Mannheim gewählt. Das sich an die Verhandlungen anschließende Festmahl nahm einen sehr würdigen Verlauf. Mehrere Reden wurden gehalten. Nachher nahmen die Verbandsmitglieder an dem Stiftungsfest des Vereins Merkur im Stadtpark teil, und der letzte Tag war der Besichtigung der Stadt und ihrer Umgebung gewidmet. Nach dem Besuche des Germansichen Museums wurde im Hose desselben von der Handelskammer ein Frühstück gegeben. Es wurden auch bei dieser Gelegenheit wieder zahlreiche Trinksprüche ausgebracht und besonders des guten Einvernehmens zwischen Handelskammer und Verband- gedacht. Eine Fahrt am Mittage auf der ersten deutschen Eisenbahn nach der alten Veste bezw. Fürth und eine Abschiedsseier abends in Nürnberg bildeten den Schluß der vom besten Wetter begünstigten Verbandstage.
Die nächste Verbandstagung findet in Magdeburg statt.
Vermischtes.
* Berlin, 2. Juli. Der Weichensteller August Stier aus FriedrichSberg, welcher am Mittwoch sein Vierteljahresgehalt in Empfang genommen und damit eine Bierreise unternommen hatte, wurde heute in der Rummelsburgerstraße mit einer schweren Kopfwunde blutüberströmt tot ausgejunden. Geld hatte er nicht mehr bei sich. Es scheint sich um einen Raubmord zu handeln. Als der Tat verdächtig wurde ein Arbeiter Kohl erncittelt und verhaftet.
* Breslau, 2. Juli. In dem Dorfe Peters-gräz erschlug der Pantoffelmacker Tertzik den Schneider Ner- lich mit einem Holzscheit. Tertzig ergriff darauf die Fluchst, wurde jedoch von Gendarmen verfolgt und verhaftet. Im Gefängnis beging derselbe Selbstmord.
* Senftenberg, 2. Juli. Der Menageriebesitzer Mali wurd egestern von einem Büren angefallen und so fürchterlich zugerichtet, daß er nach kurzer Zeit verstarb.
* Paris, 2. Juli. Gestern sind hier wiederum sechs Personen an Hitzschlag gestorben. <
* Genf, 2. Juli. Die Expedition des Piolet- I hi b s ging heute morgen um 2 Uhr 30 Min. ab, mit Seilen und Proviant ausgerüstet, und von drei Freunden der auf dem Montblanc Vermißten begleitet. (Vgl. unsere gestrige Nachricht aus Genf.) Die Expedition zählt 22 Mann. Die eine Hälfte geht über Chamounix, die andere über Gervais. Der Bürgermeister von Chamounix, Limond, telephoniert, er ließ heute früh um 2 Uhr drei Führer in Begleitung eines von Genf gekommenen Freundes der Ver- ntttzten ab gehen, sowie fünf weitere Führer in der Richtung des Pavillons Bellevue. Ferner telegraphierte er nach St. -Gervais, damit von dort Führer nach Teterousse entsandt werden. Man hofft immer noch, daß^ die deutschen Studenten gegen Courmayeur ab gestiegen sind.
Bozen, 2. Juli. Die Leiche des zu Weihnachten am Schwarzenstein-Gletscher von einer Lawine verschütteten Skiläufers Walter Goetze wurde von Bergführern gesunden und talwärts gebracht.
* Erne Kaiser Frredrich-Anekdote. Die „Leipziger N. N." erzählen als wahrheitsgetreu eine hübsche Anekdote. Im Jahre 1881 kam Kaiser Friedrich eines Abends zu allgemeiner Ueberraschung des anwesenden Personals in die Ztüche und erklärte: ,feilte giebt es Kommißbrot und Käse zum Abendbrot." Als er die Verblüffung des Küchenchefs bemerkte, erklärte er mit behaglichem Lächeln : ,La, ein guter Hausvater muß für alles sorgen, ich habe das Brot schon mitgebracht", und zur allgemeinen Verblüffung legte er ein in Papier eingewickeltes Kommißbrot auf den Küchentisch. Der zu Grunde liegende Sachv-erhalt war folgender: Der Kronp^nz war abends, von einem Besuch der Fortbildungsschule in der Reichenbergerstraße, welche er bekanntlich besonders in sein Herz geschlossen hatte, heimkehrend, in der Adalbertstraße auf einen Soldaten gestoßen, der ein Kommißbrot in der Hand hatte. Er redete den Soldaten an und fragte ihn, wohin er mit dem Brote wolle. Verkoofen, lautete die prompte Antwort. Gut, mein Sohn, wat kostet bet? fragte wiederum der in Zivil gekleidete hohe Herr in echtem Berlinerisch. Drei Jute. Der Kauf wurde vollzogen, jedoch nur unter der Bedingung, daß der Verkäufer das Brot in die Wohnung des Käufers trage. Man kann sich die Verblüffung des braven Soldaten vorstellen, als immer mehr .Leute seinen Begleiter ehrfurchtsvoll grüßten, je näher sie den Linden kamen. Als sie sich aber dem Kronprinzlichen Palais näherten und nun gar der Wachtposten salutierte, dämmerte dem Maröjünger die Ahnung aus, daß er es hier mit einem hohen Offizier in Zivil zu tun habe, daß es der Kronprinz in leibhaftiger Person sei, ahnte er noch immer nicht; erst als ihn letzterer aufforderte, in das Palais hineinzugehen, und auf die mit den Worten: „Nee, da geh' ich nicht rin, da wohnt ja der Kronprinz", begründete Weigerung dem Verblüfften eröffnete, das sei er selber, wurde der Soldat so fassungslos, daß er vor Schreck das Brot fallen ließ. Der Kronprinz hob es aus und überreichte dem förmlich erstarrten Grenadier einen Taler. Tr^tz des erzielten hohen ?.reifes war dieser froh, als er das Palais hinter sich otte, und lies in Eilschritten seiner Kaserne zu.
* Der Pan am a-H ut ist nich t mehr modern! Diese Nachricht erhalten englische Blätter aus Newyork. Und was bringt ihm den Untergang? Die Nachahmung der echt so kolossal teuren Kopfbedeckung in billigem Material. Wieder eine Bestätigung der Tatsache, die Werner Sombart, der vortreffliche geistvolle Breslauer Nationalökonom, in einer kleinen Sonderschrift behandelt und der er die Sätze widmet: „Denn da es eine bekannte Eigenart der Mode ist, daß sie in dem Augenblick ihren Wert einbüßt, in bent sie in minderwertiger Ausführung nachgeahmt wird, so zwingt diese unausgesetzte Verallgemeinerung einer Neuheit diejenigen Schichten der Bevölkerung, die etwas auf sich halten, unausgesetzt auf Abänderungen ihrer Bedarfsartikel zu sinnen. Es entsteht ein wildes Jagen, dessen Tempo in dem Maße rascher wird, als die Produktionsund Verkehrstechnik sich vervollkommnen, mit ewig neuen Formen. Kaum ist in der obersten Schicht der Gesellschaft eine Mode aufgetaucht, so ist sie auch schon entwertet dadurch, daß sie die tiefer stehende Schicht zu der ihrigen ebenfalls, machi: ein ununterbrochener Kreislauf bestän
diger Revolutionierung des Geschmacks, des Konsums, der Produktion." Freilich, beim Panama wurde ja wohl auch das Ende dadurch beschleunigt, daß nicht jeder bereit war, sich ein so unglaublich geschmacklos geformtes Gefäß auf oen Schädel zu zwängen. Requiescat in pace!
* Ein Aufrichtiger. Bei der Stichwahl zwischen Prüschenk von Lindenhofen (kons.) und Raute (Soz.) wurde in dem Orte D. des Kreises Liebenwerda in der Wahlurne auf einem Stimmzettel folgender Herzenserguß vorgefunden (die Worte sind in Niederlausitzer Mundart geschrieben): „Fun (von) die Rauteschen (Soz.) mak ich durchaus nischt wissen, die Brider kennen (können) o selber frue (froh) sein, wenn se uich ans Ruder kummen, fünft runge- nierten (ruinierten) sich fe doch, selber mit ab;, ob ses (sie es) denn iwerhaupt selber globen, daß das so kiehn (gehen) kann, wie ses alle weile fufeifen (vorpfeifen). Die Konserfatifen teeren wull (wohl) das mal one nrer (ohne mich) noch durchkummen sie mengen (mögen) den nor (nur) awer o (auch) an die filtert (vielen) klenen Leite denken, die se mit durchgehulfen hau (haben) un o (auch) Hernachen (nachher) in Landtage. Ten sis (denn es ist) fue (so) manches noch nich (noch nicht) richtig den seht emal wie das bei uns mit die Schulsache un o bei andern Sachen bei die Gemeene (Gemeinde) un beis Rütterkut (Rittergut) herkieht (hergeht) da missen (müssen) gue (ja) die Leite daß Zutrauen verlieren, da tuts eenen den wertlich nich wundern, wenn se nich hibsch Wehlen."
* Die Gespräche anderer zu belauschen ist, so schreibt jemand der „Straßb. Post", mindestens recht indiskret. Diese schlechte Gewohnheit glaube ich zwar nicht zu haben, wenn ich aber den Gesprächen der zur Schule wandernden Kinder zuhören feuut, bin auch gern mal indiskret. Heute früh kam ich an einem Trupp kleiner Mädchen, welche, die Schultasche am Arm oder auf dem Rücken, zur Schule schleuderten, vorbei. Von weitem klang das wie Spatzengezwitscher. Gerade als ich an ihnen vorbeiging, begann eines der Mädchen zu erzählen: „Ich habe ein Bild gesehen, da war ein Mann, eine Frau und ein Hund darauf. Die Frau kam zur Tür herein und trat auf den Hund. Da sagte sie: „Kusch!" Und da legte sich der Mann auf den Boden. Er hatte gedacht, er sei gemeint." — Allgemeine Heiterkeit. — „Die Grete fagt", fuhr die Erzählerin fort, „so muß man die Männer erziehe n." — „Ei, ei. Diese Grete kann gut werden", dachte ich, da hörte ich ein feines Stimmchen: „Gelt, so machst Du es aucb mal." — „Na, natürlich!" — Das „natürlich", der Ton auf dem langgezogenen „tür", klang so selbstbewußt, fast drohend, daß ich. die armen Männer der Zukunft, die heute noch die Schulbank drücken, bedauerte. Aber ich mußte lachen, und da verstummte die interessante Unterhaltung. So habe ich weiter nichts gehört, aber wenigstens will ich die zukünftige Generation vor der Grete warnen!
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