Ausgabe 
29.9.1901 Viertes Blatt
 
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Nr. 22V

Viertes Blatt

151. Jahrgang

Sonntag ÄS September 1901

Erscheint täglich mit Ausnahme del Montags.

Die Siebener Lamilien» blätter werden dem An­zeiger im Wechsel mit demHess. Landwirt" und denBlättern für hessische Volkskunde" viermal wöchentlich bei­gelegt.

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FrrnsprkchanschlußNr.51.

& Annahme von Anzelge«

GietzenerAMger

w General-Anzeiger " ES

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen ZZW V » KS zeigenteil: Hans Beck.

Der sozialdemokratische Parteitag, v. I

Liüb eck, 26. S^pt.

Zu der Hamburger Akkordmaurer-Angelegenheit liegen folgende Anträge vor: Ter Referent Bömelburg be­antragt:Ter Parteitag erklärt, daß er die Begründung des Schiedsgerichts in der Hamburger Angelegenheit als richtig nicht anerkennt. Er lehnt es jedoch ab, wegen Streik­bruchs den Ausschluß aus der Gesamtpartei zu vollziehen, und überläßt es den örtlichen Parteiorganisationen, im (ckinzelfall zu entscheiden, ob der Ausschluß von Streik­brechern aus der örtlichen Organisation erfolgen soll."

Fischer (Berlin), Heine, Singer, Gerisch, Molkenbuhr, Ledebour, Grunwald, Schwarz, Calwer, Bebel, Ulrich, Frl. Baader, Zubeil, Stadthagen, Hoffmann, Frau Zetkin, David, Frohme und Fendrich beantragen:Der Parteitag als Ver­treter der in der Sozialdemokratie organisierten klassen- bewußten deutschen Arbeiterschaft stimmt mit den auf dem Boden des Klassenkampfes stehenden Gewerkschaften, als den wirtschaftlichen Organisationen der Arbeiterklasse, ihberein in der rückhaltlosen Verurteilung des Streikbruchs. Ter Parteitag erkennt auch an, daß die Gewerkschaften im Interesse ihrer Selbsterhaltung und der Erfüllung ihrer Aufgaben den Streikbruch mit aller Energie bekämpfen inb ahnden müssen, daß aber die Führung dieses Kampfes unb die Wahl der Kampfmittel in erster Linie den Gewerk­schaften überlassen bleiben ryuß. Dagegen lehnt die Partei (o ab, in jedem Streitfall zu den Beschlüssen der Gewerk­schaften über ihre Organisation und Takllk Stellung zu Nehmen, oder von solchen Beschlüssen oder dem Verhalten der gewerkschaftlich organisierten Parteigenossen dazu, die Zugehörigkeit zur Gesamtpartei abhängig zu machen. Ter Parteitag erklärt, daß das Schiedsgericht nach dem Wort­laut des Parteistatuts und dem ihm vorgelegten Thatsachen- nateriat keinem anderen Beschluß als dem gefällten Urteil gelangen konnte. Der Parteitag muß es den ört- lächen Parteiorganisationen überlassen, zu entscheiden, mit welchen Mitteln sie den Zentralverband der Maurer in feinem Vorgehen gegen die Hamburger Akkordmaurer unter- siiitzen können, und namentlich inwieweit sie ein Zu­sammenarbeiten mit ihnen in ihren Parteiorganisationen für möglich halten".

Als erster Redner erhält Abg. Legien das Wort, der Vorsitzende der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands: Ter Genosse Auer habe die Sache nach mehr­facher Richtung falsch dargestellt. Man wolle es so dar- jreilen, als ob es eine Sache der Maurer sei, und von diesen im die Partei hineingetragen werde. Tas sei nicht der Fall. Der Ausschluß ist auch nicht erfolgt wegen der Zugehörig- Mt zu der Sonderorganisation und wegen der Akkordarbeit. Auer habe es so dargestellt, als sei die Angelegenheit auf eiine von bestimmten Personen, von dem Genossen v. Elm, ton mir und von einigen anderen in die Partei hinein- o etragene Hetze zurückzuführen. Genosse Auer, es ist höchst gefährlich, angesichts einer derartigen Bewegung innerhalb der Arbeiterschaft von einer Hetze zu sprechen. Wenn dieser Fall eine Hetze einzelner Personen ist, dann haben auch die Gegner Recht, welche behaupten, daß die ganze sozial­demokratische Bewegung die Ursache der Hetzereien einiger bezahlter Agitatoren sei. (Beifall.) Es ist nicht eine Hetze von zwei bis drei Personen, welche diese große Erregung im ganz Deutschland gegen den Schiedsspruch, des Partei­vorstandes hervorgebracht hat. (Zustimmung.) Ich möchte

Feuilleton.

73. Urrfammlnng Deutscher Naturforscher und Aersik.

H a m b u r g, 26. September.

Prof, de Vries-Amsterdam sprachUeber Mutation und Mutationsperioden bei der Entstehung der Arten":

Tie Systematik der Pflanzen- und Tiere stützt sich auf den Satz von der Konstanz der Arten. Diö Deszendenzlehre in ihrer jetzigen Form nimmt aber an, daß die Arten sich zwar langsam und kaum sichtbar, aber doch.stetig und überall umwandeln. Tie Teszrndenzlehre bedarf aber jener An­nahme einer langsamen und stetigen Fortbildung der Arten nicht. Sie läßt sich ebenso gut mit der Vorstellung ver­binden, daß die Arten zwar auseinander, aher stoßweise hervorgegangen sind. Solche Stöße nssnnt man Mutationen; durch je eine solche wird eine neue Art geboren. In der jiatur scheinen die meisten und wohl die wichtigsten Mu­tationen gruppenweise vorzukommen. Darauf deuten wenig­stens die vielen Gruppen sehr nahe verwandter Formen hin, die die vorgenannten vielgestalteten oder polymorphen Gatt- ungen bilden. Dasselbe lehren uns die zahlreichen-Arten, die aus mehreren, oft aus einigen Dutzenden von Unter­acten zusammengesetzt sind. Tie Mutations- oder Umwand­lunasperioden, in denen die jetzt lebenden Arten entstanden srnd entziehen sich selbstverständlich der Beobachtung. Sie achören der Vergangenheit an. Aber es liegt auf der Hand, amzunehmen, daß von Zeit &u Zeit auch in der Jetztzeit einzelne Arten in solche Umwandlungstzeiten eintreten und neue Formen hervorzubringen an fangen. Von den neuen, im dieser Mutationsperiode unter den Augen des Beob­achters entstehenden Arten sind einige ganz kräftig und hir das Leben jn der freien Natur vielleicht sogar besser a ilsgestattet als die Muttersorm, z. B. die Riesen- und die r.otnervige Nachtkerze. Andere sind schwächer, noch andere schr schwach, einige sind unfruchtbar, und eine Form ist bis Mt nur in den weiblichen Exemplaren erhalten worden iLenothera lata); aber auch diese erhält sich durch Kreuz­ung mit der Mi'tterform im Lauf der Generationen, ohne ifljre Merkmale verändern, In dieser Weise hat man

daher dem Genossen Auer nahelegen, sich'sehr zu überlegen, ob er diese gestern mit so viel Behagen vorgebrachte Be­hauptung wiederholen will. Wir stehen seit 1898 in Ham­burg einer geschlossenen Macht des Unternehmertums gegen­über. Darum handelt es sich nicht um die Akkordarbeit und die Organisation, sondern um die Einheit der Hamburger Arbeiterbewegung, die gewerklich und politisch gegen die­selben Personen und Ziele verbunden ist. Glauben Sie, daß Die Neutralität der Gewerkschaften soweit gehen solle, daß die Genossen mit Leuten zusammenarbeiten sollen, die sich des StreikbruchD schuldig gemacht haben? Soll nicht in oer Partei als ehrlos gelten, was in den Gewerkschaften als ehrlos gestempelt ist? Aus diesen Erwägungen wurde nicht von den Maurern, sondern aus Parteikreisen im De­zember der Antrag gestellt, die Akkordmauver auszuschließen. Auer hat gestern zwei Drittel seiner zweistündigen Rede mit Ausfällen gegen meine Person ausgefüllt, und zwar in einer Weise, für die mir jeder parlamentarische Ausdruck: fehlt. Er wird das ja wohl in seinem Schlußwort fort­setzen, ohne daß ich antworten kann. Ich kann dem Genossen Auer nur sagen: Diese Art der Polemik, welche jetzt in der Parteiorganisation beliebt wird, kann der Arbeiterbewegung nicht dienlich sein. (Lebhafter Beifall.)

Legien stellt hierauf den eingangs mitgeteilten An­trag, den auch der Referent Bömelburg schon zur An­nahme empfohlen hat.

Frau Steinbach (Hamburg) glaubt, daß die Mätzchen und Drahtziehereien Auers nicht der Würde der Partei entsprechen. Der Bruch einer Sperre sei Streikbruch. Leute, Öie so ehrlos seien, das zu thun, müßten aus den Organi­sationen heraus. Diese Kerle müßten, je eher je lieber, ge- brandmarkt werden und aus der Arbeiterbewegung heraus­geworfen werden. (Beifall und Zurufe.) Wir halten den Spruch des falsch unterrichteten Schiedsgerichts und der Parteikontrolleure für einen Fehlspruch und wir ersuchen um Aufhebung desselben.

Abg .Fischer (Berlin): Ueber die Verurteilung des Streikbruchs gebe es in der Partei nur eine Stimme. Die Partei habe sich in die Angelegenheiten der Gewerkschaft nicht eingemischt. Gegen den Schiedsspruch seien sachliche Momente nicht vorgebracht. Es fehle der Nachweis, daß die Mitglieder der freien Vereinigung der Akkordmaurer ehrlos gehandelt haben.

Eduard Bernstein: Auer hat von der Gefahr einer Aufmarschlinie von v. Elm bis zu Naumann und Berlepsch, gesprochen; ich halte die Gefahr der Naumann und Berlepsch für die Arbeiterbewegung für durchaus gering; aber wenn sie bestände, würde man sie doch nur fördern, indem man den Gegensatz oder auch nur die Auffassung eines Gegen­satzes zwischen Partei und Gewerkschaften aufrecht erhielte. Es handelt sich um ein Lebensprinzip der Gewerkschaften: Einheitliche Zusammenfassung aller Kräfte. Ten Gewerk­schaften will ich in meinem, von 17 Genossen unterstützten Antrag die Möglichkeit geben, Sonderbündler zeitweise aus- zuschließem Ter Antrag Bernstein lautet:

Der Parteitag erklärt:Ter Kampf der Arbeiterkreise auf politischem und wirtschaftlichen Gebiete erfordert ein­heitliche Zusammenfassung aller Kräfte in den betreffenden Organisationen. Er hat zur Grundbedingung die Ausübung strenger Disziplin in der Fraktion, wie die Respektierung der Beschlüsse der Mehrheit durch die Minderheit gemäß den Grundsätzen der Demokratie. Wer der Partei, oder seiner Berufsorganisation in einem von ihnen geführten Kampfe durch Thaten entgegenwirkt, oder S ander -

sich die ganze fortschreitende Entwickelung des Pflanzen- und Tierreiches vom ersten Anfang des Lebens auf der Erde vorzustellen. Die Vorfahren der jetzt lebenden Arten haben abwechselnd lange Zeiten eines unveränderten Da­seins und kurze Umwandlungsperioden durchlaufen. In oen letzteren fand der Fortschritt statt, und je nachdem jetzt die erreichte Höhe der Organisation größer oder ge-- ringer ist, müssen die Vorfahren einer bestimmten Art also auch eine größere oder kleinere Anzahl von Mutations­perioden durchlaufen haben. Aber in der tzanzen geologischen Zeit wird diese Anzahl für diese höheren Pflanzen und Tiere wohl wenigstens einige Tausende betragen haben.

W folgt dann ein Referat von Prof. Koken-Tübingen überT eszend enzlehre und Palaeontolo gie", dem sich Prof. Ziegler-Jena als letzter Redner mit einem Referat überden gegenwärtigen Stand der Des­zendenzlehre in der Zoologie" anschloß.

Tie Teszendenztheorie", so führte er aus,hat sich in den vier Jahrzehnten ihres Bestehens bei zahlreichen gründlichen Untersuchungen bestätigt, und folglich ist sie in den wissenschaftlichen Kreisen zu nahezu allgemeiner Anereknnung gelangt. Ties gilt zunächst nur für die Tes- zendenzlehre an sich, also für die stammesgeschichtliche Auf­fassung des Tier- und Pflanzenreiches. Dieselbe erklärt das Bestehende aus seiner Entwickelung, ebenso wie ja auf allen Gebieten des Wissens das Vorhandene aus der historischen Entwickelung abgeleitet wird. Abgesehen davon, daß die allmähliche Veränderung der Tierwelt durch die Ver­steinerungen bewiesen ist, lassen sich in allen Richtungen der Zoologie Anhaltspunkte zur Erkenntnis der natürlichett Verwandtschaft der Formen gewinnen. Insbesondere kann man leicht erkennen, daß manche Gruppen des Tierreichs in der Jetztzeit in voller Ausbreitung stehen und sehr viele Arten besitzen (z. B. Singvögel), während andere aus früheren Perioden nur mit wenigen Ausläufern in die Jetztzeit hineinreichen (z. B. Strauße, Krokodile). Ferner zeigt die vergleichende Anatomie der Tiere, daß manche Organe eine allmähliche stufenartige Höherentwickelung -erfahren haben, andere in Rückbildung begriffen sind. Tas Vorhandensein von Organanlagen, welche niema.ls im Leben gebraucht wer-

bündelei zur Bührung solcher Gegenaktion betreibt, ver­stößt gegen das Lebensprinzip der Arbeiterbewegung. Es sind daher die örtlichen Organisationen der Partei berech­tigt, solche Mitglieder solange aus ihrer Mitte auszuschließen, als sie in diesem Verhältnis verharren."

Rosbitzki (Wandsbcck) war einer der Schiedsrichter und verteidigt den Schiedsspruch. Frau Luise Z i n tz (Ham­burg): Tie Akkordmaurer haben Disziplinlosigkeit gezeigt. Sie seien keine Demokraten, weil sie sich der Mehrheit nicht fügten. Ferner haben sie einen Mangel an sozialem Em­pfinden bewiesen, weil es ihnen nur darauf autäm, ihren Wochenlohn zu erhöhen, ohne Rücksicht auf ihre Arbeits­genossen. Der Maurerverband war berechtigt, Sperren über Die Bauten zu verhängen. Mit der Aufnahme der Arbeiten an den gesperrten Bauten hätten die Akkordmaurer sich ehrlos gemacht. Man werde ja abwarten müssen, ob die Akkordmaurer denn wirklich so gute Parteigenossen sind, wie sie sich immer brüsten, weil sie schon unter dem Sozia­listengesetz in der Partei gearbeitet haben, und ob sie sich den Parteitagsbeschlüssen fügen werden.

Tr. Qu a r ck-Frankfurt: Tie Arbeitermassen können die feinen Unterschiede des Schiedsgerichts über halbe und ganze Ehrlosigkeit nicht verstehen; sie sehen in der Hand­lungsweise der Akkordmaurer einen Verstoß gegen die Grundsätze des Klassenkampfes. Es sei ja traurig, daß es sich um alte Parteigenossen handle. Er beantrage Zurückweisung des Schiedsspruches an die Hamburger Par­teigenossen.

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Kräftigend für Blutarme

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den (z. B. Zähne des Walfisches, welche schon vor der Geburt wieder verschwinden), weift deutlich darauf hin, daß die betreffenden Tiere von anderen abstammen, bei welchen diese Organe einstmals im Gebrauch waren. Zur Erklärung oer Vererbung sind verschiedene Theorien aus­gestellt worden, unter welchen diejenige von Weismann die bedeutendste ist. Tie Teszendenzlehre ist von diesen Ver­erbungstheorien nicht abhängig, da die Vererbung ledig­lich als beobachtete Thatsache betrachtet werden kann. Ist die Abstammungslehre für das ganze Tierreich angenommen, so muß sie auch für den Menschen Geltung haben. Denn der Mensch steht in seinem Bau den höchsten Tieren so nahe, daß seine Verwandtschaft mit denselben kaum zu bestreiten ist. Ter hohe Verstand des Menschen braucht keinen Einwand zu bilden, denn derselbe kann sich aus den kleinen An­fängen entwickelt haben, welche wir bei den Tieren sehen.

Nicht in seiner Abstammung liegt der Adel des Menschen­geschlechts begründet, sondern m seiner Höherentwickelung, in der Erhebung über die tierische Stufe."

Von allgemeinerem Interesse war eine gemeinsame Sitzung der zoologischen, botanischen, mineralogischen und anatomisch-vhysiologischen Abteilungen im Hörsaal des Naturhistorischen Museums, in der unter dem Vorsitz des Prof. ^raepclin-Hamburg die Frage nach der gegenwärtigen Lage des Biologischen Unterrichts an höheren Schulen erörtert wurde. -Tas Referat hatte Tr. Fr. Ahl- born-Hamburg übernommen, der in längerer Ausführung die Bedeutung des zoologisch-botanischen Unterrichts für die Schulung und .Pie geistige Entwickelung der Heran­wachsenden Generation erörterte und eine Wiedereinführung dieser Lehrfächer in die oberen Klassen der höheren Schulen als unerläßlich bezeichnete. Tie Diskussion ergab eine be­merkenswerte Uebereinstimmung mit diesen Ausführungen bei den zahlreich anwesenden akademischen Autoritäten Nack, einigen zum Teil schultechnischen Bemerkungen fanden die vom Vortragenden aufgestellten Thesen nahezu einstimmige Annahme und sollen den Ausgangspunkt für eine in weitere Kreise zu tragende Agitation bilden.