Ausgabe 
12.12.1901 Drittes Blatt
 
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Nr. 292 Drittes Blatt.

Donnerstag 12. Dezember 1901

151. Jahrgang.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Me Gießener Familien, butter werden dem An­zeiger im Wechsel mit OSM ,Hess. Landwirt" uird den ^Blattern für hessische Volkskunde" di ermol wöchentlich bei- gelegt.

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Anzeiger Gießen. FrrnsprechanschlußNr.51.

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

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Verantwortlich für den allgemeinen Teil: P. Wlttko: für den An­zeigenteil: Hans Beck.

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Der Kaiser gegen das Kuell.

. Wir gaben gestern die Potsdamer Mitteilung über eine Amsprache des Kaisers wieder, die allenthalben lebhafte Leachtung gefunden haben wird. Eine amtliche Beglaubig- umg, die erwartet werden konnte, ist bisher noch nicht erfolgt. Vorläufig liegt kein Grund vor, an ihrer Thatsächlichkeit zu Meifeln, sie hat vielmehr u. E- die Wahrscheinlichkeit für sich. Sie entspricht der Stellung, die der Kaiser zu dem Osterburger Zweikamps genommen, und den thatkräftigen Verfügungen, die er getroffen hat. Es würde in weiteren Meisen mit Befriedigung begrüßt werden, wenn der Bericht, jL weit es sich um die Aeußerungen des obersten Lttiegsherrn handelt, als zuv" lässig und den Thatsachen gemäß sich erroiefe. Eine Besserung der Verhältnisse ist nicht anders U> erwarten als durch ein entschlossenes und beharrliches iÄngreifen des Trägers der kaiserlichen Krone und durch Ulnachsichtige Ahndung jedes Verstoßes gegen den kaiser­lichen Willen.

Ob man l)eme freilich von einemDuellverbot", wie es ii der Potsdamer Mitteilung geschieht, reden darf, steht duhiu. Ein solches unbedingtes Verbot ist nicht ergangen- Und die Kabinettsordrc vom 1. Januar 1897 kann verschieden ans g elegt werden. Gleichwohl läßt sich nicht verkennen, daß sich in neuerer Zeit wenigstens eine Entwickelung der An­schauungen, auch in der Militärverwaltung, in der Richtung inif das festzuhaltende Ziel zeigt. Es wäre ein wunderlicher Zmfall, wenn fiel) der Vorgang beim ersten Garderegiment m der geschilderten Weise abgespielt hätte. Das wäre das Gegenstück zu einer viel erörterten Angelegenheit, die sich ernst bei demselben Regiment zugetragen hat. In den ersten sechziger Jahren stand, so erinnert dieVoss. Ztg", al.s Offizier beim ersten Garderegiment ein Graf Schmising- Äcrssenbrock. Er saß eines Abends mit anderen Kameraden irn Kasino, und das Gespräch kam aus den Zweikampf. Graf Schmising als gläubiger Katholik sprach sich gegen den Duell- ,2oang aus. Einer der Offiziere erstattete darüber Bericht an den Regiments-Kommandeur, der eine Untersuchung anstellte. Graf Schmising-Kerssenbrock erklärte, daß seine Ansichten rein theorettsch seien, die praktisch zu erproben er noch keinen Anlaß gehabt habe. Seine Kirche aber ver- bi'.etc den Zweikampf, und er sei ein treuer Sohn feinen rLirche. Zwei Brüder des Grafen dienten ebenfalls in Berlin lüs Offiziere; auch sie wurden vorgeladen und befragt, ob sie derselben Meinung seien, was sie bejahten. Und das Ende in ar, daß sämtliche drei Grafen Schmising-Kerssenbrock mit schlichtem Abschied aus der Armee entfernt wurden.

Vielleicht darf man annehmen, daß sich solche Maß- rr°gelungen heute nicht wiederholen werden, obwohl noch vor wenig Jahren hier und dort Mitglieder von Studenten- vc.rbindungen, die grundsätzlich das Duell verwerfen, von dür Osfizierswahl ausgeschlossen wurden. Und es hat in diesem Jahr im Reichstag eine Debatte darüber stattsinden ki nnen, daß drei Offiziersaspiranten des Beurlaubten­standes, die sich zur Wahl zum Reserveoffizier gemeldet hackten, beim Bezirkskommando in Köln zu Protokoll darüber ütcriwinmen worden seien, wie sie sich prinzipiell zur Frage des Zweikampfes stellten. Das ist geschehen, obwohl ein amf Befehl des Kaisers ergangener Erlaß vom 16. Juni 1895 amsdrücklich eine derartige Befragung der Offiziersaspiran- tk.u verboten hatte. Der Kriegsminister teilte am 15. Januar 19101 im Reichstage mit, daß die Bcschlverde der Kölner Offiziersaspiranten als begründet anerkannt worden sei. Es sei kein Zweifel darüber,daß bei den Wahlverhand- ümgen prinzipielle Erörterungen über die Frage des Zwei-' Lunpfs unzulässig sind".

Es muß Erstaunen erregen, daß ein Verfahren, das den Anordnungen des Kaisers direkt zuwiderläuft, über­haupt möglich war. Man ist sonst gewohnt, zu glauben, daß der Offizier dem Befehl seines Kriegsherrn unbedingt gehorche. Und in der Tuellfrage sollte der Kaiser innerhalb der Armee auf Schwierigkeiten stoßen? Er sollte hier nicht durchsetzen tönnen, was er für nützlich und nötig hält? Die Verhandlungen über den Fall Blaskowitz lassen keinen Zweifel, daß über den Willen des Kaisers und der Militär- cnckoaltung nicht allenthalben die erforderliiche Klarheit herrschte. Sicherlich haben diejenigen Vorgesetzten, die jetzt ihren Abschied erhalten haben, als die Meinung des Kaisers r ermutet, daß der Zweikampf stattfinden müsse. Es ist er- kireulich, wenn die Kabinettsordre vom 1. Januar 1897 durch L'ie jetzigen Verfügungen und die Potsdamer Rede des Kaisers eine wirksame Erläuterung erfährt. Kann jedoch ruicht in Jahr und Tag diese Erläuterung wieder vergessen sann? Teutungssähig und dehnbar ist und, bleibt die Kabi- rllettsordre, und sie bedarf daher einer Ergänzung, die j«de Willkür, jedes persönliche Ermessen ausschließt.

Hätte der Kaiser so gesprochen, wie er in Potsdam ge­

sprochen haben soll, so ergäbe sich die Aenderung der Kabi­nettsordre von selbst. Zum Mindesten dürfte kein Offizier, weil er den Zweikampf theoretisch verwirft oder praktisch ablehnt, ehrengerichtlich belangt und mit schlichtem Abschied entlassen werden. Wenn der Kaiser seine frühere Kabinetts­ordre in diesem oder ähnlichem Sinn ergänzte,würde er den Zweikämpfen mehr als bisher vorbeugen. Durch ein unbe­dingtes Duell verbot aber könnte der Kaiser des Tankes tausender Familien, der Anerkennung der Mitwelt und der Nachwelt gewiß sein. Er würde den Ruhm ernten, ein Wohlthäter der Menschheit zu sein, und die Armee würde darum nicht schlechter werden, weil sie unter allen Umständen das Gesetz achtet, unter dem der Name des obersten Kriegs- herrn steht.

Vorläufig freilich wird man fürchten müfjen, daß auch Kundgebungen wie die Potsdamer, so sehr sie den Kaiser ehren, auf die Dauer den gewünschten Erfolg verfehlen und höchstens eine vorübergehende Wirkung üben. Haben die Leutnants v. Goßler und v- Kessel sich so geäußert, wie ihnen nachgesagt wird, so haben sie gewiß nicht gemeint, einem Befehl des Kaisers zu trotzen, sondern den An­schauungen zu huldigen, die dem Offizier vorgeschrieben sind. Ueber diese Anschauungen herrscht so lange Unklar­heit, wie der Duellgegzier mit schlichtem Abschied entlassen werden kann.

Politische Tagesschau.

Zwei Forderungen des Alldeutschen Verbandes.

Am Sonntag, 8. Dezember, fand in Berlin eine Sitz­ung des Vorstandes des Alldeutschen Verbandes statt. Es wurden insbesondere die Flottenfrage und die Po­lenfrage behandelt; zur Flottenfrage wurde folgende Entschließung gefaßt:

Der Äirftand des Alldeutschen Verbandes fordert die Reichsregierung aus, angesichts der drohenden Arbeits­losigkeit im Deutschen Reichte und mit Hinblick auf die gegenwärtig billigen Materialienpreise baldigst eine Vor­lage einzubringen, die auf Beschleunigung des Baues der deutschen Flotte und sofortige Inangriffnahme des Baues der Auslandflotte gerichtet ist.

Ferner wurde nach einem Referat des Dr. Wendland beschlossen:

Der Vorstand des Alldeutschen Verbandes ersucht den Herrn Reichskanzler: die Agitation der Polen in Ruß­land und Oesterreich, an der sich hochgestellte öster­reichische Beamte und sogar Minister beteiligen, und die die Belohnung begangener, und die Anreizung zu- tünfttger, gegen den preußischen Staat gerichteten Ver­brechen zum offenkundigen Ziele hat, mit einer scharfen Unterdrückung der nationalpolnischen Besttebungen im Deutschen Reiche zu beantworten.

Der Vorstand des Alldeutschen Verbandes erwartet ferner, daß die Reichsregierung künftighin, Angesichts des Verhaltens der österreichischen Regierung gegenüber einer alles Maß übersteigenden Hetze gegen das be­freundete deutsche Reich, die von ihr offenkundig ge­fördert wird, jene übertriebene Rücksichtnahme auf die Gefühle der befreundeten österreichischen Regierung, die sie durch ihre ablehnende Haltung gegenüber Sympathie­kundgebungen für das österreichische Deutschtum und Verhinderung von Vorträgen österreichischer Redner, in der Vergangenheit wiederholt bekundet hat, von nun an ausgiebt.

Der Vorstand des Alldeutschen Verbandes ersucht den Herrn Reichskanzler äls Präsidenten des preußischen Staatsministeriums mit Rücksicht auf die offenkundig gegen den Bestand des preußischen Staates und auf Los- reißung der östlichen Provinzen gerichteten national-pol­nischen Besttebungen, in Befolgung der Einleitung zur Verfassung des Deutschen Reiches, das nach dem Wort­laute derselbenzur Pflege der Wohlfahrt des deutschen Volkes" errichtet worden ist, eine Politik einznschlagen, die mit dem Grundsätze der Parität gegenüber den preu­ßischen Untertanen polnischer Nationalität bricht, ins­besondere in Ausführung einer bereits vom Fürsten Bis­marck in seiner Rede vom 28. Januar 1886 als durchaus berechtigt anerkannten, inzwischen wiederholt vom All­deutschen Verbände geforderten Abwehrmaßregel, die allmähliche Enteignung des in polnischen Händen befind­lichen Grundbesitzes durch die baldige Borlaae von Ge­setzen einzuleiten, durch die 1. der Ansiedelungsfonds um weitere 100 Millionen verstärkt; 2. der Erwerb von Grund und Boden in den östlichen Provinzen durch Polen auf anderem Wege als im Erbgange verboten wird.

Ferner wurde die Neuwahl des Geschäflsführenden Aus­schusses für das Jahr 1902 vorgenommen und außer den bisher dem Ausschüsse angehörenden Mitgliedern mit Aus­nahme derjenigen, die eine Wiederwahl ablehnten, wurden in diese Körperschaft gewählt: Professor Langhans in Gotha, Graf du Monlin-Eckart, Universitätsprofessor in München, Tr. Neumann, Landrichter in Lübeck, Ad. von der Nahmer, Fabrikbesitzer in Remscheid, Dr. L. Viereck, Gymnasialprofessor in Braunschweig und Herr Bley, Ber­lin; ferner wurden dem Gesamtvorstande des Verbandes zugewählt: Redakteur Dr. A Frisch in Zwickau, Vorsitzender des Voigtländischen Gauverbandes, Dr. meb. Hopf in Dres­den, Quaidirektor Winter und Rechtsanwalt Adler.

Vom niederländischen Hofe.

Trotz aller authentischer Widerlegungen die letzten erfolgten gestern durch ein Rostocker Blatt macht sich doch eine gewisse Beunruhigung des niederländischen Volkes geltend. DenHamb- Nachr." wird darüber aus Amsterdam geschrieben: Die Holländer feierten am 6. d- M. das St. Nicvlausfest, das hier dieselbe Stelle einnimmt, wie Weih­nachten in Deutschland. Ein düsterer Schatten lag über dem diesjährigen Feste und ließ die rechte Freude nicht auf­kommen. Was man so lange gemunkelt, hat sich nun doch bewahrheitet: eine am Mittwoch abend in den Blättern veröffentlichte offiziöse Mitteilung brachte die lakonische Meldung, daß die Königin völlig wiederhergestellt sei und daß die Krankheitkeine Erinnerung hinterlassen habe, als die empfundene sehr große Enttäuschung". Mit dieser orakelhaften Aeußerung kann natürlich nur die vor­zeitige Entbindung der Königin gemeint sein, von der die große Presse bisher gar keine Notiz genommen hatte. Wes­halb die Thatsache bis vor wenigen Tagen geheim gehalten, in einigen Blättern sogar abgeleugnet werden mußte, wird wohl unerfindlich bleiben. Die Folgen dieser Geheimnis­thuerei sind nicht ausgeblieben. Das Schweigen in dieser Angelegenheit hat die anderen Gerüchte genährt, deren völlige Haltlosigkeit sich inzwischen erwiesen hat. Trotz ihrer klar ersichtlichen Absurdität und den Beschwichtigungen ein­zelner Blätter, wird jenen Gerüchten im Volke thatsächlich Glauben geschenkt. Die große Masse, nicht die urteilsfähigen Kreise, glaubt in der Thcck den, wie sich herausstellt, einem belgischen Winkelblättchen entstammenden und von der hie­sigen rotenVolks"-Presse mit Wonne breitgettetenen Ge­schichten von den zwei einhalb Millionen betragenden Spiel­schulden des Prinzen Hendrik, von dessen Mißhandlung der Königin, als deren Folge die vorzeitige Entbindung zu betrachten sei u. s- w. es ist unglaublich, aber wahr: das eigentliche Volk nimmt diesen Unsinn für bare Münze an. Bei seiner großen Liebe für die Königin und kaum über­wundenen Abneigung gegen dendeutschen Eindringling", der es wahrlich nicht an Annäherungsversuchen hat fehlen lassen, mußte dasVolk" ein leicht zu bearbeitendes Feld die sozialistischen Hetzereien sein. Man hat es jetzt bereits so weit gebracht, daß Prinz Hendrik, falls er sich in diesen Tagen hier zeigen würde, den gröbsten Insulten ausgesetzt sein würde. Es herrscht in der That unter dem hiesigen Volke eine hochgradige Erregung gegen den Prinzgemahl, und es ist im Interesse einer Beruhigung der Leidenschaften sehr zu hoffen, daß eine thatsächliche Widerlegung der niederträchtigen Ausstreuungen erfolge. Die gegen Mitte dieses Monats anberaumte Rückkehr des Hofes nach dem Haag dürfte den Anlaß dazu bieten. "Wenn es das könig­liche Paar gemeinsam in der Gesellschaft erscheinen sieht, wird dem Volte hoffentlich die perfide Absicht seinerAuf­klärer": die Nation dem Königshause zu entfremden, zum Bwußtsein kommen. Doch wie immer die heutige Ver­stimmung enden möge, etwas bleibt doch immer daran hängen und damit ist ja der edle Zweck erreicht. Anstatt nun offen diesen Gerüchten entgegenzutreten, hüllt sich der größte Teil der Presse noch immer in Schweigen.

Litterarrsche Neuerscheinungen.

(Besprechung vorbehalten.)

Paschwitz, Th. v., Versunken Elend. Webers moderne Biblio­thek Nr. 32. (128 S.) Heilbronn, Otto Weber. 20 Pfg.

Schlott, Toni, Max und Moritz. Eine einsache Liebes­geschichte. W. m. B. Nr. 23. (112 S.) ' Ebda. 20 Psa.

Snbel, Heinr. o., Tie Begründung des deutschen Reiches durch Wilhelm i. Vornehmlich nach den preußischen Staatsakten. Volksausgabe. 7 Bände (ä ca. 300400 S.) München, R. Olden- bourg. Geb. Alt. 24.50.

Rietschel, Prof. Georg, Weihnachten in Kirche, Kunst und Volksleben. (160 S., mit 4 Kunstbeilagen und 152 Abbildungen.) Bielefeld, Velhagen u. Klasing. Mit Goldscbn. fort 4 Mk.

Robert, Otto, Camera o scura. Anleitung zur Herstellung. Für Unterhalmng und als Zeichenapparat geeignet. (26 S. mit 3 Musterbogen.) Ravensburg, Otto Maier. Alk. 1.50.

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