bis sie gerufen werden." Welche Einflüsse wirksam gewesen sind, um bei den Boercugeneralen diese plötzliche und vollständige Sinnesänderung herbeizuführen, bin ich nicht in der Sage, zu sagen. Tas zu untersuchen ist auch nicht meine Aufgabe. Thatsache ist jedenfalls, daß bie anfänglich bei den Boerengeneralen vorhanden gewesene Ansicht, Neigung und Bereitwilligkeit, die Audienz bei S. M. dem Kaiser anzunebmen, hinterher modifizirt worden ist. Wenn die Boerengenerale für diese ihre Sinnesänderung darauf hingewiesen haben, daß auch der König von England sie hätte entbieten lasten, so ist dieses Argument kein durchschlagendes. Denn bie Boerengenerale waren seit dem Vertrage von Vereeniging Untertanen Sr. Mas. des Königs von England. Jedem anderen ©ouberäu gegenüber aber waren sie britische Staatsangehörige. Uebrigens kommt es hierauf nickt einmal an, nachdem durch eine seltsame Aenderuuc eine neue Sachlage geschaffen worden war, welche eine Audienz der Boerengenerale beim Kaiser ausschloß.
Nun möchte ich noch mit einigen Worten cingeßen auf bie Handelsvertrags- Unterhandlungen. Durch die bei uns über ben Zolltarif unb über Hanbelsvertragswünschc im Plenum unb in ber Kommission gesührren eingehenden Berathmigen sind


