Donnerstag 28, März 1901
Nr. 74 Drittes Blatt.
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Zum Bezug des „Gietzener Anzeigers" für >aS 2. Vierteljahr 1901 laden wir hiermit ergebenst :in. Me bisher, wird der „Gießener Anzeiger" die Tagesereignisse in kurzer, den Thatsachen entsprechender Weise zur Kenntnis seiner Leser bringen. Die neuesten Meldungen der besten deutschen telegraphischen Nachrichten-Bureaus sowie zahlreiche Mittellungen aus de« engeren und weiteren Vaterland halten den Leser tets über alle bemerkenswerten Vorkommnisse auf dem Lausenden. Unterstüht durch umsichttge Berichterstatter in allen Orten Oberhessens und in den bedeutenden Städten der anderen hessischen Provinzen, ist der „Gießener Anzeiger" ferner in der Lage, die interessanten Vorgänge innerhalb unseres engeren Vaterlandes und der Nachbargebiete so frühzellig wie möglich zur Kenntnis seiner Leser zu bringen, desgleichen werden die Begebenhellen in der Stadt Gießen die gebührende Besprechung im lokalen Teile des Anzeigers erfahren. Den Interessen der in der Provinz Oberhefsen betriebenen Landwirtschaft wird der Anzeiger weiterhin durch eine landwirtschaftliche Beilage Rechnung tragen, daneben aber auch die Beobachtungen und Erfahrungen in Kunst und Wissenschaft, Litteratur, Hauswirtschaft, Handel, Gewerbe und Industrie in den Kreis seiner Besprechungen ziehen. Als weitere Beigabe erhalten die Leser die Blätter für Hessische Volkskunde. Ein gediegenes Feuilleton wird neben besonderen Artikeln ernsten und helleren Inhaltes den erwünschten Ünterhaltungs- stoff bieten. Die „Gießener NarnilienblLtter" werden dem Anzeiger wöchentlich 4mal (Dienstags, Donnerstags, Samstags und Sonntags) im Wechsel mit dem Hessischen Landwirt und den Blättern für Hessische Volkskunde beigelegt und neben den Erzählungen, Romanen und Novellen beliebter Schriftsteller anziehenden Unter- haltungsstoff aus dem Gebiete des Familienlebens und der Hauswirtschaft bringen, und somll namenllich im Kreise der Famllien eine beliebte Beigabe bieten.
Wir möchten noch besonders darauf Hinweisen, daß wir über den Frankfurter Viehmarkt und die Frankfurter Fruchtpreise, die für unsere Landwirte bedeutendes Interesse haben, seit kurzem in promptester Weise durch dirette telephonische Meldungen aus Frankfurt unterrichtet werden. Wir hoffen damit vielfachen Wünschen aus landwirtschaftlichen Kreisen unserer Leserschaft entgegenzukommen.
Hochachtungsvoll
Verlag des „Gießener Anzeigers" Brühl'sche Univ.-Buch- u. Steiudruckerei (Pietsch Erben).
Ibrtfe für Depescha-i Lrrzttgcr «kfoee.
FernfprechankhlußNr.GC.
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Vermischtes.
** Die Vevolkmmg bei Srotzherzr-t»«S Hetze» teilt sich nach de» Geschlecht nach dem vorläufigen Ergebnis der Volks zählung am 1. Dezember 1900 wie folgt:
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Hadett nicht die Köchin, wenn die Flammeris etwas zu wünschen übrig lassen. Ueberzeuge man sich vielmehr zuvor, ob nicht die Zuthaten daran Schuld waren. Die Ursache eines zu weichen, geschmacklosen Flammeris ist oft, daß die Köchin nicht weiß, wie leicht und schnell sich mit Mondamm die schmackhaftesten steifen Flammeris und Nachspeisen beraten lassen. Gute Köchinnen behaupten, Mondamin ygt einen zatten eigenen Geschmack, und sei auch zum Verdicken allen anderen du- thaten vorzuziehen.
IMMHWM Arown & Uoksons__
Ktteratur.
Tie beiden letzten Nummern der „Gesellschaft" (E. Piersons Verlag, Dresden), enthalten vornehmlich eine größere Reihe ästhetisch-kritischer Aufsätze. So bringt das zweite Februarheft an der Spitze eine gründliche Studie Dr. Emil Ermatingers über den französischen Lyriker Jose Maria de Heredia, an die sich Proben aus des Dichters berühmter Sonetten-Sammlung „Trophees" anschließen. Es folgen diesem Leitartikel ein fesselnd geschriebenes Essay von Hans Brennert „Dichter und Muttersprache", das die sprachlichen Neubildungen nach ihrem Ursprung zu beleuchten sucht, und ein Aufsatz über den hessischen Dichter Georg Büchner von Hans Landsberg, der eine feine Analyse des Wesens und der Werke des 1837 verstorbenen interessanten Treiundzwunzigjäyrigen giebt. An dichterischen Beiträgen dieses Heftes ist Hans Bethges eigenartiger Dialog „Das Mädchen uno der Tod" zu nennen) neben der Novelle „Bvleß" von Maxim Gorki, einem jungen; Rivalen Tolstois, den die Kritik seines Vaterlandes den „russischen Maupassant" nennt Ausführliche Bücherbesprechungen, u. a. eine größere Kritik über die sensationelle „Frauen-Bibel" der Amerikanerin Eady Stenton, vervollständigen den Inhalt der zweiten Februarnummer der „Gesellschaft". Ihr erstes Märzheft bringt an der Spitze unter dem Titel „Pst! —" eine Studie über das Pariser Karri- katurenblatt gleichen Namens, die den bekannten Berliner Novellisten Georg Hermann als geistreichen Kritiker und genauen Kenner der französischen Verhältnisse zeigt, die das Erscheinen dieser politisch satirischen Blätter bedingen, lieber Georg Hermann als Novellist plaudert Paul Wiegler, der ein wertvolles Charakterbild des schlichten Großstadtdichters giebt und seine bislang erschienenen Werke bespricht. Ueber das „junge England" teilt allerhand Wissenswertes in sehr instruktiver Weise A. von Ende mit, der namentlich das Eigentümliche der verschiedenen neuenglischen Dichter scharf herauszuheben versteht und zwischen den einzelnen Vertretern interessante Parallelen zieht. Daneben eröffnet Professor Dr. Richard Maria Werner mit einem Aufsatz über „Schein ge fühle" eine Reihe „ästhetischer Plaudereien", die aufs neue den kritischen Blick ihres Autors bewundern lassen. Außerordentlich interessant ist von den novellistischen Beiträgen dieses Heftes eine Erzählung „Ami-
bringen und laßt sich dann das eine und andere ausführlicher erzählen. Selbst ist der Zar ein sehr unregelmäßiger Zeitungsleser, und gar ein Buch zur Erholung hat er schon seit lange nicht in die Hand genommen. Von 4 Uhr an arbeitet der Zar wieder, zuweilen nur bis 6 Uhr, oft aber auch bis 7 Uhr; dann wird die eigentliche Hauptmahlzeit, das Diner, eingenommen, und der Zar verweilt im Kreise der Seinen bis gegen halb 10 Uhr, zuweilen, wenn die Kaiserin-Mutter zum Besuch erschienen ist, auch bis 10 Uhr. Dann zieht er sich wieder in seist Arbeitskabinett zurück utnd Punkt Mitternacht sucht er sein Schlafzimmer auf. Hoffesb» lichkeiten usw. bringen natürlich ab und zu einige Störungen in dies sich gleichmäßig abspielende Tageswerk; aber bas Hofministerium verwendet auf Anweisung des Zaren die größte Sorgfalt daraus, alles so anzuordnen, daß die eigentlichen Arbeitsstunden des Zaren freigehalten werden. Mit der Gesundheit des Zaren ist seine Umgebung zurzeit sehr zufrieden. Die epileptischen An fälle, die ihn früher alle vier bis sechs Wochen heimsuchten, sind seit der glücklich überstandenen Krankheit in der Krim noch nicht wieder aufgetreten. Das Gesicht des Zaren ist voll und rund geworden und hat eine gesunde Farbe. Auch die häufigen Kopfschmerzen haben ganz auf- gehört.
* Irkutsk, 22. März. Ueber ein s ch r eckl ich e s Drama auf dem Baika-See liest man in russischen Blättern: Am 27. Februar reisten zwei Schauspielerinnen der von dem Theaterunternehmer Ukrainzew geleiteten Theatergesellschaft, die Damen Uschakowa und Pawlowskaja, aus Werchneudinsk ab und traten die Reise über den zuge- frorenen Baikal-See von Myssowaja an. Der Fuhrmann hatte aber nicht den großen Fahrweg, sondern einen Seitenweg gewählt und die unglücklichen Fahrgäste in der Mitte des Baikal überfallen. Mit Beilhieben wurde der Frau Uschakowa der Schädel gespalten, und Frau Pawlowskaja, die sich in gesegneten Umständen befand, wurde bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Um ihre Identität festzustellen, mußte der bereits vorausgereiste Theaterunternehmer zurückkehren. Frau Pawlowskaja hatte ihre beiden Kinder bei sich gehabt, von denen das zweijährige mit zerschmetterten Beinen im Schnee vergraben und fast erfroren gesunde^ wurde, während man das sechsmonatliche überhaupt nicht wiederfand. Das Verbrechen wurde von einem Postillon entdeckt, der abseits vom Wege eine dunkle Masse auf dem Schnee liegen sah. Frau Pawlowskaja befand sich, als man sie fand, in der Agonie, während Frau Uschakowa bereits gestorben war; das gräßlich verstümmelte zweijährige Kind brachte man in ein Hospital, wo es hofffnungslos bar- niederliegt. Sämtliche Koffer, die die Scyausvielerinnen mit sich geführt hatten, waren verschwunden und konnten nicht wieder aufgefunden werden. Im Hause des sofort verhafteten Fuhrmanns sand man nur eine Nähmaschine und einen Sonnenschirm, die der ermordeten Frau Pawlowskaja gehörten. Der Schlitten des Fuhrmannes wies zahlreiche Blutspuren auf. Da der größte Teil der geraubten Sachen nicht wieder erlangt werden konnte, nimmt man an, daß der Raubmörder Helfershelfer gehabt hat.
* Eine versetzte Krone. Von den englischen Reichskleinodien, die an ihrem Aufbewahrungsorte, dem Tower in London, nur unter Anwendung ganz besonderer Vorsichtsmaßregeln der Besichttgung zugängliche sind, ist die mit 2500 Diamanten, den ivertvollsten Perlen, Saphiren, Smaragden und Rubinen besetzte Krone — der schönste unter den Rubinen wurde (Ebroarb, dem schwarzen Prinzen, vom König Pedro von Kastilien zum Geschenk gemacht — von mindestens vier ihrer gesalbten Träger verpfändet gewesen. Das „Geschäft" fand unter der Regierung Heinrichs III., Edwards III., des Bekenners, und Richards II., wie auch unter derjenigen Heinrichs V. statt. Das eine Mal war das Symbol der königlichen Macht flandrischen Kaufherren in Lombard gegeben; bei späteren Geldverlegenheiten schossen die Aldermen der City hohe Summen daraus vor, und sogar ein Kirchenfürst, der Bischof von Winchester, lieh Edward dem Bekenner gegen Verpfändung seiner Krone 13500 Lstrl. (370000 Mk.) aus den reichen Ankünften seiner Klöster $er. Von den nachfolgenden Regenten hat der leichtlebige 'farl II., der verschwenderischste unter den Stuarts, wiederholt den vergeblichen Versuch gemacht, das Eigentum des Staates, die englische Königskrone, zur Tilgung seiner per- fonlichen Schulden zu veräußern.
* Seltsame Vorgeschichte einer Ehe. Vor einigen Wochen, so schreibt mau aus Rom, verlangte, wie eH st» zu gehen Pflegt, der Unteroffizier Guisfre von seiner Verlobten seine Geschenke zurück. Bianca gab ihm denn auch alles, mit Ausnahme eines Ringes und eines Opernglases, von denen sie sich nicht zu trennen vermochte. Nach wenigen Tagen begegneten sich zufällig die Beiden, die einst verlobt gewesen waren, auf der Straße. Es kam zu einem Streit, in dessen Verlaus Guisfre vier Revolverschüsse auf Bianca und ihre Mutter feuerte, welche die Braut am Arme und an der Wange verletzten, bann richtete er die Schußwaffe auf sich selbst, verwundete sich aber nur leicht. Die Folge dieses blutigen Rencontres zwischen den beiden Liebesleuten war, nachdem alle äußeren Wunden geheilt waren, ein Wiedersehen vor Gericht. Der Vater des Mädchens hatte nämlich gegen Guisfre wegen Mordversuchs Klage erhoben. Als nun aber der unglückliche Bräutigam auf» richtige Reue zeigte und Bianca zu heiraten und glücklich zu machen versprach, da ließ sich der gute Schwiegervater erweichen und — bat selbst die Richter um Freisprechung des Aermsten. Diese zögerten denn auch nicht, den Wunsch des Alten zu erfüllen, obwohl der Staatsanwalt für eine ganz exemplarische Stpase plädiert hatte. Bianca und iMuiffre haben natürlich sofort alle Vorbereitungen zur Hochzeit getroffen, die ein großes Freudenfest zu werden ver- «prickft. Hoffentlich gewöhnen sich die „Liebenden" für den bevprstehenden Ehe krieg wenigstens das Schießen ab.
1 * Wie der Zax lkbt. lieber die Lebensweise Niko
laus II. erfährt die „Köln. Bolksztg." aus St. Petersburg folgendes: Tvs Morgens erhebt sich der Zar um halb neun Uhr und ist mit seiner 'Toilette bis gegen neun Uhr beschäftigt. Alsdann setzt er sich an seinen Schreibtisch, um besonders wichtige Regierungsgeschäfte zu erledigen. Bon 10—11 Uhr tritt eine Pause ein, während roetdjer der Zar ein leichtes Frühstück zu sich nimmt. Die Stunden von 11—1 Uhr sind wieder der Arbeit gewidmet, teils den Ministervorträgen, teils der Unterzeichnung einer endlosen Reihe von Aktenstücken, dem Studium von Gesetzesvorlagen oder den Gouverneurs-Berichten, die der Zar mit zahlreichen Randbemerkungen versieht, von welchen fast immer nur die lobenden im „Regierungsboten" mitgeteilt werden. Während dieser Zeit trinkt der Zar unaufhörlich ein Glas Thee nach dem anderen; höchst selten läßt er sich einmal auch em Glas Wein und ein Kaviarbrötchen kommen. Die Zeit von 1—4 Uhr ist dem Familienleben gewidmet und den kleinen Freuden und Leiden des häuslichen Hevdes. Zuweilen «wird auch einer der dienstthuenden Flügel- tfaiutanten herbeigerufen, und der Zar fragt dann ge- rcköMckich, ob die Zeitungen etwas Neues' und Interessantes
GietzenerAnzeiger
” General-Anzeiger v
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
cus und Amelius" von Giovanni. Serambi, einem Schriftsteller des 14. Jahrhunderts, dessen Werke erst im Anfang dieses Jahrhunderts durch den bekannten italienischen Bibliophilen Marchese Trivulzio in die Öffentlichkeit gebrach» worden sind. Die eigentliche Naivetät dieser schlichten Erzählung bildet einen merkwürdigen Kontrast zu der aus modernen Empsinden geschaffenen Skizze „Der Herrscher" von Miriam Eck. Lyrische Gedichte verschiedener Autoren, allerhand litterarische Anzeigen, darunter ein Artikel Arthur Goldschmidts über Tolstois „Moderne Sklaverei", und ein Münchener Kunstbrief ergänzen den reichen Inhalt dieses Heftes aufs beste. __
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