151* Jahrgang
Mittwoch 20. März 1001
Nr. 67 Zweites Blatt
Hmhavs.
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Expedition und
Bwdetei: Schnlftratze 7.
Engländer und Buren,
Noch immer erfährt man nichts Näheres über den Stand der Verhandlungen, die Kitchener mit Botha nm geknüpft hat. In England Hot man recht weitgehende Hoff nungen; man erwartet die Uebergabe von rund 5000 Buren, für die angeblich schon die Gefangenenlager hergerichtet werden. Schon die Nürnberger henkten keinen, sie hätten ihn denn gehabt. Auch die Kolonnen FrenchS haben, wie wir neulich dargestellt haben, nur eine ganz beschränkte An zahl Gefangener gemacht, und der Rest befindet sich, Dank der Geschwindigkeit seiner Beine und dem wochenlang an dauernden schlechten Wetter keineswegs in der Notwendigkeit, zu kapitulieren. Denn, wie hier schon deS öfteren dargelegt worden, ist der Operationsplan der Engländer im südöstlichen Transvaal mißglückt, wesentlich deshalb, weil Smith-Dorrien von Wonderfontein aus nicht überraschend genug vordrang, um die beabsichtigte Falle zu schließen. Statt deffen ist Smith Dorrien vielmehr am Chissie See selbst von Botha beinahe überrumpelt worden. Dieser Neberfall Bothas war vortrefflich angesetzt, was Gesamtplan und Wahl der Stunde zur nebligen Nachtzeit anbetrifft, und wurde durch die Un-
Chiua.
Die Spannung zwischen England und Rußland auf ostasialischem Boden verschärft sich. Im englischen Unterhause fragte Ashmead Bartlett an, ob die russische Regierung kürzlich die britische Flotte von einem Teil des Golfes von Petschili auszuschließen suchte und den Anspruch erhob, daß die Gewässer der Blonde- uno Elliot-Jnseln nur Rußland gehören. Der Erste Lord des Schatzes, Balfour, erwiderte, die englische Regierung habe über diese Angelegenheit von der russischen keine Mitteilung erhalten, aber der russische Admiral habe dagegen Einspruch erhoben, daß sich das britische Kriegsschiff „Plover", das Piraten verfolgte, in den Gewässern der Elliot'-Inseln aufhalte. DaS Vorgehen des britischen Admirals, der das Schiff nach jenen Inseln gesandt hat, scheine im Einklang zu sein mit den Rechten Englands, wie sie sich aus dem Art. 52 des Vertrages von Tientsin ergeben. Ashmead Bartlett fragte dann, ob hieraus zu entnehmen sei, daß die britische Regierung den Anspruch Rußlands nicht genehmige, worauf Balfour diese Frage bejahte.
lieber einen englisch-russischen Konflikt in Tientsin werden von englischer und amerikanischer Seite alarmierende Darstellungen verbreitet. So gibt der „New- York Heralü" folgende Schilderung: Englische Arbeiter, die abgeschickt waren, beim Bahnhof Tientsin eine Abladestelle herzurichten, wurden von Russen verjagt und grob behandelt. Sie kehrten mit mehreren hundert englischen Soldaten zurück. Die Russen ließen darauf ihre ganze Truppenmacht auf. marschieren und sich kampfbereit machen. Der englische General Campbell hatte infolge dessen eine Konferenz mit dem russischen General, in der man überein kam, zunächst 24 Stunden Frieden zu halten. Am 16. ds. Mts. hat der englische General Campell angeboten, die britischen Truppen von dem strittigen Territorium zurückzuziehen, aber unter, der Bedingung, daß Rußland das gleiche thäte. Der russische Truppenführer, General Wogack, hat sich aber geweigert, diesem englichen Vorschlag nachzugeben. Die russischen und englischen Schildwachen stehen sich Auge in Auge gegenüber. Die langen Schanzgräben, die 45 Mtr. von einander ent» fernt sind, find mit Truppen besetzt. Die englischen Truppen find 20 Mal stärker als die russischen. Man erwartet Weisung aus Petersburg. Man nimmt an, daß die russischen Truppen, auch wenn ihre Regierung eine versöhnliche Haltung zeigt, sich bestreben werden, ihre stark verschanzten Stellungen gegen die englischen Truppen zu. behaupten. Einflüsse aller Art machen sich geltend, um eine freundschaftliche Losung Zwischenfalls herbeizuführen, doch ohne Erfolg. Man chemr aus b-Id-n ©eiten entschlossen zu sein, d.e Stellungen zu be-
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Telegramm deS Gieherrer Anzeiger-.
London, 19. März. Die „Times" melden aus Bloemfontein vom 18. ds. Mts.: Die zur Umzingelung Fou- ries und seiner 800 Mann unternommenen Operationen mißlangen. Die Hälfte die Feinde entkam in der letzten Nacht. In einigen Tagen wird eine bedeutend umfangreichere Umsingelung unternommen.
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auf deutsche Industrie Erzeugnisse beantworten will, war schon gesagt worden. Es fragt sich, wieweit Rußland nach dieser Richtung hin gehen will. Darüber fehlt zurzeit jede Angabe, und so lange ist die Auseinandersetzung ohne prak tische Bedeutung. Die weitere Behauptung, durch die deutsche Presse sei verbreitet worden, es bestehe bereits ein Einvernehmen zwischen Deutschland und Rußland über die Erhöhung »er Getreidezölle, ist durchaus unrichtig. Die deutsche Presse hat keiner Meldung dieses Inhalts Raum gegeben. Vermutlich ist die Behauptung auch nur zu dem Zwecke aufgestellt, um einen Anknüpfungspunkt zu gewinnen für die Auslassungen. Man kann die Erhöhung der Getreidezölle aus manchem Grund bekämpfen — aber es ist nicht gerade nötig, daß man Herrn Witte und seine Leute lobt, nur weil sie aus wohlverstandenem eigenen Interesse diese Bewegung unterstützen. Im Uebrigen dürfte noch der ganze Sommer ds. IS. von der Diskussion über die Handelsverträge aus- gefüllt werden, falls sich die Nachricht eines Abendblattes bewahrheitet, daß die Zolltarifvorlage voraussichtlich erst im Herbst an den Reichstag gelangt.
Die Absender von Bittschriften an den Reichstag um Wiedereinführung der Prügelstrafe erreichen nur soviel, daß das deutsche Parlament alljährlich eine überflüssige, weil zwecklose Debatte diesem Gegenstand widmet. Auch am Montag hat man sich mehr oder minder lebhaft längere Zeit über Wert und Unweit der Prügelstrafe unterhalten, wobei namentlich der Chefredakteur der bündlerischen „Deutschen Tagesztg.", Dr. Derlei (kons.) mit einem Hymnus auf den erziehlichen Nutzen von Schlägen sich hervorthat. Dr. Oertel ist „im Nebenamt" lyrischer Dichter, und zwar keineswegs etwa ein Poet der realistischen Richtung, sondern einer zarten, romantischen Tonart. ES wohnen also zwei Seelen in feiner Brust, daß er sich für ein so robustes Mittel begeistert und heute gar sagte, die Frage beschäftige die Volksseele. Regierung und ReichStagSmehrheit wollen von der Prügelstrafe nichts wiffcn. Damit sollten sich die Petitions Einsender zufrieden geben. Es wird ja ohnedies genug geprügelt, z. B. in den Schulen. Leider!
Eine zum Nachdenken anregende statistische Angabe über den Einfluß des Alkohols auf die Begehung strafbarer Handlungen bringt Amtsrichter Dr. Schellhas (Rixdorf) in der Zeitschrift „Das Recht". In Ergänzung einer schon früher angestellten, in einer früheren Nummer derselben Zeitschrift erwähnten Ermittelung kommt der Verfasser zu dem erstaun- lichen, gewiß betrübenden Ergebniffe, daß „ungefähr zwei Drittel der Rohheitsdelikte im Zusammenhänge mit dem Alkoholgenuß stehen." Bei der Aufstellung der Statistik ist mit großer Zurückhaltung zu Werke gegangen. Cs wurde ein Jahrgang der Strafsachen einer SchöffengerichSabteilung durchgegangen. Nach Aussonderung aller von Frauen begangenen Strafthaten, der Vergehen gegen das Eigentum und derjenigen, die des Charakters dec Rohheit entbehren, sowie aller Freisprechungen und unerledigten Sachen biteben von rund 500 Sachen 216, die dec Prüfung unterlagen. Von diesen waren 95 Strafthaten, — Körperverletzung, Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch, Widerstand gegen die Staatsgewalt, Beleidigung u. s. w. — zugestandener- oder erwiesenermaßen im angetrunkenen Zustande oder im Wirts - Hause zu später Abend- bez. Nachtstunde begangen worden. Noch ungünstiger wurde die Sachlage nach Ausscheidung der Beleidigungen, die ja mehr von der Leidenschaft als vom Alkoholgenuß beeinflußt sind. Dann ergab sich das oben erwähnte Verhältnis, daß zwei Drittel aller derartiger Strafthaten alkoholischen Einflüssen ihren Ursprung verdanken. Der unheilvolle Einfluß des Aikoholgenusses und die Notwendigkeit seiner Bekämpfung kann kaum deutlicher nach- gewiesen werden.
Ein sozialdemokratischer Ketzer.
Bekanntlich hat es einiges Aufsehen erregt, als auf dem vorjährigen Parteitag der Sozialdemokratie in Mainz der Referent über die deutsche Wirtschaftspolitik, der Reichstags abgeordnete R. Calwer, sich keineswegs als absoluter Frei händl-r und Zollgegner entpuppte, vielmehr zugab, daß den Bereinigten Staaten gegenüber Deutschland für frei händlerische Prinzipien die Zeche zu zahlen haben würde. Calwer ist ob dieser Ketzerei vou seiner Partei, in der ja mehr und mehr die realpalitischen und opportunistischen Ele mente obsiegen, nicht gemaßregelt worden, und das hat ihm Mut gemacht, seinen Standpunkt auch in einem Buche zu vertreten, das für die Geschäftswelt wegen seines erschöpfenden UeberblickS über „Handel und Wandel" — so lautet der Titel — von Wert sein dürfte. Es ist ein „Jahresbericht" über Wirtschafts- und Arbeitsmarkt im Jahre 1900 und wird in den nächsten Jahren fortgesetzt werden, hoffentlich mit derselben klaren und einfachen Sprache und Freiheit von parteipolitischer Prinzipienreiterei. Calwer giebt aus brücklich die beginnende wirtschaftliche Abhängigkeit Deutschlands von den Vereinigten Staaten zu. Er betont den „Ernst der Situation", in der wir uns dem amerikanischen Riesenstaate gegenüber befinden:
„Die Vereinigten Stuten dringen auf unsere Absatzgebiete vor, sie konkurrieren mit uns auf drm eigenen Markte. Sie sind in tur glücklichen Lage, bei hohen Arbeitslöhnen billig zu produzieren, billig antubieten, billig zu verkaufen. Unsere gesamte Wirtschaftspolitik mutz auS dieser Gefahr einen Ansporn zur Begünstigung und Förderung aller der Bestrebungen entnehmen, die im Stande sind, die Konkurrenzfähigkeit Deutschlands Amerika gegenüber zu stärken."
Welches diese Bestrebungen sind, darüber schweigt gerade an dieser Stelle der Autor; vermutlich dachte er nicht nur an bedeutende Tarifermäßigung für den Güterverkehr, sondern auch an andere, für einen Sozialdemokraten aber verpönte Dinge. Calwer weiß, daß nicht jede Steigerung des auswärtigen Handeln als wirtschaftlicher Fortschritt zu begrüßen ist. Ein Fortschritt ist in der Zunahme des Exportes nur insoweit zu erblicken, als die Ausfuhr sich dauernde und kaufkräftige Absatzgebiete neu „erobert" hat ober alte Absatzgebiete an Kaufkraft gewonnen haben. Der sozial demokratische Schriftsteller konstatiert ferner, daß die Aus fuhrthätigkeit Deutschlands absolut zwar gewachsen ist, relativ aber nur eine unbefriedigende Zunahme aufweist. Jntereffant ist, und lieblich in den Ohren der Agrarier klingen muß der Satz, daß „auf dem Jnlands- markte eben rascher und bei hoher Preisbewegung noch mehr verdient wird als durch den Export." Und ferner: „Für den Handel mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen charakteristisch ist die Abnahme der Einfuhr und das nicht bedeutende Anwachsen der Ausfuhr. Für ein Getreideimportland wie das deutsche Reich ist diese Bewegung außergewöhnlich." Diese Sätze, so unverschleiert hingestellt, b.'weisen, daß Calwer nicht zu Denen gehört, im Hinblick auf die der sozialdemokratische Redakteur Dr. Quark das geflügelte Wort von dec großen Mogelei der Genossen dem Gehege der Zähne entschlüpfen ließ. Also die Einfuhr von landwirtschaftlichen Erzeugniffen geht zurück! Calwer setzt sich damit in einen gewissen Widerspruch zu der Behauptung, daß Deutschlands Ernährung steigend vom Auslande abhängig werde.
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Politische Tagesschau.
Aus Berlin, 18. März, wird uns geschrieben:
Die nach einer langen Panse von den Organen deS russischen Finanzministers Witte fortgesetzte Preßkampagne gegen die künftige deutsche Zollpolitik — Erhöhung der Ge treidezölle — wird von der offiziösen „Nordd. Allg. Ztg." völlig unerörtert gelassen. Die „Nordd. Allg. Ztg." begnügt sich damit, die neuen Auslassungen der von Herrn Witte inspirierten Blätter in der auch von uns wiedergegebenen Form abzudrucken. Es scheint Herrn Witte nicht gelingen zu sollen, den Reichskanzler Graf Bülow zu einem öffentlichen Meinungsaustausch, oder wenn man will, zu einem zollpolitischen Gefecht herauszulocken. Im Reichstag hat ja auch Graf Bülow erklärt, er pflege diplomatische MeinuugSverschteden heilen nicht auf publizistischem Wege auszutragen. Auffällig ist an den neuen russischen Kundgebungen, daß sie auf einen viel ruhigeren und versöhnlicheren Ton gestimmt sind, als die ersten Artikel, und insbesondere keine „persönlichen Liebens Würdigkeiten" gegen den Grafen Bülow enthalten. Die ver anttoortung für diese Spitzen schiebt jetzt Herr Witte von sich ab, und den Redaktionen der offiziösen russischen Organen zu. Damals aber ließ Herr Witte Jeden wissen, der es hören wollte, daß die Artikel unmittelbar aus dem russischen Finanzministerium herrührten. Die Annahme, daß die Redak tionen der russischen offiziösen Organe dann noch aus Eigenem Kraftworte hinzugesetzt haben sollten, erscheint bei den bekannten Preßverhältnissen im Zarenreich einfach absurd. Sachlich bringt die neue Kundgebung wenig. Daß Rußland höhere deutsche Getreidezölle mit höheren russischen Zöllen
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Erscheint täglich mit Ausnahme deS Montags.
Me Gießener Zamillen- diätter werden dem An« astger im Wechsel mit „Hess. wmbHMrt" und „Blätter Mr heg. BoltSkunde" vier- me( wöchentlich beigelrgt.
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achtsamkeit der Engländer selbst unterstützt. Er gelang schließlich nicht, aber er hatte wenigstens den einen Erfolg, daß Botha mit seinen Leuten nach Norden Lust bekam und dorthin zurückgehen konnte. Auf 2000 Mann wurde BothaS Abteilung geschätzt, und diese zum mindesten hat gar keinen Anlaß zu kapitulieren, da sie sich außer dem Bereiche der englischen Machtsphäre befindet; denn der Vorstoß nach Krügerspost nördlich von Lijdenburg, von dem Kitchener letzthin berichtete, zeigt, daß englische Truppen nördlich der Eisenbahn immer nur vorübergehend thätig sind, und daß die Buren sich in jenen Bezirken ganz sicher fühlen. In eigener Bedrängnis scheinen nur die südlich nach Amsterdam und Piet Retief abgedrängten Burenscharen unter LukaS Meyer zu sein. Ein Teil von ihnen hat die englischen Reihen sogar durchbrochen und in ihrem Rücken zu operieren begonnen.
Dewet s Kommando ist von Senekal in verschiedenen Teilen weitergegangen.
Eine Milliarde dreihundert Millionen Mark Defizit wird das englische Volk durch neue Abgaben und Steuern für das Rechnungsjahr 1901/02 als Preis für die Andauer des südafrikanischen Krieges auszu- bringen haben. Die eben erschienenen Voranschläge für die Marine im Betrage von 30 875 500 Pfd. St. bringen die Ausgaben für Heer, Marine, Civilverwaltung und Schuld- verzinsung auf insgesamt 184 457 100 Pfd. St. Die Einnahmen des vergangenen Jahres blieben zwanzig Millionen hinter dem Voranschläge von 127 500 000 Psd. St. zurück, und werden wahrscheinlich im laufenden Jahre noch wett hinter jener Ziffer zurückbleiben. Selbst aber wenn man die Einnahmen auf 120 000 000 Pfd. St. veranschlägt, fo bleibt das oben konstatierte Defizit von 64 500 000 Pfd. St. gleich 1 290 000 000 Mk.
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