• * Aus dem Thealerbnreuu. Dienstag wird ,Fran- -cillo n" als volkstümliche Vorstellung zu kleinen Preisen ^Loge 1.20, Saal 50 Pfg., Gallerte 30 Pfg.) wiederholt. Die Titelrolle spielt Frl. Helene Hohenfels. Tas Schauspiel ^lieber unsere Kraft^ (Teil 1) von Bjornson geht Mittwoch den 18. ds. Mts. erstmalig und zwar im Abonnement bei gewöhnlichen Eintrittspreisen in Szene. Die „Tegern- seer" beginnen ihr Gastspiel am Donnerstag, 29. ds. Dasselbe findet außer Abonnement statt.
* * Die Konarien-Ausstellung, öic nunmehr geschlossen wurde, war gestern von etwa 250 Personen besucht. Es wurden im Ganzen 37 Kanariensänger verlauft. Zur ^Prämiierung l)aben wir noch nachzutragen, daß P.Gerber II. zwei 3. und 4. Preise und Jean Erb einen 3. Preis auf Konkurrenzsänger erhielten. Heute nachn, tag findet die Verlosung statt.
• * Einen prächtigen Hirsch, Achtender, erlegte man in der vergangenen Woche auf der dem Rechtsanwalt Grünewald und dem Bankier Zobel bei Kirchvers gelegenen Jagd. Bei .den verschiedenen dort abgehaltenen Treiben kamen u. a. noch 3 geweihte Hirsche und einiges Kahlmild vor. Rehe waren überaus zahlreich vorhanden. Vor einigen Jahren waren Rehe auf dieser Jagd eine Seltenheit. Ihr jetziges zahlreiches Vorhandensein ist auf die dort geübte Wildpflegc, besonders aber auf die von den Jagdpächtern unterhaltenen Futterplätze zurückzuführen.
* * Kein Poststempel au Sylvester und Neujahr. Zur schnelleren Bewältigung des Neujahrsbriefverkehrs werden bei größeren Postämtern die am 31. Dezember und am 1. Januar- eingehenden gewöhnlichen Briefe und Postkarten mit dem Ankunftsstempel nicht bedruckt.
' • Grober Unfug. In der Nacht vom Samstag zum Sonntag wurde in der Bergstraße eine Gaslaterne zertrümmert; der Thäter ist in der Person eines Studenten ermittelt, und zur Anzeige gebracht worden.
* * Verhaftung. Ein seither hier in Stellung gewesener Metzgergeselle wurde am Samstag Abend wegen Zechprellerei verhaftet.
* * Schlechte Zeilen. Am Samstag Abend wurden von der hiesigen Verpflegsstation über 50 zugereiste Handwerksburschen in die Herberge zur Heimat eingewiesen.
* * Die Submissionsofferteu der Metzger zur Lieferung des Fleischbedarfes für unsere Garnison wurden nicht genehmigt. Die Militärbehörde- fand, daß die ihr abverlangten Preise zu hoch seien, und hat durch freihändiges nachträgliches Verhandeln tellweise etwas billigere Angebote erlangt, als die durch die Submission erzielten ausmachten; doch ist bisher der Zuschlag auch zu diesen billigeren Preisen noch nicht erfolgt. Wie man erzählt, soll die Garnison-Verwaltung versucht haben, den Fleischbedarf von außerhalb zu beziehen. — Von anderer Seite wird behauptet, die Militärverwaltung sei durch die Art der abgegebenen Submissionsofferten und deren Begleiterscheinungen zu der Meinung gekommen, die hiesigen Metzger hätten sich vor Abgabe ihrer Preisforder- ungen untereinander verständigt und besonders betreffs der Höhe der Preise einen lokalen Ring gebildet. Dieser Umstand sei es hauptsächlich, abgesehen von der hohen Forderung, weshalb der Zuschlag nicht erteilt worden sei. Nach unseren Informationen beruht dieses Gerücht völlig auf Erfindung. Die Metzger haben im Gegenteiltrotz der von der Menage- Verwaltung des Regiments verlangten Güte des Fleisches trotz der hohen Viehpreise und trotz der Lasten, die auf ihrem Gewerbe ruhen, ein wesentlich billigeres Angebot gemacht, als sie das Fleisch an die Privatkundschaft abgeben können.
a. Reform des hessischen Polizeilvesens. Bestimmten Vernehmen nach wird durch die höchste Militärbehörde in Berlin eine das hessische Pvlizei- wesen betreffende, sshr einschneidende Maßregel einzu- führen beabsichtigt, die von weittragenden Folgen sein dürfte. Bekanntlich steht nach den s- Zt. getroffenen Vereinbarungen das Polizeiwesen in den größeren hessischen Städten (außer Mainz) unter staatlicher Leitung, während die übrigen Kosten für die Polizei, die einzelnen Städteverwaltungen zu tragen haben. — Im Zusammenhänge damit besteht die Bestimmung, daß den Militäranwärtern, die .im Polizeidienst stehen, bei Ausfertigung des Zivilversorgungsscheins die darin gedienten Jahre in Anrechnung gebracht werden, so daß beispielsweise ein Militäranwärter, der 6 oder 9 Jahre diente, nach weiteren drei resp. neun Jahren Schutzmannsdienst den Zivil-Ver- sorgungsschein erhielt. Nach den vom Kommando des 18. Armeekorps veranlaßten Bestimmungen sollen nun diese Vergünstigungen wegsallen. Ob sich die Gvoßh. Regierung sowie die Städte hierzu geneigt zeigen werden, ist zum mindesten sraglich, denn es dürfte dann noch viel schwerer wie jetzt fallen, wirklich geeignetes Personal für den nicht leichten verantwortungsvollen Polizeidienst zu erhalten.
)( Lollar, 16. Dez. (Telephon-Meld, des „Gieß. Anz.") Heute Nacht wurde in dem Bureau der hiesigen Güterabfertigung die Kasse erbrochen und ihres Inhalts beraubt. Der Einbrecher zertrümmerte eine Fensterscheibe, öffnete das Fenster und gelangte durch dieses in das Bureau, wo sich die Kasse befand, lieber die Höhe der gestohlenen Summe konnte man noch nichts erfahren. Von den Thätern fehlt jede Spur.
Q Steinbach. 15. Dez. Heute Vormittag wurde der Landwirt Johs. Keßler III. in seiner Scheuer erhängt aufgefunden. Das Motiv der unseligen That ist unbekannt. Der Verstorbene ist 69 Jahre alt. Er erfreute sich eines guten Rufes.
* Ettingshausen, 14. Dez. Am verflossenen Freitag fand in unserem Orte zum zweiten Male die Wahl eines Bürg ermeister s . statt, nachdem die erste Wahl bereits am 20. April 1900 abgehalten worden war- Schon bei der ersten Wahl trug die sogenannte „Burenpartei^ mit Stimmenmehrheit den Sieg davon. Durch wiederholte Reklamation erreichte jedoch die andere Partei, daß diese Wahl für ungiltig erklärt wurde. Wie bet der ersten Wahl hatte auch diesmal jede der beiden Parteien alles aufaeboten, um ihren Kandidaten durchzubringen. Selbst zahlreiche Wähler, die auswärts beschäftigt waren, erschienen, um ihrem Kandidaten zum Sieg zu verhelfen. Von 126 Wahlfähigen machten 116 von ihrem Stimmrecht Gebrauch, also 91,3 Prozent. Der Kandidat der Burenpartei erhielt 63, der der Gegenpartei, Beigeordneter Georg Heinrich Keil nur 53 Stimmen. Die Erbitterung der beiden Parteien gegeneinander dauert nun schon zwei Jahre. Es wäre wünschenswert, daß endlich in unserm sonst! so friedlichen Dorfe Ruhe und Zufriedenheit.wieder
einkehren to'ürbe. Das ist der Wunsch aller besonnenen, ruhigen Bürger. Dies kann nur dadurch geschehen, daß die Behörde die Wahlkampagne durch Bestätigung des „Vurenführers" beendet.
r. B «oben Hausen b. Ortenberg, 14. Dez. Gestern besuchte der Oberförster Weber von Konradsdorf in Begleitung eines Forstassessors mit seinem Fuhrwerk die Holzhauer im Walde. Kaum waren sie äbgestiegen, als eine Buche im Walde fiel. Durch das Krachen wurden die jungen 'eurigen Pferde so erschreckt, daß sie mit dem Kutscher, der sie hin- und herführte, davonrasten. Der Kutscher wurde eine Strecke geschleift und verletzt. Die Pferde rannten einen Abhang hinunter. Schließlich fiel ber Wagen um unb auch die Pferde stürzten. Tas eine, ein sehr wertvolles Tier, hat ein Vein gebrochen, das andere ist ebenfalls verletzt.
ü. Büdingen, 15. Dez. Gestern tagte hier der Kreisausschuß gemeinsam mit den Kreistagsmitgliedern, und es wurde die Errichtung einer gemeinsamen Wasen- nt elfter ei, ähnlich wie im Kreise Friedberg, beschlossen. Als Ort für sie wurde Stockheim, das so ziemlich in der Mitte des Kreises liegt, bestimmt. Im Frühjahr wird mit dem Bau begonnen werden. Der Kreis nimmt dazu eine Anleihe von 100 000 Alk. zu 4 Prozent verzinslich, auf. Im Kreise Friedberg ist die Wasenmeisterei an einen Unternehmer für 1500 Mk. verpachtet. Hier wird sie zunächst der Kreis selbst verwalten.
a. Darmstadt, 15. Dez. Die weltbekannte chemische Fabrik von Merck, die über 1000 Arbeiter beschäftigt, läßt z. Zt. zwecks Verlegung ihrer Fabrik aus der Innenstadt nach einem größeren Terrain zwischen Arheiligen und Darmstadt auf der sog. Hammelstrist eine Anzahl größerer und kleinerer Fabrikgebäude errichten. Zwar zeigten sich bald infolge des hohen Tagwassers und des starten Vorhandenseins von sog. Flug- und Triebsand große Schwierigkeiten. Es wurden deshalb die größten Vorsichtsmaßregeln beim Bauen gebraucht. Trotzdem ist bekanntlich vor einigen Tagen ein mächtiger dreistöckiger Bau plötzlich in der Nacht eingestürzt. Aus diesem Grund fanden am Freitag nachmittag in Anwesenheit zahlreicher hiesiger und auswärtiger Sachverständiger eingehende Untersuchungen und Probeentnahmen statt, nach deren Ergebnis festgestellt werden soll, ob und unter welchen Umständen die Errichtung des ausgedehnten Anwesens an dieser Stelle möglich ist.
k. Offenbach a. 9JL, 15. Dez. Bei der gestern vorgenommenen Ergänzungswahl zum Kreistage wurden die sozialdemokratischen Stadtverordneten Ulrich, Eißnert und Stadtmüller II. im ersten Wahlgange mit je 16 Stimmen, Oberbürgermeister Brink, für den im ersten Wahlgange 11 Stimmen abgegeben wurden, im zweiten Wahlgange mit 18 Stimmen gewählt. Ulrich, Eißnert und Stadtnmller II. sind die drei ersten sozialdemokratischen Kreistagsmitglieder in Hessen. Sie sind auf 6 Jahre gewählt.
Frankfurt a. M., 14. Dez. Zwei Amerik aner, die seit einiger Zeit als Rentner hier lebten, Nathan und Albert Eisemann, sind nebst Familien von der Polizei ausgewiesen worden. Vermutlich handelt es sich um militärische Dinge.
Vermischtes.
• Berlin, 14. Dez. In den Elekrizitäts-Anlagen in der Brunnenstraße brach heute vormittag Feuer aus, welches ein großes Aufgebot der Feuerwehr beschäftigte. In den Lager- und Trockenräumen waren eine Anzahl Fässer mit Jsoliermaffe und Oel in Brand geraten. Nach längerer Arbeit der Feuerwehr gelang es, des Feuers Herr zu werden. Eine Betriebsstörung ist nicht eingetreten, jedoch ist der Materialschaden bedeutend.
* Gelsenkirchen, 14. Dez. In der Zeit vom 7. bis 14. Dezember sind im Stadt- und Landkreis Gelsenkirchen 2 Typhuskranke gestorben und 126 als genesen entlassen. Der gegenwärtige Stand der Typhuskranken ist 353.
* Helgoland, 14. Dez. Der zu der - Wafferbau- inspektion Toenning gehörende Dampfer „Triton" ist auf die Klippen geraten. Die Mannschaft ist durch das Rettungsboot gerettet worden; das Schiff ist anscheinend völlig verloren. . .
' Kopenhagen, 15. Dez. In Harbroere wird seit Donnerstag ein Fischerboot mit 5 Fischern vermißt. Dieselben sind wahrscheinlich ertrunken.
* Ein blutiges Rekontre zweier Göttinger Studenten. Auf der Straße gab ein Student auf einen ihm begegnenden Kommilitonen einen Revolverschuß ab. Der Ueberfallene rief: „Ich bin geschossen, und stürzte mit diesem Ausruf in den Laden eines Bäckers und durch den Laden in den Hof. Der Angreifer eilte ihm in das Ge- schästslokal nach, in dem sich außer bei Frau des Besitzers noch eine Dame befand, und gab einen zweiten Schuß ab und lief dann fort. Er wurde aber bald eingeholt und nach der Wache im Rathause geführt. Dort nahm man ihm den Revolver ab, in dem noch vier Kugelpatronen steckten. Die Ursache des Streites ist Eifersucht. Der Verletzte lebte mit dem Angreifer schon längere Zeit auf gespanntem Fuß, es kam zu Beleidigungen und zu einer schweren Forderung. Als nun beide sich auf der Straße begegneten, versetzte der Verletzte feinem Gegner einige Ohrfeigen, auf welche dieser mit den Schüssen antwortete.
* Eine Säbelmensur sine sine. Wie die „Münch. Ztg." meldet, fand vor kurzem in München zwischen einem Burschenschafter und einem slavischen Studenten .eine Säoel- menfur eine eine (ohne Binden und Bandagen) statt. Beim ersten Gang blieben beide Gegner unverletzt. Der zweite Gang wurde durch das Kommando „Halt!" des Unparteiischen plötzlich unterbrochen. Da ereignete sich etwas, das in den Annalen des Münchener Studentenlebens einzig dastehen dürfte. Von Wut erfaßt, erhob der Slave plötzlich seinen Säbel und führte nach seinem Gegner einen furchtbaren Hieb, der demselben die Brust bis auf die Rippen durchtrennte. Das war auch für den deutschen Studenten zu viel. Auch er erhob nunmehr seinen Säbel, und rhe es die Sekundanten verhindern konnten, sauste derselbe auf das Haupt des Gegners nieder, ihm die Kopfschwarte vollständig durchschlagend. Das Duell mußte natürlich sofort unterbrochen werden. Die Verwundungen der beiden Duellanten sind nicht unbedeutend.
UniveilMs-Uachikchteu.
Frankfurt a. M., 14. Dez. Die „Franks. Zdg." meldet ans Helsingfors: Der sinnländische Senat entsetzte den Freiherrn v. BonSdorff, der seit 1892 den Posten bc5 RcktorZ beS hiesigen
städtischen Real-Lyceums bekleidete, seines Amtes, weil er sich weigerte, die kürzlich erlassenen Bestimmungen über die Permehrung ber Stunden für die russische Sprache im Lycenm zu erfüllen. Der Abgang dieses tüchtigen Lehrers wird allgemein bedauert.
— Aus Jena schreibi man: Die Nachricht, es werde verbucht, Pfarrer Naumann für eine Professur an der hiesigen Urri« versiläl zu gewinnen, ist unbegründet.
— Der 100. Geburtstag des Königs Johann von Sachsen wurde kürzlich im Sachsenlande begangen. Ein Berliner Blatt veröffentlichte einige Erinnerungen an den gelehrten Monarchen und erzählte dabei auch solgendes: „König Johann hatte einen gtücklicheu Witz. Einen solchen zeigte er einmal, als er «Die Universität Leipzig besuchte. Bei derVorstellung der Professoren sagte er zu dem berühmten Hebraisten Fürst, der außerordentlicher Professor war: „Wir beide, lieber Professor, sind Leidensgenoffen; denn wir können in Leipzig nie ordentliche Professoren werden". Dieser vielbelachte Witz beruhte darauf, daß der König Katholik und Professor Fürst Israelit war. Tie Bekenner dieser Konfessionen dürfen aber nach dem Statut der Universität Leipzig nicht ordentliche Professoren werden." (Es ist uns nicht bekannt, daß dieses Statur auch jetzt noch besteht. Jedenfalls ist der vortreffliche Leipziger ord. Professor des Kirchen- urd Handelsrechtes Fried-- b er g, ein Neffe des ehemaligen preußischen Justizminislers, Jude g e w e s e n. Auch der Litreratur-Hisloriker Karl Biedermann, der alte Achtundvierziger, war, obwohl Israelit, ord. Professor an der Leipziger Universität. Und der Archäologe O v e r b e ck war wohl Katholik. D. Red, des Gieß. Anz.)
Meratur, Wissenschaft und Kunst.
— lieber den Vortrag des Professors Behring, der gemäß den Bestimmungen der Nobel-Stiftung in der Akademie der Wissenschaften zu Stockholm gehalten wurde, liegt jetzt nachstehender Bericht vor: Behring wies nach, daß die Serumtherapie ein sttovum in der Heilkunde und ein Fortschritt ist. Besonders betont er, daß die Serumbehandlung der Diphtherie nicht cellulare, sondern hmno- (are Theapie ist. Man könne überzeugter Eellularpathologe sein und muffe jetzt doch zugeben, daß die besten Heilmittel dadurch wirken, daß sie die im Blut befindlichen Schädlichkeiten unschädlich machen. Auf die Zellen des kranken unb, krankheitbedrohten Menschen übt das Heilserum gar keinen Einfluß aus, weder einen nützlichen, noch einen schädlichen. Während die Tiphtberieserum- therapie durch Anti-Körper Nutzen schafft, sehen wir, daß die Jenner- sche Pockenimpfung und die Pasteur'schen Schutzimpfungen durch Iso-Körper wirksam ftnö. Man kann hier von einer Iso-Therapie reden. Auch bei der Serumtherapie spielt die Iso-Therapie eine wichtige Rolle, insofern als sie unumgängliche Voraussetzung iftfüt die Gewinnung der Anti-Körper. Statt das Wesen der Iso« Therapie an der Diphrheriegiftbehandlung von Pferden auseinander- zujetzen, wo heutzutage kaum noch etwas neues zu sagen i|t, zieht Redner vor, von der isotherapeutischen Behandlung zum Zweck der Rindertuberkulose-Bekämpsung zu sprechen. An vielen Beispielen wird zunächst gezeigt, daß der landläufige Dirulenzbegriff bei ber Tuberkulose einer Korrektur bebarf. Beim Milzbrand konnte Pasteur von virulent und abgeschwächt sprechen, ohne Rücksicht zu nehme» auf die Frage, für welche Tierart die Virulenz und die Schwächung behauptet fiiib. Bei der Tuberkulose dagegen kann es Vorkommen, daß beispielsweise ein für Meerschweine vollständig abgeschwächter Tuberkelbazillenstamm noch ziemlich mrnlent ist für Kaninchen unb noch stark virulent für Pferde; ferner, daß ein für Meerschweine stack virulenter Stamm für Rinder sehr viel weniger virulent ist als ein für Meerschweine weniger gefährlicher Stamm usw. Das wichtigste ist nun, daß im Rinderversuch die immunisierende Wirksamkeit der für Rinder schwachvirulenten Tubeckelbacillenstämme festgestellt werden konnte. Die Rinder - Immunisierung wird am besten durch direkte Einspritzung des relativ unschädlichen Stammes in die Blutbahn, tm übrigen aber nach denselben Prinzipien ausgeführt, welche Pasteur für die Milzbrand-Immunisierung von Schafen aufgestellt hat. Die von Menschen stammenden Tubeckelbacillen, rnenn sie lange Zeit im Laboratorium auf künstlichem Nährboden fortgezüchtet sind, verhalten sich für Rinder wie ein Vaccin zum verderblichenVirus. Frisch auf dem Menschen herausgezüchtet, besonders aber auch, wenn man sie durch Ziegenkörper hinburchgefchickt hat, besitzen sie für Rinber eine hohe Virulenz. Nachbem die Möglichkeit Der Tu--' )erkulose-Jmmunisierung von Rinbern burch meine Marburger Versuche bewiesen ist, tritt jetzt bie Aufgabe an uns heran, burch besonbere Versuche zu erforschen, in welcher kürzesten Zeit, mit welchem Mindestmaß von Schädigung für das zu immunisierende Tier und mit welchem Mindestmaß an finanziellen Opfern der Tuberkulose-Schutz von Rindern in der Praxis zu erreichen ist. Ich habe zur Erforschung dieser Verhältnisse Unteckunftsräume und Weideplätze für eine große Rinderzahl mir verschafft und ich gedenke den mir durch die Nobelstiftung zugeflossenen großen Geldpreis dazu zu verwenden, um in umfangreicherer Weise als bls jetzt den Beweis für die Möglichkeit und praktische Durchführbar- kett einer Bekämpfung der Rindertuberkulose auf dem Wege der Pasteur'schen Schutzimpfung zu führen. Es wird mir zu besonderer Ehre unb Freube gereichen, wenn einer ober der andere unter Ihnen meine Marburger Arbeiten unb Einrichtungen an Ort und Stelle persönlich kennen lernen wollte, um bann gleichzeitig zu sehen, wie ich nach meinen Kräften bemüht sein will, entsprechend ber Absicht bes eblen Stifters Alfreb Nobel bas allgemeine Wohl zu förbern. Ich brauche wohl nicht erst noch besonbers hinzuzu« fügen, daß bie Bekämpfung ber Rinbertuberculose nur eine Etappe bedeutet auf dem Wege, welcher schließlich zur wicksamen Dec- Hütung der Menschentubeckulose führen soll. Ich wollte aber hier nicht ©Öffnungen aussprechen, sondern Thcttfächliches berichten. Illid als Thatsache glaube ich Ihnen die Rinbertubeckulose-Jmmumsie- rung berichten zu dürfen.
— Sully Prudhomme. Dem französischen schriftsteller Sully Prudhonmie ist, wie wir meldeten, der lttterarische Nobel-Preis m Höhe von 208 000 Francs zuerkamit worden. Da man biefenSiebter in Deutschlanb wenig kennt, so bürsten folgenbe Mitteilungen über ihn von Interesse sein: Sully Prubhomme wurde 1839 in Pans geboren unb, früh verwaist, von seinem Onkel, bem Notar Sully, adoptiert. Er widmete sich dem Studium der Rechtswissenschaften, lebte aber bann boch ganz seinen litterarischen Neigungen unb veröffentlichte 1865 seine ersten Gebuchte, benen bald barauf eine aanze Reihe anberer Dichtungen folgte. Seit 1881 ist er Mitglied ber französischen Akabemie. — Wie verlautet, beabsichtigt Sully Prnd- hvmme ben Nobelpreis in eine Stiftung für unbemittelte Poeten zu verwanbeln, denen für ihre der Akabemie vorher einzureichenben Werke die Druckkoslen gewährt werben sotten. Er handelt also ganz im Sinne des edlen Preisstifters Alfred Nobel, von dem man übrigens in den Lieferungen 65 und 66 des großen Prachtwecke „Tas 19. Jahrhundert m Bildnissen" (Photogr. Gesellschaft in Berlin, pro Lfg. M. 1.50) Biographie und Portratt findet. Aum der durch den Nobelpreis ausgezeichnete Physiker Röntgen rotrb in denselben Lieferungen behandelt.
— Die „Berliner Illustrierte Zeitung" beging in diesen Tagen das Fest ihres 10jährigen Bestens. Ihre Festnummer gab dem Leser einen interessanten Einblick in die Rebaktionsgeheimmfse einer illustrierten Zeitschrift. ,
Gerichtssaal.
n. Gießen, 14. Dez. Tas Schöffengericht batte sich m seiner letzten Sitzung u. a. mit einer Strafsache zu beschäftigen, die Delikte Körperverletzung, Sa ch b es ch ä b i g u n a, Uns u g unb Werfen mit Steinen umfaßte. Wegen dieser ©trat* thaten waren 15 junge Leute aus Gießen und Wies eck angeklagt, van denen zwei, darunter der eine ohne Entschuldigung, vom Termin fern blieben. Tie Angeklagten waren bei einer Tanz* beluftigung in einer hiesigen Wirtschaft in Streit geraten, der sich, nachdem ber Wirt Feierabeyb geboten hatte, auf ber ©trafje jori* setzte. Hierbei begingen sie bie erwähnten Ausschreitungen. Wegen groben Unfugs unb Weckens mit Sternen würbe gegen samtluye Angeklagte auf eine Gelbstrafe von 10—15 Mk. erkannt; bes wetteren gegen die Gießener, die gestänbig fiiib, von einem ötacfet Zotten abgerissen unb zu ihrer Verteidigung benutzt zu haben, aus eine Geldstrafe von 15 Mk. Ter am schwersten Belastete, em vor- bestrafter Arbeiter aus Wieseck, erhält auch noch wegen Körper-


