Ausgabe 
1.10.1903 Zweites Blatt
 
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Zwetschenkerne VersMucken und hat diesen unüberlegten Streich auch wirklich ausgeführt. Liner der Kerne verlebte den Blinddarm und der Junge starb nach qualvollen Leiden.

Homburg v. d. H., 30. Sept. Die Königin-Witwe Margherita von Italien traf heute mittag mittels Equipage von Frankfurt hier ein. Sie besuchte nach dem Frühstück das Kurhaus, Den Kurpark und das LönigliM Schloß und fuhr umi 3 Uhr nachmittags mit dem Schnellzug nach Frankfurt zurück.____________________________________

Vermischtes.

* Braunschweig, 30. Sept. (Amtlich.) Aus den Landkreisen des Herzogtums Braunschweig smd rncher Woche vom 20. bis 26. September folgende Typhus fälle ge­meldet: Im Kreise Gandersheim 2 gegen fernen in der Vorwoche, im Kreise Holzminden 1 gegen 3 und im Kreise Braunschweig 7 gegen keinen in der Vorwoche.

* Breslau, 30. Sept. Wie dieSchles. Ztg." meldet, ind fünf weitere Personen ermittelt, die an dem Land- r i ed e n s b r u ch i n L a u r a h ü t t e beteiligt gewesen sind, Darunter auch diejenige, die den Amtsvorsteher mit einer Latte geschlagen hatte. Alle fünf kommen in einer neuen dritten Verhandlung vor daö Schwurgericht. Beide Kor- anty meldeten gegen das Urteil der Strafkammer Berufung dH. Wie dieBrest. Morgenztg." aus Kattowitz meldet, ist der Verleger der Gleiwitzer polnischen ZeitschriftIskra", Sollys, auf Szelodze-Zollkammer mit einem Arbeiter, als beide Nummern der Zeitschrift nach Rußlcnck) einführen wollten, verhaftet und in die Warschauer Zitadelle ge­bracht worden.

ttnz und Prinz .. n Sriechenla' .d

sich selbst abfeuerte. Auch hier taL das Schrot seine Wirkung, mit halb abgerissenem Äopfe stürzte auch der Boy zu Boden und war sofort tot.

gm nettes deutsch-dänisches SerLcyrsmtttel.

Warneuründe, 30. Sept.

Lwlorualpost.

Der Plantagenleiter Meyer in Moa ist von seinem schwarzen Diener erschossen worden, nach­dem er diesen augenscheinlich in brutaler und ungerechtfertigter Weise mißhandelt hatte. Meyer fuhr leidenschaftlich gern Rad und zwar wegen eines fehlenden Arms Tandem, auf dem sein Boy den vorderen Platz einnahm und stets das Gefährt zu lenken hatte. Bei einem Ausflug in voriger Woche nun fuhr das Tandem infolge der Ungeschicklichkeit oder Unacht­samkeit des Boys gegen einen Baum an, Herr und Diener stürzten herunter und das vordere Rad wurde bei der Ge­legenheit krumm gebogen, so daß an cm Weiterfahren nicht zu denken war. In erklärlichem Aerger darüber, zumal man sich ziemlich weit vom Hause ab befand und nun den ganzen langen Weg zu Fuß zurückzulegen gezwungen war, strafte Meyer seinen Boy wegen dessen Unachtsamkeit mit Schlägen und soll auch nicht abgelassen haben, während des Rück­weges ihn zu schlagen. Außerdem drohte er dem Boy, ihn zu Hause verhaften und an die Kette bringen zu lassen. Jedenfalls schickte Meyer, als er zu Hause angekvmmen war, sofort zu den nahen Grenzaskaris und ließ die Ausgänge der Plantage von diesen sperren. Der Boy hatte sich unter­dessen mit dem Schrotgewehr versehen und wollte sich damit auf und davon machen, fand aber die Ausgänge der Plan­tage bereits von AstariS gesperrt und eilte deshalb wieder ins Herrenhaus zurück, wo et sich mit dem Schrotgewehr bewaffnet unter der Treppe anfstellle. Meyer ging nun mit einigen Askaris in das Haus und hatte denselben gerade zu- gerusenkamata (ergreift ihn!) als ein Schuß fiel, der Meyer sofort zu Boden streckte. Die Schrotladung war dem Unglücklichen durch Schulter und Brust gedrungen und führte sofort seinen Tod herbei. Als die Askaris dann gegen den Lllörder cindrangen, fiel der zweite Schuß, dm der Boy au-

Königlichen Hoheit gemachten Darlegungen ansMießen zu können, und nochmals meiner Freude Ausdruck zu geben über die so glücklich hergestellte neue Verbindung zwischen unseren von dem gleichen Meere bespülten Ländern. Das teure Band, welches unsere Hauser vereint, macht es mir doppelt lieb, diesen b^eutrmgsvolleu Tag an der Seite Ew. Königlichen Hoheit zu begehen. Ich ächebe das Glas und trinke auf das Wohl ^t.-nigl. Hoheit des Groß­herzogs und des gesamten Groß herzogliche Hauses." Die Musit spielte die mecklenburgische Nationalhymne. Durch. Orden wurden u. a folgende Persönlichkeiten von König Christian ausgezeichnet: der mecklenburgische Staatsmmister Graf Bassewitz-Levetzow erhielt das GDvßkreuz des Daue- brogordeus, Ministerialrat Baron Brandenstein das Körn' mandeurkreuz zweiter Klasse. König Christian und die übrigen deutschen Fürstlichteiten verweilen die Nacht an Lord desDanebrog".

Rostock, 30. Sept.

Gegen 7y2 Uhr begaben sick die Fürstlichkeiten ins Hotel Fürst Blücher" zum Festdiner. Im ersten offenen Vier­spänner fuhren der Großherzog und der König von Däne­mark, im zweiten der Kronprinz von Dänemark und Prinz Heinrich der Niederlande. Die deutschen Festteilnehmer sind darin einig, daß der Empfang in Gjedser dänischerseits von einer solchen Herzlichkeit und Großartigkeit war, daß er den angenehmsten Cindrua hinterlassen hat. Die dänische JachtDanebrog" hat auf der hiesigen Reede sestgemacht und am Abend prächtig illuminiert.

Bei dem Festmahl im HotelFürst Blücher" hielt der Großherzog von Mecklenburg eine Rede. Er sprach von der ungeheuren Bedeutung, die die Fährver­bindung in handelspolitischer Beziehung habe. Der Groß­herzog wies weiter darauf hin, wie sehr dies Werk ge­eignet sei, die Freundschaft zwischen beiden Völkern zu fördern, und schloß mit einem Hurra auf den König. Hierauf wurde die dänische Nationalhymne gespielt. König

Aus Stad! und Aaud.

Gießen, 1. Oktober 1903.

Einkommensteuer 1. Abteilung in der Stadt Gieß en. Nach den Mitteilungen der Zentralstelle für die Landesstatistik haben in der Stadt Gießen ein Ein­kommen von 2600 Mk. 231 Personen, 2900 Mk. 166, 3200 Mk. 159, 3600 Mk. 111, 4000 Mk. 116, 4500 Mk. 103, 5000 Mk. 68, 5500 Mk. 55, 6000 Mk. 59, 6500 Mk. 46, 7000 Mk. 30, 7500 Mk. 30, 8000 Mk. 30, 8500 Mk. 19, 9000 Mk. 16, 9500 Mk. 11, 10 000 Mk. 31, 11 000 Mk. 27, 12 000 Mk. 22, 13 000 Mk. 6, 14 000 Mk. 11, 15 000 Mk. 8, 16 000 Mk. 5, 17 000 Mk. 5, 18 000 Wik. 6, 19 000 Mk. 4,

20 000 Mk. 3, 21 000 Mk. 6, 22 000 Mk. 3, 23 000 Mk. 6,

24 000 Mk. 4, 25 000 Mk 5, 26 000 Mk. 2, 27 000 Mk. 4,

28 000 Mk. 1, 29 000 Mk. 2, 30 000 Mk. 2, 32 000 Mk. 3,

68 000 Mk. 1, 72 000 Mk. 1, 74 000 Mk. 1, 82 000 Mk. 1, 97 000 Mk. 1, 101 000 bis 1 679 000 Mk. 4 Steuer­pflichtige.

** W asserabstellung. Wir weisen auch an dieser Stelle auf die am Freitag, den 2. Okt. d. I. von 7 Uhr morgens bis gegen 2 Uhr nachmittags stattfindende Was- erab stell ung des Kreuzplatzes nnb anliegender Straßen wegen Rohrleitungsarbeiteu des städtischen Gas- und Wasserwerks hin.

** Der deutsche Wortlaut d e r Ma tr i k e l, der auf Beschluß des Senates der Land cs Universität eingeführt worden ist, ist folgender: Im Namen Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein, des Rektor Magnifizentissiurus der Ludwigs- Universität. Nachdem Herr. . . durch Handschlag feierlich gelobt hat, daß er willens ish den Gesetzen Gehorsam, der Obrigkeit und seinen Lehrern die schuldige Achtung und Ehrerbietung zu erweisen, fich eines sittlichen Lebens^ Wandels zu befleißigen und seinen wissenschaftlichen Studien mit Eifer oüzuliegeu, ist er unter unsere atademi- chen Bürger crufgerrommen und ihm zum Zeugnis dessen diese Urkunde ausgestellt worden. Der Rektor der Landes- Universität.

* Ein Ludwig Richter-Abend findet am nächsten Sonntag in der Turnhalle statt. Er wird veranstaltet vom evangelischen Arbeiterverein, jedoch haben auch Nicht­mitglieder Zutritt. Nach einem einleitenden Vortrag von Zsarrer Euler wird Prosefior Ko ob eine Serie Richter­bilder, deutsches Volks- und Kinderleben nach bekannten Originalzeichnungen des Künstlers, vorsühren. Dazu werden unter Leitung ihres Dirigenten Gernhardt der genüschte Chor sowie der Kinderchor des Vereins Lieder und Deklamationen vortragen. Dazwischen Harmoniumspiel von Musiklehrer Kasten. Die Installation für das Skioptikon besorgt

Ingenieur Mulert, die gärtnerische Ausschmückung Karl Becker. Das Harmonium liefert die Firma Wilh. Rudolph. Die Freunde Richter'scher Kunst, alle diejenigen, welche sich an den Humor- und gemütvollen Zeichnungen des Meisters so oft erfreut haben, werden gerne den 100 jährigen Geburtstag des guten, alten Großvaters Richter mitfeiern. Bezüglich der Eintrittskarten enthält das heutige Inserat näheres.

§ Vom Lande, 30. Sept. Während man aus ver- chiedenen Städten von einem Brotabschlag um 5 Pfg. für den vierpsündigen Laib berichtet, scheint unseren Landbäckern diese Verbilligung des Brotes noch unbekannt zu jein Wenn aber die Bäcker der Städte abschlagen, dann können das unsere Landbäcker erst recht. Immer wieder die alte Erfahrung, daß das Auftchlagen so rasch und das Abschlagen o langsam geht. Eine ähnliche Erfahrung hat man mit dem Zucker gemacht, der jetzt erst anfängt, auf die Preisstufe herabzugehen, die er in den Städten schon seit beinahe einem Monat eingenommen hat. Ueberhaupt verschieben sich in neuester Zeit die Preisverhältnifie der Lebensrnittel und Haus­haltungsbedürfnisse zwischen Stadt und Land in geradezu umgekehrter Weise, sodaß die ländlichen Preise über den städtischen stehen.

? Aus dem Ohmtal, 30. Sept. Bei der Gießener landwirtschaftlichen Ausstellung war eine Molkerei bei der Preisbewerbung leer ausgegangen, oder hatte doch nicht den 1. Preis erftritten, während eine Konkurrenz-Gesellschaft besser abschnitt. Als man deswegen ein Mitglied dieser Molkerei befragte, sagte es:Uns Butter woar die best'; beim Probieren hott se so geschmeckt, deas je all' foat woar, wäi se se prämieren wollte tunl"

R. B. Darmstadt, 30. Sept. Nachdem die erste Etappe des Zarenbesuchs in Darmstadt vorüber ist, schreiten allmählich auch die Vorbereitungen für die Ver­mählungsfeierlichkeiten rasch voran An der Ludwigssüule auf dem Luisenplatz vor dem Alten Palais werden jetzt die weiteren Festdekorationen vollendet und auch sanft sieht man überall die letzte Hand ans Werk legen. Inzwischen kommen auch schon die Festgäste aus weiter Ferne herbei. Heute ist der russische Oberzeremonienmeister Hendoikoff eingetroffen und morgen werden der Kronprinz und die Kronprinzessin von Griechenland hier erwartet, die gestern von Athen abgereist sind. Ferner trifft demnächst der grie­chische Gesandte und bevollmächtigte Minister, Exc. Ran- gäbe, hier ein. Die Königin von England und ihr Bruder, der König von Griechenland werden am Montag, den 5. Oktober, von Kopenhagen kommen, in Frankfurt a. M. mit der aus Petersburg kommenden Königin von Griechen­land zusammerrtreffen, und am selben Sag hierher kommen, sodaß bereits für d>ie am Aöontag abend angcsetzte Gala- Borfrelluug im Hoftheater, in welcher Delibets große Oper ,^ülkme" zur Aufführung kommt, die Hochzeitsgäste voll­zählig versammelt sein werden. Heute vormittag unter­nahmen die beiden älteren russischen Prinzessinnen und Prinzessin Elisabeth wieder kleine Reittouren und am Nach­mittag wurde ihnen im Neuen Palais durch eine Vor­stellung von Miß Graziella, die mit ihren dressierten Pratchvögeln z. Z. im hieftgen Orpheum gastiert, eine große Freude bereitet. Heute abend besuchten die Zarin, der Großherzog und die übrigen Fürstlichkeiten wieder, wie gestern abend, das Hostheater, wo decHochtourist" zur Aufführung gelangte.

Frankfurt, 20. Sept. Wegen einer unsinnigen Wette hat der 14jährige einzige Sohn des Metzger­meisters Seifert in Eschersheim sein Leben lassen müssen. - Er hatte mit gleichaltrigen Jungen gewettet, er könne acht

stir Eröffnung des d eu t sch-d an rschen Tra- iekts traf um 10 Nhr vormittags der Sonderzug nut den aus Schmarrn kommenden FürslliMeiten ein. Die Hasenanlagen nxmm in mecklenburgischen, deutschen und dänischen Farben geschmückt. Der Großh erzog vvn Mecklenburg-Schwerin, dre Fürstlichkeiten und Die Mfaräen HerrsäMten, unter denen sich Eisenbahnmiuister Budde, Staatssekretär des Reichspostamts Krätke und Unter- staatsseiretär Schultz befanden, begaben sich in die Warte­räume des Bahnhofes, wo ein Imbiß eingenommen wurde. Inzwischen wurden die Wagen über das bewegliche Geleis in die große FühreFriedrich Franz 4" übergeführt, welche qm Mast die Großherzogliche Standarte und am Bug den Danebrog führte. Um 10 Uhr 30 Minuten setzte sich.' die Fähre unter den Klängen der Musik in Bewegung. Vom Ufer wurde Salut geschosien. , .

Um 12 Uhr lief die DampffähreFriedrich Kranz IV." bei *?:.< in Gjedser ein. Dort hatten sich

Franz IV." bei N.<?l in Gjedse der König von L u uemc . i, in Waldemar von Danc.ua rk, P-.a^ C

000 Mk. 2, 38 000 Mk. 1, 40 000 Mk. 2, 45 000 Mk. 1, enträger eim , _1; gu0 Mk. 1, 48 000 Mk. 1, 62 000 Mk. 1, 63 000 Mk. 1,

mit Gefolge, sowie die dänischen wi; .. .m .

gefunden. Es fand ein Gußstück statt, bei nu. hem zunächst der König von Dänemuri in feierlicher Rei a . / neue Fahrverbi . a ug für eröffnet erllärte.

In .r zweiten Rede toastete der König auf den Großherzva, u letzterer in einem Trinkspruch erwiderte.

Ter König . .ach u. a. etwa folgendes: Es ist meine feste Ueüerzeuguug, daß diele Verbindung einen ganz be­sonderen Fortschritt zu dem bedeutungsvollen Ziele, den Verkehr zwischen unserem Vaterlande und dem Auslands zu ft rderu, bildet. Es ist mir eine große und auftichtige Freude, bei dieser Gelegenheit unter uns den Großherzog von Mecklenburg-Sckstverin zu sehen, dessen Gegenwart mir um so größere Beftiedigung gewährt, als dies mir einen neuen Beweis von dem warmen und lebendigen Interesse gibt, mit dem der Großherzog dieses aus fruchtbarer Zu­sammenarbeit hervorgegangene Kultur werk erfaßt hat.

Tie Rückfahrt der Fähre fand bei außerordenllich günstigem Wetter statt. Die Fürstlichkeiten benutzten zur Rückfahrt das dänische FährbootPrinz Christian", während ein Teil der Festgesellsck)aft auf der deutschen FähreFried­rich Frmcz IV." Platz nahm. Die Fähre wurde begleitet von dem dänischen KreuzerGeyser" und der Königsjacht Danebrog". Gegen 5 Uhr nachmittags liefen die Fährbote in Warnemünde ein unter dem Salut der Schiffe und leb­haften Zurufen des Publikums. Die Fürstlichkeiten, welche große Uniform trugen, besichtigten eingehend die Hafen- aulageu und begaben sich mittels Sonderzuges nach Rostock.

Gingrjündl.

(Für Form und Inhalt aber inner öiejer Rubrik stehenden Artikel übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung.)

An die Evangelische Gemeinde!

Den Mitgliedern unserer Gemeinde bin ich noch vor der Friedhofsweihe am nächsten Sonntag, dem 4. Oktober, eine Rechtfertigung und Erklärung schuldig.

Die Vorwürfe, die mir von vielen Seiten gemacht wurden darüber, daß ich nicht auf der für vorigen Sonntag angesagten Friedhofsweihe bestanden, sondern daß ich nach­gegeben hätte, sind an sich allerdings sehr begründet. Denn wir haben als Evangelische Gemeinde ein volles, durch Staats- und Reichsgesetz verbürgtes Recht, den neuen Fried­hof, der Eigentum der Stadtgemeinde Gießen mit ihren 22000 Evangelischen ist, und der als allgemeiner Begräbnis­platz dient, zumeist also für die 22 000 Evangelischen, zu weihen nach unseren kirchlichen Lehren und Gebräuchen. Dasselbe zu tun nach ihren Lchren und Gebräuchen, steht den 2400 Katholiken Gießens frei.

Dieses Recht wollen und dürfen wir uns von niemand nehmen lassen. Es ist uns aber tatsächlich durch gesetzwidrige Gewaltandrohung unterdrückt worden; und dagegen haben wir Beschwerde erhoben.

Auch unsere oberste Kirchenbehörde, das Großh. Oberkonsistorium, schreibt in diesem Sinn an dab Großh. Kreisamt Gießen:Eine jede anerkannte Religions gemeinschast hat die volle Freiheit der Ausübung ihres Kultus, soweit nicht direkt Staätsgesetze entgegenstehen. Welche einzelne Kultushandlungen vorzunehmen sind, ist eine innere Angelegenheit der betreffenden Kirche; weder Staat noch bürgerliche Gemeinde und ihre Organe staben sich da einzumischen, sondern die Entscheidung steht einfach und ausschließlich bei den maßgebenden kirch­lichen Behörden, und wir, als hier zunächst maßgebend, erklären: die kirchliche Einweihung eines Friedhofs gehört, wie sich dies auch aus unseren Akten ergibt, zu den herkömmlichen Kultus Handlungen unserer hessischen evangelischen Landeskirche."

Hierzu bemerkt Großh. Oberkonsistorium noch ins­besondere:ob die durch Herrn Blecum am 10. Juli ver­hinderte Einweihung nachzuholeu sein wird", darüberwird der Gesantt-Kirchenvorstand das entscheidende Wort zu sprechen haben."

Wir hatten demnach als Kirchenvorstand das Recht, unsere vor mehr als zwei Monaten gewaltsam verhinderte Friedhofsweihe endlich auf vorigen Sonntag anzusetzen. Dem steht auch nicht Ein Wort aus unsererFriedhofsord­nung" entgegen, wie man unrichtiger Weise gemeint hat; denn diese sagt einfach:Der Friedhof dient als allgemeiner Begräbnisplatz". Wie dabei die einzelnen Konfessionen, auch vorher oder nachher, mit ihren kirchlichen Gebräuchen es halten wollen, das ist Sache der Kirchen, auch- der Leid­tragenden, aber nicht der Stadt, deren Wohl dadurch nicht im geringsten gestört wird.

Wir hatten damals bei Großh. Kreisamt und Ministe­rium des Innern in 4 Punkten Beschwerde erhoben wider Herrn Oberbürgermeister Mecum; wir hatten aber dabei nicht die Bitte ausgesprochen, uns die Friedhofsiveihe zu erlauben, denn diese Erlaubnis bedurften wir n'cht und bedürfen wir nicht. Nur 'um Schutz gegen etwaige neue Störungen der Weihe hatten ivir Großh. Kreisamt gebeten. Trotzdem hielten wir es für richtig, vorerst mit dieser Weihe zu warten, bis eine Entscheidung über unsere Be­schwerde getroffen worden sei. Dies zog sich aber allzu­lange hinaus; mir erfuhren, daß noch im Juli unsere Be­schwerde an den Oberbürgermeister zum Bericht gegeben worden sei, später auch die Zuschrift des Obertönsisloriums. Dort, auf der Bürgermeisterei liegt alles seit zwei Monaten, während man doch hätte erwarten dürfen, daß Herr Mecuni, wie er ohne Stadtverordnetenversamniliing sein Verbot imb seine Gewaltandrohung sich erlaubt hatte, so auch ohne Stadtverordnetenversammlung seinen Bericht und seine Recht­fertigung schnellstens erledigen werde. Das Großh. Ministe­rium weiß amtlich heute noch nichts von unserer Beschwerde. Zudem ging die gute Jahreszeit zu Ende, im Oktober be­ginnen die Abendgottesdienlle. Deshalb bestimmten mir die Friedhofsweihe auf Sonntag, den 27. September. Als darauf Großh. Kreisamt, dem wir Anzeige hiervon machten, uns anheim gab, erst die Beschlußfassung der Stadtverord­netenversammlung abziiwarten, so blieben wir dennoch ein­stimmig bei unserer 'Anordnung und erließen die öffentliche Einladung. Denn wir wahren uns und unserer evange­lischen Gemeinde auf's beftinnntefte das Recht, daß mir mit unserer Weihe von keinerlei Beschluß der Stadtverord­netenversammlung oder des Kreisamts abhängig sind.