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-rr. 71 Erstes Blatt.
151. Jahrgang.
Lourttag 24. März 1901
BUfcatHen, Expedition und
•rüder«! ■ rchnlfteahe 7.
•»scheine täglich mit ■»ieeN*< M MonlagS.
•k Meßencr Familien« Witter werden dem Mm Mkfer im Wechsel mit „Hess. IwUHrt" und „Blätter De WL Volkskunde" viermal machen iltch beigelegt.
»«mochmk een Cneelgen &»«« nechmniog» fit den itnltv Tag erscheinenden £a<t bt» oovm 10 Uhr Htbetellangen Ipäteftenl
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GietzenerAnzeiger
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Amtz- und Anzeißeblatt für den Kreis Gießen
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Bezugspreis BierMtü* Mk. 2.20, monatl. 75 W mit Bringerlohn; durch Im Abholestellen viertklfttzWt. Mk 1.90, monatl. 65 M»
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Adrefle für Depesche»; Anzeiger Siche».
FernsprechanIcKIiiß Nr. H.
Amtlicher Feil.
Gießen, den 22. März 1901.
Betr: Pferdevormusterung im Jahre 1901.
Das Grotzherzogliche Kreisamt Gießen
au dieWrofth. Bürgermeistereien Gießen, Großen«
Stuben, Grüuberg, Hungen und Lich.
Im Juni d. I. wird eine Vormusterung deS Pferde« bestandeS des Kreises zur Ermittelung der kriegsbrauchbaren Pferde stattfinden. Hie,mit soll für diejenigen Orte, in weichen das Musterungsgeschäft staltfindet, also für Ihre Gemeinden, eine Vormusterung der Fahrzeuge verbunden werden.
Auf Ersuchen der 25. Kavallerie-Brigade beauftragen wir Sie, die Zahl der Fahrzeuge baldthunlichst festzustellen, welche den Anforderungen entsprechen, wie sie in Anlage G zur Pferde-Aushebungs Vorschrift (Reg. Blatt von 1900. Seite 541) gestellt stad. Die ermittelte Gesamtzahl wollen Sie bis 10. April uns einberichken.
Da zur Vormusterung ein Namensoerzeichnis der Fahr- zeugbefitzer mit Angabe der Zahl ihrer Fahrzeuge vorzulegen ist, empfehlen wir Ihnen, schon jetzt dieses Verzeichnis aufzustellen, damit Sie später nur etwaige Nachträge und Aeude- rungen zu wahren haben.
v. Bechtold.
Gießen, den 21. März 1901.
Betr.: Ansprüche gemäß Art. 14, Abs. 4 des Gesetzes von 1890 an die Landesfeuerlöschkasse auS Dienstleistung bei Brandsällen und Hebungen.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
ou die Großh. Bürgermeistereien des Kreises.
Die Großh. Brandversicherungs-Kammer hat, um eine rasche Erledigung der bei Gelegenheit von Dienstleistungen bei Brandfällen und Hebungen entstandenen Ersatzansprüche an die Landesfeuerlöschkaffe herbeizuführeu, ein Anzeige- Formular herauSgegeben, von dem mehrere Exemplare in unserem Besitze sind. Wir empfehlen Ihnen in einem eventl. rintretenden Falle einer Verletzung usw. alsbald ein solches Anzeige-Formular bei uns erheben, und in dem betr. Falle verwenden zu wollen. ■»
v. Bechtold.
Bekanntmachung.
Wir bringen hiermit zur öffentlichen Kenntnis, daß sich unsre AmtSräume von heute ab Grünbergerstraße Nr. 5 befinden.
DieAmtStage sind: Dienstag vormittags 8 bis 12, nachmittags 2 bis 4 und SamStag vormittags 8 bis 12 Hhr.
Gießen, den 21. März 1901.
Großh. Steuerkommiffariat.
Dr. Metzler.
Gießener Theaterverein.
Der Megistrator auf Aetsen.
Poffe von L'Arronge und Moser
Wie doch selbst so ein alter Schmarren einen großen Heiterkeitserfolg davontragen kann! Ich erinnere mich eines scherzhaften Dialogs, der sich nach einer Ueberlicferung in Berliner Theaterkreisen vor Jahren zwischen L'Arronge, dem .halben Vater" des Stückes, und Emil Thomas, dem bekannten Berliner Komiker, über den „Registrator auf Reisen" emsponnen haben soll. L'Arronge hatte Buch und „Partitur" des altersschwachen „Registrators" bereits ad acta gelegt; er dachte qar nicht mehr daran, daß der alte Herr wieder zu neuem Leben erwachen würde. Da meldete fich eines Tages Emil Thomas am Telephon. „Wer dort?" fragt L'Arronge. „Hier Registrator Wichtig." „fficr?" „Nun Thomas? was macht der Registrator? ' — „Ach, nun verstehe ich; Thomas, Sie sind'S. WaS wollen Sie mit dem Registrator?" — „Spielen". — „Fällt wir gar nicht eui, das Ding zieht doch heut nicht mehr." — „Da kennen Sie Buchholzen schlecht; geben Sie mir das Ding." — „Ach lächerlich", meint L'Arronge. — „Das stimmt, lachen wird daS Publikum kotofftl." — „Sie täuschen fich, lieber Thomas, ich werde an Tantieme eine baumwollene Weste verdienen." — „Ja, aber eine mit Seidenstreifen." Thomas erhält den Registrator, führt ihn auf, hat einen großartigen Erfolg, die Theater, in denen er als „Registrator" in ganz Deutschland herummimt, find jeden Abend ausverkauft. Bei der ersten Tantieme-Abrechnung kauft Thomas eine feine wollene Weste mit Seidenstreifen, in deren Tasche steckt et die auf die ersten sechs Vorstellungen entfallende Tantieme von über 1000 Mk.
Ungelöste Fragen
von großer Tragweite Haden fett langer Zeit nicht in io großer Zahl auf der Tagesordnung des öffentlichen Leben? gestanden, wie itn gegenwärtigen Augenblick.
Wir in Hessen gchen einer sozialreformatorischen Zu kunft entgegen. Können ton von dem uns bevorstehenden Wahlrecht erhoffen, daß es den Wünschen der Mehrzahl bei Bevölkerung unseres Landes entsprechen wird? Wird man in der Rücksichtnahme auf alle Kreise der Bevölkerung da« rechte Maß einhalten und nicht nach einer bestimmten Richtung sich allzu festlegen? Wird man die Gegensätze in der rechten Weise zu mindern wiffen?
In welcher Gestalt wird im Deutschen Reiche der Zolltarif zu stände kommen, der für die wirtschaftliche Ent Wickelung unseres Volkes von so eingreifender Bedeutung ist? Wie werden fich namentlich die Getreidezölle gestalten? Was wird in Preußen aus den Kanälen, die weite Jntereffenktkise nicht zur Ruhe kommen laffen?
Welchen Fortgang werden die parlamentarischen Kämpfe in Oesterreich nehmen? Sind die kleinen Anzeichen der Befferung, die nach einer langen Reihe von Austritten em pörendster Art im österreichischen Abgeordnetenhause zu Tage traten, Vorboten einer wirklichen Gesundung, zunächst in dem Sinne, daß das Parlament endlich praktische Arbeit leistet? WaS wird aus der Los von Rom Bewegung?
Welchen Gang werden die Dinge in China nehmen? Eine Reihe von Faktoren hat hierauf bestimmend einzuwirken, nicht zuletzt das Verhalten Rußlands, deffen Zweideutigkeit für die ruhige Entwickelung der Lage eine ernste Gefahr in sich birgt. Nach außen betont es seine Hneigennützigkett, während es im stillen jeden möglichen Druck bei China ver- sucht, um sich, getrennt von den anderen Mächten und gegen deren Interessen, ausgedehnte Sondervorteile zu sichern, ob schon dergleichen durch die Mächte von vornherein gründ sätzlich ausgeschloffen worden ist. Die Entschädigung der einzelnen Mächte wird nach ihrer Höhe und der Art der Auf bringung auch noch manche Nuß zu knacken geben.
Wann wird in Südafrika endlich der Friede eintreten? Unter welchen Bedingungen werden Engländer und Buren dafür zu haben fein? Werden alle Burenkommandos nut einbegriffen oder wird nur Louis Botha für sich und feine Leute den Kampf aufgeben, unbekümmert um das Wohl und Wehe der anderen Freiheitskämpfer? Man weiß, daß die letzten, von England eingeleiteten Friedensverhandlungen an der Standhaftigkeit Bothas gescheitert sind und daß Botha keineswegs so in der Klemme sitzt, wie die Engländer die Welt haben glauben machen wollen. Wenn man der großen Opfer gedenkt, die Tausende von Buren einzeln dem Vater- lande und seiner Freiheit gebracht haben, dann wird England noch weiter kämpfen müffen, vorausgesetzt, oaß es bei der völligen Unterdrückung deS Burenelements beharrt, — ein Kampf, in dem jetzt mehr noch als vorher die Elemente der Verzweiflung zur Geltung kommen dürsten.
Wird man in Spanien nun endlich einmal zur Ruhe kommen? DaS neue Ministerium ist ja bestrebt, aller-
und schickt daS Paket an L'Arronge. Dieser ist natürlich über die Sendung nicht wenig erstaunt, er findet schließlich die Summe in der Westentasche und quittiert darüber durch einen launigen Brief, in dem er sagt, daß er zwar nie wollene Westen getragen habe, daß er es nun aber thun werde, Thomas möge ihm nur bei jeder Abrechnung eine mitsenden, die Auslagen könne er in Abzug bringen.
Was an der Geschichte wahr ist, weiß ich nicht. ES ist möglich, daß sie ungefähr in dieser Art passiert ist. Jedenfalls ist sie nicht unwahrscheinlich. Der grobkörnige Philisterhumor, den der Verfasser hier abgelagert hat, kann immer noch feine Liebhaber finden, wenn er auch, bei den Jahren, die über ihn dahingegangen find, an seiner derben Schlagkraft manches eingebüßt hat. Mit diesem Registraior ist es eine eigene Sache. Er ist eigentlich ein ganz unqaali» fizierbarer Dummkopf. Herr Schmasow, unser Gast, gab dagegen einen höchst spaßhaften Herrn in überjährigem Lebensalter, der alle die Thor heilen, die er begeht, nicht aus angeborenem Stumpfsinn, aus eingewurzelter Philisterhaftig- feit begeht, sondern aus seiner guten Laune heraus, die den Blödsinn, der ihm eignet, tretbt, nur weil es ihm Spaß macht, weil er im Blödsinn einen gewissen Sinn findet, der ob seiner Korruptheit.ihm ein besonderes Vergnügen bereitet. Sein Registrator ist nicht so dumm, wie er fein soll, sondern so dumm, wie er sein will. Das macht ihn zu einem ganz anderen, als ihn die Autoren gegeben haben. Dieser Regi ftrator hat fortwährend neue originelle Schrullen im Kops, er begeht unausgesetzt Dummheiten aus Liebe zur Dummheit, weil Ernsthaftigkeit ihm ein Greuel ist. Der Registrator des Stückes dagegen ist ein hervorragend bornierter Mensch, ein Mensch, der nicht dumm thut, sondern dumm ist. Das ist doch ein ganz gewaltiger Hnterschied. Herr Schmasow
band wohlgemeinte Reformen durch-.uführen. Die ansehnlichen Reste eines alten Kolonialreiches hat das von schweren Geschicken heimgesuchte Land infolge jahihunvertelanger Miß- wuiichaft für immer verloren; hoffentlich verliert es seine» inneren Frieden nicht.
Alle diese Fragen sollen in Zukunft an dieser Stelle ihre eingehende Erö terung finden. Der Gießener Anzeiger wird aber in erster Linie fortfahren, dahin zu streben, in seinem nichtamtlichen, redaktionellen Teile daS unabhängige Organ des Bürgertums in unserer engeren oberhessische« Heimat, in Stadt und Land, zu sein.
Nach wie vor werden wir es als unsere Aufgabe ansehen, die öffentlichen Angelegenheiten mit Freimut und Vorurteilslosigkeit zu besprechen, einem vernünftigen Fortschi itte auf allen Gebieten des Volkslebens, besonders in unserer engeren Heimat, die Wege zu ebnen und unbeirrt durch alle Gegenströmungen das Unfrige zur Erhaltung deS Frieden» zwischen allen Klaffen der Gesellschaft beizutragen.
Ein wahrer Freund des heimischen Bauernstandes und der heimischen Landwirtschaft ist der Gießener Anzeiger. Er informiert fortlaufend rein sachlich über den laufenden Stand der landwirtschaftlichen Bestrebungen und über die Lage der Landwirtschaft überhaupt. Wir möchten daran erinnern, daß der Gießener Anzeiger über landwirtschaftliche Versammlungen und dgl. stets in breitester AuS- führlichk.it berichtet hat, sowohl über die großen Berliner Versammlungen wie über die Versammlungen in Stadt und Land. Unsere landwirtschaftliche Beilage bemüht sich, Praktisch für den Landwirt verwertbar zu sein. Das ist überhaupt der Grundsatz unserer zahlreichen landwirtschaftlichen Artikel.
Heber Obstzucht und Bienenzucht schreiben im Gieß. Anz. und seinen Beiblättern nur gediegene Praktiker. Die hessische Landwirtschaft ohne parteipolitische Nebenabsicht nach Kräften zu unterstützen, ist unser ehrliches Streben! Heber das landwirtschaftliche Dereinswesen, Tierschauen, Märkte rc. bringt nur der Gieß. Anz. reichhaltiges Material. Heber die Frankfurter Viehmärkte und die dortigen Fruchtpreise berichten wir infolge kürzlich angeknüpfter Verbindungen fortan bereits am Tage der Märkte selbst vermittelst der Hilfe des Telephons.
Die Erneuerung der Postbestellung auf den Giessener Anzeiger für das 2. Vierteljahr 1901 (1. April bis 30. Juni) geschieht am besten sofort, vor dem 25. d., um die ununterbrochene Weiterlieferung der Zeitung von Seiten der Post sicher zu stellen.
Neu ein tretende Bezieher erhalten gegen Einsendung des Postbestell- scheins die Zeitung unentgeltlich und postfrei bis Ende März durch die Geschäftsstelle zugesandt
gab UNS also ganz etwas Anderes, wie die Autoren beabsichtigt hatten. Trotzdem hatte er selbstverständlich die Lach:r auf seiner Seite, denn alles, was er gab, war, wenn auch affektierte Dummheit, so doch unaffektierte Komik, und das ist schließlich die Hauptsache bei einer Poffe, daß man zum Lachen herauSgesordert wird. Gelacht wurde auch ganz unbändig, namentlich während deS letzten Aktes, der ein paar köstliche Parodien brachte. Die Troubadour-Komöoie ist ja uralt, die Hüttenbesitzer Travestie dagegen neu und ebenso berechtigt als scherzhaft. Der Heberkuß des Pseudoderblay auf die keusche Stirn der Pseudoclaire mußte dem Auditorium durch Mark und Bein zum Zwerchfell gehen. Herzlich belacht wurden auch die mit großer Routine vorgetragenen Couplets und kleinen aktuellen Schlager, die Bülow, Bebel, Roberts, Ahlwardt u. a. Persönlichkeiten des TagS scherz haft in die Debatte zogen. Es war doch etwas wie lächelnde Grazie, die Herr Schmasow trotz aller grotesken Komik und breiten Behäbigkeit über die alte Poffe ausgoß.
Unsere heimischen Künstler suchten nach Kräften den Erfolg deS arg verstaubten Stückes zu verstärken. So hatte z. B. Herr Lach mann feinen Zeitungsreporter ganz richtig angelegt, und wenn er nicht an erheblicher Unsicherheit in der Beherrschung des Textes gelitten hätte, und in der Karikatur zu weit gegangen wäre, bann hätte man seine herzliche Freude an ihm haben können. Recht gut war Herr Liebscher als sächsischer „Gerichtsrat Heidenreich a. D." Die übrigen Darsteller genügten zumeist.
Störend wirkten einige kleine Unachtsamkeiten der Regie, namentlich bei den Aktschlüffen, die sich weit wirkungsvoller bei dem vorhandenen Material hätten gestalten reich g-sp-nd-le Beifall h-II- trotzdem seme Berechtigung.


