Nr. 87 Viertes Blatt.
151. Jahrgang.
Sonntag 14. April 1901
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Vermischtes.
* Eine kleine Geschichte wird in München vom Reichskanzler Grafen von Bülow erzählt. Die Episode soll sich während des kurzen Aufenthaltes des Grafen in München abgespielt haben. Graf Bülow ging, um die Zeit bis zum Abgang des Expreßzuges nach Italien aüs- zufüllen, mit dem preußischen Gesandten am bayerischen Hofe, Grafen Monts promenierend die Maximilians- straße entlang, und traf vor dem Hotel zu den „Bier Jahreszeiten" einen alten Freund, den Grafen v. H., der eben aus Italien kam und sich auf der Durchreise nach Berlin in München aufhielt. Die Herren begrüßten sich und Graf v. H. erzählte dem Reichskanzler von der in Italien herrschenden französischen Aytt-Dreibund-Stimm- ung in gewissen Kreisen und fragte den Grafen Bülow, ob er an eine Abschwenkung Italiens vom Dreibund glaube. Ehe Graf Bülow antworten konnte, fuhr eine Equipage vorüber. Graf Monts grüßte den Insassen und sagte, den Gruß erläuternd, zum Reichskanzler: „Es war der päpstliche 9ttrntius, der eben vorüberfuhr." — „Dann, lieber Graf v. H., eilen Sie ihm nach'", sagte der Reichs» kanzler, „der Nuntius wird Ihnen auf Ihre Frage die beste Auskunft geben!" — „Der päpstliche Nuntius? Sollte dieser die Pläne der italienischen Regierung besser kennen, als der deutsche Reichskanzler?" fragte Graf v. H. erstaunt. — „Gewiß", antwortete Graf Bülow lächelnd, „denn er steht als päpstlicher Nuntius und hoher geistlicher Würdenträger Gott näher, der Italiens verborgene Absichten jedenfalls weiß!"
Die Wahl des Berufes.
Der Kamvf ums Dasein wird von Jahr zu Jahr IchDtteriger und heftiger. Das hört man nicht nur oft genug »chaupten, sondern es fehlt auch nicht an Anzeichen, die einen solchen Schluß rechtfertigen. In allen Berufszweigen hEird über die stetig wachsende .Konkurrenz geklagt, und «ra,t hat es vor etlichen Jahren sogar für nötig gehalten, gewisse Auswüchse der Konkurrenz durch das Gesetz wider den unlauteren Wettbewerb zu beschneiden, um den ehrlichen Leuten den Weg frei zu machen. Doch scheint es nicht ganz gelungen zu sein, wenigstens sind die Klagen .seither vichr verstummt. Und auch außerhalb des gewerblicl^n Gebens macht sich die gleiche Erscheinung bemerkbar: alte Beruke sind überfüllt, und oft genug muß man es erleben, tof? der Zudrang namimtlich zu den höheren Berufen, die eine Anstellung von Seiten des Staates zur Voraussetzung haben, so groß wird, daß die Behörden öffentlich davor warnen, bald diesem, bald jenem Berufe sich zu widmen, häufiger als je wird, selbst noch im vorgerückten Alter, ein Berufswechsel notwendig, und da jeder Berus seine besondere Vorbildung erfordert, ist ein solcher Wechsel stets mit Schwierigkeiten verbunden, und er ist es um so mehr, in je reiferem Alter er vollzogen wird.
Gerade die Motwendigkeit einer Spezialausbildung macht die Berufswahl zu einer weit wichtigeren Angelegenheit, als es früher war. Ein Irrtum hierbei rächt sich stets pkyver. Schon 'das „Umsatteln" während der Studienzeit - NKnn man noch, rechtzeitig gewahr wird, daß man sich bei der Wahl vergriffen hatte, — will heute weit mehr besagen, als noch vor einem Menschenalter. Freilich handelt es sich nur um ein oder zwei Jahre, die man verliert; aber gerade dieser Zeitpunkt ist oft garnicht wieder einzubringen, und zum mindesten verlängert er die Zeit, die auf die Ausbildung verwendet werden muß, ohne daß man darauf-rechnen Kann, die erworbenen Kennwisse auszunutzen, sie für eine Erwerbsthätigkeit anzuwenden.
Die Frage aber, ob der Knabe — bald wird es ja Wohl heißen: oder das Mädchen — überhaupt studieren, oder welchen sonsttgen Beruf er ergreifen soll, muß wett früher schon entschieden sein. Für die Beantwortung derselben sind ja verschiedene Umstände maßgebend: neben dem Vermögen und der sozialen Stellung der Eltern und Cdzieher, den besonderen Chancen, die ein besttmmter Beruf gerade zu der entscheidenden Zett bietet, und manchen anderen Imponderabilien namentlich auch die Begabung und Neigung hes Kindes selbst, oder was Wan dafür hält. Gerade in dieser Beziehung kann man sich täuschen, und dann ist
das einmal Geschehene oft garnicht oder nur unter schweren Opfern rückgängig zu machen. Bei der Reform unseres Schulwesens, die jetzt wieder einmal auf der Tagesordnung steht, wird dieser Gesichtspunkt nicht unberücksichtigt bleiben dürfen. _ Um die Entscheidung für einen besttmmten Beruf thunlichst lange hinäuszuschieben und damit eine vorsichtige und tresfende Wahl zu erleichtern, muß die Ausbildung auf der Unter- und möglicher auch auf der Mittelstufe eine gemeinsame, für alle Schüler gleichmäßige sein. Bon da ab erst beginnt die Scheidung, mit der besttmmten Richtung der Vorbttdung zwar nicht für einen besttmmten Beruf, wohl aber für eine Gattung von Berufen. Erst nach Absolvierung der Schule tritt eine weitere Trennung eip in der theoretischen und prarttschen Vorbttdung für den nunmehr definitiv erwählten Beruf. Je näher die Schulorga- nisatton diesem Ideal kommt, desto mehr wird sie Anklang finden und wohlthättg wirken.
♦ Der Heufieberhund. Deutschland ist doL klassische Land jeder Vereinsmeierei, alles schließt sich bei uns zu Vereinen zusammen und diese Krankheit wirkt höchLh ansteckend. Darüber klagen nicht nur die hessischen Lehrer. In der schwäbischen Hochschule nahm man Ausländer nicht gern in die „nationalen" Vereine, flugs war ein Verein der Ausländer gegründet. Selbst der Verein der „Vereins- losen"' ist keine fromme Sage. Die ganze FinkenschaftS- beweguna an ben Hochschulen könnte man unter diese» Flagge segeln lassen. Doch als die merflvürdigsbe alle» Vereinsbildungen erscheint vie in der Überschrift genannte, ein Zusammenschluß von Kranken einer besttmmten Kategorie zur Erreichung ihrer Interessen. Die Komik ist nur scheinbar, in Wahrheit ist di» Sache sehr ernst. Die Kenntnis der Krankheit, vielleicht auch die Krankheit selbst kam aus Amerika und England, und alles, was in medizinischer Beziehung von dort ffommt, wuß in Deutschland erst Quarantäne durchmachen und wird sorgsam geprüft, denn von „drüben" sind schon die sonderbarsten Dinge berichtet worden. So hat der Verein zuerst den Kampf ums Dasein durchsechten müssen, da die Mehrzahl der Aerzte, die von der Sache überhaupt etwas erfuhren, die Kranken einfach iw die Reihen der Hypochonder und Neurastheniker einordnete. Und dahin schienen sie auch zu passen; wenn auch ihr Zustand eine besondere Behandlung erfordert. Die sonderbare Krankheit beginnt jedes Jahr um die Gräserblüte und wird, wie es heißt, durch die Blütenpollen der Gräsep hervorgerufen. Die Angehörigen des Gundes stehen mit der biblischen Schöpfungsgeschichte auf gespanntem Fuß, es wäre ihnen bei weitem lieber, wenn alles wüst und leer geblieben wäre und der Herr nicht Gras und Kräuter hätte hervorschießen lassen. Um dem Uebel zu entgehe«, suchen die Bundesmitglieder einen von der Schöpfung scheiu- bar vernachlässigten Ort auf, wo keine Vegetation in der Nähe vorhanden ist. Ihr immunes Klima stellt die Insel Helgoland dar, auf der sie sich im Juni versammeln, um der aus dem Lande lauernden Krankheit zu entgehe«. Wer einmal dort war, kehrt treu in jedem Jahre wieder, denn da keine Medikamente dem peinlichen Zustand gewachsen sind, ist Helgoland die einzige Hilfe. Die HelM- länder sind schm so sehr an ihre ständigen „Frühgäste" gewöhnt, daß sie ihnen zu Liebe sogar alte Gewohnheiten aufgeben, so z. B. die Pflege der ehrwürdig srieli- schen Fensternelke, welche auch einzelne krankmachenve Blütenstäubchen produziert.
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(Unberechtigter Nachdruck ist untersagt.)
Wo man raucht, da kannst Du ruhig harrt», bifc Menschen rauchen nicht Cigarren. Dieses Sprichwort bedeutet eine große Schmeichelei für uns Deutsche. Welchen Grad von Gutmütigkeit wir Deutsche nun besitzen, das erhellt recht klar aus unserer Illustratton, Deutschland, wie es raucht, priemt und schnupft. Trockene Zahlen veranschaulichen bekanntlich am we- nigsten die Größe und den Umfang einer Sache. Der Zeichner hat deshalb die Zahlen hierbei in Körper umgewandelt und diesen zum Vergleich in demselben Maßstab das größte Bauwerk Deutschlands, den Kölner Dom (160 Meter Höhe), btt- gestellt. Wir sehen ganz links auf der Illustrativ» \ die Einfuhr au unbearbeitetem Tabak, Rauchtabak (für Pfeifen), Cigarren und Cigarretten, und Kan- und Schnupftabak dargesiellt. Bei der Berechuuwg ist das durchschnittliche Gewicht des Tabaks im Ber- hältnis zu seinem Volumen wie 1 Gramm — 7,14 Kubikeentimeter angenommen worden. Denken wir nis nun zunächst von dem unbearbeiteten (für Cigarren bestimmten) Tabak, der innerhalb eines Jahrein Deutschland eingesührt worden ist, einen große» Ballen gebildet, so würde derselbe bei Würfelform eine Kantenlänge von 78 Meter haben, und sein Gewicht die Kleinigkeit von 59 956 000 Kilogramm betragen. Wenn man sich weiter diesen ganzen Tabak zu einer einzigen großen Cigarre verarbeitet vorftellt, so würde den ärgsten Kettenraucher diese Cigarre, auch wenn sie beständig im Zuge wäre, matt setzen, denn sie brennt 97 612 Jahre, 6 Monate und 12 Tage lang.
Bescheidener nehmen sich die Daten über die „importierten Zigarren und Zigarretten' aus, die bei einem Gewicht von 655000 Sgr., zu einem einzigen Glimm- stengel verarbeitet, die aus unserer Illustration ersichtliche Größe haben würde. Verhältnismäßig klein ist das Volumen der 53000 Kgr. wiegenden Kau- und Schnupftabake, welche in einem Jahr nach Deutschland eingeführt werden. Im Gegensatz zu der ganz bedeutenden Tabakseinfuhr recht gering zu nennen ist die Ausfuhr deutscher Tabake. Wir sehen dieselben in den, rechts vom Kölner Dom, dargestellten Warenballen. Einen wahrhaft gigantischen Umfang hat indessen der noch weiter rechts liegende Ballen, in welchem der von der deutschen Nation insgesamt pro Jahr verbrauchte Tabak
verpackt ist; er wiegt ohne Emballage 83102000 Kgr. Drehen wir auS diesem Tabaksvorrat eine Zigarre von 2 Ctrn. Durchmesser, so würde dieselbe eine Länge von 237 437,857 Klm. haben, und denken wir uns ferner einen Bewohner des Mondes im Besitz einer Zigarre, die aus dem vorhin erwähnten, nach Deutschland eingeführten Tabak hergestcllt ist, und die dementsprechend 171302,857 Klm. lang' sein würde, so könnten Mond- und Erdbewohner sich ihre Zigarren bequem an einander avstecken, denn der Mond ist selbst bei seiner weitesten Abweichung von der Erde doch nur 407 000 Klm. von derselben entfernt. Daß wir endlich auch im deutschen Reich selbst noch eine ganz ansehnliche Menge produzieren, geht auS dem anderen Colli hervor, welches auf dem letztgenannten Ballen liegt.
Freilich allzuhervorragende Sorten werden in Deutsch
land nicht gebaut und ein Pfälzer Giftstengel ist noch niemals mit einer Henry Clay verwechselt worden. Immerhin findet das deutsche Kraut seine Abnehmer, leider vermindert sich seine Produktion aber alljährlich um ein ganz Bedeutendes. Alles in allem kann der Deutsche als ein passionierter Raucher gelten. DaS erhellt schon auS dem letzten Bild ganz rechts auf unserer Illustration. Bei dieser Darstellung ist nur der männliche Teil der deutschen Bevölkerung, in der Annahme, daß hiervon alle Raucher sind, in Betracht gezogen. ES gibt dies bei einem Durchschnittsalter von 35 Jahren auf den Kopf der männlichen Bevölkerung Deutschlands eine derartige Zigarre, wie sie der danebenstehende Herr zu umfassen versucht. Dieselbe besitzt bei einer Länge von 3,12 Mtr. und einem Durchmesser von 0,64 Mtr. ein Gewicht von 105 Kgr.


