Ausgabe 
5.2.1903 Drittes Blatt
 
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153. Jahr«

General-Anzeiger. Amt;- und Anzeigeblatt für den Kreis Giehen

VerantworMch ffit den aflgemehttn THL D. Wtttko; für den DnzeigenieU: H. Beet,

Rotationsdruck und Verlag der vrühl'fche» UniverfitätSdrurkerrt (Ptetfch Erden». SMefcen,

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Donnerstag, S Februar 1903

Erscheint tügNch mit Ausnahme des Sonntag«. XW M A A wf

Dirrietz-ne Familienblätter" werden dem g ÄF f B AW

Anzeiger vierma wöchentlich betgelegt. Der N W I W 8 2. B B 8 » Ä ft 8 «I

hesstfche Cfliörolr- erscheint monatlich einmal. ^CZ II | VT >1 V V

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bittet ihn

Frieden nicht zu weit zu verbreiten.

Abg. Hofmann (fortfahrend): Es wäre zu wünschen, wenn

3 5% Uhr.

Präsident Graf Ballcstrem diese Pause zu folgender Ansprache: Mein Herr Abgeordneter, ich kann ja nicht leugnen, das; die Fragen

Deutscher Reichstag.

250. Sitzung vom 4. Februar.

1 Uhr. Das Haus ist schwach besetzt.

Am Bundesrathstisch: Graf Bülow, Graf dowskh u. A.

Abg. Hofmann (fortfahrend): Ich mache von der gütigen Er- laubnitz Gebrauch. Herr Präsident. (Große Heiterkeit.) Redner legt sodann das Packet wieder bei Seite und bemerkt, daß er cs zum Privatstudium empfehle. (Große Heiterkeit.) Es ist aber nur ein Kapitel aus seinem Vortrage über den Weltfrieden gewesen, das der Redner weggelegt hat; jetzt spricht er über die ethischen Wirkungen des Weltfriedens und kommt dabei auf Italien, Oesterreich. Ruß­land, Polen und Frankreich zu sprechen. Hieran schließt sich ein Satz, der vom Sündenregister des kriegerischen Chauvinismus und vom Uebermenschen spricht. Sodann langt Redner unerlvartet noch ein neues großes Packet Manuskript hervor. (Allgemeine Rufe des Entsetzens und große Heiterkeit.) Lassen Sie das doch, sonst unter­bricht mich der Präsident wieder; und es wäre doch schade, wenn ich das nicht Vorbringen könnte, was ich noch vorbringen will. (Große Heiterkeit.) Redner verbreitet sich darauf über das Friedens- Manifest des Zaren, dem alle Fürsten, auch der Papst begeistert zu­gestimmt hätten, und versucht allmählich zum Haager Schiedsgericht üüerzuleiten.

Vicepräsident Graf Stolberg: Ich bitte Sie aber, nur kurze Stellen zu verlesen.

Tlbg. Hofmann- Ich bitte um die Erlaubniß, eine ganz kurze Stelle verlesen zu dürfen. (Sie bezieht sich vermuthlich auf Vene­zuela, bleibt aber beim Verlesen wegen der Unruhe im Hause un­verständlich.) Redner holt ein neues Aktenbündcl hervor (große Heiterkeit) und schildert an der Hand dieses neuen Materials die großen Fortschritte, welche die Friedensidee in allen Ländern gemacht habe. Er warnr eindringlich davor, zu glauben, daß ein Volk gedeihe, wenn cs dem anderen schade, und weist auf die falsche frühere Erweiterungspolirik Preußens hin. (Das Interesse der Ab­geordneten an der Rede nimmt immer mehr ab; die meisten Ab­geordneten lesen oder unterhalten sich mit einander. Nur einige Wenige betrachten den Redner unverwandt wie eine interessante Naturerscheinung.) Mit Stentorstimme ruft er plötzlich in den Saal hinein: Wo ein Wille ist. da ist auch ein Weg! (Große Heiterkeit.) und schließt seine zweistündige Rede mit der Bitte an die Re­gierungen, Alles zu thun, um dem ewigen Frieden die Wege zu ebnen.

Für den Reichstag liegen die Verhältnisse . . , Redner giebt eine Ucbersicht, wie un­

gleichartig d,e einzelnen Wahlkreise in der Bevölkerungsziffer sich entwickelt hätten. Der erste Berliner Wahlkreis zählt nur 18 000 Wähler, der vierte aber 142 000. Von einem gleichen Wahlrecht kann Angesichts dieser Thatsache keine Rede sein. Verfassung und Wahlgesetz verlangen Rücksichtnahme auf die steigende Bevölkerung. Wenn der Reichskanzler sich wegen der Diäten aus einen 53er* sassungsartikel beruft, dann muß er auch uns Rechnung tragen, wenii wir iins wegen der Wablkreiseintheilung auf die Verfassung berufen. (Sehr wahr! links.) Die Zusage des Reichskanzlers, Maßnahmen zum Schutze des Wahlgeheimnisies durch Abänderung des Wahlreglements dem Hause vorzuschlagcn, kommt einer alten Forderung des Hauses entgegen; wir müssen aber wünschen, daß diese Aenderung in einer so präzisen Form erfolgt, daß es nicht möglich wird, sie durch Wahlkniffe und Triks zu umgehen. Die Jsolirräume nuiffen obligatorisch fein, nicht bloß fakultativ, sonst ist der Werth der ganzen Reform sehr gering. (Sehr richtig! links.) Ich komme jetzt noch kurz auf die HandelsvertragspolitÄ. Der wirtbschaftlichc Niedergang ist namentlich verschuldet durch die Unsicherheit bezüglich des Abschlusses künftiger Handelsverträge; es ist deshalb nothwendig, daß die Erneuerung der Verträge sobald wie nur irgend möglich erfolgt. Konsequent ist es nicht, wenn Herr Dr. Oertel dem Reichskanzler sein Gehalt bewilligen will, Angesichts der Sprache, die er und seine Freunde gegenüber dem Reichskanzler geführt haben. Von den Reden seiner Freunde enthielten sehr viele ein bündiges Mitztrauensvorum gegenüber dem Reichskanzler. Will die Regierung Handelsverträge, dann unterlasse sie es w-nigstens, bei den Wahlen für die Agrarier einzurreten. (Beifall links.)

Ein Vertagungsantrag wird angenommen.

Nächste Si^ung: Donnerstag 1 Uhr. Fortsetzung der Berc.chung des Etats des Reichskanzlers, dann Reichs- amr des Innern.

Abg. Groeber (Ctr.). So gut gemeint die Anregungen des Vor­redners auch sein mögen, so eignen sie sich doch nicht zur Erörte­rung in diesem Hause. Redner geht hierauf auf die Handhabung des Jesuitengesetzes ein, die er durch Schilderung einzelner Äus- weisungsinaßnahmen beleuchtet. Redner sucht dadurch gegenüber dem Abg. von Volkmar nachzuweisen, daß die Aufhebung des § 2 sehr wohl von praktischer Bedeutung sei. Trotzdem werden wir nicht .,, - -------- vw.v. -------aufhören, nach wie vor die Beseitigung des ganzen Jesuirengcsetzes

eingerichtete Weltordnung genannt. Man muß endlich allenthalben j zu verlangen, nach dem Grundsatz: Gleiches Recht für Alle! Jn- die Ueberzeugung wachrufen, daß der Krieg ein Verbrechen ist. I dessen: Wir nehmen, was wir kriegen! Sie (zu den Sozialdemo- Obendrein ist er noch em Wahnsinn. Redner fährt in der Schilde- | traten) haben keinen Anlaß, uns an unsere Prinzipien zu erinnern !

fNr^es zwftchen zwilisirten Denken Sie doch an Ihre eigenen!Religion ist Privatsache!" heißt Nationen fort. Was soll denn ;o em Krieg ? Will man 6Ioß unserer 11,2 on.».. cxn«... m>. -----er... ' d

Armee Beschäftigung geben? Wer wird denn Feuer anlegen, damit unsere Feuerwehr etwas zu thun hat, wer wird Pest- und Cholcra- bazillen säen, damit unsere Mediziner glänzend dastehen? Im Krieg werden gerade die Kräftigsten vernichtet. Was übrig bleibt, das sind die Schwachen und Kranken, und deren Nachkommen brüsten sich dann:Wir sind es gewesen, die den Feind besiegt haben!" Krieg und Kultur sind unversöhnliche Gegensätze. (Die Stimme des Redners nimmt einen pathetischen Klang an; im leeren Hause hallt sie wieder wie die eines unzufriedenen Propheten, und erregt große Heiterkeit. Als er eine Weile erschöpft innehält, um Athem zu schöpfen, benutz:

Parlamentarische Perhandlnni,en.

Nachdruck ohne Vereinbarung nichr g'e statt, t.

| es bei Ihnen. Aber Ihre Parteigenossen in Frankreich sind gegen . die Aufhebung be§ Konkordats, bewirken die Aufhebung der Kon- gregationen und insceniren einen großartigen KulturkampfI Und während Sie hier sich darüber entrüsten, daß der Gebrauch der pol­nischen Sprache eingeengt wird, verbieten Ihre französischen Partei- genossen die bretonische Sprache im Gottesdienst. Ucberhaupt: ^Kummern Sie sich doch nicht immer um unsere Angelegcnhetten!

Sorgen Sw dafür, daß uns nicht immer Agitationsstoff gegeben wird, das heißt, daß unsere Forderungen erfüllt werden! Es ist ja geradezu lächerlich, welche Gerüchie immer über unsere Wirksam - ! leit kolportirt werden. Dazu gchöt auch eine geradezu krankhafte Jesuttenschnüffelei, die überall um sich greift: selbst im Hellen I Sachsen hat man schon Ges -fter gesehen! Sie (zu den National- s - . * " 'v*........Liberalen) und speziell die .Uldeutschcn, Herr Dr. Hasse, sollten

der Abrüstung, des internationalen Sdpcdsgerichis und d.-s Welt- froh fein, wenn auch im Jesuitenorden gute deutsche Männer für das ffiepend zum Ressort des Herrn Reichskanzlers gehören. Aber ich Wohl des Volkes, für deutsche Kultur und Wissenschaft arbeiten 1 darf Sie wohl bitten, den Vortrag etwas abzukurzen; die Zeit des Die Aenderiina he® 'JRAftTrenTements Hauses ist wirklich etwas knapp. (Heiterkeit.)

Die Aenderung des Wahlreglements begrüßen wir mit Freu» I den. Diepraktischen" Bedenken der Rechten thcilen wir nicht. Wollten wir jetzt die Reform wieder zurückstcllen, so müßten wir weitere 5 Jahre warten! (Abg. Dr. Oertel nickt.) Ja, Sie möchten freilich diese Wahlen noch mit dem alten Reglement machen. (Abg. Dr. Oertel zuckt die Achseln.) Sie können doch nicht leug­nen, daß mit dem bisherigen Modus großer Mißbrauch getrieben wird. Hier habe ich 2 Stimmzettel aus demselben Wahlkreise. (Redner zeigt beide vor: der eine hat die Größe einer Briefmarke, der andere die eines Theaterzettels.) Da kann man von einer sonderlichen Geheimhaltung nicht mehr sprechen! Und dann die verschiedenen Färbungen und Formen der Stimmzettel! Dazu kommt die scharfe Kontrole, der der Einzelne in vielen Wahlkreisen unterzogen wird! Man giebt ihm einen Zettel und beobachtet ihn, bis er ihn in die Urne gethan hat! Deshalb ist der Jsolirraum eine ganz nothwendige Vorbedingung des Wahlgeheimnisses. Der Jsolirraum braucht keine besonders kostspielige Einrichtung zu fein. Es genügt unter Umständen, ein großes Buch auf dem Tisch aufzu­klappen, hinter das der Wählende tritt. Wir sind der lieber» zcugung, daß durch das neue Reglement allen Uebelständen ein Ende bereitet wird

Auf die Ausführungen des Abg. Barth kann ich nicht viel er­widern. Es liegt mir fern, in seinem Kielwasser (Heiterkeit) schwimmen zu wollen. Ich verstehe nicht, wie er sagen kann, daß wir die Schutzzölle anderer Länder verschuldeten! Der Dingley- Tarif existtrt doch langst! Und auch der russische Taris soll bereits vor zwei Jahren hergestellt worden sein! Und übrigens: glaubt Herr Barth wirklich, daß die anderen Staaten ihre Zölle niedriger stellen würden, wenn wir einen Tarif nach dem Wunsche des Herrn Barth hätten? Das ist doch wirklich sehr, sagen wir, wenig sinnig gedacht! Ich stehe auf dem Standpunkt: Si vis pacem, para bellum 1 Ich ziehe aus den Erfahrungen der letzten Tage den Schluß, daß die Regierungen noch viel mehr der Mehrhcst dieses Hauses hätten nachgeben müssen, wenn diese nur fest geblieben wäre 1 Denn sie wußte ja, was im Auslande sich vorbereitete, und hätte auf keinen Fall auf eine starke Zollrüstung verzichten müssen! Die Caprivische Handelspolitik hat weder der Industrie, noch dem Handel, noch endlich der Landwirthschaft irgendwie genutzt! Es ist Lest, daß wir endlich mit den Resten dieser Periode aufräumen, -äsenn die nächsten Handelsverträge das Gegentheil der Capribischen bringen, wenn die RegierungenPater peccavi" in optima forma lagen und ernstlich der Landwirthschaft zu helfen bemüht sind, bann weröe id) noch einmal so gern, als ich es jetzt thue, das Gehalt des Reichskanzlers bewilligen. (Heiterkeit und Beifall rechts.)

. Hoftnann-Hall (südd. Vp.) verbrestet sich über die inter- nanonale Lage im Allgemeinen, über die Verminderung der Gefahr internationaler Zusammenstöße bei höherer Entwickelung der ge- ttEnten Kultur- unb Wirthschaftsverhältniffe und über ine Bedeu- ?J ac 7 ^ct Schiedsgerichts. Er spricht über die Entwickelung

Wrustungsgedankens, dessen mannigfachen Windungen er in fcta?rt.($eC ^?^eht. Er schildert eindringlich die Fpiebens- bestrebungen der Friedensfreunde. (Während dessen wird der Saal immer leerer; der Saal Nimmt ein ungemein friedliches Aussehen an; die wenigen Abgeordneten Verhalten sich sehr ruhig, zmn Theil schlafend.) Redner entwirft eine bewegte Darstellung der Schreck­nisse eines Krieges, dem so viele Menschenleben zum Opfer fielen. Zu Unrecht habe man den organifirten Massenmord eine von Gott

Die zweite Berathung des Etats des Reichskanzlers wird fortgesetzt.

Hierzu liegt vor ein Antrag des Abg. Dr. Barth (freis. Vgg.) auf Neueintheilung der Reichstagswahlkreise.

Abg. Dr. Oertel (kons.): Die Aufhebung des § 2 des Jesuitcn- gesetzes überrascht uns nicht. Die Mehrheit meiner Freunde hat tmmer dem Antrao Limburg-Stirurn zugestimmt, der jetzt Gesetz werden soll. Wir hoffen, daß die Aufhebung des § 2 den konfessio­nellen Frieden stärken wird, lieber die angekündigte Abänderung des Wahlreglements habe ich bereits vor einiger Zeit hier gesprochen Ich habe scherzweise von einemKlosetgeseh" gesprochen; man braucht mir diesen Scherz nicht übel zu nehmen. Der Abg. Barth fagre gestern, wir seien entsetzt über die Ankündigung. Er ist ein schlechter Seelenleser. Die Angelegenheit ist nicht derart, daß man darüber entsetzt fein kann; da giebt es immerhin Wichtigeres. Nur überrascht waren wir, da wir uns noch nicht genügend an dasNil admirari" gewöhnt haben. (Heiterkeit.) Wir wissen ja nicht, was zwischen dem 22. Januar 1902 und dem 23. Januar 1903 sich er­eignet hat. Damals erklärte die Regierung das Wahlreglement als ein qmetum, das man nicht movere dürfe. Jetzt wird man sich plötz­lich einersittlichen Pflicht" bewußr! Merkwürdig! Gerade am Ende einer überlasteten Legislaturperiode! Der vorgeschlagene Weg scheint, uns nicht gangbar und nicht zweckmäßig. Nun, der Reichstag wirb sich ja mit der Angelegenheit befassen müssen, da nach § 15 des Wahlgesetzes die Abänderung des Wahlreglements der Zustimmung des Reichstages bedarf. Nun verlangt noch ein Antrag Barth eine Reueintbeilung der Wahlkreise. Ich wundere mich darüber, daß der Antrag die Unterschrift des Herrn Richter nicht trägt. Herr Richter hat auch gestern, offenbar wegen der vorgerückten Zeit, es verab­säumt, feine Stellungnahme zu präzisiren. Vielleicht holt er dies heute durch Herrn Dr. Wiemer nach. (Heiterkeit.) Wir sind mit dem Fürsten Bismarck der Meinung, daß von der Eintheilung der Wahlkreise auch das Wort gilt:quieta non movere". Revidirt man die WahlkreiSerntheilung einmal, so muß man dies immer wieder thun, nach jeder Volkszählung jedenfalls. (Allerdings! links.) Und das halte ich nicht für zweckmäßig, Angesichts der beständigen Fluktuatton der Bevölkerung. Was die Diätenlosigkeit anlangt, so bin ich der Ansicht, daß diese gerade die Ordnungsparteien schädigt und nicht die Sozialdemokratie. Es ist dies ein Zweckmäßigkeits­moment, das man nicht außer Acht lassen darf. Was der Abg. Fürst Bismarck vorgebracht hat, ist ja bemerkenswerth, nicht nur wegen des Gewichts seiner eigenen Persönlichkeit, sondern weil es die Meinung des Altreichskaiizlers darstellte. Nichtsdestoweniger hat die Erfah­rung gegen diese Argumentation entschieden. Ganz und gar dagegen bm ich, daß die Diärengewährung gegen Kompensationen auf dem Gebiet des Wahlrechts stattfindet, obgleich ich weiß, daß ich damit einer großen Anzahl meiner Freunde entgegensetze. - Die vorgc- schlagenen Kompensationen sind zum Theil bedenklich, zum Theil bei ber jetzigen parlamentarischen Situation undurchführbar. Die Diäten bilden ncwb meiner Meinung eine nothwendige Ergänzung des allgemeinen Wahlrechts. Man befürchtet von der Einführung der Diäten die Entwickelung einesBerufsparlamentarierthums". Ja, m gewissem Umfange ist solch ein Berufsparlamentarierthum sehr gut. Wohin sollte man kommen, wenn es nicht unter uns ein Paar unglückliche Hühner geben würde, die das Parlamentarierthum zur ersten ober zweiten Natur gemacht hätten! Die Arbeit in den Kommissionen und im Plenum wäre unmöglich, wenn alle nur vom Parlamentarismus naschen wurden, wie es die Mehrzahl in diesem hohen Hause thut l

Nun noch einige andere Dinge: Wie steht es mit der von uns gewünschten Statistik über die Herkunft der Rekruten? Ich kann mir nicht denken, daß ernsthafte milstärische Interessen der Ver­öffentlichung dieser Angaben im Wege stehen sollten! Wenn es sich Herausstellen sollte, daß die Mehrzahl vom Lande gestellt wird, so braucht man davon keine Verminderung unserer Wehrkraft zu befürchten, sondern man hat eben dann dafür zu sorgen, daß die Landwirthschaft entsprechende Anziehungskraft auf die Bevölkerung «uäüfct und so die Anzahl der Landbewohner steigt 1

Abg. Dr. Wicmcr (freis. Vp.; schwer verständlich, weil er bet Tribüne den Rücken zukehrt): Der Name des Abg. Richter steht nur man sich wengstens daran gewöhnte, das HaageV Schiedlich?'als S^ffe^ \oeiTVe« Ä S L Ä9 bcc eine ernste feststehende Einrichtung aufzufassen. Redner vcrmchtet wmmelt wurden D?r Anttao Ä nw

Stolberg verzweiflungsvoll den Blick auf die Uhr Hefter. Auch die - ? n 1 Wltmm.

Chinapolitik wird von dem Redner in den Bereich seiner Erörterung gezogen; desgleichen die Vergewaltigung, die Rußland gegenüber den Finnen verübe. Als Redner darauf etwas vorzulesen beginnt, bemerkt

Vicepräsident Graf Stolberg: Herr Abgeordneter, Sie können ~ rs - -----«r1; -------o

zweifellos über das Haager Schiedsgericht hier sprechens ich möchte ! 7^ --^^Ngkett Schuld ist an der Abwesenheit so vieler Mstglieder! Sie aber doch bitten, die historischen Rückblicke nicht zu weit auszu- ' ist die dochzte Zeit, daß hier eine Aenderung eintritt, dehnen. (Heiterkeit.) 1 n" rx1

Abg. Hofmann (fortfahrend): Das ist sehr schade. Ich habe noch ganz interessante Kapitel vorzutragen. (Die Heiterkeit im Hause nimmt immer mehr zu.) Damir Sic wenigstens wissen, was Alles noch in dem Vortrag drin steht, will ich Ihnen die Uebcrschriftcn der folgenden Abschnitte mittheilen. Redner verliest nun unter großer Heiterkeit der Anwesenden diese Ueberschriften:lieber den bewaffneten Frieden",lieber die einzelnen Kriege" usw. Er fährt dann fort: Ich habe mich bemüht, den Krieg zu tobten, unb ich glaube auch, daß die Wirkung doch einigermaßen da sein wird. Ich gehe jetzt zu einem anderen Gebiet über. (Allgemeine spannungsvolle Erwartung.) Ich bitte um etwas Geduld. Acht Stunden werde ich ja nicht sprechen. ?lber ich brauche doch immerhin eine gewisse Zett. Es ist eine alte Erfahrung, daß jede neue große Idee zunächst als eine Träumerei bezeichnet wird. So geht es auch der Idee des allgemeinen Weltfriedens. (Große Heiterkeit.) Ein Verlust, den ein Volk im Kriege erleidet, ist ein Verlust für alle Völker. Ich bin deshalb kein geringerer Würtemberger, weil ich auch für Preußen unb Deutschlanb und andere Völker ein Herz habe. (Große Heiter­keit.) Die Monarchen haben die Friedensbesttebungeu Jahrhunderte hindurch für republikanisch gehalten und sie bekämpft; nur so ist es Nun zu der beantragten Neueintheilung der Wahlkreise l Man zu erklären, daß der Srieg noch immer nicht aus der Wclt geschasst kann in diese nicht cintretcn, ohne gleich die materielle Frage der ist. Redner macht nunmehr eine lange Pause, sieht sich im Hause Bedeutung der Wahlen selbst auszurollen. Die Neueinrheilung, wie ttiumphirend um, sodaß die Anwesenden denken müssen, jetzt kommt sie gedacht ist, würde eine bedeutende Verschiebung zur Folge haben, etwas ganz Besonderes, und fährt bann fort:Im Mittelalter", die schließlich auf eine Verkümmerung der Rechte der ländlichen (Stürmische Heiterkeit.) Diese Worte bilden die Einleitung zu Mähler hinauslaufen würde. 1882 Hai Windthorst bereits erklärt, engeren historischen Rückblick auf die Friedensbewegung, man dürfe bei diesen unruhigen Zeiten nicht an eine Aenderung aij Webner em neues umfangreiches Manuskriptbündel hervorholt, der Wahlweise gehen! Wollen Sie behaupten, daß wir jetzt fried- ' " * 'n i lichere Zeiten haben? (Gelächter links.) Sie verfolgen mit Ihrem

Vicepräsident Graf Stolberg, sich auch über den allgemeinen Anttag ja nur agitatorische Zwecke! Dagegen ist die Gewährung .... ---t*. --ü ... | bon Diäten ein dringendes Gebot politischer Nokhwendigkeit. Die

1 Diätenlosigkcit verhindert de facto große Schichten des Volkes an der Ausübung ihres Wahlrechts. Die Diäten würden auch den Reichsgedaitten stärken. Tie große Mehrzahl der süddeutschen Abgeordneten erscheint jetzt thaffächlich nur selten im Reichstag. Tie Tiätenlosigkcit führt zur Ucbcrtreibung der Doppelmandate. Und wenn die außerpreußischen Landtage tagen, sind im Reichstage tbatsächlich nur die Preußen vertreten, der Reichstag ist also nicht mehr eine Vertretung des ganzen g i deutschen Reiches. Die Geseygebung ist jetzt abhängig von d. Willkür irgend eines radi­kalen Mitglieds, dem es einfällt, b: uszählung zu beantragen, bon Treibereien Hincer den Coulisscu. (Zurufe links: Gentrum! Gentrum!) Das ist doch fein gesunder Zustand! Ter Abg. Fürst Bismarck hat gestern so überzeugende Gründe gegen die Diäten an­geführt! Er meinte, der Absentismus hänge damit nicht zusammen Ja, Herr Abgeordneter . . . (Redner blickr auf den Platz des Abg. öütft Bismarck, der aber leer ist), ach so, hqpte ist er nicht mehr hier. (Heiterkeit; Zuruf rechts: Entschuldigt!) Ja, entschuldigt!

i Das kostet ja nur eine Briefmarke (Heiterkeit), eine Anzeige anS > Präsidium! Ich glaube, trotz dem Abg. Fürst Bismarck, daß die

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