storbenen ein ehrendes Andenken zu bewahren. Sämtliche serbischen Blätter erscheinen mit Trauerrand. Das gesamte diplomatische Korps kondolierte im Konak zu Belgrad. Für das serbische Heer ist eine dreimonatliche Trauer angeorbnet Die Theater und die VergnügungSetabliffements Serbiens find geschloffen.
Am Dienstag langte in Wien eine Kondolenzdepesche des Zaren an König Alexander ein, den man in Wien vermutete; sie wurde nach Belgrad weiter telegraphiert König Alexander telegraphierte an eine Wiener Persönlichkeit: „Ich bin derunglÜcklichsteMensch! Mein Theuerstes habe ich verloren!"
Die erste Einsegnung der Leiche Milans fand am Mittwoch in der Privatwohnung des Verstorbenen in Wien statt. Der Kaiser Franz Josef empfing den ersten Adjutanten des Königs von Serbien, Petrowitsch, der anläßlich der Erkrankung Milans nach Wien entsandt wurde, in besonderer Audienz.____________________________________
Kolonialpost.
Gefallener Offizier. Der stellvertretende Kommandeur der Kameruner Schutztruppe, Hauptmann von Schimmelpfennig. gen. v. d. Oye, macht bekannt, daß der Oberleutnant Ernst Lequis am 7. Dezember in einem Gefechte bei Wei jambaffe im Jaunde Bezirke gefallen ist. Oberleutnant Lequis gehörte früher dem Fuß-Artillerie- Regiment Nr. 15 an und ist erst im vorigen Juli nach Kamerun abgereist. Aus dieser Anzeige ist ersichtlich, daß im Jaunde Bezirke die erwartete Ruhe nicht eingetreten ist, und daß fortdauernde Kämpfe mit den Eingeborenen stattfinden. Auch die Buli haben von Neuem Anzeichen von Kampfeslust zu erkennen gegeben. Darin zeigen sich immer neue Gründe dafür, daß das ganze Küstengebiet von Kamerun eine starke Besatzung verlangt.________________________________
Deutsches Reich.
Berlin, 13. Febr. Dem „Reichsanz." zufolge hörte heute der Kaiser im Homburger Schlosse die Vorträge des Reichskanzlers Grafen v. Bülow, sowie Marinevorträge und nahm die Meldungen des Botschafters Fürsten von Radolin, des Gesandten v. Alvensleben und des Generaladjutanten v. Kessel entgegen. — Zur gestrigen Tafel bei dem Kaiser und der Kaiserin waren außer dem Gefolge geladen: Fürst v. Löwenstein mit Töchtern, Prinz Schönburg-Waldenburg, Reichskanzler Graf v. Bülow, Kriegsminister v. Goßler, Generalleutnant v. Kessel, der aus Konstantinopel eingetroffen war, um dem Kaiser Bericht über die feierliche Enthüllung des dem Sultan verehrten Brunnens zu erstatten, Gymnasialdirektor Schulze und Baurat Jacobi. Nach der Tafel unternahmen Ihre Majestäten mit den geladenen Gästen eine Schlittenfahrt nach der S a a l - bürg. Heute vormittag unternahm der Kaiser mit Gefolge einen Spaziergang durch den Kurpark und machte am Nachmittag einen Ausflug nach Friedrichshof.
— In der Budgetkommission des preuß. Ab - g e o r d n e t e n ha u s e s teilte Minister v. Thielen mit, er werde dafür Sorge tragen, daß die dritteWagenklasse in denSchnellzügen vermehrt werde, die Benutzung der dritten Klasse sei sehr start.
— Die Budgetkommission des Reichstages bewilligte 200000 Mark für die Telegraphenlinie ins Innere Deutsch-Ostafrikas von Dar-es-Salaam nach M P a p u a.
— In der K an al ko mm iss io n des preuß. Abgeordnetenhauses brachten die Abgg. am Zehnhoff und Letocha einen Antrag ein, in dem die Regierung ersucht wird, den Kostenanschlag mitzuteilen über die Herstellung einer leistungsfähigen Wasser st raße durch Begradigung des Ems- laufes von Papenburg bis Leer. Die Freikonservativen brachten eine Reihe Anträge ein, die Nachweisungen über die Folgen der Tarifermäßigungen verlangen, sowie über die Transportkosten der wichtigsten Gebrauchsgegenstände nach dem fallenden Rohstofftarif für Orte in geringer und weiterer Entfernung von den Wasserstraßen, um den Umfang der Vorteile der Wasserstraßen beurteilen zu können, ferner einen Vergleich der Transportkosten zwischen den verschiedenen Plätzen auf dem Seewege bezw. den geplanten Wasserstraßen. Ein anderer Antrag der Freikonservativen verlangt eine Nachweisung der Eisenbahnfinanzen von 1887 bis 1901. Ein Antrag des Grafen Fincken- stein und Genossen verlangt im Falle der Annahme der wasserwirtschaftlichen Vorlage einen Ausgleich für Ostpreußen vom masurischen Schiffahrtskanal abgesehen durch eine ausgiebige Vervollständigung des Bahnnetzes und erhebliche Dotation der Kreise zum Ausbau der Chausseen.
— Der „Reichsanz." veröffentlicht eine Bekanntmachung des preuß. Staatsministeriums vom 28. Jan., wonach zum Erwerb der Berechtigung für den S u b a l t e r n di e n st, wo bisher eine Abschlußprüfung gefordert wurde, fortan die einfache Versetzung nach der Obersekunda genügt.
— Die Verhandlungen des preuß. Abgeordnetenhauses in Sachen der jüdischen Notare beschäftigten in ausgedehntem Maße eine von den Zionisten einberufene j ü d i s ch e V o l k s v e r s a m m l u n g, die am Montag in der Tonhalle tagte. Ganz im Gegensatz zu der am Sonntag abgehaltenen Versammlung jüdischer Bürger lehnte die Versammlung es ab, Beschlüsse in der Angelegenheit zu fassen. Die Redner tadelten, daß die am Tage vorher statt- aehabte Protestversavnmlung die armen Juden nicht zugelassen und hinter verschlossenen Thüren getagt habe. Der Hauptredner, Herr Cassel, sei keineswegs als berufener Vertreter des Judentums anzusehen, wenn man bedenke, daß er seine Kinder dem Judentum entzogen habe. (Pfuirufe.) Der Referent Rechtsanwalt Schwarz bezweifelt, ob die Gemeindevertretungen zu der bekannten Eingabe an den Justiz- Minister Schönstedt befugt seien, da sie lediglich Kultuszwecke zu verfolgen hatten. Die Versammlung brachte insofern eine Überraschung, als die in voriger Versammlung gegen den Liberalismus und seine Führer erhobenen Beschuldigungen ausdrücklich zurückgenommen und bcn letzteren für ihr mannhaftes Eintreten zu Gunsten der gefährdeten staatsbürgerlichen Rechte der Juden „Tank und Anerkennung" ausgesprochen wurde. Sck)ließlich wurde eine Resolution, die die baldige Einberufung eines Deutschen Judentages fordert, mit allen gegen 16 Stimmen angenommen.
Danzig, 13. Febr. Die Gemahlin des Oberpräsi- Äenten, Staatsministers Tr. v. Goßler ist heute nachmittag gestorben.
Kronberg, 13. Febr. Die Kaiserin Friedrich machte in der Mittagsstunde wieder eine halbstündige Spazierfahrt im Parke von Schloß Friedrichshof. Um 4 Uhr nachmittags trafen der Kaiser und die Kaiserin auf Schloß Friedrichshof ein und kehrten nach dem Thee um 5 Uhr nach Homburg zurück.
Stuttgart, 13. Febr. Pfarrer Naumann hielt hier gestern eine wirksame Rede gegen die Getreidezölle. Die Versammlung war gut besucht und nahm nahezu ein- timmig eine den Ausführungen des Redners entsprechende Resolution an.
Ausland.
Brüsiel, 13. Febr. Im Laufe der Beratung über das Gesetz betreffend die Spielhäuser lehnte die R^präsentanten- ammer mit 97 gegen 16 Stimmen den vom Senat angenommenen Artikel 7 ab, der das Privileg der Spiel- jäufer für Ostende uno Spa aufrecht erhält.
Madrid, 13. Febr. Das aus Anlaß der bevorstehenden Vermählung der Prinzessin von Asturien gegebene Galadiner übertraf an Prunk bei weitem alles, was das onst so stille Madrider Schloß seit Jahren gesehen hat. Die Tafel war mit Sträußen von Rosen und Orchideen geschmückt, von der Decke und den Wänden hingen Blumen Gmrlanden herab, und der Hintergrund deS Saales war in einen Garten verwandelt. — Im Mittelpunkte der Stadt herrscht heute vollständige Ruhe, dagegen durchziehen kleine Gruppen die entferntesten Straßen unter den Rufen: „Sie oll sich nicht verheiraten." Es sind Vorsichtsmaß regeln für die Beerdigung des Dichters Lampoamoi getroffen. Infolge der Haltung der Regierung ist die Sprache der Blätter vorsichtiger geworden. — Bei den gestrigen Unruhen auf dem Unabhängigkeitsplatze sind 6 Polizisten und 3 Civt listen verwundet worden. Ihr Befinden ist heute besser Von den Verhaftungen wurden 35 aufrecht erhalten. — In Barcelona wurden heute Kundgebungen vor der Jesuiten-- chule veranstaltet. Die Polizei zerstreute die Manifestanten. In Villanueva y Geltrü bewarf die Menge das Haus des Pfarrers mit Steinen, der gegen den kürzlich verstorbenen Dichter Balaguer einen Artikel veröffentlichte. In Santander warfen Manifestanten gestern abend Steine in die Bureaus der katholischen Zeitung „Atalaya" und schrieen: „Nieder mit den Jesuiten!" Später gelang es ihnen, n das Kloster der Carmelitermönche einzudringen, die die Flucht ergriffen. Die Manifestanten plünderten dann noch mehrere Häuser und legten dort Feuer an, das aber von der Polizei bald wieder gelöscht wurde. Unterdessen zogen andere Gruppen nach den übrigen Klöstern und dem nschöflichen Palais und bewarfen auch diese Gebäude mit Steinen. Die Gendarmerie ging gegen die Menge, aus der Schüsse abgefeuert wurden, mit der blanken Waffe vor. Als )ie Menge an den Häusern einiger Carlisten vorüberkam, reschütteten diese die Manifestanten mit Wasser, worauf letztere Die Häuser der Carlisten mit Steinen bewarfen.
Wien, 12. Febr. Das Abgeordnetenhaus begann die Verhandlung über die Dringlichkeitsanträge betr. die eventuelle Beantwortung der Thronrede durch eine Adresse und die Einleitung der Debatte über dieselbe. ES sprachen zunächst die Antragsteller Jaworski und Stransky.(Tscheche) Letzterer griff die Partei der Alldeutschen heftig an; diese trebe die Zertrümmerung Oesterreichs und dessen Angliede :ung an das Deutsche Reich an. (Großer Lärm, Widersprach iei den Alldeutschen, Ruse: Denunziant, Moskaupilger, Judenvertreter.) StranSky führte weiter aus, die Krone solle endlich erfahren, daß die gegenwärtige Richtung, welche die Herrschaft der deutschen Linken begünstige, während die deutsche Linke unter dem Kommando der Alldeutschen stehe, für den Staat und für die Existenz deS Reiches gefährlich sei. (Großer Lärm.) Nach Stransky ergriff der Antragsteller Daszynski das Wort. Nach langer Debatte lehnte das HauS die Dringe ichkeit der Anträge JaworSky und DaSzynSki auf Beantwortung )er Thronrede durch eine Adresse bezw. auf Einleitung einer Diskussion über die Thronrede ab und nahm mit allen Stimmen gegen die der Alldeutschen und der Sozialdemokraten die Dringlichkeit eines Antrags Baernreither an auf Be anttoortung der Thronrede durch eine Loyalitätskundgebung nebst der Versicherung, daß das Abgeordnetenhaus arbeitswillig fei.
Bukarest, 13. Febr. In der Kammer verlas heute Carp und tm Senat MajoreSco eine Erklärung, die besagt, daß infolge der Demission des Kabinetts der König verschiedene parlamentarische Persönlichkeiten konsultiert habe. Der Führer der konservativen Partei, Fürst Cantacuzene, habe erklärt, daß bezüglich deS Steuergesetzes zwischen der Regierung und dem Komitee der Delegierten der Kammer- mreaus eine Verständigung möglich sei. Der König habe hierauf Carp ersucht, unter diesen Umständen seine Demission zurückzuziehen. Die Regierung hoffe, sie werde angesichts der schwierigen Lage beim Parlament die unbedingt notwendige Unterstützung finden.
Konstantinopel, 13. Febr. Nach authentischen Informationen bübctc die Lage in Macedonien, insbesondere die Umtriebe der macedonischen Komitees bei der letzten Audienz deS russischen Botschafters beim Sultan den Gegenstand einer Besprechung. Der Botschafter tadelte die macedonischen Lokalbehörden wegen ihrer Duldsamkeit gegenüber Den Schuldigen und empfahl strenges Vorgehen gegen die Ruhestörer mit dem Beifügen, daß Rußland sich im Falle blutiger Konflikte zwischen den türkischen Truppen und Mace boniern neutral verhalten werde. Der Botschafter erklärte ferner, daß Bulgarien durch die Umtriebe des makedonischen Komitees alle Sympathien in Europa verliere. Der Botschafter berührte bei dieser Gelegenheit auch Die Frage der Weihe des Metropoliten Firmilian, indem er die bezügl. Schritte Serbiens unterstützte.
New-York, 13. Febr. Cuba ist formell verständigt worben, baß Amerika drei Kohlen st ationen verlangt, nämlich Havanna, Ciensugos und Santiago; ferner baß die Anerkennung der Monroedoklrin und andere Bedingungen erfüllt werden, die mit dem amerikanischen Protektorat gleich bedeutend sind.
Durban, 13. Febr. Zwischen Standerton und Greytrngstadt halten sich einige Buren auf. Sie ichken gelegentlich an der Eisenbahn Schaden an, lassen sich aber nicht tn ein Gefecht ein. French griff in der vergangenen Woche ein Burenlager bei Ermelo mit Erfolg an. 40 Buren sollen gefallen, 200 gefangen, eine große Menge Vieh erbeutet sein.
Ter neue Stornier Prozeß.
Könitz, 13. Februar.
Der Prozeß gegen den Fleischergesellen MoritzLevy, der sich heute vor dem Schwurgericht des Lanogerichts wegen wissentlichen Meineids zu verantworten hat, weil er unter seinem Eide in Abrede gestellt hat, den ermordeten Gymnasiasten Ern st Winter persönlich gekannt zu haben, bildet in hiesiger Stadt ein großes Ereignis.
Ter Angeklagte, der sich seit dem 6. Oktober 1900 in Untersuchungshaft befindet, ist 1871 zu Könitz geboren, mosaischer Religion, unverheiratet und unbestraft. Er hat bas hiesige Gymnasium bis Tertia besucht und bann bei seinem Vater, dem hiesigen Fleischermeister Adolf Levy in der Danziger Straße das Fleischerhandwerk erlernt und auch als Geselle gearbeitet Er ist ein mittelgroßer, schlanker Mann und trägt ein Plncenez. Er wirb deshalb der „Pincenez-Levy", oder auch der „Kueifer-Levy" genannt.
Nach Bildung der Geschworenenbank werden die Zeugen aufgerufen und der Anklagebeschluß verlesen. Dann bemerkt der Präsident Landgerichtsdirektvr Schwedowitz, daß der Angeklagte zunächst am 22. Juni 1900 in Sachen Maß- loff Vvm Untersuchungsrichter als Zeuge vernommen worden sei. Es sei ihm vorher ausdrücNich gesagt worden, daß er das Recht habe, sein Zeugnis zu verweigern, wenn er strafrechtliche Verfolgung befürchte. Der Angeklagte habe auf Befragen gesagt, daß er den ermordeten Gymnasiasten Ernst Winter nicht gekannt habe. Auch nachdem ihm die Photographie gezeigt worden sei, habe er behauptet, er erinnere sich nicht, Winter gekannt zu haben.
Angeklagter: Ich muß dabei bleiben, daß ich Winter nicht gekannt habe. — Präsident: Sie haben im Speisiger- Prozeß, nachdem Ihnen eine Anzahl Zeugen gegenüber- gestellt worden waren, gesagt, es sei möglich, daß Sie mit Winter gesprochen, zusammengestanden und sich auch begrüßt hätten. Sie hätten Ihres Wissens Winter aber nicht gekannt. Dieselbe Aussage haben Sie im Maßloff-Prozeß gemacht. — Angekl.: Ich muß auch heute dabei bleiben, daß ich ihn nicht gekannt Hude. Hätte ich Winter gekannt, so würde ich heute der Wahrheit die Ehre geben und es sagen. — Präsident: Ich habe Ihnen schon im Speisiger- Prozeß gesagt: Es ist kaum möglich, daß man in Könitz mit Menschen spricht, zusammensteht, geht und sich begrüßt, ohne sich zu kennen. — Angekl.: Ich kann nur wiederholen, daß ich Winter persönlich nicht gekannt habe.
Angekl.: Ich kenne viele Gymnasiasten vom Ansehen, aber nicht persönlich. Trotzdem spreche ich mit diesen und grüße sie. Vielleicht bin ich auch mit Winter im Turn- Verein zusammen gekommen, da wir beide gute Turne» waren. — Präsident: Dann ist doch wohl anzunehmen, daß Sie Winter gekannt haben? — Angekl.: Ich kann nur nochmals versichern, daß es mir nicht erinnerlich ist, Winter gekannt zu haben.
Als erster Zeuge wird der Obersekundaner M i k u l s k i aufgerufen. Er bekundet: Ich habe Moritz Levy mit Ernst Winter eines Abends zusammen gehen sehen. Ich kann mich in den Persönlichkeiten garnicht geirrt haben. Von Winter selbst habe ich nicht gehört, daß er mit dem Angeklagten verkehrte. Ich glaube, daß ich Winter dann noch einmal vor dem Levyschen Hause mit dem Angeklagten habe stehen sehen. Genau weiß ich aber das nicht mehr.
Verteidiger Rechtsanwalt Sonnenfeld (Berlin): Wann wollen Sie Ihre Beobachtungen gemacht haben? — Zeuge: Das erste Mal im Hochsommer des Abends gegen 7 Uhr. Auf das zweite Mal erinnere ich mich nur noch dunkel. Das weiß ich nicht. Es ist richtig, daß ich anfänglich gesagt habe, ich hätte Moritz Levy oftmals mit Ernst Winter zusammen gesehen. — Auf Befragen des Verteidigers Rechtsanwalt Appelbaum bemerkt der Zeuge noch: Ich selbst habe mit Winter nicht verkehrt. Wir saßen auch nicht in einer Klasse. Früher habe ich einige Male mit Winter gesprochen. Er war aber sehr zurückhaltend.
Zeuge Klempnergeselle Schlichter: Ich kenne Moritz Levy und kannte Ernst Winter sehr genau. Der Schriftsetzerlehrling $>ellmig hat mir Winter gezeigt und gesagt, daß letzterer der Selma Tuchler nachlaufe. Ich habe Moritz Levy mit Winter zusammen gehen und sprechen sehen. — Präsident: Wo war das? — Zeuge: Auf dem Markte. — Präsident: Weshalb haben Sie sich das so genau gemerkt? — Zeuge: Weil es mir auffiel, daß ein Gymnasiast mit einem Fleischergesellen spazieren ging. Außerdem habe ich Winter mit Levy zusammen an der Mauer- und Danziger- Straßen—Ecke zusammen stehen sehen. Auf weiteres Befragen erklärt der Zeuge: Ich habe im Dezember 1900 in der Fischerschen Zigarrenhandlung in der Danzigerstraße einen Mann getroffen, den ich für einen „Journalisten der „Staatsbürger-Zeitung" gehalten habe, da er die „Staatsbürger-Zeitung" sichtbar in der Tasche trug. Ter Mann nannte sich Wienecke. Er sagte, er müsse mich kennen und fragte, ob ich mich in meiner Aussage nicht irre. Der Zigarrenhändler Fischer winkte mir zu, daß ich nichts sagen solle. Wienecke sagte, er sei Journalist und Antisemit. Er wohne in der „Antisemitenbude" Kühn. Er forderte mich und meinen Freund, den Malergehilfen Löser, auf, mit zu Kühn zu kommen. Er wollte eine Lage Bier geben. Anfänglich haben wir uns geweigert, sind bann aber doch mitgegangen. Wienecke hat zwei Lagen Bier gegeben und mich nochmals gefragt, ob ich mich nicht irren könne, Levy mit Winter zusammen gesehen zu haben. Ich antwortete, daß ich mich nicht irren könne. Acht Tage später war Wienecke wieder im Fischerschen Laden. Wienecke sagte, wie ich dazu käme, z^ behaupten, daß er mich habe zum Meineid verleiten wollen. Ich antwortete ihm, daß ich das nicht gesagt hatte. Wienecke forderte mich auf, mit ihm eine Flasche Wein zu trinken. Ich sagte ihm: „Wie kommen Sie dazu, mit mir eine Flasche Wein trinken zu wollen? Wenn ich Journalist wäre und Sie ein Klempnergeselle, dann würde ich Sie nicht dazu auffordern." Auf Wieneckes wiederholte Einladung bin ich später mit ihm im Restaurant Malewski gewesen. Wienecke hat hier wieder Bier geben lassen; dann haben wir Billard gespielt. Ich habe Verloren aber Wienecke hat trotzdem bezahlt.


