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Kr. 175 Drittes Blatt.
151. Jahrgang
Sonntag 28. Jnli 1901
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w General-Anzeiger v -*r
Amis- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
A« Stadt und Zand.
Nachrichten von allgemeinem Interesse find unS stets willkommen und werden angemessen honoriert.
• • Das Bermege» tm Sroßherzogtum Hessen berechnet sich nach der Veranlagung für das Steuerjahr 1901/02 folgen, dermaßen: I. Für die Städte des Großherzogtums: 1. Darmstadt 477,662,000 Mk., 2. Offenbach 202,197,000, 3. Gießen 123,791,000, 4. Mainz 433,636,000, 5. Worms 181,280,000, 6. Bingen 64,665.000 Mk. II. Für die Provinzen des Landes: 1. Starkenburg 1,497,745,000, 2. Oberheffen 997,326,000, 3. Rheinhessen 1,518,690.000 Mk. III. Für das Großherzogtum: 4,013,761,000 Mk. Durch die Aufhebung der Vermögenssteuer und Aufhebung der Grund-, Gewerbe- und Kapitalrenftnsteuer hat die Heff. Staatskaffe einen Ausfall von direkten Steuern: I. Bei den Städten des Landes: 1. Darmstadt 146,907.64 Mk., 2. Offenbach 165,319.17, 3. Gießen 79,134.49, 4. Mainz 327,753.62, 5. Worms 126,338.62, 6. Bingen 24,172.17 Mk. II. Bei den Provinzen des Landes: 1. Starkenburg 999,838.07, 2. Oberheffen 651,522 28, 3. Rheinhessen 1,104,698.34 Mk. III. Bei dem Großherzogtum 2,756,078 69 Mk.
* • Das «ene Weingefetz. Vom 1. Oktober ab dürfen nach dem neuen Gesetz über den Verkehr mit Wein, wein- haltigen und weinähnlichen Getränken solche Getränke, welche unter Verwendung eines nicht gestatteten Zusatzes wässeriger Zuckerlösung hergestellt find, bei Vermeidung der in dem Gesetze vorgesehenen Strafen weder feilgehalten noch verkauft werden. Dies gilt auch daun, wenn die Herstellung nicht gewerbsmäßig erfolgt ist. Lediglich Getränke dieser Art, welche bis Ende Juni der zuständigen Behörde an« gezeigt und vor Ende Mai, dem Zeitpuukte der Verkündigung des Gesetzes, hergestellt waren, Dürfen unter bestimmten Bedingungen bis zum 1. Oktober 1902 feilgehalten oder ver- kauft werden.
* ♦ Rach dem Genuß von Obst stellt sich gewöhnlich Durst ein. Dieser wird am besten vermieden, trenn man zum Obst zugleich Brod genießt. Wenn Eltern ihre Kinder gesund erhalten, insbesondere vor Durchfall bewahren wollen, so sei ihnen empfohlen, sie daran zu gewöhnen, Obst nur mit Brod zu essen.
* * Gekühlte Personenwagen. Der preußische Minister der öffentlichen Arbeiten hat an die Eisenbahndirektioneu einen Erlaß gerichtet, in dem er der Erwartung Ausdruck gibt, daß die Direktionen die erforderlichen Anordnungen getroffen haben und überwachen lassen, daß nach Möglichkeit gekühlte Personenwagen in die Züge gestellt werden.
Vermischtes.
* Anscheinen dein Raubmord ist Mieder einmal in der Nähe von Berlin an einem unbekannten Manne verübt worden. Am 3. Juli wurde am Ufer des Jungfern-Sees bei Nedlrtz die Leiche eines etwa 40jährigen Mannes auf- sgefunden, in dessen Rocktasche sich ein Notizbuch! befand, rn dem nichts weiter als die Adresse: Karl Reichpietschl, Steinmetzstraße 39, eingetragen war. An der Stirn des Toten wurde eine Verletzung entdeckt, die zweifellos von einem Schlag mit einem Büttel herrührte. Da die Obduktion der Leiche ergab, daß der Unbekannte durch einen Schlag auf den Kopf betäubt wiorden war, und dann ins Wasser geworfen ist, wo er den Tod durch Erstickung fand, so wurde hierdurch erwiesen, daß der Tote das Opfer eines schweren Verbrechens geworden ist Tie Kriminalpolizei stellte zunächst fest, daß ein Arbeiter Karl Reichpietsch in Berlin Steinmetzstraße 39 gewohnt hat. Der Wirt des verschwundenen R. erkannte in dem Toten einen Mann, der mehrmals besuchsweise bei Reichpietsch gewesen
ist. Die beiden Männer verkehrten miteinander geheimnisvoll, und pflegten sich in dem Zimmer des R. im Flüsterton zu unterhalten. Der Besuch war den Wirtsleuten stets unangenehm, weil der Fremde einen wenig vertrauenden Eindruck machte. Am 22. Juni, zwei Tage nachdem der Unbekannte wieder bei ihm gewesen war, erschien Reichpietsch bei dem Wirt, und teilte ihm mit, daß er sofort ausziehen wolle, um sich auf die Wanderschaft zu begehen. Er bezahlte seine Rechnung und ist seit dieser Zeit verschwunden. Reichpietsch, der wegen Sittlichkeitsverbrechens, Urkundenfälschung, Wilddieberei, Körper-Verletzung und Diebstahls im ganzen sechsmal vorbestraft war, ist am 24. Juni noch in Berlin gesehen worden; alle Bemühungen, über seinen weiteren Verbleib etwas zu ermitteln, waren bisher vergeblich. Die Behörde nimmt an, daß R. mit dem Fremden zusammen auf die Wanderschaft gegangen ist seinen Begleiter dann vielleicht bei einem Streit getötet und beraubt hat, und nun auf die Papiere des Ermordeten reist ^Auffällig ist der Umstand, daß über die Persönlichkeit des Toten bisher noch nichts ermittelt werden konnte. Allem Anschein nach hat fidji der Unbekannte in Berlin unangemeldet aufgehalten, und scheint Mitwisser eines Geheimnisses des R. gewesen zu sein. Aehnlich wie in der Bernauer Mordaffaire hat man sich wahrscheinlich! des unbequemen Mitwissers, der jedenfalls auch dem Perbrecherstzande angehört hat, entledigen wollen. Vielleicht unter dem Dorgeben, daß ein Diebstahl auszuführen sei, wurde er nach der ziemlich versteckt liegenden Stelle des Jungfern-Sees gelockt und dort bei einem gesuchten Wortwechsel erschlagen. . Der? Ermordete ist ein ungewöhnlich großer und kräftiger Mann mit dichtem, vollem dunkelblonden Haar, das ihm im Leben wirr um den Kopf herumhing. Er trug einen starken, blonden, ungepflegten Schnurrbart, an der rechten Hand fehlt ihm der halbe Daumen.
* Hirschberg, 25. Juli. Der flüchtige Postdirektor Flemming aus Husum soll in Schmiedeberg gesehen worden sein. Er soll in das Gebirge weitergeganqen sein und dorthin verfolgt werden. Vermutlich ist er nach Oesterreich ent kommen.
Wien, 26. Juli. Blättermeldungen aus Budweis zufolge sprang bei der Sprengung eines Felsens in der Nähe von Kienberg ein Funke in das Pulverlager und verursachte eine gewaltige Explosion, wodurch mehrere Per- soneu getötet und verwundet wurden. — Wie auS Graz gemeldet wird, explodierte beim Wetterschießen in Spielfeld beim Laden die erhitzte Wetterkanone. Drei Personen wurden verletzt, eine davon schwer.
* Neue Unfälle in den Alpen werden gemeldet. Beim Abstieg vom F a u l h o r n über die Schynige Platte im Berner Oberland stürzte in der Nähe von Schoenegg der Opernsänger Würter aus Trient, der den völlig gefahrlosen Hauptweg verfehlt hatte, ab. In der Nacht sah man in der Ortschaft Gsteigweiler ein Signalfeuer, Hilfsmannschaften zogen aus und Würter konnte noch nach langer Mühe gerettet werden. — Ein weiterer Unfall hat sich in den Walliser Alpen ereignet. Auf der Südseite des Matterhorns sind drei englische Touristen — ein Herr und zwei Damen — mit ihrem Führer Carlo aus dem Val Tour- nauche abgestürzt. Das Schicksal der vier Personen ist zur Zeit noch unbekannt. Es verlautet, daß ein Führer und eine Dame am Leben verblieben, während ein Herr und eine Dame als verstümmelte Leichen gefunden wurden. Daraus wird geschlossen, daß das Seil zwischen den Touristen gerissen ist und zwei in den Abgrund geschleudert wurden. Das Unglück ereignete sich beim Abstiege von der italienischen Klubhütte nach dem Col de Sion.
Landwirtschaft.
Petterweil, 25. Juli. Am vergangenen Sonntag hielt Professor Reichelt von Friedberg vor einer! zahlreichen Versammlung einen lehrreichen und interessan
ten Vortrag über Obstverwertung. Er hatte dazu reiches Anschauungsmaterial mitgebracht. Er zeigte, wie man aus vielem, was man sonst wegwirft, oder doch als Viehfutter verwertet, auf einfache Art eine gute Zukost machen kann, ser es .als Dorrobst' sei es als Marmelade. Daneben besprach er aber das Verfahren beim Einmachen von Früch» ten nach der neuen Methode in Gläsern mit Patent-Gum- mrverschluß. In eingeftreuten Nebenbemerkungen wußte er zu erwärmen für möglichst ausgiebigen Gebrauch des! besten und dabei billigsten Zuckers, des Krystalzuckers, der besonders für den Landwirt große Vorteile biete, sowie für ein Sortieren des geernteten Obstes nach dem Aussehen und nach der Güte, um erstklassige Preise zu erzielen und das Minderschöne selbst zu verwerten.
Münch en, 25. Juli. Aus Veranlassung des Ministeriums des Innern ist für Bayern bei der bayerischen Zentraldarlehenskasse in München eine Vermittlungsstelle für den Verkauf von Obst und Obsterzeugnissen eingerichtet worden. — Der Saaten standsbericht des Kgl. statistischen Bureaus besagt: Es hat sich herausgestellt, daß der letzte Bericht die Sachtage schlimmer erscheinen ließ als sie thatsächlich war. Nach der langen Trockenheit Ende Juni und anfangs Juli im ganzen Königreich haben reichliche Niederschläge in den meisten Gegenden den Schaden wieder gut gemacht. In Südbayern ist der Saatenstand sogar sehr günstig, während in manchen Gebieten in Franken und der Pfalz der Regen zu spät oder noch nicht genügend kam. Im allgemeinen haben sich die Winterfrüchte, mehr noch die Sommersaaten erholt. Die Roggenernte ist eßen im Gang oder schon beendet. Der Ertrag war hier, wie aud)! bei den anderen Getreidesorten zu erwarten ist, im Stroh nur mäßig, da die Halme kurz blieben, im Korn aber recht zufriedenstellend, teilweise ausgezeichnet. Hafer und Gerste konnten sich nicht überall so erholen; sie stehen seht ungleich und sind vieler Orts zurückgeblieben. Raps wurde gut eingebracht und konnte genügen. Vereinzelt zeigen sich Brand an Weizen, Rost an Hopfen, Engerlinge nur selten. Die Kartoffeln sind durchweg ausgezeichnet ausgefallen. Aehnlich verhält es sich mit den Rüben und den anderen Hartfrüchten. Dagegen steht es um den Hopfen nicht günstig. Blattläuse und Mehltau setzen ihm stark zu. Die Heuernte ist vorüber. Das Heu wurde überall gut, wenn auch manchmal spät eingebracht. Wie vorauszusehen, war der Ertrag auf schwerem Boden weit höher, als auf weitem und hochgelegenen. Durchweg stand die Ernte zwar quantitativ hinter dem Vorjahr stark zurück, war dagegen qualitativ ausgezeichnet. Auch! der Klee stand im allgemeinen besser als man erwartete. Die Luzerne dagegen vermochte nicht zu befriedigen. Der Ansatz der Wiesen und des Klees zum zweiten Schnitt ist stark verschieden. Die Weinaus-- sichten sind gut; die Reben haben sichj bei bet Wärme sehr rasch entwickelt. An Schädlingen traten Heuwurm vereinzelt, wie auch Peronospera, dagegen Oidium stärker, wenn auch nicht verheerend auf.
Unerreichter Insectentödter!
Kaufe aber nur in Flaschen, wo Plakate aushänge«.
1 »chUtzc da« Gebäude freien ansteigend. Erdfeuchtigkeit > einfach u.bilHg durch Ander- | nach'« bewahrte «chrolegaame
poftfrel und umaonit A. W. Andernach in Beuel am Rhein. ■
8u haben tn Gießen auf der Fabrik - Niederlage bei Herr-»
Willi. Textor, Wallthorftraße 6. 8897
Kerliner Kries.
(Plaudereien aus der Kaiserfladt.)
(Nachdruck verbot«.) Krieg mit Holland. — Japan und kein Ende. — Die Heber- brettl-Leuche.
Es sind die heißen Julitage, in denen kriegslustige Völker erfahrungsgemäß gern mit dem Schwerte rasseln; kein Wunder, daß der Krieg gegen Holland ausgebrochen ist! Aber beruhige Dich, schöne Leserin, Tein Liebster wird darum noch lange nicht eingezogen. Mit dem kleinen Holland werden wir ja fertig! Und außerdem ist es nur ein Federkrieg! Das Meßt Haler-Ensemble, eine überaus tüchtige Schauspieler-Truppe, die augenblicklich am „Neuen Theater gastiert, hat nämlich dort gegen den Willen des Autors Hermann Heyermans jun. ein Schauspiel „Die Hoffnung auf Segen" zur Aufführung gebracht. Direktor Brahm vom „Deutschen Theater", der das Aufführungsrecht der „autorisierten" Uebersetzung aus dem Holländischen erworben hat, ist nicht im stände gewesen, mit irgend welchen Protesten dagegen etwas auszurichten. Darob große Entrüstung in holländischen Litte- raten-Kreisen; denn Tantiemen aus Deutschland sind eine angenehme Sache. Aber wir dürfen Herrn Meßthaler für fein skrupelloses Vorgehen nur dankbar sein. Läßt er die Herren Holländer, die auf einen Litteratur - Vertrag mit uns aus guten Gründen bis dato verzichtet haben, doch endlich einmal am eigenen Leibe spüren, was deutsche
Autoren seit vielen Jahrzehnten von holländischen Räubern erdulden mußten. Man erkundige sich einmal bei den Verlegern des „Lohengrin" oder „Tannhäuser", ob sie jemals einen Deut von der Amsterdamer „Holländischen Oper" für diese Werke erhalten haben. Und die Amsterdamer Oper klappert das ganze Holland ab, wie Wolzogen das deutsche Vaterland! Vielleicht führt dieser kleine Sommerkrieg endlich zu befriedigenden Zuständen auf diesem Gebiete! „Ons Willemintje" wär' uns das eigentlich schuldig!
Welch enorme Summen muß — um ein Gegenstück anzuführen — der Komponist der „Geisha", der Engländer Jones, für seine mittelmäßige Operette schon aus Deutschland bezogen haben, wenn man lieft, daß in diesen Tagen die 700. Berliner Aufführung stattgefunden hat! Wie viel leere Häuser unter diesen 700 waren, steht fteilich nirgends dabei. Aber ich habe mich ein paar mal selbst davon überzeugt, daß die von weitem recht niedlichen, imitierten Japan-Mädel ihre Lieder vor verzweifelt dürftig besetztem Parquet singen mußten. Es giebt leider Kontrakte, die den betr. Direktor zur Erzielung solcher Jubiläumsziffern verpflichten, damit man anderwärts mit diesen Wasserkops-Erfolgen Sand in die Augen shreuen kann. Wie weit das für die „Geisha's" in Wirklichkeit Geltung hat, entzieht sich meinem Wissen; aber Zeit wäre es, mit diesem TcUrni- Japan auf der Bühne, das sich selbst durch die Hinzuziehung der „acht echten Geisha's" nicht glaubhafter machen konnte, zu Enoe zu kommen.
Noch schlimmer stehts um die Wolzögen'sche Krankheit, die Ueberbrettl-Seuche! Der Strohfeuer-Erfolg dieser
veredelten Kaffeepausen-Vorführungen blendet die sonst so hellsichtigen Berliner Theater-Direktoren; jeder zweite von ihnen soll, sicheren Nachrichten zufolge, mit einem Ueber- brettl vor dem Kopf — Pardon: i m Kopf — umherlaufen! Im Theater des Westens, wo man schon eine Zeit lang alte Possen mit Ueberbrettl-Einlagen verzapft hatte, ist jetzt das „Theater Charivari" aufgeschlagen, das ein ähnliches Gebräu wie das Wolzogen'sche Weißbier für Sekt verschänkt; demnächst wird sich« das „Bunte Brettl^ aufthun; „Schall und Rauch", eine Parodie-Ueber- brettl, aus impulsiver Schauspieler-Laune entstanden, schlägt ins Geschäftsmäßige um und sucht nach, einer festen Bühne, und manche andere Nachtreter des großen Pfadfinders in das Theater-Klondyke rüsten längst zu ihrem Winterfeldzug. Wir werden nach dem Bankkrach des Sommers einen winterlichen Vrettlkrach erleben; denn auf die Dauer vermögen die geringelten Bierbaumschen Rosenkränze, die guten Biedermeier, dje sich „wie ein Pfau drehen", die seidenrockraschelnden Soubrettchen mit ihren leise verhüllten Sinnlichkeiten und alle die anderen Mätzchen das Publikum denn doch nicht zu fesseln. Es war von einem starken Reiz auf die Frauen und Mädchen der guten Gesellschaft, in einem Theater, das sich als originell und vornehm einführte, von den sonst verbotenen Früchten des Varietes zu naschen: Aber man überzeugt sich langsam, datz diese Früchte nicht nur wurmstichig sind, sondern auch fade schmecken, wenn man öfter davon genießt! Vielleicht gründet ein pfiffiger Kopf dann das „Unterbrettl" ... AR.


