Garnison in Warmbad in Dcutsch'-Sübwestrrfrika trott Hottentotten massakriert worden sei. Nach einer Kapstadter Meldung {et der deutsche Konsul in Kapstadt benachrichtigt worden, daß sich der Stamm der Bondei- zwartS int Damara Lande im Aufstande befinde. Nach den von den Eingeborenen stammenden Informationen zufolge sei der Häuptling der Bvndelzwarts getötet worden. (Diese Nachrichten bestätigen und ergänzen unsere gestrige Meldung. D. Red, d. „Gieß. Anz.")
Ausland.
Stockholm, 3. Nov. Wie aus Helsingfors gemeldet wird, ist der abaesetzte Bürgermeister und jetzige Advokat Hallonölvd in Sordavala (Finland) vom Gouverneur in Viborg verhaftet und als erstes Deportationsopfer unter strengster Isolierung nach Rußland ab- geführt worden.
Paris, 3. Nov. Ävubet beantwortete den letzten Brief des Z a r e u durch ein Schreiben, dessen Inhalt dem Mintsterrat betarrnt gegeben wird. Der Sekretär des aen Lamsdorfs äußerte in einem Interview, daß die
en Bülow und Lamsdorff diesen Freitag eine längere Beratung haben werden. Lamsdorff sei überzeugt, daß deutscherseits nichts verabsäumt werde, die Bemühungen Oesterreichs und Rußlands in Lonstantinopel zu unterstützen.
Rom, 3. Nov. Das M'in ister-i-nm ist nunmehr gebildet imb wie folgt zusauunengesetzt: Dorsch und Inneres Giolitti, Auswärtiges Tittoni, Justiz Romhettch Schatz Luzzatti, Finanzen Rosano, Krieg General Pedotti, Marine Admiral Mirabello, Unterricht Orlando, Oeffentliche Arbeiten Tedesco, Ackerbau Rava, Post und Telegraphen Stellutü Scala.
Graz, 3. Nov. In der heutigen Sitzung des steierischen Landtags wurde seitens der Bauernbündler, Slo- veneu und Konservativen bei verschiedenen Anträgen die namentliche Abstimmung beantragt und auch vorgenom- men. Diese Obstruktion hanA mit dem Umstand zusammen, daß die Wablreformvorlage aus dem Ausschuß noch nicht vor das Haus gelangt ist.
Yokohama, 3. Nov. Nach amtlichen Meldungen, die in Korea eingetroffen sind, haben die Russen Dun- ganfu geräumt. Die Festungswerke werden geschleift. Die Nachricht von der Wiederbesetzung Mukdens wird in Tokio amtlich bestätigt.
Belgrad, d. 9tov. Hier und in anderen serbischen Städten wurden in den letzten Tagen 200 Offiziere verhaftet, jedoch infolge Mangäs an Beweisen für ihre Beteiligung an der Verschwörung wieder entlassen. In den Kasernen wurden zahlreiche Flugschriften konfisziert, in denen die Truppen zur Verwe igerung des Gehorsams aufgefordert werden.
Konstantinopel, 3. Nov. Die Antwort der Pforte auf die Reformnote ist heute abend den lschaftern von Oesterreich-Ungarn und Rußland zugegangen.
Airs Stadt und Land.
Gießen, den 4. Jtovember 1903.
L. U. Geheimrat Kattenbusch. Am 1. Oft d. I. waren 25 Jahre vergangen, feil der Geh. Kirchenrat D. Ferdinand Kattenbusch als ordentlicher Professor an der Landesuniversttät angestellt wurde. Da der Tag in die Ferien fiel und der Jubilar bei Beginn der Vorlesungen zur Synode in Darmstadt weilte, ist zur Feier der 4. November ausersehen, d. ü der Tag, au bau der Jubilar ror 25 Jahren seine erste Vorlesung an der Landesunioer- fität gehalten hat Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht, Geh. Kirchenrat D. Kattenbusch zu diesem Tage das Ehrenkreuz des Verdienstordens Philipps des Großmütigen zu verleihen. Im Auftrage Großherzoglichen Ministeriums des Innern hat der Rektor der Landesuniversität dem Jubilar die Auszeichnung überreicht und dabei erneut zum Ausdruck gebracht, wie sehr e§ die Großherzogliche Regierung bedauert mck dem Ablauf des Wintersemesters auf die ersprießlichen Dienste und die ausgezeichnete Lehrkraft des Jubilars verzichten zu muffen. Im Namen der Theologischen Fakultät hat der Dekan Pros. Dr. Balden- sperger die Glückwünsche dargebracht.
** Personalien. S. K. H. der Großherzog haben dem Oberkonsistvrialrat und Superintendenten Waldemar Petersen zu Darmstadt die Erlaubnis zur Annahme und zum Tragen des ihm von Sr. M. dem Könige der Hellenen verliehenen Komturkreuzes des griechischen Erlöserordens erteilt — S. K. H. der Großherzog haben dem Pfarrer und Dekan Georg Bayer zu Kelsterbach die evangelische Pfarrstelle zu Groß-Gerau, Dekanat Groß-Gerau, übertragen.
** Kreisrat Dr. Wallau. Das „Tarmst £gjbL" druckt unsere Notiz über die Zurücknahme der Versetzung (nicht „Ernennung"!) des Kreisrats Dr. Wallau von Lauterbach nach Bensheim ab und meint dazu, unsere „Meldung" sei „wohl so verstehen, daß man den Wahlkreis der Eventualität einer Neuwahl nicht aussetzen wollte, die infolge der Beförderung des Reichstagsabgeordneten nach! dem Gesetz nötig geworden wäre." Dazu ist zu bemerken, daß die Versetzung eines Kreisrates von einer Kreisstadt nach einer anderen keine „Beförderung" bedeutet. Art 21 der Verfassung des Deutschen Reichs besagt daß, wenn ein Mitglied des Reichstages „in ein Amt eintritt, mit welchem ein höherer Rang oder ein höheres Gehalt verbunden ist es Sitz und Stimme im Reichstage verliert und seine Stelle in diesem nur durch eine neue Waül wieder erlangen kann." Dr. Wallau hätte in Bensheim denselben Rang und dasselbe Gehalt wie in Lauterbach-Schotten-Alsfeld durch den Wegzug Dr. keineRede sein können. Wohl aber hätte der Wahlkreis Lauterbach-Schotten und Alsfeld durch den Wegzug Dr. Wallau's einen erheblichen Verlust erlitten, denn selbstverständliche ist ein Abgeordneter, der seinen Wohnsitz .im Wahlkreise selber hat, in ganz anderer Weise im stände, die Interessen seiner Wähler zu vertreten, als ein fern vom Wahlkreise Domizilierter, wie etwa Herr Bindewald oder der Kreisrat von Bensheim. Dr. Wallau hätte fteilich in Bensheim mannigfache Vorteile vor Lauterbach voraus gehabt, denn Lauterbach liegt bekanntlich au einer Nebenbahn, Bensheim dagegen in ausgesucht schöner Gegend au einer der hauptsächlichsten deutschen Berkehrsadern. Er hat es aber vorgezogen, bei seinen Wählern zu bleiben, und dafür weiß man ihm dort herzlichen Dank.
** Akademischer Konzertverein Marburg Me ans dem Jnseratentell unserer heutigen Nummer ersichtlich, findet nächsten Donnerstag abend Uhr ein -Ioachim-Quartett-Abend im Museumsfaale zu Marburg statt. Seit langen Jahren ist es das erstemal, daß der Verein das Wagnis unternommen hat, diese Künstler-Ver- einigung zu engagieren. Die Bahnverbindung von Gießen
nach Marburg und zurück ist so günstig daß einem jeden hiesigen Kunstfreunde der Besuch des Joachim-Konzerts nicht dringend genug empfohlen werden kann.
** Eine Stallhasen g es chichte. Bei dem hiesigen Kaufmarm Sch waren zwei Stallhasen seither mit ihrer Pension im allgemeinen zufrieden gewesen. Da müssen in dem Küchenzettel eingreifende Veränderungen Platz gegriffen haben, die den einen Lampe veranlaßten, auf abenteuerliche Weise zu verschwinden, und den Kochtöpfen eines hiesigen Caferestaurauts zu flattieren. Hier rief er anfänglich Schrecken hervor, und er merkte alsbald, daß er als Abstinenzler sich dort nicht zu halten vermöge. So fand ihn denn seine frühere sorgsame Pensionsmutter eines Tages wieder auf der Schwelle des Hauses. Whrendes Wiedersehen — aber die Motive der seltsamen Auswanderung blieben in geheimnisvolles Dunkel gehüllt.
** Dreimal auf den Feldberg und zurück nach Cronberg wanderte dieser Tage ein Groß-Industrieller in Sachsenhausen infolge einer Wette um 3 6 Bempel Aepselwein. Da der Herr schon recht behäbig ist so war ihm eine dreimonatige Vorbereitungszeit eingeräumt die er aber in aller Ruhe verstreicherr ließ und sich erst am letzten Abend meldete, um die Wette untrainiert zürn Austrag zu bringen. Nachts um 12 Uhr erfolgte der erste Aufstieg um 8 Uhr früh der zweite, um 2 Uhr mittags der dritte. In 11 Stunden Gehzeit war alles glücklich erledigt; der zweire Ausstieg, der ohne Begleiter vorgenommen wurde, nahm weit größere Zeit in Anspruch als der erste, und der dritte, bei denen Freunde als Placemacher dienten. Als Getränk nahm der Mann lediglich Wasser zu sich was sonst nicht seinen Gelvohn- heiten entspricht
-s- Oueckborn, 2. Nov. Mit dem 1. November wurde unserem Lehrer Christian A l b a ch eine Stelle an der Volksschule zu Gießen übertragen. Gestern Abend brachte der Kriegerverein mit Musik dem Scheidenden ein Ständchen.
Grünberg, 3L Okt. Auf der Tagesordnung der heutigen Gemeinderatssi tzung stand das Oktroi-Re- Aement nach den von der Stadt Alsfeld erhobenen Abgaben für eingeführten Wech Bier und Schnaps. Nach den verschiedentlichen Meinungsäußerurrgen der fast vollzählig anwesenden Gemeiuderatsmitglieder wurde die Beschlußfassung zur näheren Information aus die nächste Sitzung verlegt Die Stimmung für und gegen Ginführung der Oktrorerhebung, welche allerdings in größeren Städten eine bedeutende Einnahme für den Stadtsäckel bildet, war geteilt, zumal nach dem ReichBgesetz mit dem Jahre 1910 sämtliche Oktroibestimmungen in Wegfall kommen. (Gr. An-.)
k. Friedberg, 4. Nov. Ein schwerer Unfall ereignete sich gestern beim Legen von Gasleitungen in der Hanauerstraße nahe dem Völkerschen Hause. Zwei Arbeiter wurden von Erdmassen verschüttet Der verheiratete Arbeiter Blecher wurde getötet, der ledige Arbeiter Weiß ist schwer verletzt und wurde ins Hospital verbracht.
r Alsfeld, 3. Nov. Im Schulsaal des Anstaltsgebäudes fand heute unter sehr zahlreicher Beteiligung die Eröffnung des Winterkursus der Land w. Winterschule statt Es wurden heute 37 junge Leute ausgenommen. Hiervon besuchen 19 den oberen und 18 den unteren Kursus. Ihrem Heimatsorte nach stammen 32 aus dem Kreise Alsfeld, 3 aus Schotten und je einer aus dem Kreise Lauterbach und Ziegenhain. Die meisten der jungen Leute wohnen hier bei Privatsamilien, etwa 1/8 derselben geht nach Hause. Im Laufe dieser Woche können noch weitere Schüler ausgenommen werden; nach dem 15. d. Mts. finden Nachaufnahmen überhaupt nicht mehr statt.
Darmstadt, 3. Nov. Ihre Majestäten der Käiser und die Kaiserin von Rußland nobst J.J. K.K. H.H. den Großfürstiunew'Töchtern gedenken, wie die „Tarmst Ztg." heute schreibt, am Samstag mittag die Rückreise anzutreten. — Das russische Kaiferpaar, der Großherzog, Prinz unb Prinzessin Heinrich von Preußen, besuchten heute im Hos- theater die Aufführung von Swbitzer's Lustspiel „Münchner Kindl n".
sd. Darmstadt, 4. Nov. (Eigener Drahtbericht) Die Ankunft des deutschen Kaisers in Schloß Wolss- garterr wird morgen um!2.30 Uhr erwartet. Um 1 Uhr findet in Schloß Wolfsgarten Fürst en täfel statt, um 1/2 2 Uhr rm Residenzschloß Darmstadt Marschalltafet an welcher auch Graf Bülow und Graf Lamsdorff teilnehmen. Abends um 7 Uhr findet in Wolfsgarten gemeinsame Tafel statt Die Abfahrt des deutschen Kaisers erfolgt abends um 1/210 Uhr.
Offenbach, 3. Nov. PrinzHeinrichvon Preußen kam gestern vormlltag, wie wir in der,F)ffenb. Ztg." leserr, mit Herrn August Ulrich, Hoflieferant in Frankfurt in einem 60pserd. Benz-„Parsifal"-Automobll von Scb,loß Wolssgarten nach! Höchst t O. gefahren und besichtigte oort das von Herrn Friedrich Veittz-Ofieubach erworbene große Anwesen, eine frühere Oelmühle mit Wasserkraft, welche gegenwärtig für eine Gummifabrik eingerichtet und erweitert toirb. Der Prinz verweilte IV2 Stmrben bort, er- kunbigte sich nach ben kleinsten Details unb äußerte schließlich seine Üeberzeuguug, baß bas Unternehmen von dieser Statte aus eine große Zukunft haben werde. Bei seinem nächsten Besuch im März nächsten Jahres hosfi er die Fabrik in vollem Betriebe anzutreffen. Auch der Groß- herzog freue sich, darüber; dieser habe chn beauftragt, ein paar fteunoliche Worte zu übermitteln. Nach Besichtigung der Fabrikanlage nahm Prinz Heinrich ein kleines Frühstück ein. Fräulein Alt von Offenbach, welche gerade zu Besuch bei der Familie Veith weilt, bat vor der Abfahrt, eine Heine photographische Ausnahme machen zu dürfen. „Mit dem größten Vergnügen", erwiderte der Prinz. Dann verabschiedete er sich auf das Herzlichste.
w. Wiesbadens Nov. (Eigener Drahtbericht.) Nach der gestrigen Theatervorstellung blieb der Kaiser mit dem Reichskanzler, den Herren vom Gefolge und dem Generalintendanten v. Hülsen noch einige Zeit im Schlosse vereint. Heute vormittag erledigte der Kaiser RegierurrgS- angelegenheiten.
Vermischtes.
* Kassel, 3. -Lov. Ein Musketier aus Göttingen warf sich, aus Furckst vor Strafe in Wiederwettmar vor einen Eisenbahnzng und wurde zermalmt.
* Lübeck, 3. Nov. Der achtjährige Sohn des Tagelöhners Lebermann wurde in dem benachbarten Trenthorst tot ausgefunden. Ein Lustmord ist wahrscheinlich.
* Heidelberg, 3. 9tot). Das kürzlich verstorbene Fräulein Eleonore Wallot, eine Verwandte des Reichstagsbaumeisters, vermachte ihr beträchtllches Vermögen, mehrere 100000 Mark, der Universität zu
Stipendienzwecken, tnsbesonvere jur fTUötcrcirüe Damen.
* Der Kaiser hat das neue Berliner Richard Wagner-Denkmal gelegentlich eines Morgenspazier- ganges durch den Tiergarten besichtigt. Me Ausführung des Denkmals hak, wie er sich Berliner Blättern zufolge äußerte, seine Erwartungen übertroffen; sein Urteil lag in den Worten: „Ganz famos!" (Die vornehmsten deut- schen Kunstkritiker sind bekanntlich entgegengesetzter Ansicht.)
Meratur.
— D i e Zeitschrift e ff e n 1 a n bÄ, die man bei rmtz in Oberhesien immer noch nicht genügend kennt und würdigt, enthält in ihrer neuesten Nummer 21 ein paar Aufsätze von besonderem Interesse für uns. W. Bennecke plaudert über die vor hundert Jahren zu Hanau geborenen und 1872 in Darmstadt verstorbenen Dichterin Luise v. P l ö n n i e s. Tas neu geschaffene größere Wappen des Groß Herzogtums behandelt in einer heraldisch-historischen Skfize Dr. Fritz Seellg, und Dr. Hans Braun widmet dem großem Chemiker Aug. Wilhelm L 0 s m a n n , dem berühmten Sohne Gießens, ein Erinnerungsblatt. „Hessen land" erscheint alle 14 Tage und kostet vierteljährlich Mt. 1.50 (Verlag von Friedrich Scheel in Kassel.),
Gerichlssaal.
b. Gießen, 3. Nov. (S t r a s k a m m e r s i tz u n g.) Unter der Anklage, Postkarten unzüchtigen Inhalts seilgehalten und verkauft zu haben, hatte sich der 29jährige Buchbinder und Schreibmaterialienhändler K. SV. in Gießen zu verantworten. Das Gericht erkennt auf eine Geldstrafe von 150 Mk.; beantragt war ein Monat Gefängnis. — Der 68 Jahre alte Bürgermeister und Standesbeamte S1)L S. von Rödgen hatte eine Trauung zwischen einem Ausländer und einer Deutschen gesetzlicher Vorschrift zuwider vollzogen, ohne sich das erforderliche Zeugnis der Heimatsbehörde des Ausländers vorlegen zu lassen und sich dadurch des Vergehens des § 69 des Personenstands- gesetzes schuldig gemacht. Urteil: 3 Mk. Geldstrafe. — Der Mehrer N. K. von Petterweil ist angeklagt, als Beamter in Ausübung seines Amtes sich vorsätzlich einer Körperverletzung an einer seiner Schülerinnen schuldig gemacht zu haben. Ter Angeklagte, der schon 54 Jahre als Lehrer in Petterweil tätig ist und dem von seiner vorgesetzten Behörde das Zeugnis eines sehr tüchtigen und gewiffenhaften Beamten ausgestellt wird, hat sich durch fortgesetztes ungehöriges Verhalten einer ferner Schülerinnen inner- und außerhalb der Schule in der Erregung verleiten lassen, diese mittels eines Stöckchens durch Schläge über den Rücken, die die mehrtägige Unpäßlichkeit des 11 Jahre alten Mädchens zur Folge hatten, körperlich zu züchtigen. Da das hessische Schulregte- ment die körperliche Züchtigung von Mädchen unbedingt untersagt, so mußte Bestrafung eintreten. Urteil: 25 Mk. Geldstrafe. — Der Tienstknecht S. B. hat .einem Mitknecht dessen Sparkassenbuch entwendet und die Einlage in Höhe von 200 Mk. erhoben; um eine Einstellung des hierauf eingeleiteten Ermittelungsoerfahrens zu veranlassen, hat er einen mit der Unterschrift des Bestohlenen versehenen Brief an die Polizeibehörde gerichtet, in dem er mitteilt, daß er auf Durchführung des Strafverfahrens verzichte, da seine Mutter in der Not das Geld habe erheben lassen. Er hatte sich deshalb wegen Diebstahls und Urkundenfälschung zu verantworten. Urteil: 1 Jahr 2 Monate Gefängnis unter Anrechnung von einem Monat Untersuchungshaft.— Ein in Schwalheim verbreitetes Gerücht, wonach der Weißbmder- geselle O. H. von Schwalheim mit der 13 Jahre alten Tochter einer dortigen Familie, die in Bad-Nauheim ein Pensionat besucht, unlautere Beziehungen unterhalte, veranlaßte die Staatsanwaltschaft, Anklage gegen St. wegen Verbrechens im Sinne des § 176 Z. 3 St. - G. -- B. zu erheben. In der heutigen Hauptoerhandlung ergiebt die Beweisaufnahme, daß das Gerücht auf frivole Aeußerungen des Angeklagten zurückzuführen ist, die jeglichen Grundes entbehrem Das iNädchen erfreut sich eines durchaus guten Rufs. Der Angeklagte wird daher freigesprochen. — Der am 24. Dezember 1883 zu Bad-Nauheim geborene H. S. wurde vom Gr. Amtsgericht Nauheim als Schreibgehilfe angenommen. Die kurze Zeit seiner dortigenTättgrett benutzte er dazu, sich auf unredliche Weise Geld zu verschaffen, das er dann in schlechter Gesellschaft vergeudete. So erhob er auf Grund von Hebzettel, obwohl dieses nur dem Gerichtsdiener zustand, die darin verzeichneten Beträge von den Leuten, fertigte selbst Hebzettel fälschlich an und machte auch unrichtige Einträge in das Kaffenregister; die auf diese Manipulation hin erworbenen Gelder beliefen sich auf ungefähr 400 Mk. Urteil: 9 Monate Gefängnis unter Aufrechnung von 2 Wochen Unterfnchungshaft wegen Betrugs und Urkundenfälschung. — Der Taglöhner H. I. zu Gießen hat einen armen Drehorgelspieler um den Betrag von etwa 80 Pfennigen betrogen, indem er diesen veranlaßte, ihm 8 Nolizbüa)er mitzugeben, die er verkaufen und den erlösten Betrag zurückerstatten wolle. Der Drehorgelspieler erhielt aber kein Geld für feine Notitzbucher. Der in strafrechtlichem Rückfall befindliche Angeklagte erhält für seine als Betrug sich darstellende Tat 4 Dionate Gefängnis unter Aufrechnung von 3 gjlonaten Untersuchungshaft.
(L 9)1 a i n £, 4. Nov. Vor dem Schöffengericht hatte sich gestern ein Elternpaar, das dem Alkohol in starkem Maße huldigt, wegen grausam er Mißhandlung ihrerKinder zu verantworten. Eine Frau Mannherz, geb. Weber, verheiratete sich vor längererv3eit mit dem Taglöhner Franz Dnnancin und brachte zwei Knaben in die neue Ehe. Die beiden Kinder hatten nun unter der Grausamkeit ihrer Eltern furchtbar zu leiben. Sie schliefen auf Slrohsäcken auf bem Boden unb bekamen nur trockenes Brot zu esien. Die Knaben wurden von ihrer Mutter zum Betteln und Hausieren angehalten. Brachte der Ehemann Geld heim, so wurde es von den Eheleuten in einem Tag vertrunken, ebenso geschah dies mit bem erbettelten unb durch bas Hausieren vereinnahmten Gelder der Kinder. Der ältere Knabe wurde schließlich den beiden Unmenschen abgenommen, während der jüngere, der schwachsinnige und geistig nicht normale 12jährige Anton Malmherz, in den Händen der beiden Alenschen verblieb. Und nun begann für das annselige Kilid eine ivahre Leidenszeit. Es wiirde von beiben Eheleuten auf das schändlichste mißhandelt. Zeugen behaupteten, das Kind nur mit allen möglichen Flecken übersäet gesehen zu haben. Löcher im Kopfe, hungernd, zerrissen und zerlumpt, trieb sich der Knabe den ganzen Tag im freien herum, weil er sich vor Furcht nicht nach Hause getraute. Seine Mutter schlief derweilen m der Wohnung ihren Rausch aus. Tie ordi- när|‘ten Ausdrücke, wie man sie nicht wiedergeben kann, wurden gegen den Jungen gebraucht. Mit ©töcfeu und Riemen erhielt er L-chtäge in das Gesicht, daß es dick aufschivoll. Ter Ehemann stieß das Gesicht des Kindes in deffen eigenen Kot. Die Mißhandlungen des Kindes von ben beiben Eheleuten (bie sich gegenseitig selbst mißhandelten) spotten jeder Beschreibung. Eine Frau, bei der die beiden Angeklagten wohnten, konnte es schließlich nicht mehr mit ansehen und brachte den Knaben zur Polizei. Von dort wurde er in das Spital verbracht und nach seiner Herstellung wieder zu den Rabeneltern entlassen. Es waren noch keine 14 Tage verfloßen, da trat der frühere Zustand wieder ein. Der Knabe mußte wieder in das Hospital, wo er heute noch ist. Bei seiner Vernehmung erzählte er die Grausamkeiten, denen er bei seinen Eltern ausgesetzt war. Seine Mutter jcl)onte er dabei, während er den Vater mehr belastete. Zum Schluffe erklärte daS Kind noch, daß es im Hospital viel schöner sei, alS daheim. Der Sachverständige, Kreisarzt Tr. Balser, hat ben Knaben nach der Verbringung in das Spital untersucht, konnte aber nicht viel niehr festslellen als eine Kopfwunde, die dem Knaben mit einem harten Gegenstände beigcbracht worden war. Das Kind sei schivachsinnig und geistig minderwertig. Seine körperliche Beschaffenheit sei diejenige eines 7—8 jährigen Knaben. Der Ernährungszustand des Kmdes sei kein guter gewesen. Ter Amlsamvatt, Assessor Trürn per t, beantragte gegen den Ghru^im 8 Monat, gegen seine Frau 1 Jahr GenmgmL. DaS Gcrtckst verurteilte den Ehenwim O r m a n c 1 n zu 6 Monaten und seine Frau zu 4 Monaten Gefängnis.
Berlin, 3. Nov. Tas Kriegsgericht der 1. ©arbeün'antcric* biöifion verurteilte ben Hauptmann v. Gröchmann vorn 4. Garbeinfanterieregiment zu vierwöchigem Stuben-


