Ausgabe 
17.11.1901 Drittes Blatt
 
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Nr. 271 Drittes Blatt. 151. Jahrgang.

Sonntag 17 November 1901

Erscheint tägNch mit Ausnahme des Montags.

Die Gießener Familien- blätter werden dem An­zeiger im Wechsel mit dem ,Hefs. Landwirt* und den .Blättern für hessische Volkskunde* viermal wöchentlich bet- gelegt.

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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

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Verantwortlich für den allgemeinen Teil: P. Wittlo; für den An­zeigenteil: Hans Beck.

Aus Stadt und Land.

(Der Abdruck der unter dieser Rubrik befindlichen Original-Nachrichten lst.rrrrr unter genauer Quellenangabe:Gieß. Auz." gestattet.)

Gießen, den 16. November 1901.

Mainz, 13. Nov- Bor dem Eintritt in die Tages­ordnung der heutigen Sitzung der Stadtverordneten- Bersammlung gab der Vorsitzende, Oberbürgermeister Dr. Gaßner, der Versammlung davon Kenntnis, daß von dem verstorbenen Herrn Gustav Hirsch den Armen der Stadt 10 000 Mk. vermacht worden sind, die nach Aussage des Testamentsexekutors Ladenburg um die Weihnachtszeit an die Armen verteilt werden sollen. Derselbe Erblasser hat der Stadt Mainz eine Stiftung von 100 000 Mk. ver­macht, deren Zinsen begabten Schülern behufs Fortbildung zugewandt werden sollen. Die Verwendung soll im Sinne des in Köln verstorbenen Oberlehrers Weinkauf geschehen, der zu gleichem Zweck s. Zt- der Stadt Kreuznach ein Legat vermachte. Für die Beschaffung von außergewöhnlicher Arbeitsgelegenheit zur Beschäftigung von Arbeitslosen wurden vorläufig, auf Antrag des Stadtverordneten Gerster, 10000 Mk. bewilligt- Der städtische Bauausschuß hat eine größere Summe zur Beschaffung von Arbeits­gelegenheit für Arbeitslose bewilligt. Der Betrag soll zu Nvtstandsarbeiten verwendet werden.

Wetzlar, 15. Nov-, Dieser Tage wurde aus den Werk­stätten des Herrn Karl Buß hier die 100. Rübenmühle zur Bahn gebracht, welche seit Mitte September dieses Jahres pis heute verkauft wurde. Dieselbe ging nach Krofdorf- Es ist dies ein sicherer Beweis Dafür, welche Anerkennung und Beliebtheit diese Maschine überall bei den Landwirten -gefunden hat.

** Kleine Mitteilungen aus Hessen und den Nachbarstaaten. In Mainz stieß man beim Abräumen der Erdmassen im Raimundigarten auf.zwei wohlerhaltene Skelette, die kaum einen halben Meter unter dem ehemaligen Boden hinter der Mauerbrüstung lagen. Ein dabei ausgefundenes Born- Lenstück läßt die Vermutung auskommen, daß man es mit den Ueberresten zweier Soldaten zu thun hat, die bei einer Belagerung auf der Schanze gefallen und dort begraben worden waren. Der Arzt Dr. Dölcher vonKlein-Wall- stadt versuchte Selbstmord, indem er zwei starke Pillen Sublimat zu sich nahm. Da er seine That alsbald seinen Angehörigen mitteilte, wandten diese sofort Gegenmittel an. Die anfangs eingetretene Besserung erwies sich jedoch als trügerisch. Jetzt erscheint der Zustand des Kranken als völlig hoffnungslos. Dr. Dölcher ringt gegenwärtig unter unsäglichen Schmerzen mit dem Tode. Er beging die That in Erregung, in die er durch falsche Anschuldigungen einer Frauensperson, die ihn eines an üjr begangenen Sittlichkeitsvervrechens bezichtigte, versetzt worden war. Ein schweres Unglück hat die aus 6 noch ganz unversorgten Kindern bestehende Familie des Bahnarbeiters Gecke zu Lippstadt betroffen, der in seinem Eifer nach dem einem Versandtkorbe entschlüpften Huhne, das aufs Geleise ge­raten war, den heranbrausenden, in den Bahnhof ein­fahr end en Güterzug nicht vernahm, von der Maschine er­saßt und gänzlich zerstückelt wurde. In Thule unweit Lippstadt wurde die 26 Jahre alte Dienstmagd Reitemeyer wegen eines geständigen dreifachen Kindermords, den sie zuletzt vor vier Wochen an einem neugeborenen Kinde und vor ca. anderthalb Jahren an Zwillingen begangen, die sie lebendig begraben, gefänglich eingezogen.

Vermischtes.

* Der Rentner Wilhelm Hildebrandt hat, wie bereits mitgetellt, dem Kaiser seine Villa in

Arco am Gardasee zur freien Verfügung gestellt. Hilde­brandt gehört nicht nur zu den reichsten Leuten der sächsischen Kapitale, er ist auch geradezu als ein schwärmerischxr Ver­ehrer Kaiser Wilhelms bekannt. Sein Reichtum würde es ihm gestatten, noch freigebiger zu sein. Denn es ist schleckster- dinas nicht einzufeben, wie er auch nur einen erheblichen Teil des Zinsgenusses seines Vernrögens allein verbrauchen könnte. Eigene Leioeserben hat er nicht- Nur zwei Nichten und eine Köchin umgeben ihn, mit denen er seit Jahren ein ambulantes Leben" führt. Von Dresden, seinem eigent­lichen Wohnsitze, hält er sich fast das ganze Jahr fern. Er verbringt feine Zeit auf Reisen, die ihn häufig in die ent­legensten Erdenwinkel führen. Den Winter im Süden, haust dieser freiwillige dLomade im Hochsommer schon seit Jahren auf der Jffiz-Alpe dicht bei Bad Leuk im Berner Ober­lande, an der Walliser Grenze, wo die Jungfraukette ihren Anfang nimmt Dort oben hat er sich an einem Abgrunde eine Villa hinbauen lassen, wo er in freigewählter Einsam­keit mit seinen beiden Nichten die Hochsommertage genießt. Als Feinschmecker hält er auf Küche und Keller, sodaß die Verproviantierung nicht nur eine schwierige, sondern auch sehr kostspielige ist. Kann doch die Heraufschaffung allen Komforts und alles Genießbaren nur auf den Schul­tern von Trägem geschehen, von denen mehrere ständig unterwegs sind. Besonders schwierig gestaltet sich die Sache, sobald es Gäste da oben giebt. Und solche giebt es, denn verirrte Touristen werden mit einer Gastfreundschaft von ihm ausgenommen, die nicht selten tagelang währt. Bleibt das Wetter anhaltend schlecht oder überkommt eine Laune den Einsiedler, dann werden die Zelte abgebrochen, und fort geht's, oft programmlos, in die Welt hinein. Für die Dresdener ist Herr Hildebrandt schon zu einer legendären Persönlichkeit geworden, und es muß schon ein ungewöhn­licher Anlaß vorliegen, wenn er fein hiesiges Heim aufsucht.

* In der Angelegenheit des Baron Wall­burg, von der wir wiederholt berichteten, ist jetzt an­scheinend eine interessante Wendung eingetreten und zwar durch eine soeben erfolgte Exhaftierung. Es handelt sich um Die Schwester des Sohnes des verstorbenen Erzherzogs Ernst, um die Rittmeisters-Gattin v. Simics, die bekannt­lich .roegen angeblicher Fälschung des Trauungsscheins ihrer Mutter verhaftet worden war, ein Ereignis, das das größte Aussehen hervorrief. Die Dame ist nun in Laibach auf freien Fuß gesetzt, und damit ist der Stand der ganzen Affaire wieder in ein neues interessantes Licht gerückt worden.

* Die Ueberführung des Briganten Mu- solino, so wird aus Rom geschrieben, aus dem Ge­fängnisse von Urbino nach Catanzaro ist nicht ohne einige aufregende Zwischenfälle vor sich gegangen. Begreiflicher­weise waren die schärfsten Vorsichtsmaßregeln getroffen; nicht weniger als acht Gendarmen, die mit Sorgfalt aus- gewählt waren, wurden zu seiner Begleitung bestimmt. Die Stunde der Abfahrt von Urbino war geheim gehalten, so daß die letztere fast unbeachtet vor sich gehen konnte. Sowohl die Kutsche, die den Gefangenen nach dem Bahn­hof brachte, wie der Eifenbahn-Zellenwagen, den man aus Parma kommen ließ, wurden der genauesten Unter­suchung unterworfen; jener wurde während der dem Transport vorangehenden Nacht von einem Polizeiagenten als Schlafstätte benutzt. Alle Vorbereitungen wurden durch den schon seit mehreren Tagen in Urbino befindlichen General-Gefängnis-Jnspektor Doria persönlich geleitet, der sich auch noch in der Nacht vom tadellosen Zustande des Eisenbahn-Zellenwagens überzeugte. Denn Musolino hat kein Hehl daraus gemacht, daß er alles versuchen werde, um wieder zu entwischen, und man weiß, daß er zu allem fähig ist. Zwei Stunden nach Mitternacht begab sich

der General-Inspektor mit zwei Aufsehern in die Zelle Musolinos, der sich wach im Bette befand. Er folgte den: Befehle, aufzustehen und wurde dann geheißen, die Zelle zu verlassen.Im Hemde?" fragte er ironisch.Ja­wohl", war die Antwort, worauf er gehorchte und sehr langsam die braun und weiß gestreifte Gefängnistracht anlegte. Bis dahin hatte er seine eigenen Kleider ge­tragen. Man legte ihm die Handschellen an, und wollte ihn zu dem Wagen führen, als er plötzlich äußerst un­geberdig wurde.Non vajo, non vajo!" schrie er mit aller Kraft seiner Lungen;ich gehe nicht! ich gehe nicht' In dem Anzuge will ich nicht hinaus!" Er warf sich auf den Boden und fuhr fort, zu schreien und zu fluchen, daß in der Stille der Nacht das ganze Gefängnis wider­hallte. Die Ruhe und Festigkeit, mit Der der General­inspektor dem Aufgeregten Vernunft beizubringen suchte, verfehlte diesmal ihre Wirkung. Der Gefangene schäumte. Ich will meine Kleider!" schrie er.Ich gehe nicht und wenn Ihr mich erschießt. Schießt doch! Ich habe ein Ba- taillon Soldaten nicht gefürchtet. Ich zittere vor nieman­dem. Wenn ich verurteilt bin, werde ich das Zeug an­ziehen; jetzt will ich meine eigenen Kleider!" Die Zeit drängte, es blieb nichts übrig, als daß die Staatsmacht nochmals vor dem Briganten zurückwich, wollte man nicht die Wirkung der sorgsamen Vorbereitungen vereiteln, und dem stillen Städtchen ein peinliches Schauspiel bieten. Mu­solino durfte also in seinen Kleidern: einer Lodenjoppe, Flanellhemd, Jagdhosen, Stieseln und breitkrämpigem Ka­labreser den Zweispänner besteigen. Neben ihm nahmen zwei Karabinieri Platz, von denen jeder ein Ende der ihm um die Hüfte gelegten starken Kette hielt. Der Ge­neralinspektor und Der Gendarmerieleutnant fliegen auf den Bock. Drei Karabinieri zu Fuß gingen dem Wagen voran; zwei berittene folgten ihm. Neben dem Schlage ritt der Unterleutnant, Der den Transport auf der Eisen­bahn zu leiten hat. Langsam ging es es war einhalb 3 Uhr morgens durch die engen, steilen, gewundenen Gäßchen, die mit Kiesel und Ziegelsteinen gepflastert, aber elektrisch beleuchtet sind, dem Thore zu. Das' nächtliche Dunkel und dichter Nebel machte die Fahrt auf der in Windungen absteigenden Landstraße zum Bahnhöfe für die wenigen Augenzeugen zu einem düsteren Schauspiel. Einem entgegenkommenden Lastfuhrmann wurden zu seinem nicht geringen Erstaunen durch Die Karabinieri die beiden unter und über dem Karren baumelnden Satemen abgenommen, mit denen nun der Weg notdürftig erhellt ward. Rechts und links waren verschiedene Posten aufgestellt. Auf dem Bahnhofe angelangt, "wurde Musolino sogleich nach dem Zellenwagen geführt. Bei seinem Anblick fing er wieder an, heftig zu protestieren:Non vajo! Non vajo" Da gehe ich nicht hinein!" Diesmal machten die Kara- binieri kurzen Vrozeß; sie stießen ihn hinein, und schlossen ihn in eine ber beiden mittleren Zellen, deren Gitter-, fenster eigens verstärkt war, ein, worauf er sich rasch beruhigte. Vier Karabinieri nahmen in dem gleichen Wagen Platz. Zwei von ihnen blieoen abwechselnd in dem Zwischengange, auf den die Zellthüren münden und be­hielten Die Durch Das Gitterfenster geführte Kette in Händen. Um 4 Uhr erfolgte Die Abfahrt Des planmäßigen Zuges, in Den Der Zellenwagen gleich hinter Dem vorderen Gepäckwagen eingefügt wurde. Wie berichtet wird, ist die Fahrt bis hierher ohne weitere Störung verlaufen. Mu­solino hat einem Der Karabinieri zugesagt, sich ruhig ver­halten ^zn wollen, wenn man bei Der Ankunft in Rom das von ihm aufgesetzte GnaDengesuch Drahtlich Dem Könige übermittele. Als Die Station Acqualagua (wo er Den Ka­rabinieri in Die Hände gefallen ist) ausgerufen wurde, hörte man ihn laut Verwünschungen ausstoßen.

Plaudereien aus der Kaiserstadt.

(Nachdruck verboten.)

Die Stadtverordueten-Wahlea in und um Berlin. Zum Raub- anfall auf der Leipzigerstraße. Vorbereitungen zum Totenfest.

Der große Wahlfeldzug liegt hinter uns. Die Schlacht ist geschlagen. Der Lärm verrauscht langsam. Ein paar rote Stimmen mehr im roten Hause, die bei Abstimmungs­resultaten trotz allen Geschreis nichts zu bedeuten haben wer­den: das ist Das Resultat für Berlin. Auch in Den meisten Vororten sieht's ähnlich ans. Nur Potsdam, eine der Hoch­burgen des konservativen Regimes, macht eine Ausnahme; Denn dort haben es die Sozialdemokraten vorläufig nur bis zu zwei Stichwahlen gebracht. Die alte betrübende Erfahr­ung zeigte sich auch in diesem Jahre wieder, nämlich einerseits die unbesiegbare Gleichgiltigkeit des weitaus größeren Teiles der Wählerschaft, die selbstverstänDlich der rührigen, unablässig schürenden und straff organisierten äußersten Linken zu gute kommt, itnD zweitens die stetig fortschreitende, widersinnige Verquickung der kommunalen mit politischen Interessen. Als ob es irgend welchen Sinn hätte, einen Vertreter, der über Pflasterung, Kanalisation, Wohlthätig- keits-Jnstitute und tausend andere, ganz unpolitische Di n g e entscheiden soll, daraufhin zu wählen oder nicht zu wählen; weil er als Staatsbürger mehr zu Rickert oder Richter neigt! Aber thatsächlich sind Derlei Unterschiede für einen großen Teil Der Wählerschaft mehr maßgebend, als alle praktischen Befähigungen für die Vertretung wirklich kommunaler Inter­essen! Dos Einigsein wollen unsere Ordnungsparteien -nun einmal nicht lernen und hohnlachend holen sich die klugen Socis alle unzufrieden Schwankenden in ihre ge­schlossene Gruppe hinüber. Zu Ordnungsstörungen ist es nirgends gekommen; hier und Da gab's wohl ein wenig

Lärm; Erbitterung über unerwartete Durchfälle; Sieges­geschrei nach erfolgter Auszählung; aber es blieb Doch alles in Den gehörigen Grenzen, unD Die Polizei Drückte verständnisvoll ein Auge zu, wenn die Wogen der roten Begeisterung einmal allzu hoch gingen. Wie gesagt, Schaden werden Die zuwachsenDenVolks"-Vertreter nicht anrichten können, Dazu laugt's, Gott sei Dank, auf Dem linksten" Flügel noch immer nicht!

Daß Die Polizei in Den WahlhänDeln so weise gewesen ist unD sich passiv verhalten Hal, Darf man ihr zum guten buchen. AnDers jedoch sieht's mit Der geraDezu unerhörten nächtlichen Unsicherheit unserer frequentierteften Straßen. Ter Ucberfall eines eben zugereisten Frankfurter Webers, Der in feiner Gutherzigkeit einem Bummler Das GelD für ein Nachtquartier schenken will unD wohlverstanden: unter einer brennenDen Laterne Der Leipziger Straße niederge- schlagen unD ausgeraubt wirb, _ ohne sofort polizeiliche Unterstützung finDen zu können, ist trotz, seiner Vereinzelt- heit eine ganz beDenkliche Erscheinung unD wirD uns trotz aller Erklärungen heillos in Verruf bringen. Tie großen Verkehrsstraßeu, Die von Den Bahnhöfen durch Die Riesen­stadt führen, Dürften in keinem Augenblick ohne aus- reichenoe Ueberwachung sein, ober man muß ben Nacht­verkehr überhaupt verbieten. Unb ber Anfang bazu ist ja längst gemacht. Seit ber gesetzlichen Ladenschlußstunde bietet bie Weitstabt nach 9 Uhr abenbs einen sehr gemischten Einbruck. Nicht einmal eine Zigarre kann sich Der FremDe mehr kaufen, Der ein paar StunDen Nachtaufenthalt hat unD Die teuren Preise Der Cafehaus-Giftnudeln scheut, währenD früher einzelne Geschäfte zu jeDer StunDe Der Nacht offen waren. Nur Das Laster bietet sich an, nach wie vor, frech unD toiDerroärtig; unD Die schäbigen wie eleganten Spelunken, in Denen es sich spreizen Darf, werfen ihren Lichtschein auf Die toten Straßen. Nikotin muß eben Doch viel, viel giftiger sein! Ein weiteres Moment für Die Möglichkeit Des erwähnten UeberfallS bilDet Die Sparsamkeit in ber Beleucht­

ung. Anstatt bie Fortschritte in ber Beleuchtungstechnik voll auszunützen unb alles lichtscheue Gesinbel durch flutende Lichtwellen von den großen Verkehrsadern zu ver­scheuchen, wird gespart! Nicht nur in Berlin; erst recU in den Vororten, Die eifriger denn je um Zuzug von außer­halb werben, und nicht erkennen, daß durch solche Untere lassungssünden der Erfolg ihrer Liebesmüh' von vornherein verkümmert werden muß! Aber wenn die rätenben und thatenden Stadtväter nur eingeschworen konservativ, frei­sinnig oder sozialistisch sind: das ist doch schließlich die Hauptsache! Parteierleuchtung, nicht Stadtbeleuchtung! Ich glaube, das Lied ließe sich wo anders auch singen!

Eine Gruppe von Geschäftsleuten giebt es Heuer in Berlin, die sich durch nichts, aber auch rein gar nichts, von ihrer Arbeit abziehen lassen, das sind die Gärtner und Blumenhändler, die nun schon seit Wochen damit beschäf­tigt sind, die großen Kranzmengen, die der Totensonntag! in Berlin erfordert, zusammenzubringen. Tag und Nacht wirdgeschuftet", wie der Berliner so schön sagt, um für Diesen großen Erntetag gerüstet zu sein. Ta wir nicht so abscheulich praktisch wie Die lieben Wiener sind, Die am Allerseelentag ihre Gräber schmücken, aber abends den dauer­haften Grabschmuck wohlverpackt mit nach Hause nehmen, um ihn im nächsten Jahre wieder zu verwenden, so schwimmt Berlin förmlich in frischen Kränzen in diesen Tagen vor dem düsteren Feste! Eine neue Spezialität, die die Industrie in diesem Jahre auf Den Martt bringt, sinD Die Wollstaub- kränze. Die Den EinDruck von bereiftem Laub Hervorrufen! unD sehr Dauerhaft sein sollen. Aber sie wirken, wie alle Künstlichkeit auf Diesem Gebiete, nicht gerade hervorragend schön, wenigstens auf einen ästhetisch gebildeten Geschmack. Ter Berliner wird sich seine Vorliebe für lebendiges Grün und wirkliche Blumen dadurch kaum trüben lassen. In dieser Beziehung ist er, unbeschadet seiner sonstigen berühmten Forschestock-konservativ." A. R.