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Nr. 11 Drittes Blatt. Sonntals den 3 Januar 151. Jahrgang 1901
Mehener Anzeiger
Kenerat-'Unzeiger
Att.tr- und Anzeigeblatt für den "Kreis Gieren
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Schulstrahe Nr. 7.
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Auszug
«uS dem Jahresbericht über die Thätigkeit des chemischen Unter-
suchuugSamtes für die Provinz Oberheffe« in der Zeit vom 1. April 1899 bis 1. April 1900.
In dem Geschäftsjahr 1899/1900 rourben im Untersuchungsamt im Auftrag von Behörden 682, von Privaten 6892, zusammen 7574 Untersuch ngen ausgeführt.
Bon den untersuchten Gegenständen gingen ein aus:
von Behörden von Privaten
Äreis Alsleld ....
Büdingen ....
„ Friedberg . i .
„ Gießen ....
„ Lauterbach ....
„ Schotten .
Orten usw. außerhalb der Provinz
Zu Beanstandungen gaben
48
76
176
277
68
87
111 Objekte
7
2
18
3280
3576
10
gegen 91 im
Borjahre Veranlassung. Gegenstand derUntersuchung Butter ....
Fruchtsäste
# ...
Gewürze Heilmittel Mehl ... .
Milch ....
Mineralschmieröl
ObstfruchtgelöeS, Marmeladen ic.
Schweineschmalz
Wasser für Genuß u. Haus- gebrauchezwecke
Wasser für technische Zwecke
" fi rr r r
f> ti n it
Wurstwaren
>i ...
n ...
Wein
Anzahl Grund der Beanstandung
3 zu geringer Fettgehalt
2 arsenhaltig
2 salicylsäurehaltig
8 zu hoher Asch gehalt
1 war GeheimmUtel
1 zu hoher Sandgehalt
2 gewässert
1 entrahmt
1 säurehaltig
1 zu niedriger EntflammungSpunkt
38 bestanden größtentells aus Stärkesyrup
1 verdorben
36 ungeeignet für betr. Zwecke
1 ungeeignet zur Herstellung von Mineral- wasier
1 ungeeignet für Verwendung in der Bierbrauerei
1 ungeeignet zum Kesselspeisen
10 borsäurehaltig
1 borsäure- und stärkemehlhaltig
1 mit Th>-ersarbe gefärbt
8 stärkem-hlhalttg
1 verdorben
Die Einnahmen aus den ausgeführten Untersuchungen ergab sich zu 4846,11 Mk. (im Vorjahre zu 5302,05 Mk.).
Die Inanspruchnahme, welche dem chemischen Unter» suchungSamt seit seiner Gründung bis zum Schluß des Geschäftsjahres 1899/1900 zu Teil wurde, ist aus der folgenden Zusammenstellung ersichtlich:
Leschäftsjahr
Anzahl der Untersuchungen im Auftrag von
Sesanitzahl
Einnahme
Behörden
Privaten
Mk.
1891/98
270
86
856
1437,25
1892/93
234
76
810
1119,00
1893/94
141
46
187
813,25
1894/95
827
48
870
1638,50
1895/96
940
123
1063
2857,45
1896/97
622
394
1016
2663,90
1897/98
1002
620
1622
8714,22
1898/99
958
4376
6336
5302,05
1899/00
682
6892
7574
4846,11
5176
12658
17834
24391,73
Die Anzahl der im Auftrag von Behörden untersuchten Proben ist im letzten Jahre toteoerum niedriger als im Bor jahre, was im wesentlichen dadurch veranlaßt wurde, daß eine größere Anzahl von kostspieligeren Untersuchungen, wie von Wein-, Bier-und Limonadenproben im vei flossenen Jahre bei der regelmäßigen Kontrolle der Nahrung-- und Genuß mittel und Gebrauchsgegenstände auSgeführt wurde und dem zufolge eine Verminderung der Anzahl der Gegenstände nach Maßgabe des verschiedenen Behörden zur Verfügung stehenden Kredits stattfinden mußte.
Die Anzahl der von privater Seite eingesandten Unter suchungsobjekte hat dem Vorjahre gegenüber wiederum eine beträchtliche Zunahme erfahren. Dieselbe ist hauptsächlich zurückzuführen auf einen mit einer Molkerei abgeschlossenen Vertrag, laut dessen dieselbe mehrere lausend Milchprotnn im Laufe deS Jahres zur Untersuchung nach hier einsandte.
Trotz dieser beträchtlichen Vermehrung der von Privaten eingegangenen Aufträge ist die Einnahme etwas geringer als im Vorjahre. Dieser Umstand wird einerseits dadurch erklärt, daß die Untersuchungsgebühren für die die Vermehrung hauptsächlich veranlaßt habenden Milchproben sehr niedrige sind, und ist andererseits darauf zurückzuführen, daß während der Wintermonate Dezember, Januar, Februar und März umfangreichere Aufträge von Privaten nur sehr spärlich eingingen.
Die regelmäßige Kontrolle von Nahrungs- und Genuß Mitteln und GebraUchsgegenständen fand in der mit den ver schiedenen Behörden vereinbarten Weise wie in früheren Jahren statt.
Im abgelaufenen Geschäftsjahre wurden von 66 untersuchten Proben von Obst, Odstkonserven und Geldes 33 ObstfruchtgelLes, Marmeladen rc. als verfälscht im Sinne oes Nahrungsmittelgesetzes beanstandet, weil dieselben bis zu 85pCt. aus Stärkesyrup bestanden.
Unter Obstfruchtge^e, Apfelkraut usw. versteht man im Publikum eingedickten Obstfruchtsaft, welchem je nach Be dürfnis zur Milderung der dem Obst anhaftenden Säure und Herbheit Rohr- ober Rübenzucker hinzugesetzt wirb Unter Marmelade versteht man mit samt dem Fruchtfleisch ein gedickten Saft von Obftscüchten event. unter Zusatz von Rohroder Rübenzucker.
Der Zusatz von Rohr- ober Rübenzucker zu dem Gelse, der Marmelade rc. ist nun ein solcher, daß in dem fertigen Gelöe rc. etwa 10—15 pCt. davon vorhanden sind.
Statt dessen bestehen nun die beanstandeten, unter dem Namen Apfelgel^e und ähnlichen Bezeichnungen in den Handel gebrachten Fabrikate bis zu 85pCt. aus Stärkesyrup.
Der Stärkesyrup besteht etwa zur Hälfte aus Dextrin, einem Körper ohne jeden süßen Geschmack, welcher dem Gummi arabicum sehr ähnlich ist und demgemäß als Ersatz desselben vielfache technische Verwendung findet.
Durch einen derartig hohen Zusatz eines dem Obstfruchtsaft fremden Stoffes werden die wertvollen Bestandteile des Obstfruchtsaftes in dem fragt GeleL rc. aber dermaßen in
den Hintergrund gedrängt, daß die ObstfruchtgelLe- rc. Fabrikation, wie sie hier betrieben ist, der Hauptsache nach auf einer Verwendung und Verwertung des Stärke- oder Sartoffelsyrups beruht.
Der Zweck eines derartigen Zusatzes ist daher nicht der, die den Obstsrüchten eigentümliche Säure und H rbheit zu mildern sondern in der Hauptsache der, die Menge der Ware billig zu verg ößern.
Neuerdings werden sogar unter der Bezeichnung „Frucht- geläe-Fabrikate in den Handel gebracht, welche B« standteile von Obstfrüchten gar nicht enthalten. Dieselben werden zusammengesetzt aus Stärkesyrup, Gelatinepulver, Wein- oder Zltronen'äure. Das Gemisch wird dann durch Zusatz von einem (event. künstlichem) Fruchtäther aromatisiert und mit Theerfarbe gefärbt.
Wenn zu derartigen Mischungen gesundheitsungefährliche Substanzen Verwendung finden, wenn die Ware unter einem ihrem wahren Wesen entsprechenden Namen und zu entsprechendem Preis in den Verkehr gelangt, dann ist dagegen nichts einiuwenden. Es wird aber dem Betrug Thür und Thor geöffnet, wenn derartige Machwerke unter der Bezeichnung Fruchtgelee, Marmelade u. dgl. feilgehalten und verkauft werden dürfen.
In einem Fall führte die von uns ausgesprochene Beanstandung einer mit Stärkesyrup verfälschten Marmelade zu einer Verurteilung des betr. Fabrikanten durch das königl. Schöffengericht in Frankfurt a. M.
Verurteilungen fanden außerdem u. a. statt in mehrerem Fällen wegen Zusatzes von Mehl zu Wurst, ohne daß derselbe deklariert war.
Außer durch die angeführten Untersuchungen war das Chemische Untersuchungsamt durch Abgabe einer Anzahl größerer und kleinerer Gutachten, zum Teil verbunden mit örtlichen Besichtigungen, durch eine Reihe von gerichtlichem Terminen, durch die mit der Ausführung der regelmäßigen Kontrole der Nahrungs- und G nußmittel und Gebrauchs- gegenstände verbundenen Amtshandlungen, sowie durch sonstige« lebhaften mündlichen und schriftlichen Verkehr mit Behörde« und Privaten in Anspruch genommen.
Wie in früheren Jahren, so fand auch in dem letztver- flossrnen eine chemische und bakteriologische Untersuchung deS Wass.rs sowohl der neueren wie auch der älteren Wasser- versorgungsanlage der Stadt Gießen, ersteres aus den Quellen zu Queckborn, letzteres aus den Quellen bei Großen Buseck und vom Licher Walde stammend, statt.
Eine Vergleichung der bei den letzten Untersuchungen erhaltenen Resultate mit. denjenigen vom Vorjahre ergibt, daß eine irgendwie in Betracht zu ziehende Veränderung in der Zusammensetzung beider Wässer dem Jahre 1898 gegenüber nicht stattgefunden hat. Beide konnten daher auch dieses Mal wieder als vorzüglich geeignet für Genuß- und Hausgebrauchszwecke bezeichnet werden.
Berliner Kries.
(Plaudereien aus der Kaiserstadt.)
(Nachdruck verboten.)
Bürgermeister Brinkmann -fr.
Wolzogen und sein „Buntes Theater".
„Rasch tritt der Tod den Menschen an!" Tas alte Dchillerwort hat sich wieder einmal in traurige Erinnerung gebracht; denn ganz Berlin, in allen seinen Parteischattier- tmgen, ist erschüttert von dem plötzlichen Heimgang seines jungen, erst 47 jährigen zweiten Bürgermeisters, der, um körperlich rüstig zu bleiben, Reitstunden auf Anraten des Arztes nehmen wollte und dabei von dem unerbittlichen Schnitter ereilt wurde. Ein Herzschlag unterbrach jäh die glänzende Laufbahn dieses schlichten, ostpreußischen Mannes, üm dessen Wahl erst vor wenigen Monden heiße Fraktions- Lmpfe stattgefunden hatten, und der doch trotz der kleinen Majorität, mit der er zum Leiter der hauptstädtischen Ge- sthicke an die Seite Kirschners berufen wurde, sich bald aenug die Sympathien auch auf der Seite der anfänglichen Gegner zu erwerben gewußt hatte. Er verdankte das vohl in erster Linie dem hohen sittlichen Ernst, mit dem w in die damals hellbrennende Frage der Wohnungsnot eimgriff, der frischen Initiative, die sofort erkennen ließ, »aß dieser Mann trotz seiner ausgesprochenen Zugehörig- Int zum entschiedenen Liberalismus, der manchem ein Torn mr Auge ist, als Bürgermeister niemals einen einseitigen Lurteistandpunkt vertreten würde. Ter Tropfen sozialen vels, mit dem er gesalbt war, befähigte ihn, das schöne Kberale Wort von der Selbsthilfe, hinter dem sich leider
Gottes so oft böser Wille und harter Egoismus verschanzen, gut bürgerlich aufzufassen und in der oben gestreiften Frage der Wohnungsnot nicht erst auf Anregungen und Verfügungen zu warten. Tie ärmere Bevölkerung Berlins verliert in diesem thatkräftigen Mann, der wie ein guter Schulmann aussah und vielleicht auch das Zeug zu einem Volkserzieher im großen Stile hatte, einen warmen Fürsprecher und Werktätigen Freund, und sie weiß das auch. Tenn die Stimmung der aufrichtigen Teilnahme gerade in diesen Kreisen ist allgemein. Man wird seiner trotz der nur kurzen Berliner Amtsdauer nicht so bald vergessen.
Gründungsgedanken wie Herrn Scherl beseelen den bekannten Schriftsteller Ernst v. Wolzogen, der vor Jahren aus Berlin verschwunden xmar, dabei die Frau eines Freundes mitgenommen, seine eigene aber vergessen hatte. Wolzogen will ein neues Genre auf dem Gebiete des Theaters gründen, refv. das Künstler-Carabet der Pariser in Deutschland zur Einführung bringen. Auf seiner Bühne, die in diesen Tagen im Sezessionstheater eröffnet wird, um nächstes Jahr wahrscheinlich in das Theater des Westens überzusiedeln, d. h. wenn ihr nicht vorher die Luft ausgegangen ist, [oft die moderne Richtung unserer Kunst zur Geltung kommen, aber nicht in abendfüllenden dramatischen Werken, sondern in kleinen Schwänken, von den Verfassern womöglich selbst vorgetragenen Balladen, aktuellen Couplets, Lieder- und anderen Kompositionen rc. Ter Gedanke an sich ist nicht Übel, indessen fehlt uns zunächst einmal das Publikum dafür, wie es Paris in Fülle besitzt, außerdem werden wir in aktuellen Pointierungen zehnmal vorsichtiger sein müssen wie die Herren Dichter an der Seine, und endlich ist die von Wolzogen direkt bevorzugte Simplicissimus -Richtung
und -Stimmung nicht für jedermann. Für die Jntimereie wird eine Extra-Eröffnung in der „Philharmonie" bei einem Goethe-Fest, auf dem der Altmeister selber erscheinen soll« stattfinden. R.
Meratur.
Dr. jr. Albrecht, Formen und Inhalt giüiget; Testamente nach Gemeinem, Preußischem, Französischem, Sächsischem Recht und nach dem Reuen Bürgerlichen Gesetzbuch. 4. Auflage. Preis: 2 Mk. kart. Verlag von Curt Staeglich in Leipzig. Das Erscheinen einer 4. Auflage liefert wohl einen schlagenden Beweis für die Güte des Buches. Dasselbe zerfällt in zwei Abschnitte, der erste behandelt die formale, der zweite die materielle Seite. Obgleich der größere Teil des Buches über das Reue Bürgerliche Gesetzbuch handelt, so ist es doch ein großer Vorzug desselben, daß die früheren Bestimmungen nach wie vor darin enthalten sind; da nach Art. 214 des Einführungsgesetzes zum Bürgerlichen Gesetzbuch alle vor dem 1. Januar 1900 errichteten Testamente nach den bisherigen Gesetzen zu beurteilen sind. Aber nicht nur Formen und Inhalt gUtißer Testamente enthält das Buch, sondern es wird auch in knapper Form eine außerordentlich klare und übersichtliche Darstellung des materiellen Erbrechtes erörtert. Die Behandlung des Stoffes strebt mit Erfolg nach Gemeinverständlichkeit und einfacher Schreibweise, gut gewählte Beispiele tragen zur Veranschaulichung wesentlich bei. Wir können das Buch zur Anschaffung bestens empfehlen.


