Staatsanwalt, wegen fahrlässiger Tötung unter weitgehender Zubilligung mildernder Umstände auf eine Gefängnisstrafe von zwei Wochen zu erkennen; der Verteidiger des Angeklagten beantragt Freisprechung. Tie Kammer erkennt auf eine Gefängnisstrafe von drei Wochen, die durch die Untersuchungshaft als verbüßt betrachtet wird. — Der Arbeiter Johannes Möller in Lanzenhain ist angeklagt, am 19. August zu Rudlos den Joseph Ritt von da vorsätzlich mit einem Messer körperlich verletzt und an der Gesundheit beschädigt zu haben. Ter Angeklagte bestreitet im allgemeinen nicht den Thatbestand der Anklage, leugnet jedoch den Vorsatz der Körperverletzung. Das Urteil lautet auf eine Gefängnisstrafe von fünf Monaten. Ein Monat der erlittenen Untersuchungshaft wird dem Angeklagten angerechnet; das benutzte Messer wird eingezogen.
8. Darmstadt, 18. Cft. Die Strafkammer verhandelte heute gegen die 44 Jahre alte Frau Marie Gerhard, geb. Ruppel, aus Oberflörsheim, jetzt wohnhaft in Mainz, wegen Betrugs. Sie war bis zum Frühjahr Besitzerin der „Mamspitze" in Rüsselsheim nebst der dazu gehörenden Druckerei, die sie vor einigen Jahren für etwa 12000 Mk. gekauft hatte. Tas Geschäft rentierte aber nicht in der gewünschten Weise, sie klagte verschiedentlich über den schlechten Geschäftsgang. Um das Geschäft nun günstig oerfmifen zu können, machte ste verschiedenen Reflektanten falsche Angaben über den Umsatz, und sand auch in dem Buchdrucker K. Freudemann einen Käufer, der das Geschäft übernahm, da nach Aussage und schriftlichen Niederlegungen der bisherigen Besitzerin im Jahr für ca. 12000 Mk. Aceidenzen hergestellt würden. In raffiniertet Weise leugnete und verdrehte sie heute alles. Es stellte sich heraus, oaß nicht die Hälfte des Umsatzes vorhanden war. Durch 17 Zeugen imb Sachverständige wird ihre betrügerische Handlungsweise hinreichend nachgemiesen. Auffallend ist, daß das Kontobuch über die Aeeidenzen nach dem Verkauf plötzlich ver- schwmrden war. Der Gerichtshof hält sie des Vergehens des Betrugs durch Verschweigen richtiger und Angabe falscher Thatsachen für überführt unb verurteilt bie Angeklagte in eine Gefängnisstrafe von 6 Monaten urtb in eine Geldstrafe von 400 Mk. Sie erkannte bas Urteil nicht an.
Theater, Kunst und Mistenschast.
Berlin, 18. Okt. Zu Ehren bes Professors Virchow wurde heute in dem festlich geschmückten Prunksaale des Rathauses ein Festmahl veranstaltet, an dem etwa 200 Personen teilnahmen. Der gesamte Magistrat und die Stadtverordneten, mit Ausnahme der Sozialdenwkraten, waren erschienen. Oberbürgermeister Kirschner brachte den Toast auf den Kaiser aus. Er wies darauf hin, daß der Kaiser durch die Anerkennung der Thätigkeit Virchows einen neuen Beweis seines Interesses für die Wissenschaft gab. Er habe in herzlichen, rein menschlichen und anerkennenden Worten bie Verdienste Virchows gewürdigt. Stadwerordnetenvorsteher Dr. Langer- Hans brachte ein Hoch auf Virchow au§, der dankte und auf seine Bestrebungen für Die Hebung der Gesundheitspflege in Berlin hinwies, sowie die Notwendigkeit der Einigkeit zwischen den Stadtverordneten betonte. Langerhans schloß mit einem Hoch auf die Stabt Berlin. — Zu Virchows 80. Geburtstag hat der Zar ihni den Weißen Adler-Orben verliehen.
— In Chemnitz fanb bie feierliche Enthüllung des Theo vor Körner-Denkmals in Anwesenheit ber Spitzen bet Be- hörben statt.
Handel und Verkehr. Volkswirtschaft
Gießen, 19. Oktober. Marktbericht. Auf beni heutigen Wochenmarkt kosteten: Butter pr. Pfund 1,00—1,30 Mk., Hühnereier pr. Stück 0—0 Pf., 2 Stück 13—17 Pf., Käse pr. Stück 5—9 Pf,. Käsematte 2 Stück 0—0 Pfg., Erbsen pr. Liter 20 Pfg., Linsen per Liter 30 Pfg., Tauben pr. Paar 0,70—1,00 Mk., Hühner pr. Stück 1,00—1,20 Slt, Hahnen pr. Stück 0,70—1,40 Mk., Enten pr. Stück 0,00—0,00 Mk., Gänse pr. Pfd. 52—60 Pfg., Ochsenfleisch pr. Pfund 66—76 Pfa., Kuh- und Rindfleisch pr. Pfund 60—64 Pfg., Schweinefleisch pr. Pfund 64—80 Pfg., Schweinefleisch, gesalzen, pr. Pfund 84 Pfg., Kalbfleisch pr. Pfd. 60—66 Pfg., Hammelfleisch pr. Pfund 50—70 Pfg., Kartoffeln pr. 100 Kgr. 3,00—3,50 Mk., Weißkraut per Stück 00—00 Pfg., Zwiebelri pr. Zentrier 5,00—5,50 Mk., Milch per Liter 18 Pfg. Aepfel per Pfd. 8—16 Pfg., in Körben 12—15 Pfg. Traub en 35—50 Pfg., Tomaten per Pfd. 18—20 Pfg.
Dauer der Marktzeit von morgens 8 Uhr bis nachmittags 2 Uhr, während der ersten drei Stunden der Marktzeit darf nicht im Umherziehen fellgeboten werden.
Sttirnberg, 18. Okt. Nach einer Meldung des „Fränk. Kur." genehmigte die Direktion Schuckert Elektrizität-Gesellschaft die von den Arbeitern beantragte achtstündige Arbeitszeit.
Tabak.
Der Einkauf der Sandblätter ist mit Ausnahme einiger Orte 6er Rheinpsalz so ziemlich beendet. In Orten wie Seckenheim rc. ging es sogar zum Teil sehr stürmisch zu. Es wurde daselbst Mk. 23 bis 24 angelegt. In Knferthal wurden bezahlt Mk. 15 bis 16. Feudenheim Mark 15 bis 18, in Viernheim wurde mit dem Abhängen des^Tabaks begonnen. In alten Tabaken ist es sehr ruhig, es fanden nennenswerte Umsätze nicht statt. In losen Pfälzer Rippen geschäftslos, lose feine Mk. 8 bis 9,50 gebündelte Mk. 11.
TeEephonischer Kursbericht
Frankfurt a. M., 19. Oktober.
372% Reicheauleiho . . 100.25 Kreditaktien.....195.00
30/, do. ... 89.45 Diskonto-Kommandit . . 171.25
87,% Koneola .... 100.15 Darmstädter Bank . . . 116.40
3° o do...... 89.60 Dresdener Bank .... 118.90
3l/2% Heesen .... 98.10 Berliner Handelsges. . . 130 3ü
5% Italien. Rente . . . 99.40' Oesterr. Staatabahn . . . 132.50
4 /q Oriech. AIonopol-Anl 42.30 , Gotthar-ibahn.....154.50
30/. Portugiesen .... 25.60 | Laurahütte ...... 180.50
3Vo Mexikaner .... 25.60 Bochum . ...... 160.80
4%7ö Chinesen .... 84.60 ; Harpener......155.00
Tendenz: schwach.
Neueste Meldungen.
Originatdrahtmeldungcn des Gießener Anzeigers.
Berlin, 19. Okt. Die bisherigen Beratungen des Bundesrats zum Zolltarif tragen den Charakter einer General- debatte. Die zweite Lesung des Zolltarifentwurfes wird in nächster Zeit erfolgen.
Berlin, 19. Okt. Die Beratungen betr. die Neuregelung des Arzneimittelverkehres sind znm Abschluß ge- kommen. Dem Erlaß einer kaiserlichen Verordnung darf in Kürze eutgegengcsehen werdeu.
Berlin, 19. Okt. Zn hiesigen Börfenkreisen verlautet, daß eine bekannte Hamburger Importfirma amerikanische Kokskohle erheblich unter den in Deutschland gegenwärtig bestehenden Preisen angcboteu erhalten hat. Diese billige amerikanische Offerte werde sicherlich nicht verfehlen, auf die Preisbildung des Syndikats Einfluß zu üben.
Lübeck, 19. Okt. Der Schleppdampfer „Anny" ist 14 Seemeilen von Travemünde entfernt gesunken. Die Mannschaft errettete sich auf Schiffsbooten.
Hamburg, 19. Oct. Die dreiaktige Märchenoper „König Drosselbart" von Humperdinck hatte bei der Erst- aufführuug im Hamburger Stadttheater einen durchschlagenden Erfolg.
Hamburg, 19. Okt. Der englische Viermaster „Hatting- ton", mit Petroleum nach Schanghai unterwegs, ist mit 30 Mann Besatzung untergegangen.
Hamburg, 19. Okt. Bei der Station Halstenbeck der Altona-Kieler Eisenbahn fand gestern Abend ein Zusammenstoß zweier Güterzüge statt. Personen wurden nicht verletzt, doch wurde das Geleise stark beschädigt. Der Personenverkehr erlitt eine erhebliche Verspätung, da die Reisenden ,an der Unfallstelle umsteigen mußten.
Paris, 19. Okt. Der ehemalige Arbeitsminister Yves- Guyot schreibt iu dem regieruugssreundlichea „Siöcle" zur Frage des Gesamt aus st and es, es sei eine Uebertreibung, wenn mau von antirepublikanischer Seite behaupte, der Gesamtausstand bedrohe Frankreich mit einem sozialen Kriege. Es bestünden jedoch zweifellos einige Herde, von denen ernste Ruhestörungen ausgehen konnten. Die Regierung muffe unter diesen Umständen zwei Dinge thun: sie muffe 1) erklären, daß die Demission des Arbeitsministeriums augesichts der Drohung des Bergarbeiter- Verbandes nicht weiter beraten werden könne und 2) die nötigen Maßnahmen treffen, um die Sicherheit der Person und des Eigentums zu schützen, d. h. die Anführer der bewaffneten Banden festnehmeu und die Waffen mit Beschlag belegen. „ Wenn die Negierung diese Maßnahmen nicht treffe, dann wären ernste Folgen in drei oder vier Bergbauzentren in Mittel- und Süd- frankreich zu befürchten.
Dreux, (Dep. Eure et Loire) 19. Okt. Hier wurde ein 17jähriger Bursche verhaftet, der eingestand, die 5 Kinder des Landwirts Stiere in Cotancy ermvrd et zu haben. Der Vater der Ermordeten befindet sich seit Monaten in Unter- suchungshaft unter dem Verdacht, das Verbrechen begangen zu haben.
Tunis, 19. Okt. Gerüchtweise verlautet, zwischen Eingeborenen seien bei Bizerta ernste Streitigkeiten vorgekommen, wobei mehrere Personen getötet oder verwundet worden seien.
Berlin, 19. Okt. Der in der Schöneberger Mord-As faire verhaftete Laubenwächter Neitzel hat vor dem Untersuchungsrichter das Geständnis abgelegt, daß Nikolaus und Scholten ihm am Tage der Dtordthat ein- g e st a n d e n hätten, den Mord begangen zu haben.
Wien, 19. Okt. Als der Präsident des Abgeor-v-i netenhauses Graf Vetter in seiner Begrüßungsrede über die Verlobung der Erzherzogin Elisabeth gesprochen und mit der Verlesung der Eingänge begann, fragte der Abg. Pernerstorffer, warum der Präsident nicht auch über die Ermordung McKinleys gesprochen habe. Graf Vetter antwortete: „Ich hatte es vorbereitet, Graf Go- luchowsky aber war dagegen". Es erfolgte nun die offizielle Ertlärung, Goluchowsky habe in der Konferenz mit beit Präsidenten beider Häuser die Meinung ausgesprochen, seit McKinleys Tode sei zu lange Zeit verstrichen, um jetzt noch auf das Ereignis in einer Kundgebung des; Reichsrates zurückzukommen. Aus diesem Grunde unterblieb auch im tzerrenhause ein Nachruf für McKinley.
Prag, 19. Okt. In den Helm'schen Mühlen brach gestern abend Feuer aus, dem drei derselben, die mit großen Vorräten an Getreide und Mehl gefüllt waren, zum Opfer fielen Das Feuer war um Mitternacht lokalisiert. Der Schaden wird auf 600 000 Kronen geschätzt.
Paris, 19. Okt. Die aus ständigen Grube n-i arbeiter zeigen sich sehr erregt und man befürchtet Ge- waltthätigkeiten. Gerüchtweise verlautet, daß die Ausstän-- dischen die Gruben überfallen, die Schächte hinab- steigeu und die Arbeitswilligen zur Niederlegung der Arbeit zwingen wollen.
London, 19. Okt. Aus Odessa wird gemeldet: 20 000 Mann Truppen aus dem Kaukasus gehen als Garnison nach Asien. — Aus Shanghai wird gemeldet: Der Präfekt Lhu- tscheu, welcher durch Spezial-Mriere den Wortlaut des kaiserlichen Tekrets betreffend Abänderung der Formen des Unterrichts erhalten hat, gab Befehl, das Dekret sofort; in Anwendung zu bringen. — Mehrere höhere Militär- Mandariner sind nach Tokio abgegangen, um auf Einladung der japanischen Regierung den dortigen ?)Lanövern beizuwohnen. — Nach einem Telegramm aus Durban sind 600 Kriegsgefangene in Pinetown in der Mhe von Durban eingetrossen. — Wie aus Colon depeschiert wird, beträgt die Gesamtzahl der auf Ceylon gefangen gehaltenen Buren 5125. Die Sterblichkeit unter ihnen ist gering.
London, 19. Okt. Aus Simla wird berichtet: Die Lage in der Provinz Pundjap ist äußerst kritisch infolge der anhaltenden Trockenheit. Die Ernt« ist völlig vernichtet. Mehrere hunderttausend Eingeborene sind durch Hungersnot bedroht. — Wie behauptet Wirch hat das Kciegsamt Mitteilung gemacht, daß alle Yeomen> welche nach Südafrika gehen sollen, einen Moirat Soldj vor ihrer Abreise erhalten werden. Andererseits v.rlautet^ daß die Zeomen, welche sich noch im rückständigen Soldes befinden, benachrichtigt worden sind, ihren Sold in Empfang zu nehmen. Diese Maßregel hängt mit der Unzufriedenheit der Trupp en zusammen.
London- 19. Okt. Aus Bloemfontein wird gemeldet: Die geflüchteten Eingeborenen des Oranje-Freistaates sind imj Norden von Bloemfontein in den Konzen trativns-- lagern untergebracht worden. Im ganzen haben in den 24 Konzentrations-Lagern 40 000 Eingeborene Unterkunft gesunden. Die meisten derselben beschäftigen sich mit Ackerbau.
Moskau, 19. Okt. Das Blatt „Rußky Listock" auK Petersburg meldet, dort erhalte sich seit der Abreise des Sekretärs der Transvaal-Gesellschaft hartnäckig das Gerücht von einem angeblich bald bevorstehenden Ende des südafrikanischen Krieges. Es heiße, daß bie. freundschaftliche Intervention einer Großmacht dem Blutvergießen ein Ende bereiten, und daß alsdann in Südafrika der früh ere Stand der Dinge wieder aufgerichtet werden soll.
Washington, 19. Okt. Staatssekretär Hay befindet sich nunmehr int Besitz des Vertrages betreffend den Ni.- caragua-Kan al. England hat in allen Punkten nach gegeben. Die Annahme des Vertrages scheint gesichert. Präsident Roosevelt hat bereits seine Zustimmung gegeben. Der Tribüne zufolge betrifft der Vertrag folgende zwei Hauptpunkte: 1. die Vereinigten Staaten sind allein berechtigt, für die Aufrechterhaltung der Neutralität des Kanals zu sorgen; 2. die Vereinigten Staaten werden allein das Recht besitzen, Festungswerke in der Nähe des Kanals zu errichten.
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