Nr. 317 Drittes Blatt.
151. Jahrgang.
Sonntag 15. September 1901
erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
fDie Gletzener Familien, «blätter werden dem Anzeiger im Wechsel mit oem „Hess. Landwirt" amd den „Blattern für hessische Volkskunde" viermal wöchentlich beigelegt.
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GietzenerAnzeiger
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Die Lage in China.
Der „Ostasiat. Lloyd" schreibt in seiner soeben eingetroffenen Ausgabe vom 2. August: Ueber die Unruhen in der Provinz Tschili hört man nur sehr wenig. Die chinesischen Behörden unterd,rücken alle Telegram me, in denen über diese Ereignisse Meldungen enthalten sind; so ist man ausschließlich auf briefliche Nachrichten angewiesen. Diese lauten allerdings wenig g ü n st i g. Die revolutionäre Bewegung greift immer weiter um sich. Die „Lien-Tschuanhui", eine geheime Gesellschaft, die in erster Reihe gegen die Zahlung von Entschädigungen an die Christen agitiert, breitet sich immer weiter aus. Sie ist heute bereits thatsächlich ein Bund des angesessenen Bauernstandes, dem.sich die zersprengten Boxer und früheren chinesischen Offiziere an geschlossen haben. Jede Sippe entsendet in die Lien-Tschuang- ,hui einen Vertreter und, wer sich weigert, es zu thun, wird als Feind behandelt und ist der Willkür der Führer des Bundes preisgegeben. Bisher sind alle ihnen entgegengesetzten kaiserlichen Truppen — namentlich die Anhui-Leute — geschlagen. Schon sind die Hsiens in der unmittelbarsten Umgebung von Pao- tingfu, Wan-Hsien, Kao-Pang-Hsien und Hiung-Hsien, in ihren Härchen. Li-Hung-Tschang hat die Truppen, die ihm zur Verfügung stehen, zu einem entscheidenden Schlag zusammenziehen lassen; ob es ihm gelingt, mit ihnen Herr der Bewegung zu werden, Tann bezweifelt werden. (Ob er es überhaupt ernstlich will, darf wohl noch zweifelhafter sein. D. Red.) Li selbst scheint in dieser Hinsicht kein allzu großes Vertrauen zu hegen. Das erhellt aus einem Aufruf, mit dem er sich an die Chinesen im Ausland wendet und in dem er sie zur Zeichnung von Geldmitteln auffordert, mit denen der Not in der Provinz Tschili gesteuert werden kann; er führt aus, daß die Zahl der Unzufriedenen nur dann erfolgreich verringert werden könnte, wenn man für sie Brot zu beschaffen im stände ist.
Wird China unter diesen Umständen die Friedens-Bestimmungen halten oder zu halten im stände sein?
Diese Frage wird sich kaum bejahen lassen. So werden anscheinend die VerbotenenPrüfungen nach wie vor ruhig weiter veranstaltet werden. Der „Ostasiat. Lloyd" schreibt dazu: Ein kaiserliches Edikt hat bekanntlich ausdrücklich angeordnet, daß in Uebereinstimmung mit dem Präliminarfrieden in allen Städten, wo Fremde ermordet oder grausam behandelt worden sind, alle öffentlichen Zivil- und Militärprüfungen eingestellt werden sollen. Wie dieses Edikt gehalten wird, erhellt aus der folgenden Mitteilung der „Hsin-Wen- Pao":
„Nach Abzug der Verbündeten wird, da die Examenshallen durch die fremden Truppen zerstört sind, die Prüfung für den Grad eines Tung-scheng und Hsin-tsai in Ting-Tschou abg ehalt en werden. Ter Stadtpräfekt, der an der persönlichen Leitung der Prüfung durch die Wiederherstellung geordneter Verhältnisse in Paotingfu verhindert ist, hat den designierten Präfekt Kung damit b e - a u f t r a g t."
Was werden dazu diejenigen sagen, die vom Abschluß der Friedensverhandlungen bereits eine „neue Aera" des Welthandels usw. datieren? „Auch sonst herrscht, so schreibt der „Ostasiat. Lloyd", noch vollkommene Unklarheit über das, was erreicht worden ist. Nur vereinzelt finden sich in der chinesischen Presse Andeutungen über das, was zu erwarten ist. So schreibt z. B. die „Sun Pao": „Im Artikel XII. der Friedensbedingungen ist die Schleifung der Takubefestigungen vorgesehen. Tie fremden und chinesischen Kaufleute von Tientsin haben das diplomatische Korps ersucht, durch die Militärbehörden in Tientsin baldigst die Schleifung vollziehen zu lassen, mit Rücksicht auf den Schiffsverkehr aber von einer Sprengung mit Dynamit
Feuilleton.
(Nachdruck verboten.)
Sage von der Entstehung der Amgen Aehöerg, Kleiöerg und Wettenberg.
Im Lahnthale wohnten einst drei Brüder ritterlichen Geschlechts. Alle drei beloarben sich um die Hand der edlen Bertha vom Dünsberg. Dem Edelfräulein fiel die Wahl schwer; denn alle drei wurden wegen ihrer ritterlichen Tugenden gleich wert geschätzt. Nach tagelangem Sinnen kam ihr endlich der Gedanke, wie sie die Qual ihrer Wahl heben könnte. Als sie, nachdem sie endlich einen Ausweg gefunden, wohlgemut auf ihrer Burg zu Dünsberg beim Mahle saß, ließ sie sich die drei Brüder kommen. „Ich schätze Euch alle glM wert, ihr edlen Herren", redete das Fräulern sie an, „keiner soll vor dem anderen zurückstehen. Darum erbaut Euch drei Vesten dort auf den Hügeln, bis der Frühling wieder zieht ins Land. Ten werde ich mir wählen zum Gemahl, auf dessen Burg mir's am besten gefällt."
Die drei Brüder machten sich sogleich an die Arbeit, und als der Frühling erschien, erhoben sich auf den „sieben Hügeln" drei stolze Burgen, keine der anderen an Pracht etwas nachgebend. Da kamen die Brüder zusammen, be- sttmmten den Tag, an dem sie das Fräulein Bertha einladen wollten und schwuren sich bei ihrem Rittereide, daß keiner den andern beneiden wolle, wen die Wahl treffen würde.
Am bestimmten Tage schreitet das Edelfräulein vom Dünsberg hinab, die Höhe hinan, wo die erste Burg stand. Beklommen sicht ihr Herr die holde Maid herankommen, obschon seine Burg ihr am ersten und schönsten entgegen- sachte. Doch die Hoffnung auf den teueren Preis stärkt ihm |
abzusehen, die Werke vielmehr durch Kulis abtragen zu lasse n."
Vermischtes.
* Hamburg, 11. Sept. Die „Hamburgische Börsen- halle" meldet: Wie die Hamburg-Amerika-Linie gelegentlich einer längeren Ausführung mitteilt, hat sie in diesem Jahre Schiffe im Werte von 42 Millionen Mark abgenommen und noch int Bau. Außer dem Betrag für die davon bereits gelieferten Schiffe find auch auf die noch im Bau befind- lichen bereits etwa 20 Millionen Mark angezahlt, trotzdem die Mehrzahl davon erst gegen Ende 1902, einige sogar erst 1903 zur Ablieferung kommen.
* Straßburg, 10. Sept. Bei dem gestern in der Gegend von Schleithal und Oberseebach von Truppenteilen des 15. Armeekorps abgehaltenen Manöver wurde ein Schuß mit scharfer Patrone abgeaeben, durch den zwei Soldaten verwundet wurden. Die Kugel ging unter einem Pferde durch und traf zunächst einen Offiziersburschen in die Wade. Der Getroffene erhielt am Knöchel eine erhebliche Verletzung. Ein zweiter Soldat, der daneben stand, wurde durch die Kugel am Arm verletzt. In unmittelbarer Nähe der beiden Verwundeten befand sich ein Major, sowie ein Adjutant. An der betreffenden Uebung beteiligten sich das Infanterie-Regiment Nr. 105, Ulanen und Jäger. Die sofort angestellten Recherchen nach dem Thäter blieben ergebnislos, obwohl sämtliche Gewehre untersucht wurden.
* London, 11. Sept. In dem Kohlenbergwerk von Caerphilly (Graffchaft Glamorgan) fand in vergangener Nacht eine Explosion statt, wodurch 20 Mann verschüttet wurden. Zwei von ihnen wurden lebend, einer tot herausgezogen. Man befürchtet, daß die übrigen ihr Leben einbüßten.
* Moskau, 12. Sept. 10484 silberne Münzen aus der Zeit der Kaiser Michael Fedorowitsch und Alexei Michailo- witsch von 1613 bis 1673 wurden 6 Wen unter der Erde aufgefunden und der Archäologischen Gesellschaft übergeben.
* Portv Ferr ajo, 12. Sept. Heute morgen schlug der Blitz in die Schornsteine im Bau begriffener Hochöfen. Vier Arbeiter wurden getötet, zwei leicht verletzt.
*Montlucon,12. Sept. Graf AlertedeCharette, ein Neffe des bekannten Generals de Charette, des Kommandanten der päpstlichen Zuaven, ist auf der Jagd ums Leben gekommen. Bei einem Sturze entlud sich sein Gewehr und zerriß ihm die Schlagader.
* Eisenbahnun fälle. Im Monat Juli d. I. sind auf deutschen Eisenbahnen — ausschließlich der bayerischen — 14 Entgleisungen auf freier Bahn (oarunter 6 bei Per- fonenzügen), 12 Entgleisungen in Stationen (davon 5 bei Personenzügen), 2 Zusammenstöße auf freier Bahn (davon 1 bei Personenzügen), 14 Zusammenstöße in Stationen (davon 2 bei Personenzügen) vorgekommen. Dabei wurden 2 Reisende uno 2 Bahnbedienstete getötet, 19 Reisende und 11 Bahnbedienstete verletzt.
* In einem kleinen deutsch-böhmischen Orte füllte nach dem „N. W. I." ein „Gemischtwarenhändler" einige Rubriken d.es Volkszählungsbogens folgendermaßen aus:
Name: Wenzel Hrubaczek. Beschäfttgung: Greisler (Vorkosthändler). Alter: Auch Greisler.
Nebengeschäft: Spängler. Haustiere: grün.
Die Kommission ermittelte, baß er unter1 „Alter" seinen Vater, unter „Nebengeschäft" das Geschäft nebenan verstanden und die Farbe seiner Hausthüre angegeben hatte!
_ * Die Visitenkarte des Prinzen Tschun, die dieser bei seinen Besuchen abgiebt, ist 25 Zentimeter lang uno 12 Zentimeter breit. Die Vorderseite ist ponceaurot und zeigt drei schwarze chinesische Schriftzüge, von denen
den Mut; alle Befangenheit ist dahin, und fest redet er sie an: „Ich begrüße Dich, edle Jungfrau, an der Schwelle dieser Burg. Hier wirst Du walten als glückliche Frau. Dich beschützen gar starke Mauern; des Feindes Macht wird zerschellen vor dieser V e st e auf dem Ber g."
Freundlich empfing der Zweite das Edelfräulein vor seiner Burg und führte sie durch die prächtig hergerichf- teten Räume derselben. Köstliche Bergesluft wehte Einem hier entgegen, und entzückende Aussicht bot sich dem Auge ins grüne Thal, durch das sich die Lahn schjängelte. „Hier sollst Du schalten", redete der Burgherr die Holde an; 'um Dir ein trautes Heim zu bereiten, habe ich Tag und Nacht gesonnen, und wohl vermesse ich mich, zu behaupten: An Festigkeit und Pracht habe ich eine gleiche Burg wie jene errichtet! Und sollte die Uebermacht sie Mrzen, so schützt Dich diese starke treue Hand!"
Zur Burg des dritten und jüngsten Bruders lenkt nun Fräulein Bertha ihre Schritte. Frohbewegt ob all des Vielen und Schönen, das sie gesehen, gelangt sie vor der dritten Burg an und heiter erwidert sie den Gruß, den ihr der Burgherr zum Willkomm beut. Gar wohl gefiel ihr auch diese Burg, die Aussicht ins obere Thal bot. „Nicht lange, edle Jungfrau", begann der Burgherr die holde Maid anzureden, will ich preisen die Schönheit und Vorzüge meiner Burg; jenen, ich möchte wohl w eiten, steht mein Berg nicht nach. Tote Manern vermögen Dich nicht allein zu schützen und Dir des Lebens Glück zu verleiben; Dich schützt meine Hand, und wenn auch diese erlaymt, bleibt Ter mein treues Herz!" — Nicht schwer mehr fiel jetzt Fräulein Bertha die Wahl; sie erkor sich den dritten und jüngsten Bruder.
Trotz des gegebenen Wortes, Berthas freie Wahl als heilig zu achten, kehrte Neid und Haß in der Brüder Herz, das von nun an nur Gedanken der Rache kannte Zur
jeder 5 Zenttmeter hoch ist. Tie Rückseite ist weiß Auch die Flagge des Prinzen, die auf dem Bellevue-Hotel in Berlin weht, hat eine andere Form als die chinesische Staatsflagge, die man auf dem angrenzenden Tiergarten-Hotel sieht, wo ein Teil des Gefolges wohnt. Das gelbe Tuch der Prinzenflagge ist bedeutend schmaler als das der Staatsflagge, ist an den Rändern stark gezackt und hat über dem Drachen schwarze, und rechts von ihm rote Schriftzüge, während das Tuch der Staatsflagge an den Rändern glatt ist und neben dein Trachen nur die rote Kugel zeigt.
Für die Redaktion verantwortlich i. V.: R. D i 11 m a n n.
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nächtlichen Stunde führten sie ihre Vasallen mit ihrem -rroß vor des Bruders Burg, um sie zu überfallen. Turch List, und Trug, der überall zu Haus, gelingt es, die fast uneinnehmbare Burg zu erzwingen. Was nützt der Widerstand, was nützt es, daß auch die Besten sich opfern. An allen Ecken prasseln die wilden Flammen, uno am Morgen liegt in Schutt und Asche die Wettenburg. Auch die Burg Dünsberg fällt der wilden Wnt der Brüder zum Opfer, damit keine Stätte bleibe, wo das Glück ihres Bruders und der verhaßten Frau Bertha wieder blühe. Nur Vetzberg und Gleiberg ragen noch zum Wolkenhimmel empor, als wollten sie der Welt erzählen von der Nachsucht und dem Treubruch der feindlichen Brüder.
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Woher der Name „Heidetürm" kommen soll?
Gegenwärttg, wo man beschäftigt ist, das alte Schloß am Kanzleiberg wieder herzustellen, liegt es nahe, nach der Herkunft des Namens „Heideturm", des Restes der alten Burg Gießen, zu fragen. Der Volksmund weiß davon folgendes zu berichten: Zu einer Zeit, als das fahrende Gesindel zur Landplage geworden, trieben sich in der Umgegend von Gießen häufig Zigeuner, im Volksmund „Heiden", herum. Ein Hauptgewerbe dieser braunen Gesellen war, den Leuten die Karten zu legen und ihnen aus den Furchen der Hand die Wahrheit zu sagen. Tas leichtgläubige Volk ließ sich das Geld ans der Tasche locken, ohne die Wahrheit zu erfahren. Bei einer dieser Gelegen- heietn wurden die Behörden in den Streit mit den Wahrsagern verwickelt, der damit endete, daß man das ftemde Gesindel vor den Richter schleppte. Zur Strafe dafür, daß sie die Wahrheit nicht gesagt, sperrte man sie in den Burgturm, oer von dieser Zeit an, weil er die Zigeuner, „die Heiden" beherbergte, der Heidenturm oder kurz Heideturm" genannt wird.


