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Nr. 74 Zweites Blatt.
151. Jahrgang.
Donnerstag 28. März 1901
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GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger 87
Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gießen
Politische Tagesschau.
Der erste Vizepräsident des preußischen Herrenhauses, Frhr. v. Manteuffel, hat am Dienstag das BremerAttentat als die That eines Zurechnungsfähigen behandelt. Frhr. v. Manteuffel sprach von dem „fluchwürdigen Anschlag". Nach bisher von keiner ©eite1 bestrittenen Berichten ist der Attentäter Weiland geisteskrank und Epileptiker. Ein Geistesgestörter kann gesetzlich nicht ftir Strafthaten verantwortlich gemacht werden, und aus solche Handlungen trifft die Bezeichnung „fluchwürdig" absolut nicht zu. Die unselige That konnte geschehen, weil man aus falscher Sparsamkeit und infolge mangelhafter Gesetzesbestimmungen zahlreiche Geisteskranke und gefährliche Epileptiker zur fortwährenden Bedrohung anderer Menschen frei umhergehen läßt, statt sie rechtzeitig in Anstalten rrnterzubringen, wo sie geheilt oder, wenn das unmöglich ist, in Unschädlichkeit gehalten werden. — Diese Lehre dürfte die bei weitem beachtenswerteste des Bremer Attentats sein.
Der Prinz n»n Bragauza ist aus dem Offiziersverbande der sächsischen Armee entfernt worden. Bekanntlich trug der Prinz äußerlich mit Schuld an der Verunglückung eines jüngeren sächsischen Prinzen bei einer Wagen- fahrt in der Nähe von Dresden. Man hat dieses bei dem vorjährigen Herbstmanöver eingetretene Ereignis für einen unheilvollen Zufall angesehen. Unter der Hand verlautet aber jetzt, daß man hier und da eine böse Absicht für möglich hielt. Der Prinz sollte wegen einer Dame Eifersucht empfunden und diese auf südländische Art zum Ausdruck gebracht haben. Das mag dahin gestellt bleiben und läßt sich auch abseits vom Dresdener Hofleben natürlich schwer kontrollieren. Man muß sich dabei auf die Wieder- gäbe der umlaufenden Gerüchte beschränken und die eigene Stellungnahme vermeiden. Auffallend war eS aber den sorgfältigeren Beobachtern dynastischer Verzweigungen von vornherein, daß gerade Sachsen einen Braganza in fein Offizierskorps aufnahm; die Mutter der künftigen Sachfen- künigin und auch der im vorigen Jahre umgekommene Prinz entflammen der koburgifchen L'nie auf dem portugiesischen Thron. Ein Sohn des vertriebenen Dom Miquel mußte diese ganze Dynastie naturgemäß als usurpatorisch betrachten und demgemäß empfinden. Im Uebrigen sollen die nachteiligen Eigenschaften des letzgenannten Fürsten sich noch auf andere Söhne übertragen haben. Dem in Wien lebenden Braganzaprinzen ist in eingeweihteren Kreisen stets die Mitschuld an dem Ende des Kron- Prinzen Rudolf gegeben worden.
Engländer und Buren.
Seit längerer Zeit verlautet wieder etwas vom Präsidenten Krüger. Er wird, wie es heißt, demnächst ein Rundschreiben an die Mächte senden, worin er gegen die Absicht der Engländer, die gefangenen Buren nach Indien zu verbannen, im Namen der Menschenrechte protestiert. Ein derartiger Protest würde zwecklos sein, und es erscheint schwer glaublich, daß der kluge Präsident auf einen solchen Gedanken verfallen sein sollte.
leuchtet ein, was ein englischer Journalist erfahren haben will, daß Ohm Paul, sobald es sein Gesundheitszustand erlaubt, nach Amerika reisen wird, um sich mit McKinley zu besprechen. Wenn auf dem Wege der Vermittlung überhaupt etwas zu erreichen ist, dann giebt es keinen geeigneteren Zwischenträger, als den Präsidenten der Union. Einmal haben die Engländer alle Veranlassung, mit der Washingtoner Regierung gut Freund zu bleiben, und dann steht diese letztere außerhalb der Kreise euro- väischer Politik. Gerade die Besorgnis, Verwickelungen in Europa herbeizuführen, hat ja die europäischen Regierungen zur neutralen Haltung dem Burenkrieg gegenüber Veranlaßt. Die Frage bleibt allerdings, ob McKinley geneigt sein wird, die Vermittelung zu übernehmen. Es giebt ,,drüben" eine Anzahl einflußreicher Republikaner, die einem Einmischen in den Streifall England-Transvaal grundsätzlich widerstreben.
Das gestern kurz gemeldete, für D e l a r e y unglücklich ausgegangene Gefecht scheint identisch zu sein mit demjenigen, das nach Reuters Meldung am 22. ds bei Hartebeest- fontein stattgefunden hat. Hartebeeftfontein liegt freilich etwa 70 Kilometer südwestlich von Ventersburg und 30 .Kilometer nordwestlich von Klerksdorp. Diese Schlappe ift: für Delarey ebenso verhängnisvoll wie die, die Te-Wet am 5. November bei Bothäville erlitt: auch er verlor hier seine ganze Artillerie, denn es ist kaum anzunehmen, daß er außer den neun von den Engländern erbeuteten noch iveitere Geschütze besessen hat. Auch der Verlust von 53 größeren und kleineren Wagen, von 160 Gewehren und 140 Gefangenen nebst vielen Toten und Verwundeten giebt dieser Schlappe bei den beschränkten Mitteln der Buren an Menschen und Material den Charakter einer schweren Niederlage. Ueber die Einzelheiten dieses Kampfes muß man spätere Nachrichten abwarten. 9cur soviel läßt sich schon heute sagen, daß Delarey vollkommen überrascht wor- den sein muß. Wahrscheinlich hat er die Kolonne Babingtons außer acht gelassen, während er dem weiter östlich stehenden Cunningham durch beständige Plänkeleien, das
Leben sauer Mächte. Möglicherweise sind aber diese Plänkeleien, denen namentlich Transportkolonnen zwischen Naauw- pvvrt und Krügersdorp, Stationen an der Bahn Johannes- burg-Klerksdorp, ausgesetzt sind, von Beyers unternommen worden. Beyers' Lager befindet sich nach Aussagen eines wieder freigelassenen Gefangenen in den Mcugalies- bcrgen und zählt etwa 500 Mann.
In einer zahlreich besuchten Versammlung sprach in Kalk bei Köln der Burenoffizier Janson über die Aussichten des Friedensschlusses. Er erklärte auf Grund neuerer vorzüglicher Informationen, daß die Buren fest entschlossen seien, sich auf keinerlei Friedens- Unterhandlungen mehr einzulassen, wenn nicht von vornherein englischerseits völlige Unabhängig- keitTransvaals zugestanden würde. Der nördliche Teil Transvaals sei heute noch vollständig im Besitz der Buren; alle Kapstädter Telegramme seien gefälscht. 9tur die Ausbreitung der Pest sei die wahre Ursache des Zurückziehens der Truppen. Die Lage der Buren sei heute besser denn je. (Der Herr scheint doch allzu optimistisch die Lage darzustellen. T. Red.)
Die Deutsche Buren-Zentrale in München teilt uns mit: „Nachrichten von den kriegsgefangenen Buren sind Ende Februar und Anfang März aus St. Helena, Ceylon und Südafrika eingetroffen. Verdächtig ist die Thatsache, daß der Zensor Mitteilungen über den Gesundheitszustand der Gefangenen nicht zuläßt. In Ceylon waren bis Mitte Februar etwas über 5000 Gefangene. Auf St. Helena war ihre Anzahl auf 4600 gestiegen, die man in zwei Lagern, Deadwoodcamp und Broadbottomcamp, untergebracht hatte. Sehr bezeichnend ist es, daß die Armen, trotz niangelhafter Lehrmittel, sofort Schulen einrichteten. In Deadwoodcamp dienen hierzu ein großes Zelt und zwei von den Schülern errichtete Hütten, worin 400 Knaben durch 11 Lehrer unterrichtet werden. Im anderen Lager erteilen 5 Lehrer Unterricht an 250 Knaben. Ter Schulbesuch nimmt aber fortwährend zu, sodaß für weitere Räume gesorgt werden muß. Das Stillsitzen und der Mangel an Bewegung äußern auf Körper und Geist einen schlechten Einfluß, dem man durch fleißige Leibesübungen thunlichst zu wehren trachtet. Beängstigend ist in Deadwoodcamp der Wassermangel, der sogar tägliche Waschungen verbietet. An zweckmäßiger Kleidung und Schuhwerk herrscht drückende Not, da man nichts haben kann und das Klima sehr unbeständig ist. Die in Ceylon mitgefangenen Dr. v. Houtum und Dr. Postmar bitten in ihren letzten Briefen um stärkende Mittel für Rekonvaleszenten, Frau Koopmans de Wet in Kapstadt um kräftige Nahrungsmittel für Frauen und Kinder. Entsetzlich lauten die Nachrichten über das Elend unter den gefangenen Frauen und Kindern in Südaftika. In einem am 24. Februar in Middelburg eingetroffenen Briefe wird wiederholt bestätigt, daß die Frauen und Kinder der noch kämpfenden Buren auf halbe Ration gesetzt sind und die armen Kinder, die Säuglinge, vor Elend sterben, weil die Mütter, selber fast verhungert, keine Nahrung für sie haben. Einer der Vertrauensmänner der Zentrale schreibt u. a.: „Das Elend Südafrikas ist riesengroß. Ach, daß doch das Geschrei der Frauen und das Winseln der Kinder unserer Lande den Machthabern Europas in die Ohren gellen möchte---Die nächsten Kleider-Send-
ungen nach Südaftüka gehen Anfang und Mitte April von Amsterdam und Hamburg ab. Bis 25. März sind bei der Zentrale etwas über 38 000 Mk. eingegangen. In der Schweiz sind in derselben Zeit, also in 4 Monaten über 140000 Franks zusammengekommen.
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Telegrs«» deS flMefcetter ArrzeiserS.
London, 27 März. Das Reutersche Büreau meldet aus Vryheid vom 25. ds. Mts.: General French ist mit den Abteilungen Dartnells und Pulterneys hier eingetroffen. In seinen bisherigen Kämpfen mit den Buren wurden im Ganzen 1200 derselben getötet, verwundet oder gefangen genommen: ferner wurden 7 Kanonen, 1000 Gewehre, 226 000 Stück Vieh, Pferde, Rindvieh, Schafe, sowie 1800 Wagen erbeutet.
China.
Nach der „Nordd. Allg. Ztg.- begiebt sich der Kolonial- direktor Dr. Stuebel im Auftrage des Reichskanzlers nach London, um den Abschluß der von China zu leistenden Entschädigung nach Möglichkeit zu beschleunigen. Eine Washingtoner Meldung beziffert die Entschädigungsforderung Deutschlands auf etwa 250Millionen Mk. Wir möchten die Richtigkeit dieser Zahl bezweifeln, denn die Anfwend ungen des Reiches für die China Expedition find fast doppelt so hoch, sie werden auf rund 470 Mill. Mk. geschätzt, und ob nicht noch weitere finanzielle Opfer nötig find, über die jetzt bewilligten Srebite hinaus, läßt sich zurzeit nicht ab sehen. Wahrscheinlich ist es jedoch. In Washington, wo man gerne den «ehrlichen Makler- spielt, in der offen kund gegebenen Hoffnung, von China späterhin durch Handels- Vorteile für den Liebesdienst belohnt zu werden, möchte man die Entschädigungssummen thunlichst herabdrücken. Es ist eine sonderbare Bevormundung, in der sich die amerikanische Regierung gefällt, fortwährend zur „Mäßigung- in den An sprächen an China zu raten. Kolonialdirektor Stuebel ist mit feiner reichen praktischen Erfahrung xnb Kenntnis der
chinesischen Verhältniffe der richtige Mann, für die deutschen Forderungen einzutreten. Freilich, alle noch so vortrefflichen Vorschläge und Programme, wie China die KriegSenlschädi- gung aufzubringen hat, find eitel Theorie, sobald sich die chinesische Regierung nicht darnach richten will.
Nach den Erhebungen deS Finanzausschuffes soll die Zahlung der Kriegsentschädigung seitens Chinas innerhalb zwanzig Jahren durchführbar sein. Zwanzig Jahre sind eine recht lange Zeit; die notwendige Folge eines solchen Arrangements ist, daß während dieses ganzen Zeitraumes die Mächte genötigt sind, China militärisch unter Druck zu halten. Denn das wird im Emst kaum jemand behaupten wollen, daß die moralische Verpflichtung, durch Unterzeichnung der Friedensbedingungen und Uebernahme der Verzinsung und Tilgung der von den Mächten zu garantierenden Entschädigungs-Anleihe, die chinesische Regierung genugsam binden wird. Also die mit Recht immer mehr Anklang findende Parole „Los von China!" gälte mit dem fatalen Zusatz „In zwanzig Jahren!" DaS ist eine sehr unerfren- liche Perspektive, obendrein die Eifersucht der Mächte in Betracht gezogen. Schon jetzt vergeht ja kein Tag ohne eine Streitigkeit oder Aufwerfen einer Streitfrage. Die neueste ist, daß in Peking die Gesandten sich nicht darüber einigen können, wie in dem Gesandtschaftsviertel die Polizei ansgeübt werden soll. Die „Majorität- will, daß hierzu Soldaten der regulären Armee unter einem Offizier abkommandiert werden sollen, was von der „Minorität- bekämpft wird. Nur mit Schrecken läßt sich daran denken, welche Differenzen unter den „Verbündeten" erst entstehe» werden, wenn die einzelnen Mächte dem Erlaß von Reglements, Polizeiverordnungen u. f. w. ihre Aufmerksamkeit widmen.
Aus Peking meldet das „Reutersche Bureau": Die ein- gehenden Erhebungen, die der Ausschuß der Gesandten über die finanziellen Hilfsquellen Chinas cm gestellt hat, haben, wie hier angenommen wird, ergeben, daß die Staatseinnahmen so erhöht und die Ausgaben sc eingeschränkt werden können, daß die Zahlung der Entschädigung innerhalb 20 Jahren durchführbar ist.
Wie es mit dem Mandschurei-Abkommen eigentlich steht, ist nach den vorliegenden Meldungen höchst ungewiß. In Washington will man wissen, daß die Unterzeichnung unmittelbar bevorsteht. In London dagegen behauptet man, daß von feiten des chinesischen Hofes neue Vorschläge gemad)t worden seien, die der russisck>e Gesandte soeben zurückgewiesen habe. Nach anderen Meldungen soll er dagegen eingewilligt haben, den Artikel 6 des Vertrages zu streichen, nach dem China nicht das Recht haben sollte, in den Nordprovinzen fremde Marine- und Militär- Instruktoren zu verwenden. Während Lihungtschang die schleunige Unterzeichnung anrate, habe neuerdings der chinesische Hof diese verboten. Die Vereinigten Staaten sind von alten Einwendungen mrückgetreten.
General-Feldmarschall Graf Waldersee meldet am 36. aus Peking: Detachement Mülmann hat am 22. und 24. in der Gegend östlich Taomakuan Räuberbanden getroffen und nach, kurzem Gefecht zerstreut.
Deutsches Mch.
Berlin, 26. März. Der Kaiser empfing gestern nachmittag nochmals den Statthalter der Reichslande, ferner den Generaldirektor der Elektrizitätswerke Rathena», abends hielt bei dem Kaiserpaare der Architekt Ebhard Vortrag über die Hohkönigsburg, wozu zahlreiche hervorragende Persönlichkeiten, darunter v. Bülow, v. Posa- dowsky, v. Podbielski und Hausminister v. Wedel geladen waren.
- Tie Hamburg-Amerika-Linie hat am Samstag ein Telegramm an den K a i s e r gerichtet. Am folgenden Taz« ging nachstehende Antwort Säner Majestät ein:
Ich danke herzlich für den Mir übermittelten Ausdruck teilnehmender Freude an Meiner fortschreitenden Wiederherstellung. Der bedauernswerte Angriff inmitten der gut gesinnten Bevölkerung Bremens wird Mich nicht beirren in dem Glauben an die Zuneigung des deutschen Volkes und bei der Arbeit in den Mir von Gott gestellten Aufgaben Meines Berufes. Wilhelm. I. R.
— Tas preußische Abgeordnetenhaus genehmigte einen Anttag Schmidt-Warburg (Ztr.), zur Unter st ützung für entlassene Strafgefangene 50 000 Marr mehr in den Etat einzustellen. Auch ein Antrag dev freisinnigen Parteien, in den nächsten Etat Mittel einzu« stellen zur Schaffung von Kurhospitälern und Genesungsheimen für Eisenbahn-Subalter«- beamte und Unterbeamte wurde ohne wesentliche Debatte der Budgetkommission überwiesen.
— Die Finanzkommission des preußischen Herrenhauses beantragt, dem Etat in der Fassung des Abgeordnetenhauses zuzustimmen und folgende Resolution anzunehmen : Die Kgl. Staatsregierung auf3uforDern, größter Entschiedenheit darauf hinzuwirken, daß bevorstehenden Neuordnung unserer handelspolrtrschen Ber- hältnisse der L°n dwi r. schäft e.nw es en tl, chg^° steigerter Zoll schütz zuteil werde, und in diesem


