Ausgabe 
2.12.1903 Erstes Blatt
 
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Ur. 283 rrschetut täglich außer SormtagS.

Dern Gießener Anzeiger werden tm Wechsel mit dem Hessischen Landwirt die Siebener Familien, dtütter viermal In der Woche beigelegt.

Rotationsdruck u. Ver­lag bet Brüh lachen llntvers^Buch- u. Stein» brudecei (Pietsch Erben- Redaktion. Erpedittsa und Druckerei:

Schnlstratze 7.

Adresse für Depeschen! Anzeiger Gießen.

Acrnlprrchanlchtuß Nr. 6L

Erftes Blatt. 153. Jahrgang Mittwoch 2. Dezember 1903

Bezngbbret-t 'MjE'" monatlich 7bPll viertel

W . jährlich AU. SL0-. durch

«etzener Anzeiger

General-Anzeiger äSFs-Sk

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen MM

VoMische Tagesschau.

Eröffnung des badischen Landtags.

Mit einer irrhaltreicherr Thronrede ist arni t. d. Mts. bet badische Landtag durch den Finanzunnister Dr. von Buchenberger eröffnet worden. Die Thronrede betont it a., infolge der starken Rückschläge, welche das Wirtschaftsleben in den letztverflossenen Jahren erfahren habe, und der dadurch ungünstig b e ein f lu ß t e n Er wer b s Ver­hältnisse weiter Kreise seien die staatlichen Finanzen in unerfreulicher Weise in Mitleidenschaft gezogen worden. In Verbindung hiermit steht die starke Vermehrung der ordentlichen Ausgaben und die sehr reich­liche Ausstattung des außerordentlichen Budgets. Infolge­dessen seien die angesammelten Be triebsüb er­sehüss e zusammengeschmolzen und würden im Laufe dieses Jahres" völlig aufgezehrt werden. Der neue Vor- anscylag schließt, heißt es in der Thronrede weiter, infolge­dessen nicht ohne Fehlbetrag ab. Einschließlich der Forderungen des außerordentlichen Etats ergiebt sich ein Gesamtfehlbetrag von annähernd 11 Millio­nen M ar k, der sich durch die auf die neue Budget-Periode übergehenden Kreditreste noch um einige Millio­nen erhöht. Die Staatsregierung sieht sich daher ge­nötigt, eine Erhöhung der Einkommen-- und Kapital-Rentensteuer in Antrag zu bringen. Der restliche Teil des Fehlbetrages soll, soweit er nicht in den Ueberschüssen der folgenden Jahre seine Deckung findet, aus die Amortisationskasse übernommen werden. Dre Re­gierung hofft indessen, daß diese Steuererhöhung auf die nächste Budgetperiode beschränkt bleibt. Bezüglich des finanziellen Verhältnisses der Einzelftaaten zum Reich wird die Regierung es sich angelegen sein lassen, die Maß­nahmen der Reichsleitung zu unterstützen, welche geeignet sino, das Reich für seine finanziellen Aufgaben leistungs­fähig zu machen uno welche zugleich verbürgen, daß den Einzelstaaten die Durchführung ihrer Kulturausgaben nicht erschwert werde. Die Thronrede kündigt ferner eine Re­form der Ertragssteuer im Sinne ihrer Umwandlung in eine Vermögenssteuer an. Das Budget der Ersen- bahn-Betriebsverwaltung schließt mit einem Ueberschuß von 13.5 Millionen Mark ab. Dieses Ergebnis ist im Vergleich mit dem Voranschlag 19021903 um 600 000 Mark gün­stiger. Ferner kündigt die Thronrede den Entwurf eines Gesetzes, betreffend Aenderung des Landtags- Wahlverfahrens an. Darnach soll die Wahl zur zweiten Kammer künftighin auf der Grundlage des all­gemeinen, gl eichen, geheimen und unmittel­baren Wahlrechts stattfrnden. Gleichzeitig soll die Mitgliederzahl, der ersten Kammer durch gewählte Ver­treter der wirtschaftlichen Berusskörperschasten und durch einzelne bei der Leitung der kommunalen Selbstverwalt­ung bewährte Männer vermehrt und die Einwirkung der ersten Kammer auf die Geschäfte des Staates unter Auf­rechterhaltung der bevorrechteten Stellung des anderen Hauses angemessen verstärkt werden. Es wird die Einführ­ung einer für die Gemeinden zu erhebenden Waren­haussteuer, sowie der Entwurf betreffend Verbesserung der gegenwärtigen Verfassung des Grundbuchwesens vor- gesehen.

Deutsches Keich.

Berlin, 1. Dez. Der Kaiser hörte heute die Vor­träge des Stellvertreters des Chefs des Marinekabinetts, Fregatten-Kapitän v. Krosigk, und des Chefs des Militär­kabinetts, Graf Hülsen-Haseler.

Nachdem die Genesung des Karsers m be­friedigender Weise fvrtscvreitet, gilt es, denVerl. N. NackM." zufolge, für unwahrscheinlich, daß er die

Thronrede dei .Eröffnung des Reichstages selbst. ver­les eu wird.

Nach einer Meldung derPost" aus Hannover ist dort die Nachricht eingegangen, daß der Kaiser am Abend des 18. Dezember in Hannover eintreffen und im Residenzjchloß Wohnung nehmen werde, um am 19. die Parade über die drei Jubiläums-Regimenter.abzunehmen. Abends wird der Kaiser an einem Festmahl des Offizier- korps teilnehmen und die Festvorstettung im Theater be­suchen. ~

DemBierl. Tagebl." zufolge tritt die Kommission zur Reform des Strafprozesses am 15. Dez. zu ihrer letzten diesjährigen Tagung zusammen, um die Frage über das Hauptverfahren im Strafprozeß zu beraten.

DerNat.-Ztg.-" züfolge beendete die deutsch­englische Grenzkommissivn in Südafrika ihre Arbeiten. 'Infolgedessen trat der deutsche Kommissar Doering die Heimreise nach Deutschland an.

Mit der einstweiligen Leitung des Literarischen B-ureaus beim preutz. Staatsministerium ist dem Ver­nehmen nach der Hilfsarbeiter im Auswärtigen Amt, Dr. Wyneken ernannt worden. Dr. Wyneken war, bevor er in die Preßabteilung des Auswärtigen Amtes berufen wurde, Redakteur amHannoverschen Kurier".

Die Erben Rudolf v. Bennigsens beabsichtigen, dessen gesamten literarischen Nachlaß der Oeffent- lichkeit zugänglich zu machen, und haben ihn zum Zweck der Herausgabe einer größeren Biographie Dr. Hermann Oucken, Privatdozent an der Universität Berlin, zur Ver­fügung gestellt.

Eine Deilungder städtischen Ries en Wahl­kreise ist in der vorigen Session vom Minister des Innern im preußischen Abgeo r d n e t e n haus e an­gekündigt worden. Im Wgeordnetenhause soll auch noch der Gedanke erörtert werden, den großen städtischen und industriellen Gemeinden die Möglichkeit zu geben, die Landtagswahlcn nach Art der Stadtverordneten­wahlen vollziehen zu lassen, um es den Wählern bequem zu machen.

München, 1. Dez. Im Wahlgesetzausschuß der Ab­geordnetenkammer wurde heute § 14 des Wahlgesetz- entwurfes nach dem RegieruugsVorschlag, wonach die LVahlen mit relativer Mehrheit erfolgen und die Stichwahl beseitigt wird, mit den Stimmen des Zentrums uno der Sozialdemokraten gegen die Stimmen der Liberalen und Bauernbündler angenommen. Die Liberalen erllärten, daß sie gegen den ganzen Wahlgesetzentwurf stimmen wer­den, wenn die relative Mehrheit aufrecht erhalten wird. Wenn die Parteien im Plenum ebenso stimmen, wie im Ausschuß, ist also der Wahlgesetzentwurf gefallen, da zu seiner Annahme eine Zweidrittelmehrheit notwendig ist-

Ausland.

London, 1. Dez. DerDaily Mail" wird aus Tokio gemeldet: General Äta erhielt von der Regierung üi Peking Befehl, 20 Ba taillone zur Verteidigung der Mongolei und Mandschurei gegen Rußland auszuheben. Der General soll erklärt haben, im Kriegsfälle würde China mit Japan zu s am menge h en. Nach einer Meldung desAshi", eines der beslinformierten japani­schen Blätter, habe der russische Admiral Alexejew seinem Stabe erklärt, wenn er 3 Docks in Port Arthur und 2 in Dalzig hätte, so würde er keinen Augenblick zaudern, die japanische Flotte anzugreifen. Gegenwärtig wäre es unmöglich, bei einem ersten Engagement zu siegen, bei einem zlveiten würde die spanische Flotte die russische vernichten.

Paris, 1. Dez. Im Justizpalast nimmt man bezüg­lich der Dreyfus-Affäre an, daß, falls die Kriminal-

kcrnrmer des Kassationshofes das Revisionsverfahren ein-' leiten sollte, das Urteil noch vor Jahresschluß zu, erwarten ist. Wie verlautet, soll ein für Dreyfus günstiges« Schriftstück, welches von der Aullagebehörde unbeachtet ge­lassen wurde, aus dem Briefe eines fremden Militär- Attache bestehen, worin dieser erklärt,Cette canaille de D. . . . wird immer anspruchsvoller; ich habe ihm fürs jeden Plan, den er gestellt, 10 Francs überreichen lassen". Aus dieser Bemerkung gehe zweifellos hervor, daß die­jenige Persönlichkeit, welche mitCette Canaille de D. . ." gemeint war, mit derjenigen identisch ist, welche in dem be­kannten SchriftstückCette Canaille de D. . ." als Beweis­mittel gegen Dresus diente.

Petersburg, 1. Dez. Wie dieRufs. Telegraph- Agentur" mitteilt, sind die im Auslande verbreiteten Ge­rüchte, wonach dem Kaiser von Rußland in Skier- niewice ein Unfall zugestoßen wäre, vollständig unbegründet.

Aus StM und &Ä

Gießen, 1. Dezember 1903.

Größere Anzeigen für die nächste Samstag-Zusgaöe bitten wir spätestens am Freitag vormittag in unserer Geschäftsstelle abzugeben. Später eingehenden Austrägern können wir bei dem großen Anzeigenandrang für die Samstag- Ausgabe nicht die Sorgfalt in der technischen Ausführung zuwenden, welche für die Wirkung der Anzeigen unbedingt erforderlich ist.

Verlag des Gießener Anzeiger.

Unser Neichstagsabgeordneter, Kommerzien­rat Heyligenstaedt, ist, wie wir hören, gestern mittag nach Berlin abgereist zur Teilnahme an der morgen statt- stndenden Eröffnung des Reichstages. Seine Wohnung in Berlin ist Hotel Prinz Albrecht, Albrechtstraße.

L. U. Promotionen. Im Monat November 1903 wurden an der Landesuniversität promoviert: 3um Dr. theol. honoris causa der Stadtfarrer GeorgSchlosser in Gießen. Ferner: Zum Dr. med.: Karl Eicker, approb. Arzt aus München-Gladbach, Gustav Schaaf, approb. Arzt aus Gießen; zum Dr. med. vet.: Bernhard Henze, approb. Tierarzt aus Buchholz: zum Dr. phil.: Heinrich Teping, cand. agr. au§ Westerlutten. Zum 50 jährigen Doktorjubiläum wurde erneuert das Diplom als Doktor der Medizin dem Geh. Medizinalrat Professor Dr. Friedrich Mosler in Greifswald.

"Das Schwurgericht, welches für die Provinz Oberhessen am Montag kommender Woche beginnt, wird, wie man hört, nur mit der Erledigung von zwei Anklagen sich zu befassen haben und zwar mit einem Sittlichkeitsverbrechen und mit Körperverletzung mit tötlichem Erfolg. Diese letzte Sache betrifft den bekannten Grünbergerr Fall.

** Der Theater-Verein teilt uns mit: BeyerlemS Zapfenstreich", das erste Drama des vielgenannten Ver­fassers des RomansJena oder Sedan" wird als 4. Vor-, stellung am Dienstag, den 15. Dezember, gegeben werden. Das Drama wurde vor etwa vier Wochen zum erstenmale im Lessingtheater in Berlin in Anwesenheit und unter dem lebhaften Beifall des deutschen Kronprinzen aus­geführt, beherrscht dort vollständig den Spielplan und ist von

Gießener Madttyeawr.

Wohltäter der Menschheit.

spräche:Wissen ist Macht",Wi dazu im Munde der Doktorin, i nicht lebenswahr istl

Schauspiel in 3 Men von Felix Philippi.

Tie Tragödie des Ehrgeizes, der unruhigen, peinigen­den Eitelkeit ist ernst; die volle Beweath^it des metqcfc lief)' fühlenden Interesses folgt ihr stuneno und teilnehmend. Sie ist ein Problem, diese Tragödre, das tne regier aus dem Geschick solcher so strebenden Menschen vor uns ent­rollen. Sie ijt aber ein Problem, ern ^p^elball der ndy? tenden Gedanken nicht in der DichIuug, die lauter uiw unmittelbar wirkend in erster Lüne nur rursere eil* nähme erwecken soll. Wir wollen auch dre Sunde und die menschlichen SckMächen begreifen und rhnen rnnerllch nahe stehen, und das Drama ist kein L-chlachtfeld, aus dem in der bewußten und berechneten Gegenüberstellung der guten und schlimmen Leidenschaften drafterrsche Srege er­kämpft werden.

Auf dem Phllippi'schen Dramenschrachtenbrld frnden wrr viel Farben zuscunmengetragen, indessen kern warmer uton des Verstehens klingt in uns an. Wohltäter der Men)ch? heit! so wird von der Bühne mehrmals direkt das Pubnkum anaerufen, und es ist uns dabei, als habe der Verfasser des Dramas damit uns so recht vor dre Augen stellen wollen, wie ernst die Konflikte zu nehmen seren, die m dem Stück an uns vorübergehen. Damit rst aber wahrlrch nichts getan. Wir empfinden das ganze Stuck eben als erne allerdings geschickt hergcstellte Mache, aus der an ein­zelnen Stellen der unechte Ursprung ganz unverkennbar tn ble Augen springt. Was sollen die wiederholten Aus-

- ^issen ist Stückwerk", noch

deren ganze Erscheinung

Giebt es eine solche Gattin, die eine so grenzenlose Liebe und Verehrung für chren Vater besitzt, nur darum, weil er eine wissenschaftliche Leuchte ist und im Munde der Oeffentlichkeit eine große Rolle spielt, giebt es eine solche Gattin, die bei einem wissenschaftlichen Konflikt von Vater und Gatten, den beiden Aerzten, aus den Arnrerr ihres rechtschaffenen Mannes sich losreißt, um die Eitel­keit eines alten, geheirnrätlichen Vaters zu schonen, der in keinem Zuge als ein gütig gesinnter Mensch sich er­weist? Nein, es giebt kerne solche F-rau, aber Phllippi brauchte sie, um dem Streit der beiden Aerzte um das Leben des Herzogs eine dramatische Unterlage M geben. Und warum fällt die niedliche, Heine Paula von Forten- bach, die zweite Tochter des Geheimrats, so stürmisch, wie mit Pauken und Drommeten, dem vor Staunen Mund und Augen aufsperrenden jungen Doktor Kayser in die Arme? Das geht alles sehr rasch, um uns zu packen und über die innere Leere des Stückes hinwegzutäusch^en.

Die beste und sympathischste Figur ist ohne Zweifel die des Dr. Martius. Er ist der angenehme Typus eines geschickten Arztes mit raschem Blick, der, unbestechlich durch äußere Erfolge und Vorteile, sich nur mit Eifer seinem ärztlichen Berufe hiwgwbt. Ihn hat gestern abend Direktor Stein tter mit frischem Temperament und vor allem auch einer tadellosen Maske dargestellt. Wer den lebhaften Mann mit der Brille und dem spitzen Bart so ge- schäftrg umhereilen sah, mußte sich gleich sagen: das rst ein solcher Arzt.

Frau Kellermann hatte als Doktorin keine leichte Rolle inne. Der Herr Verfasser des Dramas wollte, wie wir das von ihm gewöhnt sind, mit ihr dem Publikum mancherlei Ueberraschungeu machen. Zuerst das geradezu peinigende Verhalten einem Gatten gegenüber, sogar An­sätze zur Unterschlagung eine§ Schriftstückes, dann die

spannend sein sollende Entwicklung nach dem Bekenntnis des Vaters. Damit fällt die Rolle, und der Kunst der Frau. Kellerruann ist nichts vorzrttversen, denn sie hat mit sicht­lichem Eifer sich der undankbaren Aufgabe unterzogen.

Ten genressenen, alten Geheimrat gab Herr Haag sehr richtig und glaubwürdig, allein in dem langen Selbstbekenntnis des durcy seine Eitelkeit zu Verfehlungen Getriebenen liegt ein Fehler der Dichtung und eine Klippe für den Darsteller. Tie lange Erzählung des gebrochenen Mannes, die ec in Gegenwart der ganzen Familie hervor­bringt, muß er abgerissen und wie geistesabwesend hervor­stoßen, um die unwahrscheinlichen Längen einigermaßen auszugleichen. Hiierin hätte Herr Haag wohl etwas weiter gehen können, als er es getan hat.

Ter Erbprinz des Herrn Pichler war im ganzen recht erfolgreich, während Herr A ch t e r b e r g als Adjutant des Erbprinzen bei seinem erst en Auftreten ziemliche Schwächen zeigte, die später indessen, berm Hervorbrechen des Zornes über die Handlungsweise des Vaters, zurück­traten.

Frl. Hellberg, schien recht wohl zu wissen, daß Leb­haftigkeit allein die etwas prvblemattsche Rolle der Paula zu retten vermochte, und Herr Tamke swllte seinen Dr. Kayser auch ganz vernünftig hin.

Wir müssen auch der Frau Jenny Erwähnung tun, die im ersten Aufzuge mit Erfolg in der Person einer mit Mohltätigkeitsveranstaltungen beschäftigten Hofdame sich bemühte, die in stehender Red erwart rächt zu wissen vorgibt, welche von ihren unangenehmen Eigenschaften die schlimmste ist.

Tas Theater war gut besucht. Wünschenswert wäre, wenn die Vorhangstechnik, die in den S^änoen eines allzu eifrigen Leiters sich zu besinden scheint, einige Verbesser­ungen Erfahren würde. A G.