Ausgabe 
20.12.1901 Drittes Blatt
 
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Nr. 299 Drittes Blatt.

151. Jahrgang.

Freitag 20. Dezember 1901

Erscheint täglich MU Ausnahme beS

Montags.

Zie Siebener Familien- vianer werben bem An­zeiger im Wechsel mit bem »Hess. Landwirt" unb ben »Blättern für -essische Volkskunde" viermal wöchentlich bei» gelegt.

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Abresse für Depeschen: Anzeiger Gietzen.

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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gietzen

" rjy zeigenteil: Hans Beck.

Aus Stadt und Sand.

(Der Abdruck der unter bieser Rubrik befindlichen Original-Nachrichten ist ttnr unter genauer Quellenangabe:Gietz. Anz." gestattet.)

Gießen, den 19. Dezember 1901.

Gedenket der hungernden Vögel!

** Die Neuorganisation der Landes - Bau- geWerkschule zuDarmstadt betreffend, teilen wir in Nachstehendem einen Auszua aus einer Verfügung des preuß. Ministeriums für Handel und Gewerbe vom 23. Ok­tober 1901 an die Regierungspräsidenten, in deren Regier­ungsbezirk sich preußische Bauaewerkschulen befinden, mit: Ten Absolventen der Großh. hessischen Landes-Baugewerk- schule in Darmstadt sind die Berechtigungen für die An­stellung im preußischen Staatsdienst zuerkannt worden, die durch Ablegung der Prüfung an einer preußischen Bau­gewerkschule erworben werden. Mithin werden in Zukunft auch Schüler der Baugewerkschule in Darmstadt, die in eine preußische Baugewerkschule ausgenommen werden wollen, in die Klasse zu setzen sein, in welche sie in Darm­stadt versetzt waren." Infolgedessen wird mit den preußischen Schülern, welche in die Landes-Baugewerkschule eintreten wollen, in gleicher Weise verfahren. Das preußische und das hessische Ministerium haben ferner vereinbart, daß die Schulprogramme der Baugewerkschulen beider Länder regel­mäßig gegenseitig zugesandt werden. Ferner ist die Ver­einbarung getroffen, daß ein an einer preußischen Bau­gewerkschule ausgewiesener Schüler an der Landes-Bau­gewerkschule in Darmstadt keine Aufnahme findet, und um­gekehrt, daß ausgewiesene Schüler der Darmstädter Bau­gewerkschule an preußischen Baugewerkschulen nicht ange­nommen werden.

** Errichtung von Prüfungskommissionen zur Abnahme der Meisterprüfungen. Das Mi­nisterium des Innern hat verfügt, daß zwecks Abnahme der Meisterprüfungen im Bezirk der Handwerkskammer zu Darm­stadt bis auf weiteres drei Prüfungskommissionen und zwar mit den Sitzen zu Darmstadt, Gießen und Mainz errichtet

werden. Die Mitglieder der Prüfungskommissionen, und zwar: der Vorsitzende, sowie ein Stellvertreter für denselben, zwei ständige Beisitzer, sowie je zwei weitere, den Hand- werkerlreisen, welche Prüflinge stellen, zu entnehmende Bei­sitzer werden seitens des Ministeriums des Innern, Abteil, für Landw., Handel und Gewerbe nach Anhörung der Hand­werkskammer für die Dauer von drei Jahren auf Widerruf ernannt. Die Namen der ernannten Mitglieder sind auf entsprechende Benachrichtigung hin seitens desjenigen Kreis­amts, an dessen Amtssitz die betreffende Prüfungskom­mission errichtet ist, in dem für die amtlichen Bekanntmach­ungen desselben bestimmten Blatte zu veröffentlichen. Die Prüfungskommissionen sind bei Anwesenheit des Vorsitzen­den bezw. dessen Stellvertreters, sowie zweier Beisitzer, von welchen einer demjenigen Handwerk angehören muß, in welchem Prüfungen abgenommen werden, beschlußfähig. Sie fassen, insoweit nicht für besondere Fälle anders bestimmt wird, ihre Beschlüsse und Entscheidungen nach Stimmen­mehrheit. Der Vorsitzende bezw. dessen Stellvertreter hat eine zählende, im Falle der Stimmengleichheit die ent­scheidende Stimme. Die Mitglieder der Prüfungskom­missionen verwalten ihr Amt als Ehrenamt zwar unent­geltlich, sie erhalten jedoch Ersatz ihrer baren Auslagen und eine Entschädigung für die durch ihre amtlichen Verricht­ungen verursachte Zeitvcrsäumnis nach Maßgabe der hier­über von der Handwerkskammer zu treffenden Bestimm­ungen.

Vermischtes.

* »Der Herr Professor liest heut' kein Kollegium!" DasWiener Extrablatt" berichtet: Der Hörsaal des Professors Exner im Philologischen Institut war bis auf das letzte Plätzchen gefüllt. Als Professor Exner die Lehrkanzel betrat, wurde er mit stürmischenAbzug"- Rufen und mit Pfeifen und Zischen empfangen. Die Stu­denten stampften mit den Füßen und sangen im Chorus die Liederstrophe:

Der Herr Professor

Liest heut' kein Kollegium,

Drum ist es besser Wir trinken eins 'rum. Edite, bibite, collegialis rc. rc"

Tann wurde mehrstimmig das LiedIm tiefen Keller sitz' ich hier" und auch etliche Trauermärsche gesungen. Wer Professor Exner ließ sich vorerst durch den Lärm nicht bewegen, die Vorlesung abzusagen, sondern machte zu wiederholten Malen den Versuch, seinen Vortrag zu be­ginnen. Seine Worte gingen sofort in dem wüsten Lärm unter. Nur von Zeit zu Zeit wurdeSilentium!" komman­diert, und Professor Exner konnte einige Worte an seine Hörer richten. Er erklärte, die nachmittags statt findenden! physiologischen Hebungen zu sistieren, da die Studierenden, die Verdunkelung des Zimmers während der Röntgen- strahlen-ExPerimente zu einer Demonstration benützen! könnten.Wir wären ohnehin nicht hingegangen!"Wie verzichten!" riefen die Hörer dem Professor zu und dee Lärm begann von neuem. Professor Exner sah schweigend und mit verschränkten Armen in die dichtgedrängte Masse der Studenten. Da erschien im Saale sein Assistent, Pro­fessor Schaffer, der bei beit Studierenden beliebt ist, und suchte auf die Demonstrierenden beschwichtigend einzuwirken. Er konnte aber keinen Erfolg erzielen. Professor Exner, der noch immer nicht die Absicht aufgegeben hatte, die Vor­lesung abzuhalten, griff nach einer Flasche mit destilliertem Wasser, .um einige Eprouvetten zu füllen. In der Er­regung ließ er die Flasche fallen, beschüttete sich mit Wasser, die Flasche zerbrach. Dieser Zwischenfall verdoppelte oeÄ Lärm. Man intonierte den Rundgesang:

Auf dem Lehrstuhl sitzt ein Greis, Der sich nicht zu helfen weiß."

Als ein Pedell sich den Bankreihen näherte, um ben Studierenden die Legitimationen abzuverlangen, wurde er mit höhnischen Zurufen empfangen und mußte sich un­verrichteter Dinge zurückziehen. Die Demonstration dauerte bis zur Mittagsstunde. Um 12 Uhr verließ Professor Exner unter den Klängen eines von den Studenten gesungenen Militärrnarsches den Saal. Man sieht das lebendige; österreichische Parlament macht sogar Hochschule.

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