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3.6.1903 Erstes Blatt
 
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Mittwoch 3. Juni 1903

153. Jahrgang

g der von der Jn- Heilanstalt unterge-

Nr. 1X7

Hrs-etut täglich außer ComnagS.

Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem kftsüfcheg tandwlrt die Oleheaer Zamilien- blätter viermal tn der Woche betaeUgt

-Iota rwnS druck n. Ver­lag der «rahl'sche« Univerl-Buch» u. Gtetn- drucke cettPteÜchGrden» Redaknon, rrpedMoa anb Druckeret:

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Adresse füt Develchenr «uzetger «t-ßeL ßernlvrechanldiluß Wr 51.

Aon der KrlsKranKenKalse Ließen.

L Gießen, 2. Juni.

Der Geschäftsbericht der Ortskrankenkasse für das ab- gelaufene Jahr (1902), welcher in den nächsten Tagen im Druck erscheint, konstatiert, daß die Monate November und Dezember v. I. der Kasse einen 'so ungewöhnlich hohen Krantenbestand brachten, wie man ihn nach den Resultaten der Vorjahre nicht erwartet har. Trotzdem ist ein Vetriebs- überscbuß von 11162,97 Mk. erzielt worden und zwar bei einem' durchschnittlichen Mllgliederstcmd von 4618. Ter Vorstand har in 1902 alles getan, um den Versuchen, das Krankenkassenwesen in unserer <5tobt zu zersplittern, zu begegnen. Geplanr waren nämlich tn dieser Beziehung eine Londerkrankenkasse für Bäcker und ebenso für die Angestellten des Kaufmannsstandes. Tagegen konnte einer treten Hilfskasse für die Angestellten des Gastwirts^ gcwerbes tun, welche von dem Verci.r der Gastwirte für Gicßen and Umgegend ins Leben gerufen wnrde, wodurch etwa .50200 Mitglieder der §rtskrankenrasse abwendtg

monatlicbTbvk oiertel» mbrltd) 'M 2.20; durch Ablzvle- il Zweigstellen inonalltd) 65 Vl.; durch diePost Mk.3. Dtertcl- läbrL aubschl. Hestellg. Annahme von Anzeige, ür die Tagetmummer .11 Donntuagi 10 Uhr. ^rtlenpml: lokal 12Pf, auflivärt» 20 tilg.

Vrraalworlltch 'ür den polU. und allgem. TeU: V. Stttfo; für .Stadl und tianb* und ,Genchl»saal^. Auaust D 2 h. Hit den An- jetaentetl: Han« Beck.

pro Kopf der Mitglieder. Tas in Dem Hause Ludwig- sttatze, in welchem die Ortskrankenkasse 5 Räume für ihre Zwecke inne hat, von dieser angelegte kapital von 52 400 Mk. verzinst sich zu 4 Prozent. Tie Einnahmen an Miete decken nicht nur die Zinsen des Kapitals, bie Steuern, die Reparaturen ttjw., sonoern brachten in 1902 noch einen Ueberschuß von 60,92 Mk. zu der zu 500 Mk. veranschlagten Miele für das Kassenlokal, welche bei der Aufstellung pes Hauskontos au 13er Beachtung blieb. Tas Vermögen der Kasse beträgt, enbe 1902 aufgestellt, 134 971,53 Mk., von welchen 74 537,56 Mk. den Reservefonds bilden. Tie Jahres ausgaben in den letzten drei Jahren 18991901 c 102 33,78 Mk. (wobei allersings für oas erworbene Grundstück in der Ludwig- sttaße 52 400 Mi. als Au^nabe mit in Ansatz gebracht mür­

ber Landwirte an feine Mitglieder eine Verfügung er­lassen, für ben nationalliberalen Tr. Claß zu stimmen.

Wie demMainzer Journal" aus dem Wahlkreise Bingen-Alzey berichtet wird, sollen die Sozial­demokraten von der Aufstellung einer eigenen Kandi- datnr absehen wollen; sie wollen die Freisinnigen unterstützen, wenn diese inDarmstadt-Groß- g e r a u ihrerseits für den Sozialdemokraten eilt treten. Möglich, daß die Sozialdemokraten dem Freisinn, als dem nach ihren Begriffenkleineren liebel", zur Stichwahl ver­helfen wollen. Zudem haben die Sozialdemokraten auch bei der letzten Landtagswahl in Tarmstadt die freisinnigen Kandidaten unterstützt. Tarmstadt-Großgerau ist demnach für die Sozialdemokraten durchaus kein sicherer Besitz. Ties merkt die sozialdemokratische Mainzer Volkszlg., welche bie Zentrumszählkandidatur Tr. Schmitt eineKuhhcmdels- kandibcrtur" nennt

Tie Zentrumspartei hat in sämtlichen neun Reichstagswahlkreisen des Gioßherzogturns Hessen ihre Kanbidaten proklamiert Im Wahlkreise Mainz-Oppenheim tanbibiert Geh. Oberpostrat Tr. König in Berlin, in Bingen-Alzey Landtagsabgeordneter v. Brentano in Offenbach, in Wonns-5)eppenheim-Wimpfen Dfarrer Blum in Oberabtsteinach, in Bensheim-Neüstabt-Linden- fels Frhr. Heinrich v. R 0 d e n st e i n in Bensheim, in Offen- bach-Tieburg Stadttechner Uebel in Tieburg, in Tarrn- stadt-Großgerau Landtagsabg. Rechtsanwalt Tr. Schmitt in Mainz. In den drei oberhessischen Wahlkreisen Gießen-Grünberg -Nidda, Fiüedberg^Büdinaen und Alsfeld-Lauterbach-Schotten proklamierte das Zentrum soeben als yemetnsamen Zähllandidaten den Landtagsabg. M 0 l t h a n tn Mainz.

Oueckborn, 2. Juni. Eine gutbesuchte Wählerver- sammlung sand hier Dieser Tage statt, in der, wie der Gründ. Änz." schreibt, dersozialdemokratischeRe- dakteur Vetters aus Gießen unter Zitterung der bekanntenSchlager" das Programm seiner "Partei ent­wickelte und im Verlause seiner Ausführungen besonders die antisemitische Partei als eine höchst zweifelhafte in Dezug auf ihre Versprech­ungen bezeichnete. Tem ziemlich kühl auf genom­menen, von nur vereinzeltem Beifall begleiteten Referate trat Herr Karl Georg Iöckel-Erünbera in einigen Punkten entgegen und redete einer ausgleichenden Wivt- chaftspolitik das Wort; bezüglich des Getreidezolles fei der Minbestzoll von 5 Mark ausreichend, wogegen der Ab­schluß geeigneter langfristiger Handelsverträge unumgäng­lich sei, und in diesem Sinne empfahl der Redner die Kandidatur des Herrn Heyligenstaedt- Gießen auf das wärmste.

Zur Waylvewegaug ist Kessen.

Zur größten Partei, zur Partei der Dahlsaulen, stellte das Großherzogtum Hessen 1898 einen ver- yältnismaßig recht beträchtlichen Anteil, stimmten doch im ganzen Großherzogtum von 235 202 Wahlberechtigten nur 144 704 ab, gegen die Wahl von 1893 8.4 Proz. weniger. In der Stichwahl war bie Wahlbeteiligung allerdings etwas lebhafter, immerhin blieben in den sechs Wahlkreisen, in denen eine Stichwahl ftattfinben mußte, von 148 o38 Wahl» berechtigten noch 46 253 zu Hause. Tie Sozialdemokraten verdanken nicht zum geringen Teile ihre Erfolge Der schlechten Wahlbeteiligung. <do konnte in Oftenbacy-^le- burg Ulrich mit 13 404 Stimmen im ersten Wahlkreise siegen, weil 12 8b9 Wähler von 37 335 ihr Wahlrecht nicht ausgeübt haben. Auch in Tarmstadt-Großgerau, wo Der Sozial­demokrat erst in der Stichwahl siegte, und tioar mit nur 700 Stimmen Mehrheit, blieben 5322 Wähler zu Hause.

Wenn, wie wir hoffen wollen, am 16. Juni eine rege bürgerliche Wahlbeteiligung narneiitlich in den Städten sich bemertbar macht, dann ist nach unserer Ansicht in mehreren hessischen Wahlkreisen, nicht allein bei uns in Gießen-Grün- berg-Nidda, viel zu erreichen. Aber es gilt dazu, die Wahlsaulen aufzurütteln.

Wenn in ganz Heften liberalerer* ;o itartig agitiert mürbe wie mau es im Wahlkreise Laurerbach-Alsteld tut, würden sich Die liberalen Stimmen bedeutend vermehren.

Im Wahlkreise Darmstadt-Gr ohge rau Dürfte bie Wahlbereiligung diesmal reger werden, da sich fünf Kanbi­daten gegenüberstehen. Tie Zählkandidatnr des Zentrums. Tr. Schmut, ist unter den Katholiren beluot.

Zn Bingen-Alzey hat der Vorstand des Bundes

gemacht wurden. Zu der freien Hllfskasse her Gastwirte müssen sich deren Angestellte allerdings fteiwillig melden, da sie im anderen Kalle der Berficherungspflicht bei der Ortskrankenkasse unterliegen. Wie überaus günstig bie Orts­krankenkasse prosperiert, geht aus folgenden Zahlen deutlich hervor: 1898, also nach 14jähriaern Bestehen der Kasse, betrug deren Vermögen 79 680,31 Mk., am Schlüsse des Berichtsjahres 134 971,08 Mk., hat also nach 4 Jahren eine Vermehrung von 55 290,77 Mk. erfahren. Dabei haben >ie Leistungen der Kasse für bie Mitglieder von 18981902 olgenve nicyl unwesentlichen Erweiterungen erfahren: Er­höhung der Krankeuunterstützung um 5 Proz. Ausdehn­ung der Dauer Der Unterstützung auf 26 Wochen Zahlung von Krankengeld auch an Feiertagen, falls diese auf einen Werktag fallen vollständige Ausschaltung eines Kar- renztages und bei einer rttankhellsdauer von über 14 Tagen amtliche Karrenztage Unterstützung der von der In» valibenoersicherungsanstalt in einer Heilanstalt unterge* machten verheirateten Mitglieder mit N/sfachem Kranken­geld Stteichung der Bestimmung, daß bei gewissen AuS- chwöifungen und bei Trunksüchttgkeit kein Krankengeld ge­zahlt wird. Hierzu kommt, daß vor zwei Jahren )aS erstemal, seitdem die Kasse besteht das Aertteyonorar um 1,00 Mk. bezw. um 0,50 Mk. pro Kopf erhöht wurde, und daß außerdem größere Honorare für Svezialürtte aus- 0eroenDct wurden. Diese Vermehrung der Leistunaen erforderten seitens der Kasse einen Mehraufwand in den in Frage kommenden vier Jahren von 45 000 Mk., bei Belassung des früheren Beittagssatzes von 3 Proz. In 1902 wurden bie Leistungen bet Ortskrankenkasse mit Genehmigung bet Generalversammlung wie folgt vermehrt und gesteigert: Erhöhung bes Sterbegelbes vom 20fachen auf oen 25fachen Betrag bes jeweiligen statutarischen Turchschnittslohnes. Ferner wurde, um ben höher ent­lohnten Mitgliebern ber Kasse Rechnung zu tragen, eine weitere Lvhnklasse mit Zugrunbelegung eines DurchschnittS- lohnes von täglich 4 Mark gebilbet, welche Einrichtung eit April 1903 in Straft getreten ist. Um ben außerhalb >es Kassenbezirks wohnenden verheirateten Mitgliedern ent­gegenzukommen, wird für jede Konsultation und Besuch >es Arztes 50 Pfg., und falls der Arzt außerhalb des Wohnortes des Kranken wohnt, 1 Mk. gewährt. Ein­führung eines Sterbegeldes für Ehefrauen und für Kinder von 614 Jahren, sowie für solche unter 6 Jahren und zwar zur Hälfte, zum Vierteil und zum Fünftel des dem Ehemann zustehenden Sterbegeldes. Den im Kranken­hause untergeb rächten ledigen Mitgliedern wird statt des seitherigen ein Zehntel für die Folge ein Achtel des je­weiligen Tagelohnes außer ber freien Behandlung ic. im Krankenhause als Zuschuß gewährt. Weiter wurde durch Statutenänderung bestimmt, daß für alle diejenigen Mit­glieder, welche in der ersten Hälfte der Woche ausscbeiden, ober in der letzten Hälfte eintreten, Beiträge für die be­treffende Woche nicht erhoben werden sotten. Seit dem 1. Januar 1903 hat ber Vorstanb mit ben Kassenärzten dahin Verträge geschlossen, baß bei komplizierten Ent­bindungen und Fehlgeburten auch bei nicht versicherten Ehefrauen von Sian'enmitgliebern, auf Kosten der ftajfe geburtsärztliche Hilfe geleistet wirb. Aus dem Mitgeteilten ist bie erfreuliche Tatsache zu entnehmen, baß bie Ortskrankenkasse Gießen in ben letzten vier Jahren erhebliche Fortschritte gemacht hat, baß mit bet verhält­nismäßig erheblichen Vermögensvermehrung, ber Grund­lage einer jeden Wohlfahrtseinrichtung, auch eine erheb­liche Vermehrung der Leistungen der Kasse für ihre Mit­glieder Hand in Hand gegangen ist. Es ist dies zweifellos der vorzüglich arbeitenoen Verwaltung ber Kasse zu danken. Einsichtige Arbeitgeber verschließen sich dieser Erkenntnis auch nicht, und die vielfachen Angriffe, welche der Vor­stand unb die Verwaltung Der Kasse in früheren Jahren erfahren haben, sind fast vollständig verstummt. Aus dem Geschäftsbericht für 1902 ist noch folgendes Zahlen­material allgemein interessant: Die durchschnittliche Mll» gliederzahl betrug danach 3754 männliche und 834 weibliche, zusammen 200 weniger als im Vorjahre. Er- ttankungsfälle: 2123 (42 mehr als im Jahre 1901) mit 38 287 Erkrankungstagen. Sterbefälle: 33 gegen 32 in 1901. Die Einnahmen betrugen 124 633,56 Mk., wo­gegen die Ausgaben auf 118519,53 Mk. sich belaufen, sodaß 6114,03 Mk. Kassenbestand vorhanden waren. Tie Einnahme aus den Beiträgen betrugen 100 705,22 Mk. (pro Kopf ber Mitglieder durchschnittlich 23,10 Mk.). Von den Ausgabeposten dürften interessieren: an Aerztehonorar: 20187,82 Mk. (4,37 pro Kops der Mitglieder); Arznei und sonstige Sxilmittcl: 13 616,06 Mk. (3,03 pro Kopf Der Mit- glieDer); Krankengelder 49 726,30 Mk. (10,77 pro Kopf der Mitglieder); Wöchnerinnen-Unterstützungen: 43,20 Mk.;

Sterbegelder 2022 Mk.; Kur und Verpflegung in Kranken­häusern : 5453,24 Mk.; Kapitalanlagen 11500 Mk. (gegen

; 4000 Mk. im Vorjahr. Tie Verwaltung erforderte Un* : kosten: a) persönliche: 11039,60 Mk., b) sächliche: 1038,20 1 Mark oder 1,64 bez. 0,22 Mk, zusammen also 1,86 Mk.

Unfall eines deutschen LneuzerS.

Bre st, 2. Juni. Der deutsche KreuzerAma­zone", welcher von England kam unb zu dem an der englischen Küste manövrierenden deutschen Geschwader ge­hörte, hatte vom Prinzen Heinrich den Beseht er­halten, den Kurier nach Brest zu bringen. DaS Schift fuhr gestern ohne Lootsen in den Hasen ein, als es plötzlich einen St erlitt. Es war aus den im Bau befindlichen Damm aufgelaufen. Der SLommandant, Korvetten­kapitän Gerdes, ließ bie Maschine mit äußerster Kraft rück­wärts arbeiten, aber die Schrauben drehten sich vergeblich. Tas Schift rührte sich nicht. Mau mußte bie Munitions­kästen und bie Geschütze in Leichterschiffe schaffen. Tann gelang es, ttotzdem Ebbe lief, mit Hilfe von Schleppern, welche ber Marinepräfell gejanbt hatte, bieAmazone" ohne sichtbaren Schaden flott zu machen. Tie fr anzösi, chen Behörden stellten alle Hilfs» mittel zur Verfügung. Ter Schiffskörper derAma­zone" tourbc durch Taucher untersucht. Dabei ergab sich, daß keine eriistliche Beschädigung vorhanden ist. Nachdem dieAmazone" die von Bord geschassten Ausrüstungsgegen­stände wieder ausgenommen hatte, machte sie segelfertig, um sich wieder zu dem Geschwader, welches auf hoher See geblieben war, zu begeben. Gestern abend stattete der Kommandant derAmazone" dem französi­schen Seepräfetten einen Besuch ab, um seinem Tank für die ihm geleistete Hilfe auszusprechen. Neueren Nachrichten zufolge machte dieAmazone" nach dem Flottwerdcn an der Boje fest und salutierte die Flagge des Komnlanbanten des französischen Nordgeschwaders. Ter KreuzerScanne d Arc" er­widerte den Salut. Mehrere Offiziere und Matrosen der Amazone" gingen an Land.

GietzeimAiMiger

General-Anzeiger u

Amk- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

3>it innen «Herren.

"Wir leben in einer Zeit des parlamentarischen Nieder­ganges, und leider scheint es, al3 werde bei den bevor­stehenden Wahlen das Reichstags-Epigonentum noch von seiner jetzigen Höhe herabgcdrückt werden" so schreibt eine einslußreicke und angesehene Berliner Zeitung in einer Bettachtung üoer dieSuche nach frischem Blut für den Reichstag". Mehr Nutzen als an dieser Suche verspricht sich das Blatt davon, diebewährten Kräfte der bürgerlichen Parteien dem Parlamcitt zu erhalten."

Tas Abfällige in diesem Urteil ist also an die Ad resse der neu für den Reichstag kandidierenden Herren gerichtet. Es wird sich dadurch selbstverständlich niemand getroffen' fühlen. Kein vorurteilsfrei Denkender kann vernünftiger» weise etwas dagegen einwenden, daß frische Kräfte die Betelligung in der parlamentarischen Arena anstreben. Wer der reichsparlamentarischen Schulung ermangelt, ist noch längst nicht politisch unerfahren. Im Gegenteil! Unser Reichstagskandidat Herr Kommerzienrat Heyligen» ft a e d t z B. hat als langjähriges Mttglied unseres Stadt» parlameitts reichste parlamentarische Erfahrung und allezeit hat er mit offenen Augen ins politische Leben geschaut.

Nun DieTheorie" vom Epigonentum, dorn schon jetzt niedrigen Niveau des Reichstags. Sie ist, wie jede rneat» verbreitete Theorie, nicht kurzer Hand zu billigen. Auch der Reichstag ist ein Kind feiner Zeit. Bringt die Zell große Aufgaben mit sich, wird bas Parlament mit seinem großen Beruf, ber Säfuna biefer Aufgaben, wachsen. Die Reichstage früherer Jahre be­schäftigten sich eben öfter mit an sich größeren Arbeiten. Unter bem historischen Gesichtspunkte betrachtet, überragt Die Bergangenhell Die Gegenwart. Heute roirD an dem Ausbau des Reiches gearbeitet; bas erscheint weniger großzügig. Es ist auch bas psychologische Moment nicht außer Acht zu lassen, daß früher bas allgemeine Interesse auf bie .Vorgänge im Parlament sich konzentrierte, weil diesen Vorgängen der Reiz des Eigenartigen anhaftet. Heule hat man sich an bas Parlament gewöhnt, man nimmt es als etwas SelbstverstänDliches, unb baraii würde auch kaum etwas geändert, wenn geistige Koryphäen, etwa vom Range eines Mommsen, in stattllchererZahl imReichsiag versammelt wären.

Man versteht übrigens auch so, Reben zu halten, bie mehr in bie Tiefe als in Die Breite gehen. Tie erste Lesung des Zolltarifs z. B. bot rhetorische 'JüifUrleiftungeu. Nicht minber Hervorragendes wird man bei bet Beratung über Die HanDelsverträge zu hören bekommen von Niännern, Die mitten im praktischen, inbuftriellen Leben stehen und diese Materie besser beherrschen als manche welt­bekannte wissenschaslliche Größe. Ter Reichstag ist ja auch nicht eine Hochschule für blendende Bcredsamkell, sondern eine Stätte Der Gesetzgebung. Und diese Arbeit wird ein mit den einschlägigen Berhälmissen vertrauter Mann besser leisten, als ein auf ben Wetten ber Phrase getoanbt dahin- qleitenber Schönredner. Gerade unter diesem Gesichtspunkt ift zu wünschen, daß mehr Abgeordnete in den Reichstag kommen, die es mit positiver Gesetzgebungs­arbeit hallen mll> nicht mit uferlosem Reden, das in unserem hessischen Landtage sich des öfteren gar sehr unliebsam bemerkbar macht. Auf die Breitsputigkell ist Das Nachlassen des öfsentlichen Interesses am parlamentariscken Leben hauptsächlich zurückzuführen. Eine Zufuhr frischen Blutes wirb paS Niveau Des Reichstages also durchaus nicht sinken machen.

TieEpigonen" haben bisher ihren Marin noch immer gestelll. Das leugnet selbst DieÄreuzztg." nicht. Tie Volks» Vertreter sinD auch nicht mehr unD nicht wenigerEpi» gonen" als Die Herren von der Reichsregierung, Die aller» Dingö wie bekanill, vor den StonjervaiiDen ebensowenig Gnade finden. Ten Letzteren wird das Kennzeichen das Epigonentums" wohl erst dann als ausgemerzt gellen, wenn Regierung unb Volksvertretung zur extrem agrarischen Polllik sich bekehren.