fh?. 116 Viertes Blatt.
151. Jahrgang.
Sonntag 19. Mai 1901
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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
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Hausthür verschlossen habe. — Haben Sie das?'
Ja,
,92ein, das ist nicht unser Hund, der
sucht/
Ja.
Vermischter.
* Norwegen steht im Begriff, an Stelle Englands künftighin bas „klassische Land der Freiheit" zu werden, denn der Staatsrat hat den Beschluß gefaßt, daß in Zukunft keine norwegische Frau mehr verpflichtet sein soll, bei Eingehung einer Ehe dem Manne Gehorsam zu versprechen. Wenn sich die erste Begeisterung über diesen Spruch gelegt haben wird, werden vielleicht manche sich fragen, ob die Freude wirklich berechtigt ift Es zeigt sich nämlich, daß in anderen Ländern, wo die Frauen das erwähnte Versprechen nach wie vor leisten, sie nichtsdestoweniger vielfach die Herrinnen sind, wenn anders die Redensart: „Tie Frau hat die Hosen an" ihre Berechtigung besitzt.
*Ein geplagterEhemann. In das Bureau einer Truckerei in Halle trat eines Tages ein magerer, müde aussehender Mann und sagte: „Ich möchte eine Liste gedruckt haben. Wollen Sie gefälligst schreiben, was ich Ihnen sage." Ter Druckereibesitzer bereitete alles zum Schreiben vor, und der Mann diktierte: „Ja, ich. weiß genau, daß ich die
aber ich verstehe nicht." — „Thut nichts; unterbrechen Sie mich! bitte nicht, bis ich fertig bin. Haben Sie's?" — „Ja." — „Ich habe das Gas im Badezimmer ausgedreht." — „Jawoyl, bitte weiter." — „Tie Küchenfenster sind zu." — „Ja." — „Ter Hund ist im Flur." — „Ja." — „Ich habe nid)t vergessen, Asche auf das Feuer im Kamin zu schlitten." — „Tie Leute sind alle zu Hause." — „Ja." — „Die Stallthür ist geschlossen." — „Ja." — „Die Katze ist draußen." — „Ja." — „Ter Zug am Herde ist abgestellt." — „Ja." — „Nein, ich, rieche keinen Rauch" — „Ja." — „Nein, das Wasser läuft nicht im Badezimmer." — „Ja." — „Ich höre nicht, daß jemand in das Haus zu dringen ver-
da bellt; es ist nebenan." — „Ja." — „Es ift nickst nötig, hinunterzugehen, um nachzusehen, ob die Kellerthür zu ist; ich weiß es genau." — „Ja." — „Das ist nichts, der Wind rüttelt am Fensterladen." — „Ja." — „So, ich glaube, das ist alles." — „Sehen Sie, meine Frau stellt mir jeden Abend, gerade wenn ich schlafen gehen will, eine Reihe von Fragen, und wenn ich eine gedruckte Liste hätte, so könnte ich die ihr zeigen und mir viele Mühe ersparen. Außerdem sttengt es meine Lungen zu sehr an, ihr jeden Abend alle ihre Fragen zu beantworten. Sie quält mich! mit all ihren Befürchtungen zu Tode. Drucken Sie die Liste so schnell wie irgend möglich; iriji bitte darum."
♦ Tie Studentenverbindungen auf den antiken Hochschulen. Im römischen Weltreiche gab es zur Zeit der Kaiser nicht bloß in den Hauptstädten Hochschulen, sondern diese hatten auch vier Fakultäten, nämlich Lehrsttihle für Philosophie, Rhetorik, Jurisprudenz und Grammatik. Ja selbst die Verfassung dieser alten Hochschulen ist der der heutigen auffallend ähnlich; was z. B. Kaiser Valentinian I. im Jahre 370 für die höhere Studienanstalt in Rom verfügte, stimmt im wesentlichen mit dem Verfahren bei der heutigen akademischen Immatrikulation und mit den Aufgaben der akademischen Aufsichtsbehörden überein. Sogar unsere Studentenverbindungen haben auf den antiken Hochschulen ihre Vorbilder gehabt; die Quelle, die uns darüber vor allem unterrichtet, ist ein Litteratur- stück, von welchem man derartiges am allerwenigsten erwarten sollte; es ist die Leichenrede, die der h. Gregor von Nazianz seinem Freunde, dem h. Erzbischof und Kirchen- lehrer Basilius (f 379) zu Cäsarea gehalten hat. Tie Anschaulichkeit und Breite, mit welcher der Heilige in dieser Rede von dem Studententreiben auf der Hochschule äu Athen, die er mit dem verstorbenen Freunoe mehrere Jahre besucht hatte, seinen kappadokischen Zuhörern erzählt, beweist, daß der kränkliche, allzu asketische Mann bei der Erinnerung an die alte Burschen Herrlichkeit noch gern verweilte. „Das einigende Prinzip war in den alten Studentenkorporationen mehr die Zugehörigkeit zu demselben Professor als die gerne infame Heimat; gewöhnlich aber traf beides zu, da die jungen Leute, wenn sie einen Lehrer aus ihrer Heimat vorsanden, sich diesem vorzugsweise anschlossen. Ihr Zweck war weniger die Pflege oer Geselligkeit, als das Werben für die einzelnen Lehrer. Um ihre Zabl zu vermehren, scheuten die Studenten keine Mühe; sie wurven natürlich dabei eifrig unterstützt von den Pro- sessoren, die sich auch nicht genierten, Füchse zu Tisch einzuladen, um sie für sich zu gewinnen. Tie Hauptagitationszeit war der Herbst, wenn „die Neuen" ankamen. Ter heidnische Rhetor Libanius erzählt, es habe zu den Pflichten des Seniors einer solchen Verbindung gehört, an der Spitze einer wohlgerüsteten Bruderschaft manchmal zum Piräus oder tfogar zum Vorgebirge Sunion auszurücken, um die aus dem Osten ankommenden Füchse in Empfang zu nehmen und für ihren Sophisten zu pressen, die anderen Bruderschaften aber, die in gleicher Absicht kamen, mit Knütteln, Steinen ober selbst mit dem Schwerte zurückzuschlagen. Ein großer Kampf der Art, der im Lyceum zu Athen stattfand, war unter dem Namen Rhetorenschlacht lange berühmt. Es ist bezeichnend, daß derselbe Libanius es später seinen Zuhörern in Antiochien zum Vorwurf machte, daß sie noch keine Kämpfe für ihre Lehrer ausgefochten hätten; ihre Väter hätten Narben im Gesicht und an den Händen aufzuweisen, sie aber, die Söhne, hätten noch keine Wunden für ihren Professor empfangen. Schon in seiner Heimat wurde mancher Studiosus für einen bestimmten Lehrer „geteilt"; ob er dann aber auch wirklich in dessen Chorus eintrat, hing nicht ganz von ihm selbst ab. So war Libanius in Antiochien für den Rhetor Aristo- demus geworben worden; als er aber nach Athen kam, geriet er in die Gewalt einer Verbindung, die zu dem
Kolonialpost.
Der neue Gouverneur von Deutsch-Ostafrika, Graf v. Götzen, hat bei der Uebernahme seiner Amts- aeschäfte unterm 15. April einen Runderlaß veröffentlicht, der sich als eine Art wirtschaftlichen und politischen Programms darstellt; er lautet:
Durch die Gnade S. M. des Kaisers zum Gouverneur von Deutscb-Ostafrika und gleichzeitig zum Kommandeur der Deutsch-Ostafrikanischen Schutztruppe ernannt, habe ich mit dem heutigen Tage die Geschäfte übernommen. Wie ich stets beftrebt fein werde, das Wohl des Ganzen im Auge behaltend, nach Recht und Gerechtigkeit mein Amt zu versehen, so darf ich auch von den mir unterstellten Offizieren und Beamten erwarten, daß sie, jeder an feiner Stelle, strenge und gewissenhafte Pflichterfüllung zur Richtschnur ihres Verhaltens machen, und danach trachten, die altbewährte Gründlichkeit und Pflichttreue • sich nicht nur zu bewahren, sondern sie auch den von der heimatlichen Umgebung so verschiedenen Verhältnissen in zweckdienlicher Weise anzupassen. Die europäische Be- völkeruna jedes Berufes mag sich, versichert halten, daß ich mit den mir unterstellten Organen stets dessen eingedenk sein will, daß, neben der Aufrechterhaltung von Recht, Ordnung und Frieden, die Förderung der wirtschaftlichen und kulturellen Entwickelung Deutsch-Ostafri- as den vornehmsten Teil unserer dienstlichen Thättgkeit lildet, daß die christlichen Missionsgesellschaften bei ihrer egensreichen Thättgkeit Anspruch auf weitgehende Unter» tutzung haben, und daß jeder im Dienst der Kolonie Stehende zu seinem Teil berufen ist, an der Erzieh» ung der Eingeborenen zu Arbeit und deutscher, christlicher Kultur mitzuwirken. Der Kaiserliche Gouverneur. Graf v. Götzen.
Rhetor Diophantes hielt, und die gab ihn erst frei, als er zu diesem geschworen hatte. Hat man als Fuchs einen Verwandten, Freund oder Landsmann eingefangen, so beginnt das Keilen; man führt ihn in die Herberge und bewirtet ihn; daran beteiligen sich alle, vornehm und gering, besonders aber die älteren Semester; sie ruhen nicht, bis sie ihn durch einen Eid sesigelegt haben. Ist man soweit gekommen, so sindet die feierliche Einführung des Neu- lings, die Fuchstaufe, statt. Sie wird uns von Gregor von Nazianz anschaulich geschildert: Ter Nene wird von jedem nach Belieben gehänselt, bald feiner, bald derber, je nachdem er selbst fein erzogen ober bäuerisch ist; man will ihm ein wenig seine Selbstgefälligkeit nehmen und ihn zahm machen. Hierauf führen ihn die Jünglinge, paarweise voranschreitend und folgend, zu einer öffentlichen Badeanstalt; kommen sie dieser näher, so gebärden sie sich wie verrückt, tanzen und schreien; die vorderen zerren an ihm, als wenn ihm der Zutritt verwehrt würde, und rufen dabei: Halt, halt, das Bad nimmt dich nicht auf: die aber, welche ihm folgen, schieben ihn vorwärts, und diese tragen den Sieg davon. Sie schlagen mit Wucht gegen die Thüre und erzwingen scheinbar den Eintritt.- Tas alles geschieht aber nur, um den Neuling bange zu machen; denn nachdem sie in das Innere eingetreten sind und er durch)! ein Bad sich gereinigt hat, empfangen sie ihn aufs freundlichste als einen Komilitonen." Erst jetzt darf er Pas Pallium, die Amtstrachst der höheren Lehrer und Schüler, anlegen und wird nun in festlichem Zuge zum Professor geleitet, der ihn mit einer Inauguralrede begrüßt und ihn seinen Schülern zugesellt. Ein Festmahl beschließt die Feier. Der Tag einer solchen Einweihung galt als akademischer Feiertag für den betreffenden Professor und feinen Chorus. Gregor rühmt von seinem Freunde Basilius, bei ihm sei diese Taufe aus Hochachtung ausnahmsweise unterblieben. Bei dem Einfangen und der Bearbeitung der Füchse wurde von den älteren Semestern kein Geld gespart. Aber auch sonst reihten die jungen Leute in Athen ein Gelage an das andere und machten Schulden^ Ter schlimmste Fehler der studierenden Jugend war überhaupt ihre wilde Genuß- und Vergnügungssucht, die zum Teil durch die schwächliche Nachsicht der Eltern verschuldet wurde, aber auch ganz im Geiste oer Zeit lag. „Statt des Philosophen", llagt der Geschichtsschreiber Ammianus Mar- cellinus, „wird der Sänger, statt des Redners der Schauspieler berufen, die Bibliotheken werden wie Gräber für immer zugemacht; statt der Bücher macht man sich Wasser- orgeln und Schauspielinsttumente, so groß und schwer wie Wagen; ja so weit ist es gekommen, daß, als kürzlich wegen einer Hungersnot die Fremden aus Rom vertrieben wurden upd auch fast alle Studenten die Stadt verlassen mußten, hie Schauspielerinnen und 3000 Tänzerinnen unbehelligt blieben."
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Theater, Kunst und Wissenschaft.
W. München, 15. Mai. Das neue „P r^in z - regenten-Theater", auch Richard Wagner Festspielhaus genannt, geht allmählich seiner Vollendung entgegen. Es wird auf einem östlichen Höhenzuge der Isar erstehen, das Bühnenhaus, das vollständig nach den architektonischen Reformvorschlägen Richard Wagners erbaut wird, steigt bereits zu imposanter Höhe empor. Tie Bühne selbst ist in Stein und Eisen konstruiert und von dem bekannten, genialen Bühnentechniker Karl Lautenschläger nahezu fertig gestellt; die Einrichtung wird sich in einer Vollkommenheit und Höhe der Technik zeigen, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Ter Zuschauerraum, amphi- theatralisch bis in die Höhe der Fürstenloge auffteiaend, läßt erkennen, wie umsichtig die Erbauer darauf bedacht waren, bequeme und durchaus gleichwertige Sitze herzu- fteilen. Auch die stilvolle innere Ausstattung zeigt schon jetzt, daß München in kurzer Zeit ein Theater sein eigen nennen wird, das kaum seinesgleichen findet. Die Eröffnung des neuen Festspielhauses wird am 20. August vor geladenem Publikum in feierlicher Weise erfolgen. Tie Vorstellung beginnt am Nachmittag mit einem Festspiele von Hans von Hopsen. Hierauf folgt der letzte Akt der „Meistersinger" unter der Direktion von Hermann Zumpe. Nach der Festvorstellung findet ein Bankett im großen Foyersaale statt. Tags darauf beginnt die erste öffentliche Aufführung mit den „Meistersingern". Tas Werk erscheint in
völlig neuer dekorativer und kostümlicher Ausstattung, Chor und Orchester sind verstärkt; die ersten deutschen Gesangs- fräfte aller Bühnen wirken mit dem reichhaltigen Künstler- personal der Münchener Hofoper zusammen.
Sonnenfinsternis. Am Samstag, den 18. Mai findet eine totale Sonnenfinsternis statt, deren Sichtbarkeitsgebiet sich über den indischen und den westlichen Teil des Großen Ozeans erstreckt, von dem Festlande von Afrika den östlichen Teil mit Madagaskar, von Asien die südlichen Halbinseln Vorderindien und Hinterindien, den gesamten ostasiatischen Archipel, ferner den ganzen Kontinent Austtalien und das Jnselgebiet der westlichen Süd- See umfaßt. Dieselbe wird also auch in einem Teil des deutschen Kolonialbesitzes von Neu-Guinea mit dem Bismarck-Archipel, Samva, den Mariannen und Karolinen sichtbar sein. Tie totale Sonnenfinsternis nimmt südwestlich von Madagaskar ihren Anfang, geht über die Inseln Reunion und Mauricius, in nordösNicher Richtung, kreuzt (Sumatra und Borneo, dort, wo der Aequator diese Inseln durchschneidet, wendet sich dann, nach Süden ausbiegend, über die Insel Celebes und den südlichen Teil von Neu- Guinea und endet, südöstlich derselben, im Meere. In diesem Gebiet erscheint den Erdbewohnern die Sonne total verfinstert, das heißt, also gänzlich durch den Mond überdeckt, welcher der Erde seine Schattenseite zukehrt. Der Weg, den die zentrale Sonnenfinsternis beschreibt, ist also identisch mit derjenigen Linie, in welcher der Mondschatten über die Oberfläche oer Erde hinwegstreift. Selbstverständ
lich wird seitens der Astronomen die Sonnenfinsternis an geeigneten Orten mit den entsprechenden Instrumenten beobachtet werden. Ta die zentrale Finsternis die holländische Insel Sumatra bei Padang kreuzt, so haben die Asttonomen Julius und Nijland, von der Universität zu Utrecht, und der Tr. Witterkind, vom Observatorium zu Leyden, in der Nachbarschaft von Padang ihren Stand errichtet. Ferner werden Newall von der englischen Kommission und Dysson vom Observatorium zu Greenwich an der Beobachtung der Sonnenfinsternis teilnehmen. Man will nach dem Sanatorium „Solok", im Innern von Sumatra, das in einer Höhe von 1200 Fuß über dem Meere liegt, vorgehen, und fidji dort mit dem Professor Barnard vom Aerkes-Observatorium in Chicago vereinigen. Ein anderer amerikanischer Astronom, Professor Todd, vom Amherst- College in Massachuttes wird die Sonnenfinsternis vow der Insel Simkop, südlich, von Singapore, beobachten; außerdem finden Beobachtungen auf Mauritius, wo sich ein kleines Observatorium befindet, statt. Bei den Beobachtungen wird die Korona der Sonne wiederholt photographiert werden. Professor Barnard wird mit einer 62 Fuß langen Kamera solche Photographien aufnehmen. Die zen- ttale Sonnenfinsternis beginnt 2 einhalb Minuten vor vier Uhr morgens, nach Greenwicher Zeit, in Mauritius, undj sie endet 8 Minuten nach 7 Uhr in Port Moresbay auf British-Guinea, so daß im ganzen ein Zeitraum von etwas über drei Stunden zur Verfügung steht, um die astronomische Untersuchung auszuführen.


