Nr. 153
Zweites Blatt.
153. Jahrgang
Freitag 3. Jrrlt 1903
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Die Heutige Kummer umfaßt 10 Seite«.
Kiu ZLalLankrieg?
Nach einer Depesche aus Sofia hat die bulgarische Regierung die Ausfuhr von Pferden und Mauleseln aus Bulgarien verboten, oa zurzeit eine starke Nachfrage aus der Türkei nach diesen Tieren herrscht.
In der Regel pflegt ein solches Ausfuhrverbot dem Kriege voranzugehen. Daß den bulgarischen Militärs der Mut in der Brust die Spannkraft übt, daß bei ihnen die Sehnsucht nach kriegerischen Taten groß ist, unterlieget keinem Zweifel. Fürst Ferdinand begünstigt bis zu einem gewissen Grade die unternehmungslustige Stimmung. Gin solcher Rausch des Patriotismus geht von der Armee aus das Bürgertum über und macht das Regieren leichter. Hätte der arme Alexander von Serbien nach Napoleons III. Beispiel rechtzeitig für etwas Ablenkung durch einen äußeren Feind gesorgt, sein Schicksal hätte sich vielleichjt besser gestaltet. Tatsächlich sollen dem Bulgarenfürsten nach der Heimkehr mehrere Attentats-Androhungen zugegangen sein. Die Absender wird man unter den enttäuschten Mazedoniern zu suchen haben, die nach den energischen Vorstellungen der Mächte für eine Weile von der bulgarischen Regierung kühl verleugnet wurden. Es läßt sich denken, daß Fürst Ferdinand nicht gern mit den höchst gefährlichen und resoluten Dynamitarden zu tun haben will und ein kriegsmäßiges Geplänkel mit der Türkei dem Risiko, in die Luft gesprengt zu werden, vorzieht. A tempo leben die macedonifchen Unruhen wieder auf.
Die Pforte hat auch eine Kriegspartei, der zu Gefallen das bulgarische Säbelrasseln erwidert wird. Der Sultan fürchtet seit den Ereignissen in Serbien mehr denn je eine Palastrevolution. Persönlich ist der Sultan im hohen Grade ruhe- und friedliebend; er muß aber zu seiner Sicherheit der Kriegspartei Konzession machen. Die Grenz-Zwischenfälle sind Arrangements, die den Tatendurst in Sofia wie in Konstantinopel erfrischen.
Trotzdem hat der kriegerische Sport seine bedenkliche Seite. Die Veranstalter können nie mit Sicherheit die Grenzen abschätzen, wo aus der Komödie Ernst wird. Diese Gefahr werden Rußland und Oesterreich-Ungarn, bei allem Verständnis für die Situation in Bulgarien wie in der Türkei, sicherlich nicht aus dem Auge verlieren. Ein Krieg zwischen Bulgarien und der Türkei muß unter allen Umständen verhütet werden, weil durch ein solches Ereignis der ganze Balkan in Brand geriete, _ noch mehr, weil Auseinandersetzungen zwischen den Großmächten sich daran knüpfen würden — der Friedensschluß ist der kritischste Moment eines Krieges von heute —, die dem mühsam gewohnten Frieden Europas die schwerste Erschütterung bereiten würde.
Wir glauben, daß insbesondere die russische Diplomatie den Fürsten Ferdinand bereits unter der Hand hat wissen lassen, daß er wenig zu gewinnen und viel zu verlieren hat, wenn er den Kriegsgelüsten im bulgarischen Heer zu sehr die Zügel läßt. Dem „kranken Mann" vom Goldenen Horn braucht das nicht erst angedeutet zu werden; das sagt er sich selbst, daß auf eine Katastrophe gar mancher Erbe längst die Rechnung aufgebaut hat.
In diesen beiderseitigen Erwägungen liegt eine gewisse Garantie, daß nicht leicht die Völker „unten weit in der Türkei" auf einander schlagen werden. Doch wie gesagt, immer unter der Voraussetzung, daß das Kriegsspiel nicht unvermutet und gegen die Absicht der um die Ablenkung Besorgten eine Wendung zum Ernsthaften nimmt. Dann allerdings dürfte die Löschung des Brandes auch der Autorität der Großmächte nicht gelingen.
Aus Konstantinopel liegen heute folgende offiziöse Meldungen vor:
Konstantinopel, 1. Juli. Marschall Omer Ruschdi Pascha, Mali Schakir Pascha und Divisionsgeneral Schensi Pascha sind mit zwei Bataillonen und 7 Batterien gestern, General Vervet Pascha ist mit vier Batterien heute von Djakowa in Pizren eingetroffen. Morgen oder übermorgen soll die militärische Aktion gegen die oppositionellen Albanesen in dem südlich von Pizren gelegenen Gebiete Ljuma beginnen. Die Pforte machte der östreichisch-unga- rischen und der russischen Botschaft Mitteilungen über den türkisch-bulgarischen Grenzvorsall bei Gültepe, wobei eilt türkischer Leutnant, 1 Soldat und vier bulgarische Soldaten verwundet wurden. Die Pforte zeigte den Botschasten an, daß eine aus Militär- und Zivilpersonen gebildete Kommission zur Untersuchung an Ort und Stelle abgesandt sei. Die Pforte teilte den beiden Botschaften ferner mit, daß eine b u l g a r i sch e Ban d e Hol- landireb, Kreis Kastoria im Wilajet YRonastrr, welches zwei mohamedanische und 28 bulgarische Häuser zählte, angegriffen und nre d er g eb r ann t habe. Die bulgarische Bevölkerung flüchtete ins Gebirge. — In, einer an die Kabinette in Wien, Petersburg und Parts gertchteten Zirkularnote beschwert sich die bulgarische Regierung über Ausschreitungen dertürkischen Truppen, sowie der Baschibozuks in Macedonwn und beklagt, daß die Pforte die letzten Anträge Bulgariens, gemeinschaftlich auf die Beruhigung der Lage hinzu- arb eiten abgelehnt habe, und im Gegenteil gegen ihr eigenes Interesse und gegen das des Fürstentums handelte. Die bulgarische Regierung protestiert gegen die Truppen konzentrativn an der Gr enze un d lehnt die Verantwortlichkeit für die daraus en tsteh e n d e n Fol g e ii ab. — Es verlautet, die Pforte richtete an ihre Botschafter int ^lstSlnnde ein Zit kular, in dem die jüngsten geringen Verstärkuitgen an der lml- garischen Grenze damit motiviert werden, daß dieselben gegen bett Uebertritt der Banden aus Bulgarien gerietet seien.
Volttische Tagesschau.
Wie fich die russische Regierung entschuldigt.
Ein Leser unseres Blattes sendet uns folgenden Anschnitt aus der antisemitischen „StaatSburgerztg.":
»Der Minister des Innern, v. Plehrve, empfing eine Deputation von Juden aus Kischi new, die ihm wegen der dort vorgekommenen antisemitischen Ausschreitungen Verteilungen machte. Der Minister übte der Deputation gegenüber eine ftrenge, aber gerechte Kritik an den Juden. Er sagte, wenn die Regierung mit ihnen streng verfahre, so käme es daher, daß sie es nicht anders verdienten; einem recht- chaffenen, ehrlichen Bolt könne die Regierung niemals Beschränk ungen auserlegen. In ihrem Charakter wären die I u d e n feig und f r e ct)f feig, wenn sie einzeln, und frech, wenn sie zusammen handeln. Em Teil der russischen jüdischen Bevölkerung hat sich der revolutionären Bewegung angeschlossen, und der Minister drohte wegen dieser Erscheinung gegen die Juden mit drakonischer Strenge voipugehen. Die Regierung werde der Judenauswanderung einen geeigneten Nachdruck geben und die Schulen vor Zöglingen dieser Rasse schließen. Wie gesagt, diese Strafe treffe das „auserwählte Volk" nur dann, wenn es ferner illoyal sein wolle. Sonst sei die Regierung in letzter Zeit gerade geneigt, dem Judentum eine gewisse Förderung angedeihen zu lassen; so sei das Ansiedelungsgebiet um 108 weitere Ortschaften erweitert und könnten die Rechte der Juden auch noch günstiger gestaltet werden."
Deutsches Keich.
Berlin, 2.Juli. Heute hörte der Kaiser in Kiel den Vortrag des Stellvertreters des Chefs des Militärkabinetts Oberst v. Oertzen, und empfing hieraus den Korvettenkapitän Hintze, welcher als Murineattachee nach Petersburg geht, zur Meldung. Mittags fand an Bord der „Hohen- zollern" bei den Majestäten Frühstückstafel statt. Es waren u. o. geladen Gräfin Eckbrecht-Dürkheim, Graf Ernst Moy, Landrat Dr. v. Brandt, Prmz Hermann zu Stolberg-Wernigerode, Mister Alison v. Armour re.
— Wie aus Paris telegraphiert wird, erklärte nach einer Meldung des dortigen „Newyork-Herald" der amerikanische Botschafter in Berlin, das wichtigste Ergebnis der Kieler Woche bestehe darin, daß jeder Amerikaner von den freundschaftlichen Gesinnungen KaiserWilhelmsfürdieVereinigtenStaaten völlig überzeugt sei. Der Besuch des Geschwaders sei bei den allerseits herzlichen Kundgebungen ein vorzügliches Mittel, die Bevölkerung Amerikas über die guten Gesinnungen Deutschlands auszuklären. — Nach einer Newyorker Depesche hat sich auch Admiral Cotton in seinem Bericht an daS amerikanische Marineamt ganz begeistert über den glänzenden Abschluß der Kieler Festlichkeiten ausgesprochen. Als er an Bord der ,^ohenzollern" vom Kaiser Abschied nahm, habe derselbe seine wärmsten und herzlich st en Gefühle für den Präsidenten Roosevelt und die Vereinigten Staaten ausgedrückt und nur bedauert, daß der Aufenthalt der Amerikaner in Kiel so kurz sei. Er habe ferner die Hoffnung ausgesprochen, daß der Besuch bald wiederholt werden würde.
— Wie der „Konfektionär" zu berichten weiß, soll der Kaiser während der Kieler Woche in einem Gespräch über die Reichstagswahlen zu einer bekannten Persönlichkeit gesagt haben, die Sozialdemokratie sei eine Erschei-n- ung, deren Entwicklung man ab warten müsse. Er halte es nicht für au der Zeit, in diese Beto e g u n g e i n z u g r e i f e u.
— Der Kaiser hat, wie aus Kiel berichtet wird, den Großherzog von Mecklenburg-Schwerin a la suite der Marine-Infanterie gestellt.
— Wie der „Post" zufolge nunmehr feststeht, wird Kaiser Wilhelm während seines diesjährigen Aufenthaltes in Oesterreichs-Ungarn Pest nicht besuchen.
— Das preuß. Staatsmini st eri um trat heute unter dem Vorsitz seines Präsidenten Grafen von Bülow zu einer Sitzung zusammen. Graf Bülow reiste alsdann nach Norderney.
— Wie die „Nordd. Allg. Ztg." hört, ist der im Januar dieses Jahres als Gesandter in außerordentlich<er Mission nach Washington entsandte bisherige kaiserliche General- Konsul für Britisch^Jndien Frhr. Speck v. Sternburg zum kaiserlichen B o t s ch a f t e r bei den Vereinigten Staaten von Amerika ernannt worden.
— Die Landtagswaylen in Preußen finden wahrscheinlich zwischen'dem 3. bis 18. November statt. In diesem Zwischenraum sind sowohl die Haupt- als auch die Stichwahlen vorzunehmen. Ein fester Termin für diese ersten Urwahlen steht noch nichr fest, er dürfte vom 3. bis 5. November festzusetzen sem.
— Nach einer Meldung aus Ktraßburg hat die reichsländische Regierung sich zu einer Milderung der Bestimmungen entschlossen, welche sich auf die Aufenthaltserlaubnis für Ausländer in Elsaß- Lothringen beziehen. Bisher stand nur dem elsaß- lothringischen Ministerium die Befugnis zu, Ausländern den Aufenthalt in Elsaß-Lothringeu zu gestatten, jetzt ist den reichsländischen Kreis- und Polizeidirektionen die Ermächtigung erteilt worden, Ausländern, welche sich infolge Todesfällen oder Krankheit in ihren Familien in die Reichslande begeben, den Aufenthalt bis zur Dauer von zwei Tagen zu gestatten.
— Nach einer Posener Zuschrift an die „Danz. Ztg." haben die Polinnen an den diesmaligen Wahlen rege mitgewirkt. In Zuin wurde ein hundertjähriger Greis von den weiblichen Mitgliedern feiner Familie an die Um c geführt, und ebenso geschah es an einem anderen Orte einem todkranken Manne, von dem feine Frau sagte, er müsse vor seinem Ende noch feine politische Pflicht erfüllen. Dem „Govine" wird aus Brom berg auch ein tragisch komischer Vorfall gemeldet:
Ein polnischer Arbeiter wurde von einem Deutschen im Wirtshaus freigehalten, damit er Herrn v. Tiedemann seine Stimme abgäbe. Als er nach der Wahl zu Hause seiner Frau von diesem „Handel" Mitteilung machte, warf diese das Essen, zu dem sich schon der Herr Gemahl niedergelassen hatte, den Schweinen vor, ihn se löst aber prügelte sie tüchtig mit dem Pantoffel durch
Kolberg, 2. Juli. In Anwesenheit vieler Ehrengäste, darunter des Urenkels Gneisenaus, der Stützen der Militär- und Zivilbehörden, von Abordnungen der Regimenter, die amf dem Helmband „Kolberg 1807" tragen, der Vereine und der Schulen fand heute divZeierliche Ent- jüllung des Denkmals für Nettelbeck und Gneien au statt.
Heer und Flotte.
— Das Komthurkreuz 2. Klasse des Großh. Hessischen Verdienstordens Philipps des Großmütigen wurde dem Obersten Weygand, Vorstand des Bekleidungsamtes des 11. Armeekorps, das Ritterkreuz 2. Klaffe desselben Ordens dem Rechnungsrat Lieb ich, Rendanten bei dem Bekleidungsamt des 11. Armeekorps, verliehen.
Ausland.
Brüssel, 2. Juli. Kammer. (Kon gointerpek- lation.) Der Minister des Auswärtigen Baron Favereau führt aus: Der Kongostaat habe ein StrafgeseAuch geschaffen, das nach und nach vervollständigt worden sei. Auf alle Verbrechen und Vergehen seien Strafen gesetzt. In der Rechtsprechung sei keine Unregelmäßigkeit vorgekommen. Der König habe 1896 eine Kommission zur Untersuchung von Gewalttaten eingesetzt. Der Kongostaat bekämpfe den Alkoholismus, die Soldaten würden gut behandelt, die Sklaverei bestehe nur in der Form der Haus- sklaverei. Die Regierung verfolge streng Akte von Grausamkeit. Das System der Naturalienabgaben sei für die Eingeborenen sehr vorteilhaft. Zahlreiche Persönlichkeiten in England und Amerikll hätten die hervorragende Organisation des Kongostaats und die menschliche Behandlung der Schwarzen anerkannt. Das Ausland werde einst das dort vollbrachte bewundernswerte Werk der Zivilisation preisen.
Paris, 2. Juli. Wie aus London berichtet wird, beabsichtigt König Eduard anläßlich des Besuches des Präsidenten Loubet einen neuen Orden ni stiften, dessen erster Inhaber Präsident Loubet sein werde. Der König soll zu diesem Entschluß durch die UnmöglichTeit veranlaßt worden sein, dem Präsidenten den Hosenbandorden zu verleihen, da dieser nur an gekrönte Häupter verliehen werden darf.
— Wie der „Sntranfigeant" versichert, sammeln die Pariser Sicherheitsbehörden Material, um die Auflösung der Patriotenliga herbeizuführen. Das Blatt sieht darin die Absicht der Regierung, den Humbert-Skan- dal zu vertuschen.
Algier, 2. Juli. Ein von Beni-Unif in der Richtung auf Qued Talzaza ausgesandter französischer Ausklärungs- zug hatte mit den Angehörigen oes Stammes Queledquil, welche zahlreiche Räubereien verübten, einen Kampf zu bestehen. Der Zug verlor einen Reiter und tötete acht Angreifer. — In Figig geht aNes nach Wunsch. Der Handel mit Beni-Unis beginnt wieder. Die angesehenen Leute von Figig stehen in täglicher Verbindung mit den ftanzösischen Posten.
Newyork, 2. Juli. Nachdem Rußland halbamtlich erklärt hat, daß es Petitionen wegen der Greuel in Ki- schinew nicht entgegennehme, erwidert das Staatsdepartement halbamtlich, daß solche Auslassungen es nicht davon abhalten würden, die Petitionen abzusenden, sobald sie zur Ueberreichung bereit seien. Die Bundesregierung werde nicht zögern, ihrem und aller Amerikaner A b s ch e u vor den Kisch i n e w e r Vorgängen Ausdruck zu geben. Diese Auslassung des Staatsdepartements wird ostentativ durch die „assoziierte Presse" verbreitet, welche als Begründung für die Nichtachtung der ruisischen halbamtlichen Aeußerungen auf die Rücksichtslosigkeit Rußlands in der Mandschureifrage anspielt.' Die Situation ist gespannt. Präsident Roosevelt lehnte es ab, sich über die von der russischen Regierung inspirierte Verlautbarung zu äußern, mit dem Bemerken, jede Erklärung über die Stellung der amerikanischen Regierung habe vom Staatsparlament auszu- gehen.
Ans Stadl und Land.
Gießen, 3. Juli 1903.
** Personalien. S. K. H. der Großherzog haben dem evang. Pfarrer Kirchenrat Ludwig Frohnhäuser zu Mainz den Charakter als Geheimer Kirchenrat erteilt. — Der evang. Dekan des Dekanats Reinheim, Kirchenrat Eduard Koch zu Fränkisch-Crumbach, wurde auf sein Nachsuchen unter Anerkennung seiner treuen und ersprießlichen Dienst- sührung von diesem Amte enthoben. — In den Ruhestand wurde versetzt der Weichensteller 1. Kl. in der hejsisch-preuß. Eisenbahngemeinschaft, Wilhelm Breitwiefer zu Mainz.
** Die Zweite Kammer der Land stände tritt am näch'ten Dienstag mieber zusammen. Aus der Tagesordnung der Sitzung am 7. d. M. stehen u. A. folgende Punkte: Antrag der Abg. Häusel und 28 Genossen, die Regelung der NUetentschädigung für DienstWohnungen der Staatsbeamten betr.; 'Antrag der Abgg. Dr. Schmitt und 44 Genossen, die Ausbildung der Ver-


