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24.3.1901 Viertes Blatt
 
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Nr. 71 Viertes Blatt.

151. Jahrgang.

Sonntag 24. März 1901

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Politische Tagesschau.

In den letzten Jabren hat in Berlin die Zihl der in den Gewerkschaften orgauifierten sozialdemokratische» Arbeiter ganz bedeutend zugenornmen, sie in e-n gewaltiger Faktor geworden, und bei den nächsten Neichstaqswahle - werden nm sehen, daß in Berlin nur noch tm 1. Wahlkreis die Chancen der bürgerlichen Parteien gut steheu. Heute gicbt es in Berlin 107 058 gewerkschaftlich organisierte Arbeiter und Zwar 94 758 centralorganisierte Arbeiter und 12 300 Lokalorgamsierte. 1899 wurden nur 70 723 Central organisierte gezählt, sie haben also um 24 035 zuge nommen. Die Lokalorganisalion sind die radikalen Elemente, die von Kompromissen nichts wtffen wollen, und welche die gewerkschaftliche Bewegung als die Stätte betrachten, an der die Geister revolutioniert und die Pioniere für den proletarischen Klaffenkampf geschult und herangebildet werden. Die C ntralorganisierten haben ihre Spitze in der GewrrkschaflSkommission. Die Lokalorgant sierten in dem Gewerkschaftskartell. Bon den Centralorgani sirrten haben die meistcn Mitglieder, die Metallarbeiter (20 000), eS folgen die Holzarbeiter mit 12 000, die Handels Hilfsarbeiter mit 8538, die Buchdrucker mit 5500, Maurer mit 4693, Bauarbeiter mit 4300, Zwirner mit 2529, städ 'ifche Arbeiter mit 2200, Schneider mit 1500, Sattler mit 1420, Lithographen 1336, Droschkenkutscher mit 1300. Von 'den Streiks, bei dem die Gewerkschaftskommissionen beteiligt waren, sind am bemerkenswertesten derjenige der Holzarbeiter, der 267 196 Mk. kostete, und mit einer Vereinbarung vor dem Gr Werbegericht beendet wurde, und derjenige der Pferde bahn angestellten, an dem sich 4338 Mann beteiligten und der durch die Vermittlung des Oberbürgermeisters Kirschner zum Abschluß gebracht wurde. DaS Gewerbe^ericht wurde tm vergangenen Jahre llmal bei großen Streiks um die Ver mittlung angerufen, 9mal mit Erfolg. Sehr bemerkenswert ist, daß eine ganze Anzahl Berliner Gewerkschaften mit ihren Arbeitgebern Tarifveretnbarungen vor dem Gewerbegericht abgeschloffen haben, sodaß also plötzlich hereinbrechende große wirtschaftliche Kämpfe ausgeschloffen sind. In zahlreichen Streiks haben bekanntlich die Sozialdemokraten in der letzten Zeit sich Arbeitersekretariate geschaffen, in Berlin hat die schon seit Jahren bestehende Gewerkschastskommission dieselben Funktionen und sie erstrebt noch viel weitergehende Ziele an, sie will die Vertretung der Rekurssachen vor feem Reichsver sicherungSamt für alle in Deutschland bestehenden Arbeiter­sekretariate übernehmen. Die Sache ist wegen des Geld Punktes noch nicht zustande gekommen, wird aber sich doch wohl baldigst realisieren lassen. Wie man sieht, ist ein sehr reges Leben in den Berliner Gewerkschaften, die wirtschaft­liche Depression hat die Gemüter eher zusammen- als aus einandergeführt. Mit 107 058 gewerkschaftlich organisierten Arbeitern in Berlin hat die Sozialdemokratie den weit­gehendsten Einflaß auf alle wirtschaftlichen Kämpfe.

Seit dem Tode der Königin Luise von Däne mar! haben die politischen Familienkaffes in Fre- densborg sehr an Bedeutung verloren, nach wie vor ist aber Kopenhagen mit seiner Umgebung der Ort ge­

blieben, wo sich die Verwandten t>es dänischen Königs­hauses von Zeit zu Zeit versammeln; die Zarinmutter ist beinahe ein ständiger Gast ihres königlichen Vaters. Be­sonders' wenn düstere Wolken am politischen Horizont hängen, wenn die Luft mit Zündstoff gesättigt ist, wenn die Tiplomaten alle Hände voll zu thun haben, kriegerische Konflikte zu vermeiden, dann pflegen in den dänjischen Königsschlössern kleine intime Familienzirkel abgehalteu zu werden, in denen unter Ausschluß der Oeffentlichkeit mancher Knoten geschürzt und mancher gelöst wird. Augen­blicklich, da russische und englische Ansprüche im fernen Asien zu einem ernsten Konflikt geführt haben, sck>eint wiederum diese europäisch Webenregierung zu einer Sitzung einberufen zu sein. Aus Kopenhagen wird gemeldet, daß die Zarinmutter von Rußland schon zur Stelle ist, gleich­zeitig trifft aus London die Nachricht ein, daß die Königin von England nach Kopenhagen abreist. Es sind natürlich nur private Zwecke, die beide Schwestern gleichzeitig in die dänische Hauptstadt führen.

Die Gährung in Serbien soll Belgrader Meld­ungen zufolge eine bedenkliche Gestalt annehmen. So wird aus der serbischen Hauptstadt geschrieben: Vor allem regt sich eine lebhafte Bewegung gegen die Dynastie Obreno- witsch und zu Gunsten der vertriebenen Familie Kara- georgewitsch. Diese Strömung wird von den in Südungarn erscheinenden panserbischen Zeitungen, deren Verbindungen mit Cettinje bekannt sind, genährt. In der letzten Zeit sind die Anhänger der vertriebenen Dynastie auf ein an­scheinend wirksames Agitationsmittel verfallen. Unter der Bevölkerung wird ein Bild verbreitet, das die auf Befehl des Fürsten Milosch Obrenowitsch erfolgte Ermordung des Karageorge darstellt. Die naive Bevölkerung, in der das Andenken an diesen serbischen Freiheitskämpfer noch nickst erloschen ist, wird dadurch der herrschenden Königsfamilie abwendig gemacht. Die Agitatoren haben um so leichteres Spiel, als die neuen Venvandten, die der König durch seine Verheiratung mit Frau Maschin gewonnen, sich durch aufdringliche Ueberhebung im Volke verhaßt gemacht haben, denn sie wollen in einem Lande, das keine Adelsoorrechte kennt, die Rollen von Prinzen und Prinzessinnen spielen. Eine Schwester der Königin, die an den Direktor der serbischen Kreditbank, Petrowitsch, verheiratet ist, hat es durch ihre Prinzessiumanie bereits dahin gebracht, in un­liebsamer Weise von sich reden zu machen. Bei der Stimm­ung, die gegen die Sippe der Königin herrscht und die zu besänftigen von maßgebenden Kreisen so gut wie nichts geschieht, können solche kleinen Ursachen unter Umständen Folgen haben. Man ist sich der Unzufriedenheit im Volke bewußt und läßt jetzt die Versicherung verbreiten, daß eine Aenderung der Verfassung im liberalen Sinne bevor- stünde, aber die Serben haben mit Verfassungsänderungen in den letzten Jahren unangenehme Erfahrungen gemacht; das Mittel scheint nicht mehr zu verfangen.

Kolonialpost.

Winke für die wirtschaftliche Entwickelung Deutsch-Südwest- afrikas enthält ein Bericht des kaiserlich deutschen General konsuls in Kapstadt, v. Lindequist, dem aus seiner früheren amtlichen Thätigkeit daS deutsche Schutzgebiet genau bekannt ist. Herr v. Lindequist schreibt:

Die vorjährige Dienstreise nach dem Ollen der Kapkolonie, nock Natal, nach dem Freistaat und Kimberley hat bei mir den Eindruck

ben ich im Iah e 1898 auf der Bere-suni des nordwest ichen TeileS bn Kolonie, insondeih tt der D'st ikt- Upington, Kenhaidl, P i sla. Wriieioam urd de Aar von dem Werte b e deutich füdwestaf Ilan sch n Schutz.edieteS im 8 rflldte mit de» Kapkotorcke und dem F.Ostaat 4<n?onr en d»br, nur b stäiigt, nämlich dahii g dend, daß Deuism Süd- Dcftaf ika b ntrt dem üd igen ©ünaftifa mit Äudnabme der Küster - regwn an Güte deS Bodens und der Weid've bältniffe nicht zurück- 'teht.....Da größte I tertfi.- für daS deutsche Sauhgebtet bft tte

aber die Wollschal und Aurmaz eg-n , sowie die Straußenzucht ^iden. . . Bei größeren Faimuntern'bmuninn, d'e nidn von ei «m rinic'uen Elfte« tümrr betrieben cotib n, kommt schließlich alles suf den L^ter derselben an; i ur wenn e<> oelingt. ein n durchaus zuoerlä'Ngen, o akt'sch ersah enen und mit den südafika« t chen Land- ui d Viehzucht- ve dälu ffcn wohlver trauten Mann zu gewinnen, wird ein Eilolg ge­sichert sein. Allerdings wird man tüchtige Kräite auch eniip echend oezablen muff n. «ad) den au oertebidenm St Üm eingezo enen Erkundigungen find solche unter 10,000 Mk. per Jahr nicht zu gewinnen.

Vermischtes.

* Kochkunst- und Nahrungsmittel-Ausstel­lung Paris 1901. Unter dem Protektorate des Handels- mintsters findet in diesem Jahre (vom 13. bis 22. Ap>il) tm Jardin des TuilerieS die 18 KochkunstauSftellung statt. Für die internationale Sektion, die erst seit dem vorigen Jahre zum erstenmale organisiert wurde und von allen Län­dern, insbesondere von Deutschland stark beschickt war, wu-de abermals Herr Victor Spitz, 81, Rue St. Denis, Paris zum Spezial Kommissar dieser Abteilung ernannt, der Pro­spekte und Auskünfte abgiedt.

* Katzenmusik für einen Universitäts- Professor. Aus Zürich schreibt man: Einige Hundert Studenten des hiesigen Polytechnikums feierten den Se­mesterschluß noch durch eine jeher herrlichen Kund­gebungen, die unter dem NamenKatzenmusik" in Zürich hier und da einmal die friedlick)e Bürgerschaft aus dem Schlafe scheuchen. Der Rechtslehrer am Polytechnikum Professor Dr. Rölli scheint durch die Art seiner Behandlung der Studentenschaft das akademische Blut seit einiger Zeit in Wallung gebracht zu haben. Nachdem der ohren­betäubende Lärm vor dem Hause des Professors sich end­lich gelegt hatte, konnte man noch das feierliche Schau­spiel einesGänsemarsches" durch die ganze Stadt be­wundern.

* E i n leidenschaftlicher Raucher ist König EduardvonEngland. Tiefe Leidensck-aft ist aber etwas kostspielig. Er zahlt durchschnitlich 7000 Mar k r 1000 Stück Zigarren. Sie werden in der außergewöhnlichen Länge von sieben Zoll für ihn angefertigt.

* Was englische Politiker verdienen. Eine englische Wochenschrift schreibt: Wie wenig gut auch die Aussichten in anderen Berufen in dieser Zeit der scharfen Konkurrenz sind, so sind sie doch noch golden im Vergleich mit den finanziellen Erfolgen der politisck)en Thätigkeit, in der die tüchtigsten und erfolgreichsten Leute als Ergebnis lebenslänglicher Arbeit nur ein Durchschnittseinkommen haben, das mancher Landdoktor z. B. verachten würde. Manchmal bezahlt ein Staatsmann noch obendrein einen Betrag gleich dem jährlichen Einkommen eines Bischofs für das Privilegium des Opfers. Das hat auch Sir William Harcourt erfahren. Als er seine Praxis aufgab, um sich ganz der Politik zu widmen, belief sich sein Jahresein­kommen auf 300 000 Mk., und er hatte bie Aussicht, das; es sich noch vermehren würde. Dafür hat er ein Durch­

Hemälde-Aussteitung im Turmhaus.

Ein großer Teil der gegenwärtig im Turmhaus aus­gestellten Bilder gehört der Kollektion von Ismael G e n tz, Berlin-Lkonstantinovel, an: teils ausgeführte Ge­mälde, teils Skizzen und Vorarbeiten zu dem großen Ge­mälde:Uebergabe der Tormition". Es ist nicht leicht, sich über dieses Bild rasch ein abschließendes Urteil zu bilden. Wir erkennen von vornherein die Schwierigkeit und Un­dankbarkeit in Bezug auf malerische Wirkung an, die die Wiedergabe eines solchen zeremoniellen Vorgangs, zu­mal in einem Moment der Ruhe, mit sich bringt: die zu­fällige Gruppierung der einzelnen Individuen ist dabei ausgeschlossen, und vielmehr die Zusammenfassung der Einzelfiguren zu geschlossenen regelmäßigen Gruppen und die ebenso regelmäßige Anordnung dieser von vorn­herein gegeben. Von diesem Gesichtspunkt aus muß der erste Eindruck mühsamer, gezwungener Anordnung beurteilt werden. Auf der andern Seite hätte diese Schwierigkeit immerhin vielleicht doch mit mehr Geschicks überwunden werden können. Vor allem scheint uns Luft- und auch Linienperspektive für die Gesamtheit der Figuren zu wenig tief auch im Vergleich zu der der an sich sehr gut ge­malten Landschaft. Auch wäre wohl mancher kleine Fehler in der Zeichnung der Einzelfiguren zu vermeiden geroefem. Bei der des Kaisers scheint der Künstler durch allzu starkes Prima-Jmpasto die Herrschaft über die Farbe verloren zu haben, wenigstens vermissen wir jede Portraitühnlichkeit. Uns gefallen seine beiden kleineren Gemälde:Ankunft der Majestäten" undAnsprache des Kaisers in der Erlöser­kirche" entschieden besser. Namentlich in ersterem ist der Eindruck stark bewegter Massen vorzüglich wiedergegeben, ohne daß sich der Künstler auf nur impressionistische Auf­fassung beschränkt hätte, wie in den meisten seiner Skizzen.

Dagegen leidet die Darstellung derRückkehr aus der Grabeskirche" unter denselben Schwierigkeiten und Fehlem wie dieTormition", ohne deren entschiedene Vorzüge zu besitzen. Viel recht Bemerkenswertes findet sich auch unter des Künstlers rasch hingeworfenen, impressionistischen Bleistift-, Aquarell- und Oelskizzen, und ein Vergleich der ausgeführten Figuren auf der[Übergabe der Tormition" mit den Vorstudien dazu dürfte nicht ohne Interesse sein.

Von der früheren Kwllektiv-Ausstellung des Franzosen W. Lese b re, Paris, befindet sich noch der größte Teil in der jetzigen Sammlung. Seine ganz brillanten Attstudien -- fast das beste der Kollektion und die meisten feiner Federzeichnungen sind bereits gewechselt. Tie meisten Bewunderer finden seine beiden großen Oel- gemälde:Herbst" undNebelstreif". Technisch sind beide vollkommen, koloristisch sogar brillant. Tie zeichnerischen Fehler, die der eine oder andere an der weiblichen Staf­fage des BildesNebelstreif" entdecken mag, sind sicher bewußte Absicht des Künstlers und aus der illusionisti­schen Auffassung des Ganzen erklärlich. Und nur von dieser und ihrem künstlerischen Wert möchten wir hier reden. Wenn Lefebre in dem von der Herbstsonne grell beleuch­teten herbstlichen Laub, in dem über einer sumpfigen Wald­stelle schwebenden Nebelschleier weibliche Gestalten schaut, so sind das Leistungen künstlerischer Phantasie, die wir anerkennen. Aber ihr künstlerischer Wert und ihre Wirkung beruht doch wesentlich auf der technischen, zeichnerisch klaren und koloristisch brillanten Wiedergabe. Von dieser abgesehen, ist er ein geringer z. B. gegenüber Böcklin'schen Stimmungsvisionen, in denen sich eine starke aber nur gefühlte Stimmung zu möglichst klarem, sinnlichen Aus­druck verdichtet. Wir denken dabei an Bilder wieSchweigen int Walde" undTriton und Najade". Ihr Wert beruht daher, von diesem gewaltigen Stimmungsgehalt ganz ab­

gesehen, auf der sinnlichen Klarheit und Individualität der Konzeption und der konzipierten Gestalt; die Stärke der beiden Lefebre'schen Bilder aber gerade auf möglichst weitgehender zeichnerischer und koloristischer Verwebung der illusionistischen Staffage mit der reellen landschaftlichen Grundlage. So erscheinen die Gestalten sofort als Illusion, als optische Täuschung. Der Versuch, die beiden Gestalten auf dem BildeHerbst als Feen des, Herbstes erscheinen zu lassen, die der unten sammelnden Alten Zweige und Blätter von den Bäumen brechen, kann den Mangel an wahrem Stimmungsgehalt durchaus nicht: ersetzen. Inhaltsreicher erscheinen uns die meisten von Lefebres Federzeichnungen. Von den jetzt noch ausgestellten ist das besteVerfolgt". Sie zeichnen sich meist durch einen ganz eigenartigen Stimmungsgehalt aus, nicht jener leichten Stimmung, die den Gesichtswinkel, unter dem wir die Dinge um uns betrachten, nur wenig verschiebt, sondern einer gewaltigen, rastlos erfüllenden Leidenschaft, der heißen Be­gehrlichkeit inLeda mit dem Schwan", des furchtbaren, aufregenden Bewußtseins gegenwärtiger vitaler Entscheidung in der ZeichnungVerfolgt" usw. Hierher gehört auch das kleine OelbildAdam und Eva". Tie endlose Verzweif­lung auf feiten des Mannes und die unendliche Hingabe des Weibes im Bewußtsein des verlorenen Paradieses. Und wie stellt Lefebre alle diese Leidenschaften bar? Nicht etwa nur mittelst des Gesichtsausdrucks, auf den er sogar meist wenig Sorgfalt verwendet (Adams Gesicht ist über­haupt nicht sichtbar >, auch nicht nur mittelst prägnanter, selbst unter Verzicht auf Realismus prägnanter Pose. In die gesamte Stimmung des ganzen Milieus fließt sie über, das meist auch in der Richtung prägnanterer

stilisiert ist. Noch seien aus der Lefebre'schen KoUektwn erwähnt:Rückenhalbakt", das sich durch brillanten ton, undKopie nach einem Fresco", bte sich aura) sey