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4.8.1903 Zweites Blatt
 
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UermiWes.

Der Kaiser unü OberbaudirekLor Franzius. Eine Unterredung zwischen dem Kaiser und dem verstorbenen Bremer Oberbaudirektor Franzius ist bei einer Abschiedsfeier des Berliner Architektenvereins für Profesior Bubendey von dem Ministerialdirektor Hinckeldeyn an die Oeffentlichkeit ge­bracht. Als Franzius dem Kaiser seinerzeit die Pläne zur Weserkorrektion bei Bremen vorzulegen und zu erläutern hatte, habe er auch auseinandergesetzt, welche Gebietsveränderungen durch die geplanten Verlegungen des Stromlauses nötig werden würden, uud daß unter andern ein Preußen gehöriger Userstreifen an Bremen fallen solle worauf der Kaiser ihn scherzend unterbrochen habe:Sie wollen dem König von Preußen also Landgebiet nehmen?"Freilich", habe Franzius erwidert, ,/rber nur, um es dem deutschen Kaiser zurückzugeben."

* Schutz der Singvögel. Wie aus Kairo ge­schrieben wird, hat das ägyptische Ministerium des Innern gewisse Bestimmungen zum Zweck der Einschränkung deK Wachtelfanges und der Massenvernichtung kleiner Sing­vögel überhaupt erlassen. Die Wachteln dürfen fortan mit Netzen nur in einer Entfernung von mindestens 1000 Meter vom Strande des'Meeres gefangen werden, während bisher die Netze im Herbst unmittelbar am Strande auf­gespannt waren, um die Vögel zu fangen, wenn sie von dem Fluge über das Meer ermattet am Strande einfielen. Es läßt sich voraussehen, daß diese Maßnahme eine günstige ^Wirkung haben wird. Die Tiere werden bei der Ankunft am ägyptischen Gestade mutmaßlich Raum genug haben, um für die Fortsetzung ihres Zuges neue Kräfte sammeln und ihren Weiterflug unter Vermeidung der Netze antreten zu können. Ferner ist der Vogelfang mit Leim­ruten und der Transport, sowie das Feilhalten der unter dem Namen Beeeasigues hier bekannten kleinen Vögel auf ägyptischem Gebiet überhaupt verboten.

* Wenn einer eine Reise tut. . . Fatale Reise­erlebnisse hat ein Kegler aus Tilsit gehabt, der am Sonntag mit seinem Klub eine Vergnügungsreise nach Memel machte. Nachdenl die Klubmitglieder in der Ostsee ein Bad genommen hatten, wurde ein Kegelschütze merk­würdig still; er öffnete den Mund überhaupt nicht mehr. Schließlich stellte sich heraus, daß die Wellen beim Tauchen in der Ostsee sein falsches Gebiß verschluckt hatten. Nun ging es nach dein Leuchtturm, auf dessen Zinne ein heftiger Wind wehte. Als man lvieder unten war, hatte der Stumme" seinen Strohhut oben vergessen. Dem Leucht- turmwächter wurde zugerufen, den Strohhut herunterzu­werfen, was dieser mit dem Erfolg ausjührte, daß der Hut durch den Wind in die See getrieben wurde und in der Richtung Ttact), Schweden ab segelte. Zähne und 5Lopf- bedeckung war der Kegler los. Jni nächsten Gasthause wurde Rast gemacht, und da die Kegler beschlossen, den Weg von Försterei nach Memel zu Fu'K zuruckzulegen, schenkte der Stumme dem Kellner seine Rückfahrkarte At-emel- Försterei. In Meinet angekommen, machte der Pechvogel die Entdeckung, daß er die Rückfahrtarten verwechselt und

dem Kellner seine Rückfahrkarte Tilsit-Mernel gegeben hatte. Auf der Rückfahrt na»ch Tilsit war dem Unglticks- marrn das Schicksal ebenfalls nicht hold. Er verspürte heftige Zahnschmerzen, trotzdemseine" Zähne auf dem kühlen Gruirde der Ostsee lagen. Bei der Strandpromenade ohne Hut hatte er sich eine tüchtige Erkältung zugezogen. Beim Hinausspringen aus den: Zuge in Tilsit verstauchte sich der Aermste noch einen Fuß. Infolge seiner Helden­taten hat chn der §tegelktub zum Ehrenmitglied ernannt, was ihm einigen Trost brachte.

*Mimicry. Es ist eine wohlbekannte Tatsache, daß sich die Larven vieler Insekten, z. B. gewisser Falter, Fliegen und Käfer, zu ihrem Schutz gleichsam Masken vornehmen, um ihre Verfolger zu täuschen, oder sich ihren Augen gänzlich zu entziehen. Die sogenannte Alimicry gehört zu den wunderbarsten Kapiteln der Naturerschein­ungen überhaupt, aber innerhalb dieses Kavitels wieder gehört die Beobachtung, die neulich der Zoologe Shelford in Britisch-Borneo gemacht hat, zum merkwürdigsten, was man je über dergleichen Erscheinungen vernommen hat. Wenn nicht alle Grundlagen für einen glaubwürdigen Be­richt gegeben wären, so könnte man auf die Vermutung kommen, daß sich der Naturforscher mit seiner Erzählung einen Scherz erlaubt hätte. Eines Tages brachte ein Ein­geborener, der von dem Forscher mit dem Sammeln seltener Pflanzen urrd Tiere betraut war, eine spiralähnliche Pflanze, die er zum Füttern von Raupen empfahl. Die Zweige trugen zahlreiche blaßgrüne Blütenstände in der Anordnung der sogenannten Trugdolden, die sich noch, in der Zuospe befanden. Als Shelford einen der Stiele be­trachtete, fiel rhm auf, daß sich plötzlich eine der kleinen Verästelungen bewegte. Er sah genauer hin und gewahrte zu seinem großen Erstaunen eine kleine nur 9 Millimeter lange Raupe aus der Familie der Spanner, deren Körper ganz mit Knospen von den Blütenständen bedeckt war, von denen sie fraß. Das Räupchen trug auf verschiedenen Leibes- abschnirten dornarrige Auswüchse, im ganzen sechs Paare, und außerdem noch einige kleine Knötchen oder geringere Hervorragungen. Von diesen Körperanhängen hatte nun die Insektenlarve den sonderbarsten Gebrauch gemacht. Es hingen nämlich^ an chren Spitzen Ketten der Blütenknospen durch Gespinnst aneinander geheftet und in ähnlicher Weise an den Hörnern der Raupe befestigt. Wie sehr das kleine Wesen mit dieser Ausstattung eine Absicht verband, ging daraus hervor, daß die Knospen, sobald sie verwelkt waren, durch frische erseht wurden. Die Raupe kniff alsdann eine Knospe mit den Kiefern ab, hielt sie mit den beiden vorderen Beinpaaren fest, bedeckte sie über und über mit den aus ihrem Munde ausgehenden Spinnfäden, bog dann den vorderen Teil des Körpers zurück, und befestigte die Knospe mit weiteren Spinnfäden^ an einem der Dornin des Leibes. Darur wurde in derselben Weise eine zweite Knospe herbeigeschafit und an die erste geklebt, und so weiter fort, bis drei oder vier Knospen auf der Spitze des Horns in einer Weise vereinigt waren, daß sie tauschend einem natürlichen. Blütenstand der Pflanze glichen. Dann wurden die übrigen Hörner in gleicher Art ausgestattet, und danach schien die Raupe vollkommen ein Bestandteil der Wanze geworden zu sein, der sich von deren Zweigen

rmd Stielen selbst bei schärfster Beobachtung kaum erkennen ließ, wenn sich das Tier nicht gerade bewegte. Hatte diese Raupe nicht mehr reichlich genug zu fressen, so richtete sie sich insofern sparsamer ein, als sie die zu chrer Mas­kierung dienenden Knospen auffraß, bevor sie sie in der geschilderten Weise aus ihrem Körper anklebte. Wurde irgend ein Reiz aus die Raupe ausgeübt, so bog sie den Hinterleib zusammen, so daß er dicht aus den Hauptstiel der Pflanze zu liegen kam und verharrte in dieser Stellung 15 bis 20 Minuten. Ein anderes Mal schwankte sie hin und her und glich dann tauschend einem durch einen Luft­zug bewegten kleinen Aestchen. Nach etwa zwei Wochen verpuppte sich die Raupe in einen seidenen Kokon, der gleichfalls mit grünen Knospen überdeckt war. Unglücklicher­weise konnte das Auskriechen des Schmetterlings, nicht' be­obachtet werden, da die Puppe von Ameisen zerstört wurde. Das ausgezeichnete Insekt ist daher noch unbekannt ge­blieben.

* Die Tiere und die Seekrankheit. In der ftanzösischen ZeitungL'Indopendant Remois" werden eine Reihe interessanter Angaben über das Verhalten größerer Tiere zur Seekrankheit gemacht. Es heißt da:Ein Freund von uns, t),er Gelegenheit hatte, bei einer Reise über den Atlantischen Ozean eine Menagerie an Bord seines Dampfers zu beobachten, teilt uns merüvürdige Änzel- heiten über die Art und Weise mit, wie die großen Säuge­tiere sich während der Reise betragen. Der Eisbär ist das einzige Tier in der Welt, das mit Freuden zu Schiff geht; alle seine gefangenen Reisegefährten wehren 'sich ohne Ausnahme, jeder nach seiner Fasson, da sie recht gut fühlen, daß das Wasser keine Balken hat. Sie'heulen, schreien, brüllen, miauen, bis die Seekrankheit sie zum Ähweigen bringt^ Ter Tiger leidet mehr als jedes andere Tier unter der Seekrankheit; die Bewegung des Schiffs verstimmt chn vom ersten Augenblicke an. Er winselt mit­leiderregend und reibt sich den Bauch, mit seiner mächtigen Tatze; seine Augen tränen unaufhörlich. Die Pferde stehen Furchtbares aus; sie können sogar an der Seekrancheit sterben. Die Ochsen dagegen ertragen die Reisestrapazen heroisch. Die Elefanten sind fast ebenso empfindlich wie die Tiger, aber sie lassen sich wenigstens pflegen.' Man verabreicht ihnen gewöhnlich eine warme Arznei, bestehend aus einem Eimer Zuckerwasser mit 2 Liter schnaps und 20 Gramm Chinin. Während der ganzen Reise fühlt der Tierarzt den Dickhäutern jeden Morgen den Puls. Die Giraffe, die man str recht empfindlich gegen das Schwanken des Schiffes halten sollte, erträgt Die Anstrengungen der Ueberfahrt bewunderungswürdig, und der nrederge- chlagenste Affe fängt an, lustige Sprünge zu machen, wenn man ihm eine Zwlebel zu verknacken gibt. . . .

*Unglücklich e Liebe" ist der Name eines Ver­eins, der in Schweina (Sachsen-Meiningen) von jüngeren und älteren Mädchen, die mit ihren Liebhabern Pech hatten, gegründet wurde also eine Art Salon der Zurück­gewiesenen, welche die Kunst, festzuhalten, nicht veejmnden haben. Als Vorsitzende fungiert eine dreimal geschiedene Matrone.