151. Jahrgang
Freitag den 18 Imuar
1901
CrNes Blatt.
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Henerat-Anzeiger
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Redaktion, Expedition und Druckerei:
Schnlstrahe Nr. 7.
Adresse für Depeschen: Anzeiger Siebe».
Fernsprecher Nr. 61.
eingehend die umfängliche Schrift Friedrich NaumannS „Demokratie und Kaiser tu m". Ludwig Iaco - bwwski, der leider so früh verstorbene talentvolle Poet, setzt sich mit Adolf Bartels, dem bekannten „Kunstwart"- Mitarbeiter, auseinander. Jo h all n es Schlaf, der feinsinnige Dichter, veröffentlicht eine Prosadichtung „Der Tod als Antichrist". Peter Baum und Mirian Eck spenden Gedichte. Das „Ehepaar Spenster" ist eine Novelle von dem galizischen Polen Karl I r z i k o w s k t lieber den Berliner Premierenmarkt" plaudert anregend John Schikow ski. ArthurSeidl veröffentlicht einen „Münchener Brief". Der kritische Teil ist, wie stets in diesem Blatte, außerordentlich reichhaltig.
daß die Rücksicht auf die Ansteckungsgefahr infolge der am Weimarer Hose herrschenden Masern sotvohl den Kaiser als auch den Kronprinzen, letzteren besonders auch deswegen, weil er diese Krankheit als Kind noch nicht durchgemacht habe, von dem Besuche abgehalten haben. Läßt sich auch die Möglichkeit einer Uebertragung des Krankheitsstosses von dem Weimarer nach dem Berliner Schlosse nicht m Abrede stellen, so dürste es doch nicht an ärztlichen Anordnungen und praktischen Einrichtungen in der thüringischen Hauptstadt gefehlt haben, um die Gefahr einer Ansteckung hintenanzuhalten. Da andererseits auch bie Reiselust und die Neigung Kaiser Wilhelms, bei allen bedeutungsvollen Hoffestlichkeiten der deutschen Bundesfürsten persönlich anwesend zu sein, bekannt ist, so fehlt es nicht an Kommentaren, die das diesmalige Fernbleiben mit p o l i t i s ch e u Erwägungen in Beziehung bringen wollen. Als dw annehmbarste Lesart erscheint noch die, daß der Kaiser eine Begegnung mit dem Fürsten Ferdinand von Bulgarien habe vermeiden wollen. Als Motiv für diese angedeutete Absicht wird angeführt, daß man an höchster Stelle darüber verstimmt sei, daß der Bulgarensürst in seinem Lande, insbesondere in seiner Hauptstadt, die maeedo- nischen Komitees mit ihren anarchistischen Mordanschlägen offen dulde, wodurch für den Balkan stets die Gefahr eines plötzlichen Friedensbruches bestehe. Andererseits sollendem Fürsten Ferdinand bei seiner letzten Anwesenheit in Berlin einige Versprechungen für die Unterstützung seines Lieblingswunsches, die Königskrone aus sein Haupt setzen zu dürfen, gemacht worden sein, an die der Kaiser jetzt nicht habe erinnert sein wollen. Ob dieser Grunds für den Kaiser ausschlaggebend gewesen ist, kann füglich bezweifelt werden. Daß er mit seiner Reise nach Weimar politische Zwecke verfolgt hat, zumal seine Verwandtschaft mit dem Hause Sachsen-Weimar weit, fast bis zum 14. Jahrhundert, zurückliegt, kann dagegen kaum in Abrede gestellt werden. Der Besuch in der Wiener Hofburg und der Empfang dur.ch den Kaiser Franz Joses spricht dafür, obwohl auch dieser sich durch die nahen verwandtschaftlichen Beziehungen als Halbschwager des österreichischen Kaisers sich genügend erklären ließe. Indessen ist über den Erfolg dieser Begegnung nichts bekannt geworden. Daß aber die Einkehr des Fürsten Ferdinand am serbischen Königshofe wenigstens für den Balkan und für die Stärkung der Position der kompromittierten Königin Draga Maschtn von größerer Bedeutung ist, läßt sich nach Lage der Dinge nicht im Geringsten verkennen. Es fehlt also dem Fürsten nicht an Trost in seinem Unglück, den deutschen Kaiser in Weimar nicht gesprochen zu haben.
letzter
Pelephon 65.
Die jluterstiitzllus der Hoilribrnbtn in Transvaal durch den Alldeutschen Verband.
Die Ortsgruppe Gießen des. Alldeutschen Verbandes bittet uns um Veröffentlichung des Nachstehenden, was schon um deswillen allgemeines Interesse haben dürfte, da auch hier in Gießen im vergangenen Jahre eine beträchtliche Summe zur Unterstützung für die Buren bei unserer Re-
Unsere Leser seien auf eine kleine, in 2. Auflage vorliegende Schrift über den „P o l e n a u f st a n d von 1848" aufmerksam gemacht, durch deren Herausgabe bei; Chefredakteur des Graudenzer „Geselligen" Paul Fischer sich um die Sache des Deutschtums in Westpreußen und Posen aufs neue verdient gemacht hat. Im Jahre 1848 sprach Wilhelm Jordan im Frankfurter Parlament die entrüstete Frage aus: „Hat der Deutsche die Wälder gelichtet, die Sümpfe getrocknet, den Boden urbar gemacht, Straßen und Kanäle angelegt, Dörfer gebaut und Städte gegründet, um den Epigonen des exilierten hundertköpfigen Despotentums neue Schmarotzernester zu bereiten? Soll der Bürgerstand wieder untergehen — der nur dem deutschen Gewerbefleiße seinen Ursprung verdankt — um das Mark des Landes noch einmal vergeuden zu lassen uon etwelchen in höfischem Glanze schwelgenden Familien und liebenswürdigen Mazurkatänzern?" Diese Fragen will, ebenso wie Jordan, auch Fischer verneint wissen. Das wacker? Schriftchen, das im Verlage von Gu sta v R ö thes Bucy- druckerei in Graudenz erschienen ist, verdient Beachtung-
Politische Tagesschau.
Es ist in der Presse vielfach bemerkt worden, daß Kaiser Wilhelm, obwohl er nach dem Hofbericht sich von seiner Erkältung bereits ganz erholt hatte, dennoch nicht zu den Beisetzungsseierlichk eiten nach Weimar gefahren war. Es wurde die Meinung verbreitet.
Amtlicher Teil.
Bekanntmachung.
Der für Nieder-Bessingen auf den 20. dS. MtS angefetzie Vortrag des LandwirtschastSlehrerSLintz wird wegen btfftn Erkrankung verschoben.
Gießen, den 16. Ja»uar 1901.
Der Direktor des landwirtschaftlichen Bezirksvereins.
v. Bechtold.
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Gey. Med.-Rat Prof. Dr. Eulenburg über Hchulpausen und Schulferien. Bei Fragen der Erziehung stehen sich stets zwei Parteien gegenüber, von denen die eine den größeren Wert auf die geistige Durchbildung, die andere auf das körperliche Wohl der Schüler legt. Der Kaiser hat wohl die Bedeutung der gesundheitlichen Forderungen erkannt und ihr in seinem Erlaß im vorigen Monat Ausdruck gegeben. Im Anschluß daran bespricht der bekannte Forscher Eulenburg in der letzten Nummer der „Umschau" (Verlag von H. Bechhold, Frankfurt a. M.), die wichtigste medizinisch-pädagogische Frage, in welcher Weise nämlich die Schulpausen und Schulferien angeordnet werden müssen, um für den Schüler im Gegensatz zu den heutigen Systemen einen wirklichen Nutzen zu haben. Die gleiche Nummer bringt ferner noch interessante Aufsätze von Dr. Bechhold über „Vorrichtungen zur Atmung in verdorbener Lust und unter Wasser"; B. Treichelmann giebt eine Höchsts interessante Schilderung des Tsunglt- ssamen, Paul Pollack bespricht den neuesten Roman von Fr. Spielhagen „Frei geboren" und der militärische Mitarbeiter der „Umschau" macht eine vergleichende Zusammenstellung der Bewaffnung der verschiedenen Nationen tm chinesischen Feldzug. — Dr. Dessau spricht über das Hagelschießen und beleuchtet den Gegensatz, welcher sich zur Zeit zwischen den wissenschaftlichen und den praktischen Kreisen herausgebildet hat. Während nämlich erstere auf Grund von Versuchen den Wert des Hagelschießens bestreiten, halten letztere unbedingt an demselben fest und wollen bie Regierungen zur Unterstützung im Großen veranlassen. Der Herausgeber der „Umschau" versteht es in ganz hervorragender Weise, aUes das in seiner Wochenschrift zur
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Sprache zu bringen, was wirklich von Bedeutung ist, und es dürfte keine andere Zeitschrift geben, die sich so vorzüglich eignet, um sich über alle wichtigen Fortschritte und Bewegungen auf dem Gesamtgebiete der Wissenschaft, Technik, Litteratur und Kunst auf dem Laufenden zu halten, wie die „Umschau".
In Heft 14 der „Zutuns t" (Berlin, Friedrichstr. 10) spricht Prof. Dr. Karl Lamprecht in Leipzig über „Re- lativismus". Prof. Dr. Ernst Schweninger antwortet auf die Frage, wie er das medizinische Ergebnis des abgelaufenen Jahrhunderts beurteile und was er für seine Kunst von dem neuen Säculum hoffe. Dr. Alex Tsille, der bekannte frühere Glasgower Universitätsdozent, zeigt eine Schrift „aus Englands Flegeljahren", Dr. Julius Duboc, der bekannte Philosoph, eine solche über „die Lust als sozialistisches Entwickelungsprinzip". Prof. Dr. Seiling kündet „Pessimistische Weisheitkörner" an. Hofrat Dr. Pciper antwortet aus die Frage „Soll die Hoh- königsburg neu aufgebaut werden?" in einer neu erschienenen kleinen Schrift. — Prof. Dr. Breysig veröffentlicht in diesem Hefte eine umfängliche Abhandlung über „Sozialismus und Persönlichkeit". Weiter findet sich eine Skizze von Georg Brandes „Russischer Besuch" und eine kurze Erzählung von Rudyard Kipling. Dr. John Schikowski plaudert anregend über die Berliner „Sezessionsbühne" und deren Aufführungen. Den Schluß des Heftes macht eine Betrachtung über „1900" von Lyn- keus. Der Leitartikel betitelt sich „Epiphania". — Jedes Heft der „Zukunft" kostet 50 Pfg., ein Vierteljahresabonnement 5 Mark.
In der „Gesellschaf t", der bekannten lyalbmonat- schrift, (Ed. Piersons Verlag in Dresden) Preis pro Heft 75 Pfg., bespricht im 1. Dezemberheft Robert Wilbrandt
Abg. v. Kardorff (Rp.): Wir können in obligatorischen Gewerbegerichten keine segensreiche Einrichtung sehen. Daher können wir nicht für den Antrag Trimborn eintreten. .Im Betriebe meines Freundes Frhrn. v. Stumm ist noch nie ein Streik gewesen. Wenn die Arbeitgeber es so machen würden, wie er, so würden Streiks überhaupt nicht Vorkommen. (Lachen links.) Mein Freund v. Stumm erhöht stets rechtzeitig die Löhne, ist überhaupt täglich zwei Stunden für jeden seiner Arbeiter zu sprechen. Ein solches Vorgehen würde viel mehr zur Förderung des sozialen Friedens beitragen, als der Ausbau der Gewerbegerichte. Alle diese Gedanken, die in den vorliegenden Anträgen niedergelegt sind, gehen von der Sozialdemokratie aus. Es sieht wirklich so aus, als sei das Proletariat berufen, die Welt zu regieren. Es geht mit. unserer Sozialpolitik in so rasender Fahrt vorwärts, daß es ein Unglück giebt, wenn man nicht bremst. (Große Heiterkeit links.)
Abg. Zub eil (Soz.): Wenn die rasende Fahrt der Sozialreform das Tempo einhielte, das eingeschlagen wird, damit die Agrarier höhere Getveidezölle erhalten, dann könnten wir zufrieden sein. Herr von Kardorff ist das Sprachrohr des Herrn v. Stumm, der jetzt krank ist, und den er jetzt hier im Saale vertritt. Wir verlangen die Ausdehnung der Kompetenz auf Land- und forstwirt- schafttiche Arbeiter, auf die Fischerei und auf das dienende Personal. Welche unglückliche Stellung nehmen heute die Gärtner ein! Wie schwierig es für die ländlichen Arbeiter ist, in Lohnstreitigkeiten u. dgl. das Amtsgericht in Anspruch zu nehmen, wird Herr Oertel zu begreifen vermögen. Recht geschmackvoll waren Dr. Oertels Aeußerungen über das dienende Personal, seine Witze von den Berliner Pflanzen und den dicken Köchinnen. Herr Dr. Oertel, was würden Sie und Ihre Gemahlin anfanaen, wenn das von ihnen so geschmackvoll bezeichnete Küchen- und Dienstpersonal einmal streiken würde? (Heiterkeit^) Es entspräche außerdem nur der Gerechtigkeit, wenn auch den Arbeiterinnen das Wahlrecht erteilt werde. Dies Wahlrecht sei durch die Petitionen von Arbeiterinnen und Frauenvereinen auch seit Jahren verlangt worden.
Abg. Münch-Ferber (nl.) erklärt sich unter1 Zurückweisung früherer Angriffe des Zentralverbandes deutscher Industrieller für weitere Zuständigkeit der Gewerbegerichte im Sinne des Antrages Trimborn und Hitze.
Abg. Rösicke (Dessau) wäre gern für obligatorische Gewerbegerichte, befürchtet dafür aber eine zu große Einengung der bürgerlichen Gerichte.
Nach einem Schlußwort Rosenows (Soz.) werden die Anträge Albrecht und Trimborn einer Kommission von 14 Mitgliedern überwiesen. Die Resolution Hitze wird angenommen. Morgen 2 Uhr Fortsetzung der Etatsberatung.
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Deutscher Reichstag.
Berlin, 16. Januar.
Das Haus setzt die Beratung der Anträge über die Ge- werbegerichte fort.
Abg. Dr. Hitze (Zentr.) empfiehlt seine Resolution auf Beteiligung der Arbeiter an der Regelung gemeinsamer Angelegenheiten durch eine besondere Vertreterorganisation, und verweist auf das Vorbild der besonderen Land- Wirtschafts- und Handwerkerkammern. Der Gegensatz der Interessen führt zu getrennten Organisationen. Diejenigen der Arbeiter und der Arbeitgeber stehen sich schroff gegenüber; da ist es eine Aufgabe des Friedens, einen versöhnenden Mittelpunkt zu schaffen, der die Gegensätze überwindet ober bis zu einem gewissen Grade versöhnt. Andere Staaten, wie Belgien und Holland, sind uns aus diesem Wege vorausgegangen; es wäre ein schöner Beginn der Session, wenn sich alle Parteien aus diesen Antrag vereinigen, (veifall.)
Abg. Beck (ntl.) spricht auch im Sinne der Resolution und des Antrages Trimborn, wobei dann das Gewerbegericht als Einigungsamt die Befugnis haben müsse, den Streik zu schlichten. Der Einwand, die Arbeitgeber müßten Herren im eigenen Hause sein und dürften durch das Gewerbegericht nicht gezwungen werden, sich gegen ihren Willen Vorschriften machen zu lassen, ist nicht stichhaltig. In seiner tußersten Konsequenz führe er zur Negation jeder Rechtsordnung überhaupt. (Sehr richtig!) Der Redner spricht sich nach eingehender Erörterung zahlreicher Details für Kommissionsberatung aus.
Abg. Dr. O e r t e I (kons.): Bis zu einem gewissen Grade kann auch ich die Thätigkeit der Gewerbegerichte anerkennen. Von den vorliegenden Anträgen ist mir der Antrag Trimborn am sympathischsten, und wir werden für lieber» Weisung desselben an eine Kommission stimmen. Der Antrag Albrecht und Gen. aus obligatorische Einführung der Gewerbegerichte widerspricht dem Charakter dieser Gerichte als Sondergerichte. .Die Landarbeiter unter die Kompetenz der Lewerbegerichte *zu stellen, liegt absolut kein Anlaß vor; her Gedanke, das Gesinde ebenfalls vor das Gewerbegericht zu schicken, hat für mich etwas Schauerliches. (Lachen bet den Sozialdemokraten.) Für den Antrag Hitze können wir - im allgemeinen eintreten, jedenfalls erkennen wir an, daß er zur Förderung des sozialen Friedens beitragen kann.
Nr. 'S
Erscheint lägsich mit Ausnahme bcS
MontagS.
Die Gießener Aamili euv tätler totrbtn dem Anzeiger hn Wechsel mit „Hess. Landwirt" u. „Blatter fßr Hess. Volkskunde" wöchtl. 4 mal beigelegt.


